Claudia Klinger am 05. Januar 2001 — Kommentare deaktiviert für Der heilige Gral der Arbeit

Der heilige Gral der Arbeit

Derzeit überkommt mich oft das Verlangen, einfach abzuschalten, den Kopf in irgend einen Sand oder unter die Decke zu stecken. Dabei droht ja nichts, definitiv steht keine erkennbare Gefahr vor mir, jedenfalls nichts, was über das Übliche hinausginge. Was aber ist „das Übliche“?

Es fällt mir schwer, das einzukreisen, weil es eben so normal ist. DA IST EIGENTLICH NICHTS, nur in bestimmten Stimmungen kommt es mir so vor, als gäbe es Grund zum Weglaufen – und dann geht wieder die Sonne auf, die Laune bessert sich, ich fühle mich stark und initiativ und ein Blick auf „die Lage“ ergibt: alles im grünen Bereich! Die Chancen stehen sogar super, ich brauche bloss loszulegen…

Luxusprobleme

Während ich das so hinschreibe, fällt mir eine weitere Spaltung auf, die das sporadische Fluchtverlangen noch verstärkt: Immer, wenn meine Welt mir problematisch erscheint, muss ich mich entscheiden, ob ich etwas an ihr zu verändern suche, oder ob ich mich besser selbst verändere. Ersteres könnte z.B. bedeuten, eine Liste zu machen und anstehende Arbeiten abzuhaken, letzteres kann heissen, in die Sauna gehen, eine Stunde Yoga oder einen Spaziergang machen – oder auch Diary schreiben, um klarer zu werden. Immer wieder erwische ich Momente des Zweifels, ob nun das eine oder das andere angesagt ist – kurzum: ich habe Luxusprobleme!

Bevor ich mich diesen zuwende, nochmal ein Blick auf das, was gelegentlich nervt:

  • Vielfalt,
  • Komplexität,
  • Unsicherheit,
  • schnelle Veränderungen.

Manchmal habe ich Angst, dass mir alles entgleiten könnte, wenn es auf einmal nicht mehr gelingen sollte, auch nur sporadisch den Überblick über alles zu gewinnen, was „im Auge behalten“ werden will oder muß. Dann fürchte ich, einfach zu ertrinken in den unüberschaubar vielen Themen und Ebenen, mit denen ich täglich in Kontakt komme, schlicht zu versacken in der Beschäftigung mit Randproblemen oder unwichtigem, aber Zeit fressenenden technischem Kleckerkram. Und dass mich das alles so frustriert, dass ich völlig die Lust verliere und einfach keine Energie mehr aufbringe, überhaupt noch einen Mausklick zu tun.

Meine vorindustriellen Arbeitsmethoden sind nicht das Problem, aber auch nicht sehr hilfreich, wenn es darum geht, sich mittels formaler Ordnung zu beruhigen: Rational strukturierte und konsequent geführte Notizbücher, Adresskarteien, Terminkalender, Themen-Ordner und dergleichen waren nie mein Ding. Ausschließlich gestützt vom jederzeit befragbaren Internet und den unzähligen Daten in zigtausenden Mails in den Ordnern meines Mailprogramms lebe ich (fast) im papierlosen Büro. Alle Versuche, ein ordentliches papiergestütztes „Selbstmanagement“ einzuführen, liegen lange hinter mir. Ich habe es aufgegeben, anders sein zu wollen als ich nun mal bin: Was ich nicht im Kopf habe, fällt aus meiner Welt heraus. Früher hab‘ ich das allein als Defizit und Unfähigkeit gesehen, doch während eines sehr komplexen Projektleiterjobs, in dem ich ständig Fragen beantworten, Besprechungen abhalten, Konzepte verfassen, Behörden kontaktieren und Leute motivieren mußte, sagte mal eine Kollegin zu mir: „Ich fasse es einfach nicht, wie du das alles schaffst. Auf deinem Schreibtisch herrscht der totale Verhau, aber in deinem Geist ist Klarheit und Ordnung.“

Ich bin ihr heute noch dankbar für diese freundliche Bemerkung, denn für mich war das die Wende: Das Defizit wurde in meiner Selbsteinschätzung zum Plus, zum Pfund, mit dem ich künftig wuchern konnte (frei nach dem Motto: Das Brett vor’m Kopf zur Kasse machen :-).

