Claudia am 02. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für St.Hedwig

St.Hedwig

Gestern mittag draußen gewesen. Ich wollte über die Festmeile der Silvesternacht schlendern und mit der Digicam festhalten, wie „Berlin – the Day after“ aussieht. Wegen Aufräumarbeiten und einem Neujahrslauf war die Straße Unter den Linden immer noch gesperrt, mit dem Auto konnte ich nicht ganz bis zum Brandenburger Tor fahren. Parkte also vor der Humboldtuniversität, schoß ein einziges Bild, dann meinte der Apparat schon, die Energie reiche nicht mehr weiter. Sollte ich jetzt nach Batterien suchen? In den Andenkenshops wühlen? Wieder ins Auto steigen und eine Tankstelle anfahren??? To much, es muss ja nicht sein! Ich schaltete um von „jagen & sammeln“ auf „erleben“ und wußte nicht recht, was tun. Guckte mir die Gebäude an, Prachtbauten im trüben Winterlicht, es war noch wenig los, insgesamt eine seltsame Atmosphäre, als mache die Welt gerade Pause. Weiter → (St.Hedwig)

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Claudia am 26. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Weihnachten, ein Opferfest

Weihnachten, ein Opferfest

Es ist still in Berlin Friedrichshain, nun schon den dritten Tag. Das „In-Viertel“ rund um die Simon-Dach-Straße ist wie ausgestorben, die meisten Kneipen bleiben zu und die Fassaden der Gründerzeit-Altbauten zeigen sich nächtens in gespenstischem Dunkel: alles leer, alles ausgeflogen. Die ungewöhnlich jugendliche Bewohnerstruktur – fast jeder ist hier unter 30 – führt an traditionellen Feiertagen zum Komplett-Ausfall der ansonsten so beliebten und gelobten kulturellen Eigenständigkeit. Man fährt halt heim zu den Eltern oder gleich ganz weit weg, in den Süden. Immerhin findet sich so endlich locker ein Parkplatz!

Da ich in keinerlei festive Aktivitäten eingesponnen bin, sind diese Tage einfach eine ruhige Insel im Getriebe. Das Gefühl, etwas (mehr!) tun zu müssen fürs „Fortkommen“, tritt in den Hintergrund. Wenn alle abschalten, darf ich ja wohl auch… Beiläufig beobachte ich die Medien im Christmas-Taumel, besonders das Fernsehen, und mit einem Mal wird mir klar, dass Weihnachten ein Opferfest ist.

Was wird geopfert? Zu welchem Zweck? Der Sinn des Opferns ist immer gleich: Man will einen übermächtigen Gott bestechen bzw. gnädig stimmen, damit die Dinge einmal nicht ihren „natürlichen“, also gottgewollten Lauf nehmen, sondern sich nach den Wünschen der Opferer entwickeln. Wird das Opfer akzeptiert, hat mensch kurzzeitig Ruhe vor der göttlichen Eigendynamik, der satte Gott hält sich ganz raus oder verhält sich dem Menschenwunsch gemäß – für kurze Zeit, ein Opfer reicht ja nie für immer.

Bis zum Abend des letzten verkaufsoffenen Tages vor Weihnachten berichten die Medien intensiv von der Konsumfront: Wieviel und was gekauft wird, ob mehr oder weniger als im letzten Jahr, was die Händler dazu sagen und ob das Volumen des Weihnachtsgeschäfts insgesamt ausreicht, der Wirtschaft zum Jahresende zu deutlichen Gewinnen zu verhelfen oder aufgelaufene Verluste zumindest spürbar zu mildern. Man beobachtet also die Opferzeremonien und versucht, zu beurteilen, ob das Opfer ausreicht und ob es angenommen wird.

