Claudia am 31. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Kapitulation

Kapitulation

Wenn ich in die Suchmaschine google.com meinen Namen eingebe, findet sie 1000 bis 1500 Fundsachen, alle Aktivitäten seit 1996, Artikel, Interviews, Ausschnitte aus Webseiten – zum Gruseln oder zur eitlen „Werkschau“ gleichermaßen geeignet, ein Netzleben eben, in ganzer Breite, Horror-Picture-Show des Digitals, das nichts vergisst.

Gerade höre ich die Uralt-CD „Hair“ – und bin ein bisschen betrunken, was mich zum Rundblick der dritten Art verführt, was soll’s! Die ganzen Fundsachen in google.com zeigen mich in verhaltener Art, eine Form von Claudia, die über den Dingen zu stehen scheint, immer arbeitsfähig und mittelprächtig klar – ach, das ist auch nur ein Teil und der Rest ist gewöhnliches Chaos.

My dear, diese ungeheure Power und Freude, die von diesen Uralt-Songs ausgeht! Es zu hören und gleichzeitig zu wissen, dass dieses Gefühl dieser Gesellschaft so ferne ist wie das Grab des Tut Ench Amun! Und doch bin ich drin, bin da….

…….. Ich höre Nina gerne zu, wenn sie so ungewohnt ernste Worte singt wie:

Harmonie und Recht und Klarheit,
Symphathie und Recht und Wahrheit.
Niemand wird die Freiheit knebeln,
niemand mehr den Geist umnebeln,
Mystik wird uns Einsicht schenken,
und der Mensch lernt dabei denken…

Es ist November und mensch fühlt sich nach Winterschlaf. Nach Wegträumen, nach Abdriften ins Innere, was immer das sein mag, Neid an die Bären! Habt Ihr nicht auch das Gefühl, dass dieser ganze Umtrieb, dieses ganze auf-der-Matte-stehen-für-Erfolg einen Dreck wert ist? Ganz besonders im November?

„Wir sehen einander hungring in die Augen,
in Wintermäntermäntel eingehüllt,
in Düfte aus Retorten redend von einer Feriheit,
die nur auf dem Papier besteht,
während mit Musik das Boot,
in dem alle sitzen schon untergeht.

(Das war vor 30 Jahren!) Noch ist genug auf meinem Konto, um ein paar Monate ‚ohne Sinn‘ zu überstehen. Doch möchte ich gern weiter gehen – ja wohin denn nur?

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Claudia am 30. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Eure Seiten – aus dem Forum gepickt…

Eure Seiten – aus dem Forum gepickt…

[29.9.2023 Hinweis:  Da viele dieser uralten Webseiten heute nicht mehr existieren, habe ich statt einer Verlinkung die URL abgebildet. So kann bei Bedarf in der Wayback-Machine des Internetarchivs nach gespeicherten Versionen gesucht werden]

Jetzt hab‘ ich endlich angefangen, aus allen Forum-Links eine Liste zu machen. Ich staune, was (und wer!) da so alles zusammenkommt. Natürlich ist nicht jeder Link drin, den irgendjemand nur mal eben ‚reingesetzt hat, um sein/ihr Kommerz-Angebot bekannt zu machen. Nur echte Leser-Links und ernst gemeinte Empfehlungen! Für den Moment stell ich die Liste hier mal zur Ansicht – morgen werd‘ ich sie sauber verlinken, vermutlich im Forum. Viel Spaß beim Stöbern!

http://www.wodile.de – wodiles weekly – wöchentlicher Fortsetzungsroman, gute Story, tolle Illustrationen. Wodile war mal Wolff-Dietrich Lehmann, er schreibt, zeichnet, steht auf Net.Art, House und Techno, und besucht gelegentlich das Digital Diary. Schön!

http://www.kolumne.ixy.de/ – Kneibs Notizen – Am Rande der Literatur, wo Sponsoren noch Heilige sind, da wohnen sonderbare Leute, die Bekannten der Unbekannten, und ihr Hinterhof ist die Übertragungsrate eines durchschnittlichen Modems“. Zu denen gehört auch Andreas. Hier steht sein knappes „Diary“ und seine „zweifelhafte Kolumne“ (wöchentlich neu!).

http://www.einblick-ausblick.de – Einblick – Ausblick. Ein Online-Tagebuch – und zwar von Calypso. Leider derzeit AUF EIS GELEGT. Ob sie die Lust verloren hat?