Allerdings: Seither hat sich die Komplexität der Arbeits- und Aktionsfelder vervielfacht, die Kapazitäten in meinem Hirn und Gemüt aber nicht. Immer wieder besteht die Arbeit darin, Vielfalt zu reduzieren, Nutzloses zu streichen, sogar Nützliches und Vielversprechendes loszulassen, weil es ZU VIEL ist. (Auch dieses Diary ist aus einem „zu viel“ entstanden, nämlich aus zu vielen interessanten Privatmails, deren Ansprüche ich irgendwann nicht mehr erfüllen konnte: Mehr als ein paar wenige intensive Gespräche kann ich nicht führen, ob nun von Angesicht zu Angesicht oder per E-Mail, ist ziemlich egal. Also spreche ich SO mit Euch…)

Selbständiges (und zunehmend auch unselbständiges) Arbeiten bedeutet heute kundiges Jonglieren mit Optionen, ständiges Abgleichen von Möglichkeiten und dauerndes Neu-Profilieren und Umkonfigurieren der „Marke“, zu der man als Dienstleisterin werden muß, um erfolgreich zu sein, bzw. um in der Menge überhaupt wahrgenommen zu werden. Die positive Möglichkeit liegt darin, das ganze als ein Spielfeld zu sehen, auf dem es durch ständigen Wandel und immer neue Versuche, Projekte, Experimente und Herangehensweisen gelingen kann, zu dem zu werden, was man immer schon ist, aber eben nicht „immer schon“ sehen, geschweige denn leben konnte. Der heilige Gral der Arbeit heisst: Für DAS nachgefragt und bezahlt werden, was ich „von selber“ bin, nicht für das, was ich angestrengt vorspiele, weil es nun mal verlangt wird.

Viele Menschen haben gar nicht die Hoffnung, letzteres sei möglich, und konzentrieren sich nur darauf, „irgendwas“ anzubieten, was der Markt verlangt. Es war nicht meine Wahl oder gar Leistung, dass ich nie so werden konnte. Ich MUSSTE in allem, was ich tue, nach dem suchen, was mich innerlich befriedigt und glücklich macht, und weitestgehend alles verweigern, was dem entgegen steht. Mich aufzuteilen zwischen dem Reich der Notwendigkeit und dem Reich der Freiheit ist mir nie gelungen, ja, ich glaube nicht mehr an die Wahrheit dieser Unterteilung. Ohne Druck von außen bricht man nicht auf zu neuen Ufern, unternimmt keine Anstrengungen, das herauszufinden, zu perfektionieren und zu nützlichen Dienstleistungen auszuarbeiten, was einem persönlich liegt und entspricht. Kurz gesagt: Stoffwechsel muß sein.

Mal sehen, wie ich heute die Kurve nehme.

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Claudia Klinger am 02. Januar 2001 — Kommentare deaktiviert für Der digitale Irrtum

Der digitale Irrtum

Wer mal Gitarre oder ein anderes Instrument gelernt hat, weiss, dass es schier endloser Wiederholungen bedarf, bis ein Stück „sitzt“, bis es einfach so flutscht und man während des Spielens nicht mehr daran denken muß, wie die Finger bewegt werden müssen. Auch alle handwerklichen Tätigkeiten brauchen diese Lernzeit: Die ersten Tapetenbahnen werden meistens schief oder fallen gleich wieder von der Wand, die erste eigene Lackierung bekommt Risse, das erste Augen-Make-Up verschmiert gnadenlos, anspruchsvollere Künste benötigen gar Jahre der Übung. Ebenso verhält es sich mit dem Tanzen (jenseits des sogenannten „Freistils“) und den unterschiedlichen psychophysischen Übungssystemen wie z.B. Yoga oder Tai Chi: zu Anfang kommt man sich vor wie ein Sack Holz. Weiter → (Der digitale Irrtum)

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Claudia Klinger am 29. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Keine Visionen, aber gute Laune

Keine Visionen, aber gute Laune

Immer kommt es anders. Ganz darauf gefaßt, in stillen Tagen & Nächten schwer besinnlich zu werden und das Jahr angesichts des Todes zu bilanzieren (Was war? Was bleibt? Was bedeutet das?) stelle ich fest: Die Muse küsst mich nicht. Die Götter lassen mich alleine wursteln, kein Engel streift mich mit den Flügeln, keine bedeutungsschwangeren Träume stören den Schlaf. Große Worte vermögen es derzeit nicht, mein Herz zu ergreifen; eher denke ich daran, nachher den Hühnerstall auszumisten, weil es mittlerweile wieder stinkt. Offensichtlich schiebt die Eksistenz Dienst nach Vorschrift, schickt mir keine Visionen und nicht den allerkleinsten Hinweis, dass da irgendwo MEHR sei, als das, was eben IST.