Offensichtlich ist das dieses Jahr wieder der Fall, denn am Nachmittag des 24.Dezembers schließen nicht nur die Läden und Büros der Welt des Kaufens & Verkaufens, auch innerpsychisch verläßt man die erweiterte Kampfzone und legt erleichtert die Rüstung ab, checkt aus, um mal wieder „richtig Mensch“ zu sein – so zumindest ist es gemeint, gedacht, gewollt. Für ein paar Tage sind wir dann frei (gelassene..), haben uns frei gekauft und können nun Seiten zeigen und Aspekte leben, die im immer mehr Lebensbereiche umfassenden täglichen Kampf ums Fortkommen hinderlich bis peinlich sind: Weichheit, spontane Freundlichkeit, Mitgefühl, Sehnsucht nach Liebe jenseits von Leistung und Nützlichkeit, und die aus alledem folgende Großzügigkeit mit der Bereitschaft zum Helfen, Schenken und Teilen.

Die Medien begleiten bereitwillig die kurzfristige Richtungsänderung, Familienfilme handeln von harten Geschäftsleuten, die zu liebevollen Vätern mutieren, Lokalsender zeigen tatsächlich Menschen beim schenken, helfen und teilen – von der Feuerwehrgruppe, die ein Kinderheim beschert bis zum Viersternehotel, das in der heiligen Nacht fünfzig Obdachlose verköstigt und beherbergt. Geld ist nicht alles, das darf jetzt mal gesagt, geschrieben, gesendet und gesehen werden. Sind ja nur ein paar Tage, dann ist wieder das große kollektive „Speicher löschen“ per Silvesterfete angesagt, mit anschließender kraftvoller Neuprogrammierung auf neue Wünsche, Ziele und Vorhaben im neuen Jahr. Die kurze Auszeit muß rituell gebrochen werden, sonst könnten ja Spuren in den Psychen zurückbleiben, die Freude am Helfen, Schenken und Teilen könnte um sich greifen – mit unabsehbaren Folgen! (Man sieht ja, was diese „Tradition“ z.B. im Internet angerichtet hat, wo sie die ersten Jahre des neuen Mediums kulturell dominierte: kein Geschäft nirgends, E-Commerce ein Milliardengrab!)

Bald ist sie vorbei, die „freie“ Zeit, das Opfer ist aufgezehrt und hungrig erwacht der Gott unserer Tage zu neuem gefräßigen Leben. Wir werden das Visir herunterklappen, die Samthandschuhe ausziehen, das Herz wieder als bloße Pumpe ansehen und tun, was wir tun müssen. (Wem der Übergang zu hart ist, der wird vielleicht im Januar krank -> Zeit des höchsten Krankenstandes in diesem Land).

Ist das der Endzustand? Wird es immer so sein, solange diese Welt steht, dass wir unsere liebevolle, weiche und freundliche Seite verbergen, besser noch verdrängen und vergessen müssen, um „fort“ zu kommen? Ja wohin denn eigentlich ? Man kann sich lange an der eigenen Kreativität berauschen, am Wachsen des Bankkontos, am Aufsteigen auf neue Siegertreppchen – irgendwann mal meldet sich gerade auch bei den Erfolgreichen die Frage nach dem „Wozu?“. Macht mich das jetzt wirklich glücklich? Bringt es mir echte Freude? Gewinne ich Freunde und Freiräume, oder verheize ich nur meine Lebenszeit für Dinge, die ich nicht fühlen und nicht spüren, sondern nur wissen, bzw. mir „ausrechnen“ kann?

Wenn ich mir angucke, wie so mancher Werbespot zur KUNST gerät, so daß schon kaum mehr erkennbar ist, für welches Produkt hier um Sympathie geworben wird, sehe ich die Verzweiflung erfolgreicher Kreativer: Es ist schon hart, sein ganzes Herzblut ohne Pause für so hehre Ziele wie die bessere Vermarktung von Gummibärchen oder Schokoriegeln einsetzen zu müssen – und sowas geht heute nicht mehr „mit links“, schon gar nicht in einer gewerkschaftlich abgesicherten 35-Stunden-Woche.