https://sieb10.stangl-taller.at/ – SIEB.10 – e-zine für literatur – echt relevant, umfangreich, spannend, Urgestein und doch immer wieder aktuell, manchmal verstörend. Der Netzgemeinde zugemutet von Werner Stangl, der noch mehr Seiten, nämlich viele viele 1000e, im Web stehen hat. Einen Gruß nach Linz!

http://www.netzwanderer.de/ – Der Netzwanderer treibt sein Unwesen als „Mako“ auf diesen wilden Literaturseiten, die von außerirdischen Mächten infiziert und von einem blöden Werbefenster verunziert sind. (Ach, warum wollen nur immer alle sparen?) Schnell weiter zum http://members.aol.com/mako64161/ – tintenklecks, einer netten, bunten und informativen Kindersite!

http://www.the-arrow-fly.de/index.html – Behind the closed doors – da verbergen sich „Poems by Micha D’Alessandro“, ein Forum-Gast der ersten Tage. Sie verbergen sich wirklich gut, ich FINDE sie nämlich nicht. Auch nicht, nachdem ich endlich begriffen habe, dass ich „nextpage“ klicken muss, kommt da nur ’ne alte Kutte – und nicht ein Fitzelchen Text!?

http://www.literatur-fast-pur.de/diary1.html – Tage wie diese – Ulrike Linnenbrinks Tagebuch, nicht nur Worte, oft mit Fotos: Ach, was für eine wunderhübsche Idylle ist das doch, wo Ulrike lebt und schreibt. Man kann ihre Geschichten „Vom Leben und Sterben lassen“ bestellen, die „Spinne am Morgen“ gibt’s umsonst.

http://www.fh-lippe.de/~bmeyer/tabu/ – T@bu – das Tagebuch – Von Ingo Mack empfohlen, der das Web leider nicht mehr mit eigenen Seiten beglückt, dafür umso häufiger in diesem Salon gern gesehener Gast ist. Tja, „techniker tagebuch, ultraunausgewogen, herzhaft,“ sagt Ingo und hat recht.

http://www.moving-target.de – Moving Target – Diary der Altmeisterin Melody. Wie sie es doch immer wieder schafft, „ganz normalen Alltag“ so spritzig zu schildern, dass man sich köstlich amüsiert!

http://www.hal-screen.de/ – Hal Screen – Christiane Schenke präsentiert sich als Web- und Screendesignerin, in ihrer „Ideenküche“ finden sich engagierte Projekte und so manches fürs Auge!

http://www.mephistopheles.de/home/library/lyrik/inhalt.htm – Hauptsache, lebendig – Skywalker’s Gedichte – und Gedichte muß man selber lesen. Danke, Olivia!

http://www.avantart.de/ – Avantart  bietet viel über Rußland, und das schon seit 1996. Datschen-Memory, tuvinischer Schamanismus, das Nabokov-Museum in Roshdestweno, und ganz weit unten auch ‚was über die Autorin dieser umfangreichen One-Woman-Show http://www.mueller-goedecke.de/ Cornelie Müller-Gödecke.

http://www.digitab.de/horn/index.htm Horny Bitches – Gagarin2 (Net.Art)

http://www.digitab.de/ –  Digitab – Tableau für Gegenwart.

http://www.netgeschichten.de – Net-Geschichten schreibt Michael Charlier seit 1995 für die Frankfurter Rundschau. Jetzt stehen sie endlich alle im Web! Und werden immer mehr…

http://www.cafe-nirvana.com/ Café Nirvana – Olivia Adlers berühmter Web-Treff mit begehbarem Roman und Real Time 3D Chat.

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Claudia am 29. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für 10.Tag „ohne“

10.Tag „ohne“

Gestern bin ich zwar auf die Idee gekommen, ins Netz bzw. in die Mail zu schauen, hab‘ sie dann aber doch nicht verwirklicht, sondern den Tag offline verbracht: lesend, kochend, einkaufend, plaudernd. Abends wollte ich den Chianti zur Pizza mittrinken, das schmeckte jedoch wie fauliger Traubensaft, so dass ich es nicht über mich brachte, eine wirkungsvolle Menge davon einzunehmen. Weiter → (10.Tag „ohne“)

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Claudia am 27. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Kampf, Gewalt, Moral

Kampf, Gewalt, Moral

Ein eloquenter Gast im Forum, der es vorzieht, ein anonymes Schatten-Dasein zu führen (shadow_being), sagt von sich:

