Claudia am 12. August 2001 — 1 Kommentar

Der terminierte Mensch

Himmel nochmal! Ich wohne fünf Auto-Minuten von seinem Arbeitsplatz, Essen gehen und Kaffee trinken wird er ja wohl gelegentlich noch – oder ist es ihm gelungen, diese Bedürfnisse aufgrund der schlechten Wirtschaftslage abzubauen? Glaub ich nicht… oder doch? Jedenfalls mailt er mir auf meine Frage, ob wir uns mal mittags treffen und von alten Zeiten und unserem jeweiligen Heute plaudern könnten: „Tolle Idee! Freut‘ mich, wieder mal von dir zu hören. Grad‘ schieb‘ ich aber zwei Projekte an, die wirklich haarig sind, danach dann gern, ich meld‘ mich in zwei Wochen!“

Er ist nicht der erste, von dem ich eine solche oder ähnliche Antwort bekomme. Seit ich wieder in Berlin bin, ruf‘ ich öfter mal jemanden an, wenn ich Lust auf Menschen habe. Klar doch, schließlich sitze ich hier täglich alleine am PC und ich weiß: da draußen, in den unendlichen Weiten Berlins geht das vielen ganz genau so… Es sind alte Kollegen, die ich dann anrufe, Freunde und Bekannte aus zwanzig Jahren Kreuzberg, Menschen, mit denen ich gearbeitet, gefeiert, Kurse besucht und Politik gemacht habe. Und sogar meine alte Liebe T., mit dem ich Jahre in „gemeinsamem Leben & Arbeiten“ zubrachte, schickt mir erstmal einen Stapel Geschriebenes, um sich dann eine gute Woche später hier einzufinden – zu einem ordentlichen Termin halt.

„In der dritten Septemberwoche vielleicht, da ist dann meine Mutter wieder weg und die stressigsten Schultage sind ‚rum“, meint L., die Frau, mit der ich schon in Mecklenburg telefoniert hatte, wie nett es sein wird, sich wieder mal zu sehen. Der Netz-Bekannte, der zufällig drei Häuser weiter wohnt, hat auch einen „Termin vorgeschlagen“, so in zwei Wochen, da könnte man ja abends mal zusammen um die Häuser ziehen…

Termine, Termine, Termine. Wochenlange Planungen. Wenn ich dann doch mal jemanden treffe, werden wir gestört durch diesen dauernden Handy-Betrieb und ich muss ungewollt mithören, wie er/sie einem Dritten sagt: „Ja, super! In der letzten Augustwoche würde es mir evtl. passen…

Lust & Laune? Gecancelt.

Sind denn alle komplett verrückt geworden? Oder werde ich einfach nur alt und versteh‘ die Welt nicht mehr, bin nicht mehr richtig „kompatibel“ mit dem heutigen Way of Contact? Offensichtlich hat sich da etwas verschärft, dem ich mich immer schon verweigert hatte. Ein Terminkalender ist einfach nicht meine Sache, geschäftliche Dates merke ich mir auch so und private „Termine“ war ich einfach nicht gewohnt: Nicht in meinem Kreuzberger Kiezleben, in dem ich beim Gang in die Markthalle mindestens drei Leute traf, mit denen ich zu einem Schwätzchen stehen bleiben konnte. Und wenn ich mich richtig erinnere, gab es jedenfalls keine zwei, drei Wochen Vorlaufzeit, wenn ich mich mal mit jemandem verabreden wollte, höchstens so zwei bis vier Tage.

Was stört mich eigentlich daran? Ich könnte mir doch einen Terminkalender anschaffen und das einfach so mitmachen, oder? Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich das will. So wild bin ich nun auch wieder nicht, diese offensichtlich allzu beschäftigten Menschen zu sehen… Naja, ich würde schon gern, aber eben JETZT, oder morgen, oder zumindest diese Woche noch – nicht irgendwann später, ein Später, von dem ich gar nicht weiß, was ich dann tun werde, und ob ich dann Lust haben werde auf diesen oder jenen ganz Bestimmten. Es scheint mir unvorstellbar, morgens in meine Zettel zu gucken: Wen treff ich denn heute?, und dann halt das Programm abzuwickeln, egal, was Lust und Laune gerade dazu meinen. Warum sollte ich ausgerechnet DIE Kontakte, die NICHT von irgendwelchen, meist ökonomischen Zwängen diktiert sind, in ein Korsett pressen, das jede Spontaneität verunmöglicht?