Der Gott unserer Tage will uns GANZ, nicht nur werktags zwischen 9 und 17 Uhr. Er ist unbescheiden, allgewaltig und groß wie es sich für einen Gott immer schon gehört. Und er nutzt moderne Kommunikationsmittel, lichtschnell und frei von allem menschlichem (Wohl-)Wollen kreist das Kapital, sein farbenfernes Blut durch die vielfach vernetzten Adern unserer Welt – in endloser Suche nach Vermehrungsmöglichkeiten. Dieser Gott will vor allem eines: wachsen. Ist er – mal so als Wachstums-Junkie betrachtet – denn wirklich allmächtig und in dieser Allmacht ewig?

Wer von Sucht etwas weiß, weiß auch, daß Zusammenbruch, Tiefpunkt und Entzug schon im kleinen menschlichen Rahmen katastrophal sein können – an einen göttlichen Breakdown mag man da lieber gar nicht erst denken! Zudem ist eine solche Entwicklung planerisch sowieso nicht zu beeinflussen und auch alle Versuche, freundliche selbstgebastelte Gegen-Götter zu etablieren, sind gescheitert – auch der Gott DIESER Welt ist ja nicht etwa irgendwo „außen“, sondern lebt in uns selbst.

Und trotzdem: Tote Götter pflastern unsern Weg, daran könnten wir uns gelegentlich erinnern! Schließlich ist noch nicht aller Tage Abend…

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Claudia am 23. Dezember 2001 — 1 Kommentar

Vom Elend des Sitzens

Morgen werd‘ ich mich ins weihnachtliche Endgetümmel werfen und mir ein Klemmbrett und einen Astronautenkuli zulegen, der auch dann noch schreibt, wenn die Spitze gen Himmel zeigt – so als Weihnachtsgeschenk für mich selbst, das mich hoffentlich zeitweise vom SITZEN befreit!

Mit der Hand schreiben? Vor kurzem noch hätte ich nicht im Traum an sowas Archaisches auch nur zu denken gewagt! Während einer Besprechung Notizen zu machen stellt mich regelmäßig vor das Problem, diese hinterher wieder entziffern zu müssen. Fähigkeiten, die man nicht regelmäßig übt, gehen eben über kurz oder lang verloren und die Handschrift steht seit Einführung der Textverarbeitung unverkennbar auf der Abschussliste.

Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen! Ich kann einfach nicht mehr sitzen. Seit Wochen schon merke ich, dass es mich wegzieht vom Monitor – nicht, um „da draußen“ im realen Leben auf Abenteuer auszugehen, sondern weil mir alles weh tut und ich mich nach wenigen Stunden schon wie „gestaucht“ fühle. Trotz Super-Bürostuhl, trotz Yoga, Fitness-Center, Sauna und gelegentlichen Spaziergängen gelingt es nicht mehr, die vielen Stunden vor dem Gerät so auszugleichen, dass ich mich in meiner Körperlichkeit vergessen kann. Schultern, Rücken, Lendenwirbel und Beine meinen schon nach etwa einer Stunde, nun sei es genug.

Was soll ich also tun? Mir einen anderen Job suchen? Ganz unmöglich, alles, was ich gut kann, braucht das Computer-Cockpit als Werkzeug und Kanal zur Welt. In einer Zeit, in der auch die letzten „Problemgruppen“ vom Arbeitsamt in PC-Kurse gezwungen werden, ist das keine Möglichkeit mehr, die man ernsthaft erwägen könnte. Und: es ist ja nicht nur die Brotarbeit, die mich „am Netz“ hält, sondern auch freie Aktivitäten wie dieses Diary, das Schreiben und Gestalten, praktisch aller Selbstausdruck und die Kommunikation mit Menschen an anderen Orten der Welt zwingt mich vors Gerät. Dazwischen das unverzichtbare Forschen, Suchen, Sich-Informieren, Neues lernen – gar nicht mehr vorstellbar ohne Google, ohne Mailinglisten und Web-Communities!