Ich bin einer derjenigen, die Spaß am Kampf haben. Zwar nur auf verbaler oder intellektueller Ebene (zugegeben ein schrecklicher Ausdruck) aber dort doch mit großer Ausdauer und Kompromißlosigkeit. Doch selbst auf dieser nicht-physischen Ebene begegne ich ständig den moralischen Instanzen, die für jede Form des Kampfes in dieser Gesellschaft gilt: Widerstände wie Erziehung, Anstand, gutes Benehmen und dergleichen untersagen in vielen Umständen eine Diskussion oder ein Streitgespräch, sprich den Kampf. Man verzichtet darauf, wider besseren Wissens oder wider eigener Neigung. Eigentlich schade, denn wenn hat man schon die Möglichkeit, seine verbalen und geistigen „Marktwert“ zu testen, wenn nicht in einer Auseinandersetzung? Ich mag es, mich in Diskussionen über diese Widerstänmde hinwegzusetzen, zu Mitteln zu greifen, die zwar verpönt aber probate Mittel des Kampfes sind. Ich denke nicht, daß dieses Verhalten einfach in die „Platzhirsch-oder Ego-Schublade“ eingeordnet werden sollte, auch wenn zweifellos ein Machtanspruch und die Pflege des Selbstbewußtseins mitentscheidend für solche Auseinandersetzungen sind. Tatsächlich fühle ich in diesen Situationen auch den Jagdinstinkt, man schätzt den Gegner ab, sieht seine Schwächen, sieht ihn unterlegen und schlägt zu. Ich halte mich für ein gut domestiziertes Raubtier aber das hindert mich nicht unbedingt daran, meine Restinstinkte dann und wann auszuleben und ein Opfer zu „schlagen“ – vor allem, wenn dies völlig unblutig und ohne physische Gewalt von statten geht.

Warum sollte es moralisch einen Unterschied machen, ob da nun physische Gewalt im Spiel ist oder nicht? Körperliche Gewalt ist oft ein Ausdruck mangelnder Verbalisierungsfähigkeit, in sozial schwachen Milieus also häufiger anzutreffen als in besser verdienenden/gebildeteren Kreisen. Sich MORALISCH KORREKTER zu fühlen, bloss weil man in der Lage ist, den anderen mit Worten statt mit Fäusten zu zerlegen, halte ich nicht für legitim.

Ich kenne den Spaß am Kampf gut und hab‘ ihn in Zusammenhängen erlernt und genossen, die erstmal keine großen Moralfragen aufwarfen. Die Hausbesetzungsbewegung Anfang der 80er in Berlin bot ein wunderbares Spielfeld, um sich auszuprobieren. Es ging um „die gute Sache“, die auch vielen nicht-aktiven Berlinern wichtig war, es gab immer ein WIR, auf das ich mich bezog, das mich stützte und vor der Erkenntnis schützte, dass es mir sehr wohl auch um mich, meinen „Marktwert“ und dergleichen sachfremde Benefits ging.

Wie auch immer: Von keinem Zweifel angekränkelt kämpften „wir“ mit fantasievollen Mitteln, die beim Publikum oft aufgrund ihrer Humorigkeit gut ankamen. Doch konnte ich nicht lange darüber hinwegehen, dass der große Erfolg der „Bewegung“ (!) nicht zustande gekommen wäre, wenn da nicht eine Anzahl Leute ordentlich „Randale“ gemacht hätten, Leute, die die gute Gelegenheit nutzten, auf den Putz zu hauen, weil ihnen das Spass machte und ein intensives Kampfgefühl vermittelte. Die „Kunst“ bestand schon bald darin, sich von dieser gewaltbereiten Sub-Szene soweit zu distanzieren, dass man für die Gegenseite Verhandlungspartner sein konnte, sie andrerseits aber subtil zu beeinflussen, so dass sie an den richtigen Stellen, zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Maß zuschlug (weil man ja sonst als Verhandler allen Drohpotentials verlustig ging). Leider gelang das nicht immer so punktgenau, schließlich gab es keine etablierten Machtpositionen, alles wurde in Versammlungen offen ausgetragen.

Das INTENSIVE KAMPFGEFÜHL, das die einen beim Aufheben des Pflastersteins, die anderen beim Einnehmen der Stühle und ins Auge fassen des Gegners erleben, ist offensichtlich ein Wert, auf den mensch nicht so leicht verzichten mag. So schreibt shadow_being auch weiter:

Zu einem gewissen Grad bewundere ich die Leute, die sich über alle Normen hinwegsetzen und ihre Emotionen hemmungslos ausleben. Denn wenn ich mich umsehe, dann sehe ich lauter sedierte Emotionen: verhaltene Freude, gebändigte Wut, gezügelte Lust. Dabei sind es meiner Meinung nach gerade die Emotionen, die unser Dasein als „Krone der Schöpfung“ wirklich intensiv machen können.