Und weil das Schreiben eine gewisse Eigendynamik entwickelt, kann ich mich nur mit Mühe zurückhalten, jetzt das Lob dessen, was ist, anzustimmen. Das würde hier nämlich gut passen, es folgt eigentlich immer an dieser Stelle: Man schreibt dann getragene Sätze über DAS WUNDER des ganz banalen und normalen Da- und So-Seins bis man selber dran glaubt, bis Schreiber und Leser ausreichend gerührt und ergriffen sind von der Tatsache des Etwas im Großen Schwarzen Nichts…. ABER wenn dieses Etwas dann in Gestalt der zuständigen Sachbearbeiterin im Finanzamt Schwerin mich am Tag nach Weihnachten morgens um zehn anruft und mit erhobener Stimme fragt, WANN ich denn bittschön die Rechnungen vom 2. und 30. Juni versteuert hätte – tja, dann wird die Liebe zum Wunder des Daseins auf eine harte Probe gestellt!

Ich habe sie versteuert, das konnte ich ihr am folgenden Tag („Ich verlange ja nicht von Ihnen, dass Sie SOFORT Auskunft geben“) Zahl für Zahl vorrechnen, womit die Obrigkeit für dieses Mal zufrieden gestellt ist, dem Himmel sei Dank! Der unverhoffte Amtskontakt erinnert mich aber daran, dass ich mir bald mal wieder Gedanken um meine professionelle Zukunft machen muß: Wohin will ich eigentlich? Besser gefragt: Wohin soll ich streben, angesichts der Tatsache, nichts Bestimmtes zu wollen?

Der Möglichkeiten sind viele, die naheliegendste ist sicher ein Update meiner Webdesigner-Existenz: Endlich eine „richtig kommerzielle“ Angebots- und Selbstdarstellungs-Site mit aktiver Ansprache meiner Wunschzielgruppen. Oder aber ich investiere weit intensiver in die Know-How-Vermittlung und überlege mir dafür praktische und einträgliche Erwerbswege (Bücher + Kurse + Seminare…). Möglich wäre auch die weitgehende Abwendung vom Nützlichen zugunsten des Schönen und/oder Sinnvollen: Schreiben, Kunst, sogar Politik lockt mich gelegentlich. Allerdings würde dann die Finanzierung wieder sehr viel problematischer, doch muß das ja kein Hindernis sein, schließlich war ich die meiste Zeit meines Lebens „arm“. Zu guter letzt, so unter der Überschrift „völlig verrückt“ denk‘ ich manchmal daran, einen E-Shop aufzumachen und Gips-Skulpturen für Haus und Garten zu verkaufen. Ganz besondere Skulpturen, die ich erst selber produzieren lassen müßte, womit diese Idee schon wieder verdammt aufwendig wird!

Wenn ich in solche Überlegungen verfalle, nehme ich mich selber nicht ganz ernst: Bisher hat sich letztlich immer alles „von selber“ ergeben, und das viel besser, als ich es selber hätte planen und machen können. Das heißt aber nicht, dass ich nun dasitzen und Däumchen drehen könnte bis die richtige Eingebung kommt. Es ist wie in den Yoga-Übungen (Asanas): Man muß voll konzentriert und engagiert zwischen Anspannung und Entspannung wechseln, um letztlich in der „rechten Spannung“ mit dem Leben mitschwingen zu können. Reines Abhängen macht schwach, dauernde Anstrengung verkrampft, weder das eine noch das andere ist Ziel oder Sinn, sondern das Geschehen selber, bewußt erlebt. („Form ist Leere, Leere ist Form“).

Ein Wunder eigentlich, diese gute Laune. Viel öfter ist mir in letzter Zeit nach Verschwinden zumute, nach dem endgültigen Abwenden von Mensch und Gesellschaft. (Warum? Nur das Übliche: immer mehr Kommerz & Konsum, Gier, Hass und Verblödung, Mord & Totschlag, Krieg & Umweltzerstörung, schlußendlich Medien, die all das verstärken, so gut sie können – kotz!). Wohin aber sollte ich schon abhauen? Robinsonaden liegen mir genauso wenig wie Sekten oder Landkommunen. Mein Temperament neigt nicht die Bohne zum Selbstmord und – sofern ich gesund und nüchtern bleibe – krieg ich nicht mal tageweise eine Depression hin. Wenn ich dann noch den Morgen mit Yoga beginne und mittags mal ’ne Runde ums Dorf gehe, fühle ich mich körperlich so wunderbar wohl, dass es aufs Denken und Fühlen übergreift und auf einmal ist es ganz unmöglich, alles schlecht zu finden: weder mich, noch die anderen, noch die ganze Welt!