Aber es knirscht im Gebälk der materiellen Seite meines Daseins. Der Körper beschwert sich zu Recht, dass ich ihn einfach „absetze“ und dann „fort“ bin – dort, wohin Leben & Welt mehr und mehr auswandern, wo das Produzieren und Projizieren, das Kommunizieren und alles Steuern der Welt zunehmend stattfindet: im Cyberspace, der nur über ein Interface zu betreten ist, eine Grenzanlage, die das Materielle nicht durchlässt: Sorry, wir Körper müssen draußen bleiben….

Wir sind nicht angepasst an das Leben, das wir führen„, sagt der nette Trainer im Fitnesscenter und schaut zufrieden auf die Kunden, die sich an den Geräten nolens volens in Bewegung versetzen. Neulich wollte ich da mal einfach nur in die Sauna gehen, doch als ich durch den Gerätepark lief, spürte ich die Sehnsucht des Körpers wie eine leise aber dringliche Stimme aus dem Hintergrund: Komm, lass uns ein bisschen turnen… Ein seltsames Erlebnis der Gespaltenheit: WER ist denn hier verdammt nochmal ICH???!

Zersetzung

Vor wenigen Jahrhunderten war das Leben noch Bewegung. Von früh bis spät auf den Beinen, verrichteten die Menschen elend schwere Landarbeit und bewegten sich zu Fuß von Ort zu Ort. Die Industrialisierung hat dieses organisch-naturgesteuerte notwendige und selbstverständliche Bewegt-Sein zerschlagen zugunsten abgezirkelter Bewegungen im Rahmen der mechanischen Maschine. Das Fließband erzeugte ganz neue ungekannte Leiden an Körper und Geist. Der Körper war versklavt an den Takt der Maschine, aber doch immer noch gebraucht, gefragt, am Ball des Geschehens, der Geist litt unter der Monotonie. Heute sind wir – gottlob! – auch von diesem Elend befreit. Roboter und Programme machen die Arbeit in den Fabriken und es braucht nur noch ein paar Aufseher und Knöpfchendrücker, das Ganze am Laufen zu halten, sowie unzählige Brummi-Fahrer, die – sitzend! – die Produkte durchs Land kutschieren.

Wir haben uns vom Leid der körperlichen Anstrengung befreit, uns gemütlich hingesetzt und sind sitzen geblieben. Wir treffen uns zu Sitzungen, erlassen Gesetze und Satzungen, setzen uns auseinander, kämpfen um Besitz und Vorsitz und darum, uns durchzusetzen. Wer nicht funktioniert, wird versetzt oder abgesetzt. Allem können wir uns mehr oder weniger erfolgreich widersetzen, bloß nicht dem Sitzen selbst.

Der Mensch besteht zu über 80 Prozent aus Wasser. Stehende Wasser neigen dazu, in Fäulnis überzugehen. Zersetzung droht – was tun? Ich hab‘ von einem Stuhl gelesen, der durch minimalste Schwingungen das Zellwasser in Bewegung halten soll, aber so richtig durchgesetzt scheint sich das nicht zu haben. „Kleinste Schwingungen“ würden auch nicht mehr ausreichen, um meine Missempfindungen auf dem Stuhl aufzuheben. Seit Jahren guck‘ ich mir hoffnungsvoll an, was die Möbelindustrie so an Alternativen anbietet: den Kniestuhl, den Sitzball, vielfach einstellbare und bewegliche Bürostühle. Seltsamerweise kenne ich niemanden, der wirklich auf Dauer den üblichen Stuhl gegen den Ball tauscht oder sich kniend vor dem Monitor aufhält. (Letzteres würde uns wohl auch allzu deutlich zu Bewusstsein bringen, wie unser Verhältnis zur technischen Welt beschaffen ist).