Ein uraltes und hochaktuelles Thema, sicher ein Grund, warum Nietzsche derzeit so „in“ ist. Mit 15 las ich Freuds „Unbehagen in der Kultur“ und hatte schon gleich keine Lust mehr, erwachsen zu werden. Wofür, wenn es doch nur bedeutete, alles Intensive zugunsten des Gemäßigten aufzugeben, die „wahren“ Emotionen unter lauter Höflichkeiten zu verbergen?

Mal beiseite gelassen, dass ich mir keine Welt wünsche, in der jeder seinen aktuellen Emotionen nachgeht, ist mir deren „Wahrheit“ doch recht zweifelhaft geworden. Sicher, sie sind da, sie sind das Tierhafte, das Automatenhafte am Menschen. Ihre Zwangsläufigkeit und Bedingtheit mit kühlem Mind zu erkennen und sich nicht von ihnen „übermannen“ zu lassen, scheint mir typisch menschlich. Doch eben nur typisch menschlich im Sinne einer mentalen Einseitigkeit: gerade mal die Großhirnrinde entwickelt und schon wird alles nur noch vom Denken aus beurteilt, der Rest ist Archaik.

Bevor mensch sich „Krone der Schöpfung“ nennen darf, sollte das Problem eine andere, eine bessere, eine innovativere Lösung gefunden haben: Weder neurotisch vermodern in Zahlen & Zeichen, aber auch nicht so tun, als könnten wir ungebrochen fröhliches Raubtier sein. (Wenn ich ‚was finde, werde ich es zweifellos hier aufschreiben… :-)

Siehe dazu auch:
<a href=“https://www.claudia-klinger.de/digidiary/diary00_05_08.htm“>05.08.2000 Vom Kämpfen</a>
<a href=“https://www.claudia-klinger.de/digidiary/diary00_28_06.htm“>28:06:00 Mensch: ein Raubtier?</a>

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Claudia am 25. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Herbstwüste

Herbstwüste

Heute ist es draussen wüst und leer, ein Sturm rasiert die letzten Blätter von den Bäumen herunter, nicht mal die Hühner haben so richtig Lust, von ihren Stangen abzusteigen und den Stall zu verlassen. Kann ich gut verstehen, mir geht es nicht viel besser: Nach wie vor hält die Arbeitsunlust an, um zehn muss ich zum Zahnarzt, Steuer ’99 ist noch immer nicht fertig, und die Gedanken, die mir durch den Kopf ziehen, sind allesamt unendlich langweilig und schon ‚zigmal da gewesen.

Wie ich am 16. Oktober in einem autobiografischen Schreibanfall berichtete, beschäftige ich mich ja bevorzugt damit, mich von etwas „zu befreien“ – wie auch jetzt wieder vom Rauchen. Doch lange schon ist mir klar: Nach der Befreiung kommt nichts. Es folgt die nächste Aufgabe, der nächste Zwang, von dem ich mich wieder frei machen will – wofür eigentlich?

Meine Schwester hat drei Kinder und ist völlig in den Alltagsstress eingesponnen. Niemals stellt sie irgendwelche darüber hinausweisenden Fragen, warum auch? Manchmal bewundere ich sie, beneide sie um die Fraglosigkeit, das schlichte Da-Sein und So-Sein. Und doch würde ich nicht mit ihr tauschen, für keinen Preis der Welt.

Lieber stehe ich in der Wüste, die sich nach soviel Befreiungen auftut, schaue um mich her in unendliche Weiten, kein Blinzeln. Horizonte versprechen nichts mehr, sind nur einfach da, nicht mal eine Fata Morgana vergaukelt mir den Vormittag. Wenn ich lange genug bleibe, nicht aus Langeweile in irgend einen Zug steige, werde ich endlich sehen, was ist.

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Schloss Gottesgabe - hier wohnen wir in einer Mietwohnung
 

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Claudia am 23. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Tag 4 ohne Zigaretten fängt gut an, ich fühle mich fit, arbeitswillig und fähig, kein Schmachten nach der Kippe mehr. Es wird wiederkommen, da bin ich mir sicher, doch nicht mehr so lange bleiben.

Wer bin ich? Offensichtlich ein Konglomerat aus chemischen Prozessen, dem es an Dopamin mangelt, der Stoff, aus dem das Glücksgefühl gemacht ist. Wenn ich so lese, wie Sucht funktioniert, kann ich mich nur wundern, dass überhaupt Leute davon wegkommen. Andrerseits wundere ich mich auch wieder, dass so wenige es schaffen, denn immerhin machen Raucher viele Entwöhnungsversuche, wollen also wirklich – oder doch nicht?