Ausgebucht

Was mag wohl der Grund für dieses Verhalten sein? Warum meinen all diese Leute, dass ein privates Plaudertreffen drei Wochen im voraus geplant werden muß? Liegt es wirklich daran, dass sie heute, morgen, übermorgen und für den Rest der Woche völlig „ausgebucht“ sind??? Warum rufen sie nicht einfach an, wenn da mal eine Lücke ist: Hey, heut mittag hab ich Zeit, wie siehts bei dir aus? Wär‘ es denn so schlimm, wenn ich dann sagte: Sorry, geht grad nicht, aber morgen? Es wäre sogar viel wahrscheinlicher, dass ich zusage, denn ich kann mir die Zeit ja einteilen – wie übrigens die meisten, von denen ich hier spreche.

Wäre ich jetzt 15 Jahre jünger, würde ich das alles auf mich beziehen, wäre ordentlich zerknirscht und würde denken: Sie mögen mich nicht, sie wollen mit mir einfach nichts zu tun haben, weil ich vermutlich so eine Schreckschraube bin, die man lieber meidet! Heute weiß ich es besser, zumal es sich fast durchweg um Menschen handelt, mit denen ich gute, intensive und für beide Seiten erfüllende gemeinsame Zeiten hatte. Nein, es ist etwas anderes, etwas, dem sich alle einfach so unterwerfen, ohne es auch nur richtig zu bemerken: die Seelen sind besetzt, verkauft und also immer völlig ausgebucht. Dass man sich überhaupt noch – so in drei Wochen – für etwas Privates Zeit nimmt, das nicht zum eingespielten Alltag gehört, ist eigentlich auch schon nicht mehr richtig in diese Welt „passend“, ist schon Kompromiß, den man gerade noch eingeht, um sich nicht eingestehen zu müssen, daß im Grunde gar kein Platz mehr ist für Dinge jenseits des „Um-Zu“.

Niemand ist wirklich „ausgebucht“ – aber die Erfordernisse des allgemeinen Rattenrennens sind psychisch derart belastend, dass man nicht noch zusätzliche Inputs haben will, wo doch die Zeiten des „inneren Ausspannens“ lange schon nicht mehr reichen. Ja, dieses innere Abschalten schafft kaum noch jemand, allenfalls werden heftige äußere Reize als Ablenkung gesucht, die das, was in der Seele wühlt, einfach an Lautstärke bei weitem übertreffen. Und noch etwas: Andere Menschen zu treffen wird nicht mehr als mögliche Entspannung gesehen, als spielerisch zweckfreies Miteinander, sondern – auch im privaten Rahmen – immer nur wieder als eine Art „Auftritt“, bei dem man ein gutes Bild abgeben will: anstrengend also, wie fast alles heute. Wenn man dann noch daran denkt, dass es ein ganz übliches Verhalten ist, dem Anderen nicht wirklich zuzuhören, sondern ihn oder sie „voll zu labern“, wundert es nicht mehr, dass niemand mehr richtig Lust hat, mal eben zusammen Kaffee trinken zu gehen…

Sich aufteilen

Was bleibt, ist die Aufsplitterung der Bedürfnisse, die Fragmentierung des Ich. Will ich spontan unter Menschen sein, geh‘ ich in die Sauna und sitze gemeinsam mit unbekannten Nackten bei 90 Grad auf dem Affenfelsen. Die Hitze ist ein so starker Reiz, dass jedes Denken in den Hintergrund tritt und ein enstpanntes Zusammen sein möglich ist – ja, manchmal kann man sogar ein paar Worte wechseln… Will ich dagegen interessante Gespräche führen, tiefer schürfende Aspekte des Daseins teilen, dann kann ich ja mailen! Mitmensch on Demand ist die optimale Form für den gestressten Info-Worker: nur der reine Gedanke tröpfelt durch die Leitung, und den kann ich mir ja dann reinziehen, wenn ich dafür die Muße habe. Nicht zu vergessen das Telefon: Jenseits des bloßen Info-Austauschs ist es das „angesagte“ Mittel für das Empfinden von Nähe: Dann aber muß ich völlig im Augenblick sein, ohne jedes inhaltliche Interesse ganz auf die Schwingung des Anderen einsteigen. Nicht schlecht, aber eben auch wieder ein hübsch abgespaltener Teil des Ganzen.