Nein, ich will nicht mehr sitzen, will stehen, zur Not liegen – aber für diese Haltungen existieren keine erschwinglichen Möbel, die es gestatten würden, Monitor, Tastatur und Maus im Zugriff zu behalten. Noch dazu will ich zwischen diesen Haltungen abwechseln, damit das Leiden am Sitzen nicht nur durch ein anderes abgelöst wird (Krampfadern im Stehen, Wundliegen im Liegen…). Warum erkennt „der Markt“ eigentlich dieses Problem nicht? Weil die Entwerfer und Macher eben auch sitzen, vermutlich unter 40 sind und gar nicht daran denken, dass da was nicht in Ordnung sein könnte.

Also mit der Hand schreiben, im Liegen, im Stehen an einem Pult – nachher abtippen braucht jedenfalls viel weniger Sitzzeit, als wenn ich vor dem Gerät einen Artikel produziere, die meiste Zeit nicht schreibend, sondern in mich hineinlauschend, was für ein Text entstehen will.

Ob das geht? Vielleicht gelingt ja so eine kleine persönliche Revolte gegen den Sitzzwang, doch die Tatsache bleibt, dass der Körper für Wirtschaft und Gesellschaft in vieler Hinsicht überflüssig geworden ist. (Wer „drin“ ist, dessen Körper ist „draussen“) Was geschieht mit Überflüssigem? Wenn es nicht verschwindet, was uns als körper-basierten Wesen nicht möglich ist, bekommt es neue Funktionen: der Körper als Ware und Statussymbol, durchtrainiert, gebräunt und gepflegt, gepierced und tätowiert dient er perfekt gestylt dem Selbstausdruck. Schließlich werden ja perspektivisch auch immer weniger Menschen gebraucht, um die technische Welt zu steuern und zu entwickeln – der Rest muß ja doch eine Beschäftigung haben!

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Claudia am 21. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Weihnachtsliebe

Weihnachtsliebe

Pünktlich zum Winteranfang der Schnee! Eine Seltenheit in Berlin, wo sich die vierte Jahreszeit oft genug darauf beschränkt, dunkel, matschig, nass und abstoßend zu erscheinen, auf die Laune zu drücken und die zig Tonnen Hundescheiße auf den Gehwegen feucht zu halten. Ich bin begeistert – im letzten Eintrag hatte ich mir die Schneedecke gewünscht und prompt kommt sie runter, wenn das nicht ein gutes Zeichen ist! :-)

Zu Weihnachten werden die Menschen freundlicher, spenden für die Bedürftigen in aller Welt, kaufen öfter als sonst die Obdachlosenzeitungen und überlegen, wie sie anderen zum Fest eine Freude machen können. Was schenken in einer Welt, in der sich viele alles kaufen können, was sie brauchen? Und: Ist es nicht bloße Konvention, weihnachtlicher „Konsumterror“, dem man am besten ferne bleibt, womöglich gleich auf die Südhalbkugel entfliehend?

Früher dachte ich so, hörte schon mit 19 auf, zu schenken, hüllte mich in meinen Hochmut, lästerte ein wenig mit Gleichgesinnten über „die Massen“ und war froh, wenn die Feste endlich vorbei waren. Kernpunkt der Kritik, sofern wir in den 70gern überhaupt darüber nachdachten, war der Vorwurf der Heuchelei: Das ganze Jahr geht euch die Welt am Arsch vorbei, aber an Weihnachten ist Glaube, Liebe, Hoffnung angesagt – gestützt von nochmal ins Gigantische gesteigerter Völlerei, damit man’s besser erträgt! Oh böse Welt, geh wende dich und dreh dich bitte weg, dass ICH dich nicht mehr seh…

Welch‘ jugendliche Arroganz, denk‘ ich mir heute. Es ist ja ein Leichtes, sämtliche Konventionen in Grund und Boden zu kritisieren, die bösen oder banalen Motive dahinter zu entlarven und das immer auch Eigennützige hinter allen „guten Taten“ dingfest zu machen – aber dann? Folgt aus der Kritik eine bessere Praxis? In der Regel nicht – wofür man sich auch noch eine lange Zeit ganz unschuldig fühlt, je nachdem, wie lange es gelingt, von sich selber abzusehen, bzw. sich immer nur als Opfer der Verhältnisse zu betrachten.