Wenn ich die Geschichte meiner Nicht-mehr-rauch-Versuche bedenke, ist der Wunsch, davon loszukommen, im Lauf der Zeit gewachsen. Anfänglich war das Aufhörenwollen eine reine Vernunftangelegenheit: Kein vernünftiger erwachsener Mensch kann ja das Rauchen ernsthaft verteidigen, also fühlte ich mich immer schon gefordert, aus guten Gründen aufzuhören. Wenn dann noch jemand versucht, mich zu beeinflussen oder ich freiwillig motivierenden Lesestoff aufnehme, dann kommt es zu einem Entwöhnungsversuch, der allerdings bald wieder scheitert.

Das Suchtgedächtnis ist nach dreissig Jahren Rauchen WEIT STÄRKER als alle Argumente und oberflächlichen Motivationen, die z.B. sozial bedingt zustande kommen. Verläßlich wiederholbare Glückszustände – das ist die Domäne der Chemie, menschliches Miteinander kann da nicht mithalten, Argumente sowieso nicht. (Wer würde denn mit Gespenstern gegen Panzer angehen?).

Die einzige Chance gegen die Sucht liegt auf derselben Ebene des Gewahrseins wie diese selbst: Gefühle, Emotionen und sinnliche Befindlichkeiten müssen sich DAGEGEN aussprechen, den Stoff, aus dem die Träume sind, weiter aufnehmen zu wollen. Das Leiden am Rauchen – vom Husten über die verschleimten Bronchien bis hin zum benebelten Kopf und schauderhaft stinkigen Zimmer – muß größer werden als die „Kaskade der Glücksgefühle“, dann ist Aufhören möglich. So hoffe ich wenigstens.

Ich danke es meinem Yogalehrer und dem zunehmenden Alter, dass die Sensibilität auf der physischen Ebene gewachsen, also trotz rauchen nicht geschrumpft ist. Ich konnte es zum Herbst hin kaum mehr ertragen, dieses Zimmer hier voll zu qualmen, saß selbst an kühlen Tagen bei offenem Fenster vor dem Monitor, die wohlig-gemütliche Arbeitssituation war das lange nicht mehr. Und ich spürte die Gifte in den Adern, litt an einschlafenden Händen, kalten Füßen und vielem mehr. Irgendwie hatte ich in den letzten Wochen auch keine Lust mehr, mein Zimmer aufzuräumen – wozu, wenn man sich selber täglich mit solchem Dreck abfüllt?

All diese Gefühle sind schon länger da und trotzdem konnte ich nicht aufhören, bzw. erlitt wieder Rückfälle. Nun hab‘ ich neulich ganz außerhalb aller Gedanken ans Rauchen ein Gefühl aus früher Kindheit wieder entdeckt: Den Ekel vor der eigenen Unfreiheit (siehe 16.10.00). Dieses Gefühl verbinde ich jetzt mit der Zigarette, erinnere mich daran, wenn das Verlangen kommt. Es passt wirklich gut dahin, wo der Gedanke alleine vielleicht auf verlorenem Posten stünde: Der Gedanke, dass die Zigarette NICHT die Freiheit, das Glück und das Wohl-Sein bringt, sondern mich immer neu an die Unfreiheit, das Übel, die Krankheit fesselt.

Wer jammert oder trauert, hat schon verloren. Mein letzter Rückfall war praktisch schon vollzogen, als ich es gedanklich zuließ, von den „Schönheiten“ einer Zigarette zu träumen, anstatt diesen Gedanken schon im Ansatz als suchtbedingte Lüge zu erkennen und nicht eine Sekunde darin zu schwelgen. Ich hoffe, dass es diesmal besser läuft, alle Zeichen stehen gut. Wenn aber Gefühl & Gedanke noch immer nicht genug ausrichten, dann werde ich trotzdem nicht aufgeben. Sondern andere einladen, eine Gruppe zu bilden, um unsere Macht zu potenzieren. Das ist das letzte Mittel und ich weiß, es hilft.