Wow, die Sonne scheint, ich muß mal raus.

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Claudia Klinger am 25. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Sich verändern?

Sich verändern?

Nicht weit von Gottesgabe liegt am Rande von Schwerin das Sieben-Seen-Center: Eine Shopping-Mall, ein Baumarkt und Mecklenburg-Vorpommerns größter Sportpark. Dazu gehört die wunderbare Saunalandschaft, die ich des öfteren besuche, ein Fitness-Bereich mit den bekannten Kraftmaschinen, auch Tennis, Squash und jede Menge Kurse für Leute, die lieber im Kollektiv zu fetziger Musik schwitzen als alleine mit einem Gerät.

An diesen Geräten hab‘ ich mich schon vor zehn Jahren in Berlin versucht. Eine Probestunde mit Trainer erlebt, Mitglied geworden, noch ca. dreimal hingegangen, Ende. An den Apparaten bin ich vor Langeweile fast gestorben, es war einfach kein Anreiz da, mich anzustrengen, mich irgendwie zu malträtieren und die Trägheit zu überwinden. Natürlich wäre ich gern schlank und fit gewesen, doch diese Wunschbilder in meinem Kopf waren kraftlose Vorstellungen, so wie man manchmal an den Strand denkt und doch in der Stadt wohnen bleibt, Träume ohne Bezug zur wirklichen Welt.

Sind Änderungen machbar?

Immerhin hab‘ ich mittlerweile die Stadt verlassen. Nicht in einem Hau-Ruck-Entschluß, sondern indem ich über mehrere Jahre immer deutlicher bemerkte, was mir die Metropole gegeben und genommen hat. Das immense Kulturangebot, die unendlichen Möglichkeiten, die unzähligen Veranstaltungen gingen zunehmend an mir vorbei, wie viele Berliner lebte ich „im Kiez“, das ich nur ungern und selten verließ. Als auch meine Arbeit nicht mehr an den Ort gebunden war, fragte ich mich immer öfter: Warum bleibe ich hier? Warum tue ich es mir an, täglich von morgens bis nachts diesen Lärm, dieses ständige Hintergrundgetöse zu ertragen? An die dreckige Luft ist man als Städter ja eigentlich gewöhnt, doch jahrelange Yoga-Übungen machen jede Nase empfindlicher, ich konnte nicht mehr so leicht ignorieren, was ich da von früh bis spät einatmete. Am meisten nervten mich gegen Ende die vielen Eindrücke, die strömenden Menschenmengen, die Läden, Lichter und Schlagzeilen, der ganze Glitter und das ganze Elend: Die aufgemotzen reichen Selbstdarsteller genauso wie die „Haste mal ne Mark“-Jugendlichen, die vielen Hunde und die viele Hundescheiße… ich verweigerte einfach die Wahrnehmung und lief völlig „dicht“ durch die Straßen, Bekannte mußten schon laut rufen, damit ich sie überhaupt bemerkte.

Schließlich hatte ich genug und beschloß, Berlin zu verlassen und mir im Speckgürtel etwas zu suchen. Es fand sich auch „wie von selbst“ eine Möglichkeit, in ein altes Bauernhaus in der Nähe von Potsdam zu ziehen. Eine Berlinerin hatte es gekauft und suchte händeringend nach Mietern. Zuerst gefiel es mir recht gut und ich unterzeichnete schon bald den Mietvertrag, doch irgendwie erschien mir das ganze NICHT REAL. Monate gingen ins Land und die versprochenen Modernisierungen kamen nicht zustande, ich glaubte immer weniger daran, dass ich Berlin jemals verlassen würde. Letztlich war es mir auch nicht recht vorstellbar, ohne meinen langjährigen Lebensgefährten wegzuziehen. Der aber wollte erstmal in der alten Wohnung bleiben.

Zieh doch mit uns weg!

Dann, gerade als ich den „Traum vom Land“ praktisch schon aufgegeben hatte, kam auf einmal das Angebot von Freunden: Zieht doch mit uns nach Gottesgabe, wir haben da ein frisch renoviertes Schloß! Plötzlich waren wir in der Lage, sehr schnell ja zu sagen. Nicht allein, sondern zusammen, nicht zum Speckgürtel von Berlin, sondern zum dünn besiedelten Mecklenburg! Selber wäre ich da nie drauf gekommen….