In einer der vielen Internet-Umfragen der letzten Zeit (Quelle vergessen) wurde unter anderem nach dem ehrenamtlichen sozialen Engagement der Teilnehmer gefragt. Null Prozent konnten diese Frage bejahen! Das hat mich schon erschüttert, ich hätte zumindest eine kleine Minderheit an ehrenamtlichen Helfern erwartet, auch unter Web-Surfern, die ja demoskopisch mehr und mehr einem Querschnitt durch die Gesellschaft entsprechen dürften. Bevor ich mich über sowas dann aber richtig aufrege, fällt mir ein, daß ich die Frage auch selber mit „Nein“ beantwortet hätte – möcht‘ ich trotzdem weiter lästern? Vom Welthass zum Selbsthass fortschreiten? Wem würde das nützen?

In meiner Generation ist das Helfen in Verruf geraten, in vieler Hinsicht. Erstmal politisch betrachtet als „Symptomkuriererei“ am verhaßten „System“, später dann als psychologisch-hilfloses Dilettantentum, wo man besser professionelle Kräfte wirken lassen sollte: Therapie für alle! Das finale Totschlagsargument gibt sich dann spirituell und heißt: Man kann Anderen nicht wirklich helfen, allenfalls hilft man sich selbst. Selbstveränderung kann nicht von außen kommen, Einsicht ist nicht vermittelbar, jeder findet auf dem eigenen Weg das vor, was er verursacht hat – wer wären wir, jemanden davor „erretten“ zu wollen? Selbst wenn es funktionieren würde, würden wir dadurch nicht nur eine Entwicklung verzögern? Schließlich tritt Bewußtsein vor allem mitten im Leiden auf, wem es gut geht, der verfällt dem großen Schlaf…

Es ist vorbei mit der christlichen Nächstenliebe, zu Tode kritisiert im Abendland, Ersatz nicht in Sicht. Einige versuchen, das Licht aus dem Osten zu importieren, zum Beispiel die „Meta-Meditation zur Entwicklung liebender Güte für alle Wesen“ aus dem tibetischen Buddhismus. Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas an der eingefleischten Ignoranz, in der wir gewöhnlich leben, ändert. Mir kommen die tibetisch-buddhistischen Gemeinden vor wie die katholische Kirche in zeitgemäßer Fassung: wieder mystischer, prunk- und geheimnisvoller, ohne Gott, aber mit „grüner Tara“ – für mich funktioniert es so nicht, ich würde dann eher das Original nehmen, wenn ich mir von organisierter Religion noch etwas erhoffte.

Sich also abfinden mit der Kälte in der Welt? Sich in den warmen Whirl-Pool setzen und vierhändig ayurvedisch massieren lassen, wenn es sich zu ungemütlich anfühlt? Weihnachten zeigt Jahr für Jahr einen Restbestand an Unzufriedenheit: der Wellness-Gedanke ist doch ein wenig dünn als Erbe ehemaliger Groß-Werte wie Liebe, Güte und Solidarität. Läßt er sich vielleicht erweitern? Soweit, daß zum EIGENEN Wohlfühlen auch das Wohl des Anderen gehört? Und OHNE dass man dem anderen mit jedweder Zuwendung gleich eine Forderung mitliefert: Du sollst dich nach meinen Vorstellungen ändern, sonst… ?

Schreibend läßt sich das nicht feststellen, man muß es ausexperimentieren. Und deshalb mach‘ ich an dieser Stelle besser Schluß.

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Claudia am 17. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Nichts Besonderes

Nichts Besonderes

Heute wollte ich eigentlich zu einem Meeting über „barrierefreies Webdesign“ – doch nachdem ich mich eine Stunde durch den Stau gewühlt hatte, stellte sich heraus, dass das Treffen am anderen Ende der Stadt stattfindet – verlegt ohne rechtzeitige Ankündigung! Das war mir dann doch zuviel, ich fuhr wieder nachhause. Die Inhalte werde ich von Kollegen ja sowieso erfahren und offizielle „Funktionsträgertreffen“ sind eh nicht so mein Fall. Jetzt sitze ich also ganz unverhofft wieder hier und genieße die gewonnene Zeit.