***

Wie Sucht funktioniert

Alle Phasen der Sucht – von Rausch bis Rückfall, von Kick bis „Craving“ – spielen sich primär im gleichen kleinen Hirnareal ab: im so genannten Nucleus Accumbens, dem Belohnungssystem. Die Evolution hat diesem Nervenknoten eine entscheidende Rolle zugeteilt. Er verbindet lebenswichtige Vorgänge wie Essen, Trinken und Sex mit einem Lustgefühl. Dazu schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, vor allem Dopamin. Sämtliche Drogen jedoch stören den Mechanismus so, dass mehr freies Dopamin übrigbleibt:

  • Nikotin steigert die Ausschüttung;
  • Kokain blockiert die Wiederaufnahme;
  • Opiate hemmen Nervenzellen, die die Dopaminmenge begrenzen;
  • Cannabis benutzt einen anderen körpereigenen Steuerkreis, den es wie mit einem Nachschlüssel starten kann;
  • Alkohol greift so umfassend in die Steuerung der Neuronen ein, dass ebenfalls mehr Dopamin ausgeschüttet wird.

Dopamin sorgt jedoch nicht selbst für den Kick, sondern setzt gleichsam hinter alle Erlebnisse ein Ausrufezeichen: Das hier, was du gerade tust, dieser Ort, dieser Geschmack, dieser Geruch! – das ist immens wichtig, sagt der Dopaminschub dem Drogennutzer. Das Belohnungszentrum verknüpft die Umstände des Konsums mit der spezifischen Wirkung der Droge.

Nikotin löst also eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum des Gehirns aus. Eine Zigarette beglückt den Raucher ähnlich wie ein Kuss oder ein gutes Essen. Diese „Belohnung“ wird direkt mit der Tätigkeit des Rauchens assoziiert. Der durchschnittliche Raucher mit 7.000 Zigaretten pro Jahr wiederholt ständig seine „Erfahrung“, dass Rauchen eine beglückende Tätigkeit ist. Dies prägt sich tief in sein Unterbewusstsein ein, es entsteht ein sogenanntes „Suchtgedächtnis“. Dieses Gedächtnis wird aktiv, wenn der Spiegel an wirksamen Substanzen im Belohnungszentrum nachlässt. Oder wenn der Raucher einen anderen rauchen sieht. Dann erwacht wieder das Verlangen nach einer neuen Dosis Nikotin.

Ein weiterer Aspekt ist die Vermehrung der Anzahl von Nikotinrezeptoren bei chronischem Nikotinabusus. Bei Untersuchungen an Gehirnen gestorbener Raucher wurden doppelt soviele Rezeptoren gefunden wie bei Nichtrauchern. Eine Hypothese ist, dass dadurch bei Kettenrauchern besonders viel Dopamin ausgeschüttet wird, was eine intensivierte Reaktion auf das Nikotin zur Folge hat. Allerdings ist das Phänomen reversibel: bei Ex-Rauchern sinkt die Anzahl der Nikotinrezeptoren wieder in den Normbereich. Das Suchtgedächtnis scheint jedoch eine irreversible Komponente aufzuweisen, die die Entwöhnungsschwierigkeiten erklärt.

Quelle: http://www.rauchen.de/

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Claudia am 21. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Die Gelegenheit

Die Gelegenheit

Feuchtfröhliche Abende mit Freunden kommen nicht mehr oft vor, seit ich hier wohne. Abgesehen davon, dass wir außerhalb des Schlosses keine Leute kennen, verbietet sich jedes Trinken in der Ferne, denn man müßte ja hinterher irgendwie nachhause kommen. (Der Mecklenburger fährt zwar unverdrossen in praktisch jedem Zustand Auto, doch enden diese Fahrten öfter mal am nächsten Allee-Baum, da will ich nicht mithalten.)

Ich war also much amused, als vorgestern unsere Wohnungsnachbarn zu Pizza und Wein herüberkamen. Richtig ungewohnt, aber schön, mal wieder plaudernd bis in die Motten um den mit Vor- und Nachspeisen festlich überladenen Tisch zu sitzen – die Männer auf den unbequemen Stühlen, verdammt, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht!

Gestern morgen fasste ich dann spontan den Entschluß, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und (mal wieder…) den Versuch zu machen, das Rauchen zu lassen. Das geht am Tag nach Besäufnissen besonders gut: irgend etwas ist in der Körperchemie dann so verändert, dass man sowieso keine rechte Lust auf das Qualmen hat.

Im Durchschnitt versucht ein Raucher zwei- bis dreimal im Jahr, davon loszukommen, las ich neulich und dieses Jahr halte ich den Schnitt! Das Aufhören selbst ist ja – selbst bei 30 bis 40 Zigaretten pro Tag – nicht das ganz große Problem, sondern das dauerhaft rauchfrei bleiben. Solange da ein Kampf um die Umstellung ist, wie jetzt, wo sich praktisch alles, was ich tue, anders anfühlt als „normal“, solange kann man sich über Erfolge freuen:

  • WOW, schon jetzt atme ich besser,
  • toll, meine Bude stinkt nicht mehr nach Rauch,
  • herrlich, diese Woche über 100,- Mark gespart….