Und wenn mir das alles nicht reicht, gibts ja noch die Workshop-Szene: Unter Anleitung und Aufsicht treffen sich da wochenends „ganze“ Menschen für teures Geld: tanzen, reden, atmen, Töne summen, sich in die Augen sehen, einander zuhören, sich „einfach so“ umarmen – und in Tränen ausbrechen vor Rührung! Sollte ich mir mal wieder leisten…

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Claudia am 08. August 2001 — Kommentare deaktiviert für Raus in die Welt?

Raus in die Welt?

Sieben Wochen Berlin sind es jetzt und ich fühle mich bereits, als wohnte ich schon ewig hier in Friedrichshain – kein Wunder, sieht es doch genauso aus wie meine alte Heimat Kreuzberg vor fünfzehn Jahren. Die zwei Jahre Mecklenburg, Schloß Gottesgabe, das wunderbar weite Land mit den hohen Horizonten und den endlosen Feldern ist fast nur noch ein Traum, als wär‘ es sehr sehr lange her…. Weiter → (Raus in die Welt?)

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Claudia am 05. August 2001 — Kommentare deaktiviert für Gedanken aus dem Schwitzbad

Gedanken aus dem Schwitzbad

Die Hitze ist vorbei und mit ihr verschwindet diese tagträumerische Lethargie, die mich so angenehm umfangen hielt. Ich gebe mich gerne dem Wetter hin, zumindest, solang‘ es warm ist, lass‘ mich treiben oder ausbremsen und beobachte, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen durch die jeweilige Wetterlage hervorgerufen oder unterdrückt werden.

Bei großer Hitze zum Beispiel ist der Körper hauptsächlich mit dem Temperaturausgleich beschäftigt und schwitzt. Das bindet einen guten Teil der Energie, erst recht, wenn es mehrere Tage anhält. Ich spür‘ dann richtig, wie der Kopf leerer wird, wie die Gedanken langsamer kommen, stotternd fast, und wie kaum mehr etwas übrig bleibt für Bedenken wie: Versteht mich noch jemand? Ist das, was ich jetzt denke, sage, schreibe, auch verständlich, stilistisch vertretbar, im Diary am rechten Platz? Unbekümmert lass‘ ich es aus mir schreiben, in die Tastatur fließen, das weiße Datenfeld füllen, blühe pflanzenhaft-ruhig vor mich hin wie meine Balkonpflanze, der es völlig egal ist, ob da jemand sagt: Wow, was für eine schöne Blüte!“, oder eben „Welch ein komisches Unkraut!“. Weiter → (Gedanken aus dem Schwitzbad)

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Claudia am 04. August 2001 — Kommentare deaktiviert für Schreiben, Lesen, Verstehen

Schreiben, Lesen, Verstehen

Wenn das berechnende Denken sich langsam totläuft, der machtgeile Blick auf Ursache und Wirkung, Plan und Ziel, „Nutzen“ und Risiken nurmehr wie ein Radioprogramm erscheint, mal laut, mal leise, doch insgesamt erschreckend uninteressant – was dann?

Ein paar Tage Pause, Tage ohne Diary. Vielleicht ist es ja das Ende des Schreibens? Ein Journalist könnte so denken, auch der Philosoph, der am Ende aller Systeme angekommen die Buchdeckel zuklappt. Nicht aber der zwecklos Schreibende, der – allein dem Schreiben zugewandt – die Tastatur, das weisse Feld als ruhige Landschaft spürt: offen für Gestaltung, Wüste mal, dann Metropole, Eremitenhöhle, Tempel, Ort der Kraft. Mögen die Impulse gelegentlich versanden, das Leiden an der Rationalität auch wachsen, die aller Sprache per Grammatik eingeschrieben – eher entsteht ein Fischgesang aus stummen Zeichen, ein Wortgemisch, das heilig nach Geheimnis klingt und gar nichts meint, als dass der Schreibende verstummt vor seinem letzten Morgen. Weiter → (Schreiben, Lesen, Verstehen)

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Claudia am 31. Juli 2001 — Kommentare deaktiviert für Coole Rationalität

Coole Rationalität

Wie lange dauert das nun schon an, dass ich den Einstieg in ein ziel- und zweckgerichtetes „sinnvolles Arbeiten“ zwischen Montag und Samstag nicht richtig finde? Wochen, Monate? Ich weiß es gar nicht mehr, immer wieder tu ich ja doch was, kümmere mich – zu wenig, aber immerhin – um das Webwriting-Magazin, arbeite an Demos für neue Angebote, finde sogar gelegentlich etwas Neues, wie neulich einen anderen Design-Stil – aber all das ist sprunghaft da und dann gleich wieder weg. Im Moment bin ich für mich selbst eine schlechte Chefin, gerade, dass ich noch die nötigsten Verwaltungsangelegenheiten halbwegs termingerecht hinbekomme, ein Glück!