Diese letzte Woche vor Weihnachten ist einfach wunderbar, so langsam kommt die gewöhnliche Geschäftigkeit zum Erliegen, die Dinge verlangsamen sich. Zwar erleben viele noch eine Art Endspurt, aber das Augenmerk liegt nicht mehr so auf Neuanfängen, sondern auf Abwickeln, fertig bekommen – und dann ist erstmal Pause. Es fehlt nur noch eine eiskalte Schneedecke, die alle Geräusche auf den Straßen dämpft und alles ist perfekt.

Und jetzt verlasse ich den Monitor und mach‘ selber Pause – lese gerade das Buch von Francois Jullien „Der Weise hängt an keiner Idee – Das Andere der Philosophie“ – und als Kontrastprogram „Die Hirnkönigin“ von Thea Dorn „Die Hirnkönigin“. Weitere Lesetipps für stille Tage kämen mir jetzt ganz recht… :-)

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Claudia am 14. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Das Licht der tiefsten Nacht

Das Licht der tiefsten Nacht

Nur noch wenige Tage bis zur längsten Nacht. Ich merke, wie sich meine Aufmerksamkeit von den 1000 Kleinigkeiten des Alltags abwenden will – nach innen, oder „hinter“ die Dinge, in einen Raum, der den Worten nicht so leicht zugänglich ist. Vielleicht ist es das schwindende Licht, das ganz unbewußt an Vergänglichkeit und Tod erinnert, worauf der Verstand mit allerlei Sinnfragen antwortet. Was tun wir „hier“ eigentlich? Ist es nicht verrückt, angesichts des großen Geheimnisses, das unser kurzes Dasein ahnen läßt, von früh bis spät in Nebensächlichkeiten zu versinken?

Lange schon weiß ich, dass es keine den Verstand befriedigenden Antworten gibt, jedenfalls keine, die man einfach nachlesen oder nachleben könnte. Also keine Suche mehr, es genügt, sich in der Stimmung der Frage aufzuhalten und zu spüren, was für Gefühle aufkommen: Melancholie, Anflüge von Traurigkeit, doch inmitten des dunkelsten Bereichs auch eine Freude, die man gerade dort nicht erwarten würde. Das muß das Licht sein, das symbolisch in der längsten Nacht entzündet wird, ein Eindruck, der mich mit den Seltsamkeiten des Weihnachtsfestes, wie es heute zelebriert wird, immer wieder versöhnt.

Diesen Punkt der Freude hinter der Traurigkeit berührend, verändert sich der Blick auf die Welt und wird zärtlich. Aber diese Zärtlichkeit macht gleich noch trauriger. Auf einmal springt so viel sinnloses Leiden ins Auge, das sich mit einer „realistischen“ Haltung weit besser ertragen läßt, mit dem üblichen Zynismus, mit cooler Schnoddrigkeit, mit steter Konzentration auf den eigenen Nutzen, das eigene Meinen und Wollen, das dann von anderen auch nichts anderes, jedenfalls nichts Besseres erwartet.