Wenn dann aber das Nichtrauchen droht, „normal“ zu werden, dann melden sich tiefere Schichten: WOLLTEST Du WIRKLICH aufhören?, sagt ein Teil von mir, der das Selbstbild „Claudia, die Schreiberin, am Monitor, rauchend, Kaffee trinkend“, vertritt und sich gar nicht vorstellen kann, dass davon ohne Kippen etwas übrig bleibt. Dann wird es erst heftig, denn DANN kommt die Versuchung auf, mal wieder „eine“ zu probieren – und dem konnte ich bisher nicht widerstehen. Was heisst hier „konnte“, es war ja gerade mein Wille, der untergraben wurde, das Rauchen romantisierte sich in meiner Erinnerung mehr und mehr, bis ich mir WÜNSCHTE, wieder „die Alte“ zu sein. (Dies alles zu WISSEN, hilft leider nicht ‚raus aus dem Prozess, der sich eben nicht durch Gedanken steuern läßt, sondern mit Gefühlen agiert und sich aus uralten, physisch eingravierten Gewohnheitsmustern speist).

Nichtsdestotrotz versuche ich es wieder, da sich die Gelegenheit nun mal ergeben hat und ich mich gerade ziemlich gut fühle ohne dieses Pfeifen in den Bronchien. Und jetzt geh‘ ich in die Sauna…

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Claudia am 19. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Natur = Schönheit ?

Natur = Schönheit ?

An den Kastanien, die so langsam ihre Blätter fallen lassen, sieht man bereits jetzt die Knospen für’s nächste Jahr. Während alles abstirbt, können wir mit Fug und Recht annehmen, dass im nächsten Frühling das Leben erneut explodiert, blüht und fruchtet, um dann genau wie jetzt wieder abzusterben. Die Schnecken, Plage hiesiger Gartenfreunde, haben ihre Eier abgelegt, auf dass Hunderttausende neuer Schnecken nächstes Jahr den Salat wegfressen können. Ein Kreislauf, wesentlich berechenbarer als das Hochfahren von Windows ’98, jedes Jahr dasselbe und doch ein Wunder, eine Freude.

Auch die größeren Tiere sind ja so leicht zu durchschauen: 17 Hühner picken eifersüchtig Konkurrenten vom Futtertrog weg, selbst dann, wenn genug für alle da ist. Komme ich in den Hühnergarten, rasen sie herbei wie kleine Raptoren, sie würden mich fressen, wäre ich ein bisschen kleiner. (So aber kann ich mir einbilden, sie mögen mich). Die Motive und Emotionen der ansässigen Hunde sind ein offenes Buch – fast jeder Landhaushalt hat ja mindestens einen, mensch fürchtet sich weniger, wenn das Vieh gleich laut bellt, sobald ein Spaziergänger es wagt, in Sichtweite zu kommen.

Überall berechenbare Abläufe und Verhaltensweisen, zwar störanfällig, aber alles in allem verläßlich. Wachsen, blühen, sterben, fressen & gefressen werden. Und Millionen Naturfreunde finden das toll, ich auch. Doch frag‘ ich mich gelegentlich: Warum ist das „Natürliche“ im Reich der Pflanzen und Tiere schön, unter den Menschen aber häßlich? Konkurrenzverhalten, Büro-Mobbing, Korruption, Intrigen, Sägen an fremden Stühlen – allgemein üblich, aber niemand sagt: Wie wunderbar!

Wenn im Frühling die Kater im Kampf um ihr „Revier“ (sprich: Zugang zu den ansässigen Katzen) kämpfen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen, würde niemand Kritik üben. Dasselbe Verhalten unter Menschen veranlaßt die gemeinte Frau eher dazu, keinen der „Streithähne“ zu wählen, sondern einen Dritten, der sich souverän heraushält, einen, der „drüber steht“.

Gerade das, was wir an den Tieren mögen, ihr unverstelltes und ungebrochenes Agieren im Rahmen einfachster Bedürfnisse und Emotionen, treibt uns in die Flucht, wenn es beim Mitmensch allzu deutlich sichtbar wird. (Und selber tun wir viel dafür, so zu erscheinen, als seien wir anders). Zivilisation, Kultur, Sozialstaat, Recht und Gesetz – alles Bollwerke gegen die anderwo bewunderten natürlichen Eigenschaften eines jeden Wesens, das wachsen und leben will und deshalb darum kämpft, zu dominieren.