Dabei geht’s mir nicht schlecht, keine Rede. Ich fühle mich nicht deprimiert, nur höchst selten irgendwie geängstigt, könnte nicht mal behaupten, ein „Problem“ zu haben – oh Gott, schon das Wort ist mir so seltsam zuwider! Ein Problem wäre ja etwas, das ich lösen müsste und auch könnte, etwas, das mich fordert, es zu analysieren, Ziele festzulegen, Methoden und Schritte zu deren Erreichung zu planen – bis hin zur Erfolgskontrolle, dass ich auch mitbekomme, wann das Problem weg ist…. schon die Vorstellung ödet mich ungeheuer an.

Heute ist der vierte Tag meiner Erkältung, zwar ist sie besser geworden, aber nicht weg, wie sonst nach drei Tagen. Bin fast überzeugt, es liegt daran, dass ich gerne krank bin, irgendwie befreit mich das von der Pflicht, vernünftig zu sein und endlich richtig loszulegen – was immer das heißen mag. Die Erkältung ist übrigens genau dann aufgetreten, als ich den Alkohol als mögliches „Ausstiegsmittel für Stunden“ verabschiedet hatte – woraus will ich denn nur aussteigen und wohin lockt es mich eigentlich?

Es ist bezeichnend, dass mir das im Kopf nicht mehr einfallen will. Wie meistens befinde ich mich am Ziel meiner (denkbaren) Wünsche: die richtige Wohnung am richtigen Ort, kein Bock auf Urlaub, Friede, Freude, auch Inspiration durch andere Menschen, wenn ich danach verlange – was sollte ich denn sonst noch wollen? Ich weiß es nicht – und trotzdem ist da was…. was???

Luxusprobleme, könnte ich sagen und es dabei bewenden lassen. Es wird vorübergehen, irgendwann wird etwas von außen kommen, vermutlich etwas Unangenehmes, und mich in hektische Aktion versetzen – solange aber kann ich nicht umhin, diesen seltsamen Zustand „am Rande“ zu bemerken, als wäre ich drauf und dran, eine bis in den letzten Winkel erforschte Heimat zu verlassen, doch noch ohne jede Sicht auf ein „wohin“, also unfähig dazu, mit bekannten Bordmitteln die erforderlichen Schritte zu unternehmen.

Vorgestern erinnerte ich einen seltsamen Traum – der dritte Traum, nachdem ich beschlossen hatte, Träumen wieder Aufmerksamkeit zu schenken (erst dann „kommen“ sie wieder…):

Mit einem alten Freund fahre ich irgendwohin, vielleicht nach Süden, in den Urlaub? Ein Propeller-Flugzeug taucht auf, so ein kleines rasantes Ding: Tiefflug über die Autobahn, Looping durch die Luft, dann unter einer Brücke durch, kopfüber (!) mit dem Bauch nach oben durch eine dichte Nebelbank, die jede Sicht versperrt… wow! Es sind zwei Männer, einer davon Araber. Sie landen und wir kommen ins Gespräch: Ich will mal mitfliegen, sie haben nichts dagegen. Doch als ich wirklich eingestiegen bin und die Türen schließen, überkommt mich Angst: Ich will wieder raus, behaupte, mir sei übel geworden (glatte Lüge!). Doch die Männer verweigern mir das Aussteigen schlichtweg, dreckig dabei grinsend, und werfen den Motor an. Worauf Angst, Panik und jede Menge Haß in mir aufsteigen…

Jetzt die für einen Traum erstaunliche Sache: Ich wäge ab, was passieren kann, wenn ich hier herumtobe und meinen Gefühlen freien Lauf lasse – und beschließe, mir das lieber zu schenken. Ich würde ja womöglich unser aller Flugsicherheit gefährden… also schließe ich lieber die Augen, bereit, die Sache möglichst blind auszusitzen. Später dann, sag ich mir noch, wenn ich aus diesem Flugzeug lebendig ausgestiegen sein werde, werde ich mich an diesen Typen rächen!