War dieses „aufs Land ziehen“ ein aktives Tun? Ich fühlte mich die meiste Zeit eher passiv, mit Ausnahme der Phase mit dem Potsdam-Plan, der auch prompt nicht funktionierte. Tatsache war die wachsende Sensibilität, die vom Körper ausging und mich immer mehr an der Stadt leiden ließ – man kann es auch Weichheit und Schwäche nennen. Tatsache war das Internet, das mich vom Raum unabhängig machte. So viele Dinge spielten bei dieser großen Lebensveränderung eine Rolle – mein Anteil daran ist eher gering.

Ich führe mir all das vor Augen, weil ich darüber nachdenke, wie man sich verändert, in der Wirklichkeit, nicht in der Vorstellung. Es scheint, dass es dieses Jahr auch gelungen ist, vom Rauchen so weit wegzukommen, wie noch niemals zuvor (100%ig ist es noch immer nicht, ich rauche gelegentlich eine mit, fühle keine Sucht, sondern ein „nicht GANZ loslassen wollen“). Auch das ist nach dreissig Jahren mit 20 bis über 40 Zigaretten am Tag eine spektakuläre Veränderung. Eine, die ebenfalls nicht per Einsicht, Entschluß und Willenskraft zustande kommt, sondern durch längeres Leiden und wiederholtes Wahrnehmen psychisch günstiger Gelegenheiten, durch beiläufige Experimente mit Körper und Geist – bloss nicht so hoch hängen wie 1998, als ich anläßlich eines Aufhörversuchs gleich ein ganzes Nichtrauchertagebuch schrieb und in den Texten geklungen habe, als wolle ich eine Sekte aufmachen!

Wirkliche Veränderungen scheinen leise zu geschehen. Man ist nicht unbeteiligt, kann sie aber auch nicht „machen“. Die Gelegenheit im Sportpark werd‘ ich mal versuchsweise ergreifen – nicht die Geräte, sondern die Fitness-Kurse. Vielleicht ist mein Horror vor körperlichen Anstrengungen ja nur noch eine alte Vorstellung….

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Claudia Klinger am 23. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für In der Lücke

In der Lücke

Jetzt ist es also soweit: Die Wintersonnwende ist vorüber, morgen brechen die „12 heiligen Nächte“ an. Der Konsumrausch feiert sein Finale, dann gehen alle nachhause, um die letzten Vorbereitungen zu treffen, das Erstandene zu verpacken, vorzukochen – fast komisch, so ein kollektives Agieren in einer das Individuelle so hoch schätzenden Gesellschaft.

Bei uns hier nichts von alledem. Am zweiten Weihnachtsfeiertag sind wir bei Freunden im Haus eingeladen, ansonsten Stille. Die Wiese, die Büsche und Bäume draußen sind jetzt voller Reif, zweimal am Tag bekommen die Hühner warmes Wasser, weil es so schnell einfriert – ich möchte jetzt nicht Huhn sein! Und doch legen sie immer weiter Eier… Ein Vogelhaus haben wir heute aufgestellt, aber noch halten sich die Vögel zurück.

Wenn ich meinen Eintrag vom 23.12. letzten Jahres lese, merke ich, dass ich heute deutlich weniger besinnlich drauf bin. Lustigerweise war damals ebenfalls Reif, und zwar der einzige im ganzen Jahr! Ist schon komisch, so ein Diary, ich schaue selten alte Einträge an, vielleicht wär‘ das ein Einstig ins jahresendzeitliche Bilanz ziehen.

Was tun in diesen letzten Tagen, ohne ins allgemeine Festgeschehen involviert zu sein? Zu meiner Family nach Wiesbaden fahre ich nicht, denn da tobt Weihnachten echt die Lucy. Und so ist es fast ein wenig abenteuerlich, hier in der Pampa im Nichts zu sitzen, frei geschaufelt von den Pflichten, noch ganz ohne Vorstellung, wie das selbst gewollte Vakuum zu füllen wäre. Ich liebe Lücken im normalen Geschehen, in denen man spürt, dass das Leben nichts Selbstverständliches ist, sondern sehr sehr seltsam.