Das Wunderbare

Warum ist das so? Ich frage mich das, weil ich andere Menschen mindestens genauso wunderbar finden möchte wie zum Beispiel die Hühner hinten im Garten. Stattdessen krieg ich schon die Krise, wenn ich nur die Nachrichten einschalte. Und es sage mir keiner, das sei nur ein Medien-Problem! Viele Jahre war ich in Gruppen, Teams, Vereinen, Nachbarschaften und Initiativen aktiv. Einzig im „geschützten Raum“ eines therapeutischen Workshops oder im schweigenden Miteinander einer Yoga-Gruppe war etwas anderes zu erleben, als ein mehr oder weniger verstelltes Hauen & Stechen. Letzteres hat ja durchaus seine Highlights: Wenn man noch lernt, endlich auch mal zu siegen, oder wenn der „eigene Stamm“ einen Sieg zu verbuchen hat und feiert. Aber auf die Dauer schleift sich das ab und es wird immer deutlicher, dass es nichts zu gewinnen gibt, nichts wirklich Wichtiges oder auch nur dauerhaft Interessantes.

Dass ich mehr Zeit mit diesem Diary verbringe als mit den Hühnern, ist immerhin ein Zeichen, dass es mich noch zu anderen Menschen zieht – wenn auch nur in einer sehr vermittelten, symbolisierenden Form. Und wäre da nicht mein Lebensgefährte, mit dem ich seit über 15 Jahren ein Gespräch über die Welt führe, wäre ich sicherlich auch im „Real Life“ etwas umtriebiger – aber nur der Not gehorchend, nicht wie früher im Glauben, das Gute und Wunderbare beim Anderen zu finden.

Finde es bei dir selbst, würde jetzt ein Weiser sagen und er hätte recht. Der Blick auf die Welt und die anderen ist nicht unabhängig vom Empfinden mir selbst gegenüber. Ich war schon in Zuständen so positiver Art, dass ich das Wunderbare in einem agressiv-besoffenen Penner erleben konnte, der in der Berliner U-Bahn rotgesichtig, fluchend und wutschnaubend auf mich zukam: Ich wich nicht ängstlich aus, sondern sah ihm freundlich und offen entgegen, fragte mich (in diesem einen Moment!) voller Mitgefühl: Was mag diesen armen Typ nur so fertig machen? Ja, ich war drauf und dran, IHN zu fragen, wenn er nahe genug gekommen wäre. Doch seltsamerweise wählte er mich NICHT als Opfer – die U-Bahn war fast leer! – sondern drehte plötzlich ab, sah an mir vorbei und setzte sich murmelnd irgendwo ab. Als wäre ich ganz plötzlich für ihn unsichtbar geworden. Ein seltsames Erlebnis.

Der „Zustand“ war ebenso seltsam zustande gekommen: Ich hatte mir eine Kassette mit den Carmina Burana gekauft, obwohl ich praktisch nie Musik höre. Über Kopfhörer konnte ich es laut hören, es euphorisierte mich irgendwie. Der Kasette lag ein Booklet bei, in dem die lateinischen Texte standen und ich begann, das mal versuchsweise mitzusingen – ich, die ich normalerweise NIE singe! Und das euphorisierte mich NOCH mehr. Ich sang die ganze Vorder- und Rückseite laut mit, stand schließlich auf (war ja alleine im Zimmer) und sang alleine weiter, alle Lieder und Texte, an die ich mich erinnern konnte, wirklich alles, von „Hair“ bis „Hänschen klein“. Das Singen ergriff mich psychisch und körperlich in nie zuvor erlebter Weise, ich geriet in einen völlig anderen Seinszustand: mit viel mehr Sauerstoffumsatz, heftigerem und tieferem Atmen und einem Gefühl im Herzen, als wäre ich im Paradies, die Welt ein wunderbarer Ort. Allein das bloße Atmen war die reine Ekstase und erfüllte mich mit Dankbarkeit und Liebe. (Danach bin ich dann U-Bahn gefahren…)

Ich sang so ungefähr drei Stunden lang, das Gefühl hielt aber bis zur Mitte des nächsten Tages an. Erst in irgendeinem Meeting irgendeiner Arbeitsgruppe landete ich wieder langsam auf dem Boden gewöhnlicher Empfindung.

Vielleicht sollte ich ja mal wieder singen… ;-)

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