Dann aufgewacht. Die üblen Gefühle wirkten nicht nach, ich wunderte mich nur über die coole Rationalität, die ich hier gezeigt hatte, noch dazu im Traum!

Der Traum hat mir bisher nichts gesagt, aber wenn ich ihn jetzt so hinschreibe, kommen mir doch spontane Einfälle: Genau diese coole Rationalität, die vermeintlich „zugunsten des Überlebens“ auf Gefühle scheisst, ist meine altbekannte Heimat. die ich nicht verlassen kann, obwohl sie „abgelebt“ ist. Vielleicht, weil ich der Angst, vor allem aber auch dem Haß wieder begegnen könnte. Haß? Ausgerechnet ein Gefühl, von dem ich mich seit mindestens zehn Jahren so angenehm frei fühle…

Da werd‘ ich jetzt aber nicht etwa weiter nachgraben! Weder hab‘ ich Lust auf psychologisierendes Wühlen in der eigenen Psyche, noch glaube ich dran, daß man damit irgend etwas erreicht. Um nämlich zu experimentieren, zu suchen, zu forschen braucht man Hypothesen, man projiziert bereits Gewusstes oder Gewünschtes und Gefürchtetes – und kann dann letztlich nicht mehr sagen, ob das Ergebnis „gefunden“ oder durch das Suchen erst „geschaffen“ ist.

Lieber mach‘ ich mal was Handfestes, zum Beispiel ein Regal im Bad anbringen.

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Claudia am 28. Juli 2001 — Kommentare deaktiviert für Kein Kampf

Kein Kampf

Seit vorgestern bin ich heftig erkältet. Mitten in der größten Hitze ist das eine komische Sache, irgendwie unpassend. Heute fühle ich mich aber auf einmal wohl damit: diese fiebrige Schlaffheit ergibt eine physische Ruhe, die ich allein vom Fühlen und Denken her nur selten und bruchstückhaft zustande bringe, allenfalls mal nach intensivem Yoga oder einem langen Spaziergang. Weiter → (Kein Kampf)

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Claudia am 26. Juli 2001 — Kommentare deaktiviert für Auf dem Meeting

Auf dem Meeting

„Ich heiße Claudia und bin Alkoholikerin“, die rituelle Begrüßungsformel geht mir erstaunlich locker über die Lippen. Über sieben Jahre sind seit meinem letzten AA-Meeting vergangen und jetzt sitze ich wieder „an den Tischen“, kaum zu glauben! Es ist wie ein nach Hause kommen, obwohl ich keinen der Anwesenden kenne. Es braucht keine Bekannten oder gar Freunde, um sich in dieser Runde richtig zu fühlen, das ist ja gerade das Faszinierende an der berühmtesten Selbsthilfegruppe der Welt.

Es beginnt mit dem Lesen der bekannten Texte: Präambel, zwölf Schritte, zwölf Traditionen, dann die Gedanken zum Tag, heute: „Über die, die noch leiden“. Während ich zuhöre und mir dabei einen grünen Tee zubereite, spüre ich, wie das Leiden von mir weicht. Als würde eine Last von meinen Schultern genommen, mit jeder Viertelstunde fühle ich mich leichter.

Welches Leiden? Das wäre eine lange Geschichte, von der eigentlich nur zu sagen ist, daß ich sie für abgeschlossen hielt – und das war ein Irrtum, der gerade begann, gefährlich zu werden. Deshalb sitze ich jetzt hier, Tieckstraße 17, Berlin Mitte, und bin dankbar, dass es AA noch gibt.

Kennen gelernt hab‘ ich die Meetings 1990, als mein allzu aktives Leben mit zunächst beiläufigem Entspannungstrinken in eine hoffnungslose Suff-Phase übergegangen war. Schon damals hätte ich nicht so lange leiden müssen, wenn ich nicht bis zuletzt an dem verrückten Gedanken festgehalten hätte: Ich habe alles im Griff, muss mich nur zusammenreissen, mal richtig ausspannen, vielleicht einen anderen Job finden, neue Leute kennen lernen – doch war ich lange schon jenseits aller Möglichkeit, noch irgend etwas aus eigener Kraft ändern zu können. Mein erster Lebensentwurf war am Ende, wie sollte ich aus den Trümmern denn etwas Neues kreieren? Es hat lange gedauert, bis ich mir überhaupt eingestand, dass ich mittlerweile ein respektables Alkoholproblem am Hals hatte – und selbst dann lag mir der Gedanke noch ferne, jemand anderer als ich selbst könne da irgend etwas ausrichten. Schließlich hielt ich mich für intelligent, belesen, kommunikationsfähig – sah‘ mich aber leider nicht von außen, denn dann hätte ich vielleicht früher bemerkt, daß es jetzt um ganz andere Dinge ging. Zu allererst um das Aufgeben dieser Gedanken: ICH kann, ICH will, ICH muss, ICH werde….