Jedenfalls hab‘ ich vor, bis Anfang Januar recht viel Diary zu schreiben – in Berlin konnte man nachts in die Kneipe gehen und andere versprengte Weihnachtsflüchter treffen, hier muß ich eben virtuell „nach draußen“ gehen. Webdiarys sind ja dieses Jahr in Mode gekommen, viele schreiben jetzt ein „Weblog“. Ich bin mal gespannt, was davon übrig bleiben wird. Die, in die ich bisher eher zufällig ‚reingelesen habe, wirken auf mich meist irgendwie „äußerlich“, jemand schreibt, was er oder sie so denkt, aber ohne daß man einen wirklichen Eindruck von der Person gewinnen könnte, die da schreibt! Und DAS ist für mich doch der eigentliche Grund, Tagebücher zu lesen, Leute „aus der Entfernung“ kennen zu lernen. Erst wenn ich sie „kenne“, sagt es mir was, wenn sie dieses oder jenes empfehlen oder kritisieren.

Viele, die nonkommerziell im Web publizieren, scheinen ein bißchen gespalten in der eigenen Intention: sich ausdrücken wollen, aber möglichst ohne sich zu zeigen. Dabei halte ich es für immer wichtiger, dass Menschen sich im Netz darstellen. Nicht „zur eitlen Selbstdarstellung“, wie es Carola Heine mutig auf ihre Seiten schrieb, sondern damit wir uns überhaupt noch verstehen können in diesen Zeiten, in denen die Begriffe selber immer bedeutungsloser werden. Ich merke, dass abstraktes Argumentieren auch bezüglich allerwichtigster Themen bei mir nicht mehr ankommt: ich will denjenigen sehen, der die Behauptungen aufstellt und die Argumente bringt. Erst wenn ich insgesamt einen Eindruck habe, ob ich von dieser Person einen Gebrauchtwagen kaufen würde, erst dann lasse ich mich auf Argumente ein.

Durchaus bedenklich, ich weiß. Aber ich MACHE mich nicht, sondern ich werde. Allenfalls kann ich zuschauen und beschreiben, was läuft.

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Claudia Klinger am 18. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Kurz vor Jahreswechsel

Kurz vor Jahreswechsel

Immer länger ist es dunkel, wenn das so weiter geht, könnte ich glatt mal einen Tag verpassen! Die Außenwelt kann ich derzeit fast ganz abschreiben: grauer verhangener Himmel, Matsch, gelegentlich Nieselregen – sogar ein Besuch bei den Hühnern wirkt wie eine große Unternehmung. Das Leben auf dem Land in einem kleinen Dorf ist mitten im Winter, der nicht mal ein richtiger Winter ist, ganz besonders öd, besser gesagt, ein „Leben“ existiert praktisch nicht.

Was bleibt? Natürlich sitze ich nicht still herum und besinne mich auf die Vergänglichkeit aller Dinge, wie es vielleicht angesagt wäre. Das hat noch gut Zeit, die „12 heiligen Nächte“ dauern vom 24.Dezember bis zum 6.Januar, also noch sechs ’normale‘ Tage bis dahin. Im Fernsehen beginnt aber schon das allgemeine Themenwiderkäuen zur Jahreswende, das heißt, auch die schwarze Glotze ist kein Mittel der Wahl, um dem Nichts zu entkommen. Ich kann gut verstehen, dass man sich früher beim Bauern versammelt und die dunklen Wochen mit viel essen und noch mehr trinken hinter sich gebracht hat. Was auch sonst?

In den letzten Tagen bin ich „fremd gegangen“ und hab mal ein bißchen in der SELFHTML-Lounge mitgeschrieben – ich hab‘ ja erwähnt, dass Hypertext für mich einen utopischen Charakter hat, den ich gern mal ein bißchen herausarbeiten würde. Allein schon die Tatsache, dass man sich „am Rande des berühmtesten Hypertextes“ in einer „Lounge“ trifft… wunderbar! Und die Gespräche dort sind mehrere Grad engagierter als das übliche zweizeilige Blafasel, das auf vielen Bords und auch in Mailinglisten die Lust nimmt, sich zu beteiligen. (Hoffentlich ändert der Link hier nichts daran!).

Heute fällt mir nicht viel ein, sorry. Wollte trotzdem ein paar Zeilen in die Welt schreiben, einfach nur mal kurz „da sein“ – warum denn auch immer ‚was leisten? Schließlich sind die Leistungen von Millionen immer nur einen Mausklick entfernt … (falls jemand einen Surftipp zu einer ungewöhnlichen Site hat, bitte im Forum lassen!).

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