Nein, ich war nicht einsichtig und zu nichts bereit. Meine Welt mußte sich katastrophisch verdüstern, kleine Unfälle sich häufen, das tägliche Kreisen im immerselben Elend richtig lange schmerzen, physisch, psychisch und geistig, bis endlich etwas in mir zerbrach, bis mein ganzer Größenwahn am Alkohol zerschellte.
Endlich konnte ich dann auch in ein Meeting gehen, ohne Bedenken und Besserwisserei, völlig offen, denn in mir war nichts mehr, nur noch dunkle Leere. Ein Vakuum, das sich mit den Texten der AA vollsog, denn was sie sagen, knüpfte direkt an mein Erleben an: Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind…. Ich hatte angedockt!

Es war ein Wendepunkt in meinem Leben, ab dem sich alles ganz anders anfühlte, als wäre tatsächlich Claudia Vers.1.0 gestorben. Und die 2.0 war erstmal nur ein glückliches Kind, Neues entdeckend, spielerisch der Welt und den Anderen begegnend, ohne das entsetzlich beschränkende Gefängnis eines hypertrophierten Egos. Auch beruflich ging plötzlich alles wie von selbst, anstrengungslos, ich mußte nur immer „JA“ sagen – etwas, was ich ohne „aber“ früher nicht einmal denken konnte.

Mehrere Jahre war ich völlig „trocken“, irgendwann verließ ich AA, Alkohol war einfach kein Thema mehr. Ich hatte mit Yoga angefangen und dachte: Wozu noch mit Leuten um einen Tisch sitzen, die zwar auch Spirituelles vermitteln, wo aber doch immer wieder Alkohol besprochen wird – dieser langweilige Schnee eines abgelegten Gestern. Irgendwann wollte ich dann auch das Thema „Nicht-Alkohol“ abschließen, die Identifikation „Ich, Claudia, Alkoholikerin“ ebenso aufgeben wie alle anderen. Und trank neugierig ein Glas Sekt: Nichts passierte, natürlich nicht. Es schmeckte nicht mal und die Wirkung fand ich störend.

Nichts änderte sich. Außer, daß ich mich jetzt wieder fragen mußte: Soll ich mittrinken? Die Gelegenheiten, zu denen das Hauptschmiermittel unserer Gesellschaft verabreicht wird, sind ja unüberschaubar. Ich trank also gelegentlich wieder mit, nicht oft zwar, aber ich bemerkte schon bald die Richtigkeit eines alten AA-Spruchs: Man macht da weiter, wo man aufgehört hat. Die Geschichte des Alkohols ist ins Gehirn eingraviert, da bildet sich nichts zurück. Genau wie ehedem, so stellte ich fest, konnte ich ab dem dritten Glas das Ende oft nicht finden. Wachte dann am nächsten Morgen auf, erinnerte mich oder auch nicht und war mir furchtbar peinlich! Das wollte ich eigentlich nicht wieder erleben – und so hat der Kampf wieder begonnen. Der Gedanke „das hab ich heute im Griff“ stand wieder da in all seiner Pracht und Gefährlichkeit…

Gestern hatte ich mal wieder in trauter Zweisamkeit dem Wein zugesprochen, zu Hause, also in ganz „ungefährlichem“ Zusammenhang. Dann nahm ich das Glas noch mit an den PC und mailte ein bißchen an liebe Freunde… und heut‘ morgen konnte ich im Sent-Ordner sehen, dass ich gemailt hatte, las verwundert fremd klingende Texte – DAS war dann für mich der Punkt! Wenn ich mich selber lese wie eine Fremde, ist ganz klar: Ich hab es NICHT im Griff! Nicht den Alkohol, nicht mich selbst, von der Welt gar nicht zu reden. Und einen Kampf, den ich ganz gewiß verliere, brauche ich nicht nochmal zu führen, all das hatte ich ja schon, übergenug!

Und deshalb saß ich heut‘ im Meeting. Und lasse jetzt wieder das erste Glas stehen. Weiter → (Auf dem Meeting)

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