Dieses hingeschrieben, hört es sich schon wieder wie ein Vorwurf an, oh Elend der Sprache! Gibt es einen Weg, etwas auszudrücken, ohne aufgrund bloßer Beschreibung gleich der Kritik verdächtig zu werden? Kritik ist das verbale Rüstzeug in der Welt des Kampfes, doch wovon ich sprechen will, liegt jenseits davon. Wenn mir zum Beispiel einer dumm kommt, mich angreift, mir in irgend einer Hinsicht am Zeug flicken will, bin ich üblicherweise auf Verteidigung eingestellt – oder, wenn der Gegner übermächtig ist oder die Sache es für mich nicht lohnt, auch auf Ausweichen, auf Flucht oder schlichtes Ignorieren. Ich kann aber auch – zumindest dann, wenn dieser „Punkt der Freude“ gerade zugänglich ist – „hinter“ den Angriff sehen, die Motive und Gefühle mit-spüren, die den Anderen zur Härte zwingen. Das bedeutet, Angst und Unsicherheit wahrzunehmen, Verzweiflung, Haß und innere Verwüstungen an sich heranlassen, ganz genau so nah, als wären es die eigenen. Ja, es SIND in gewisser Weise die eigenen, denn wir sind alle aus demselben Holz geschnitzt.

Sofern und solange das gelingt, bin ich voller Zärtlichkeit – und traurig über das, was ist. Das Visier klappt NICHT herunter, sondern meine Weichheit teilt sich dem Anderen mit. Geschieht das im „ganz normalen Leben“, kann es sein, daß der Kampf endet, bzw. gar nicht erst beginnt. Das ist dann kein üblicher „Kontakt“ mehr, wie wenn die Billardkugeln aufeinander treffen, sondern eine Begegnung von Menschen als Menschen: als diejenigen, die sterben müssen und immer schon darum wissen.

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Claudia am 08. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Jahresendwuselei

Jahresendwuselei

Ob ich zum Diary keine Lust mehr habe, fragt mich eine Leserin. Oh doch, aber ich komm‘ nicht dazu, bin regelrecht verschüttet unter einer Menge kleiner und großer Aktivitäten, die jetzt alle in diesen Tagen fertig werden müssen. Am Schlimmsten ist „Steuer 2000“, zumindest solange ich’s nicht angefangen habe, sondern nur mit Grauen an das Zusammensuchen von 1000 Zetteln denke, ans Durchwühlen der Festplatte nach nicht ausgedruckten Rechnungen, das Durchforsten und Abgleichen der Kontoauszüge und vieles mehr. Macht mich ganz krank, dieser Papierkram und ich schieb es immer vor mir her bis auf den letzten Drücker.

Zudem ist grad noch ein letztes Update des Webwriting-Magazins für dieses Jahr in Arbeit, vier Artikel, darunter ein längeres Tutorial über „Seiten gestalten ohne Tabellen“. Ewig lang hab ich mich geweigert, jeden technischen Schnickschnack mit zu machen, doch das ist jetzt mal eine Weiterentwicklung in Sachen Webdesign, die wirklich ‚was bringt. Lernen ist also angesagt, wo Michael schon so gut dabei ist, das ganze Thema breit und verständlich aufzubereiten. Weil ich aber immer gleich ein Ergebnis sehen will, soll das derzeit etwas grausig aussehende *Portal der Liste Netzliteratur ein schöneres Outfit bekommen – ohne Tabellen!

Und wenn ich schon mal viel zu tun habe, melden sich natürlich auch noch diverse Auftraggeber mit kleinen Nacharbeiten: hier ein Dokument ‚rein, dort ein neuer Link – und dann neuerdings Autoren, die in meinen Uralt-Projekten ‚was gelöscht oder geändert haben wollen: ganze Artikel ‚raus oder zumindest die Mailadresse weg – Himmel nochmal, ich glaub‘ wenn ich nochmal ein „Mitschreibprojekt“ aufziehe, nehme ich Gebühren für jede Änderung und lasse mir das vorher bestätigen!

Weihnachtsrummel? Findet bei mir gottlob nicht statt. Wenn ich wie heute mal in eine Markthalle gerate und dort herrscht die Weihnachtseinkaufswochenendhektik in grellem Lichterglanz, lautstark mit „Stille Nacht“ untermalt und alle treten sich in der Eile gegenseitig auf die Füße, dann treibt es mich gleich rückwärts wieder ‚raus. Nix gegen Aufschwung, aber ich versteck‘ mich dann lieber in meinen halbwegs ruhigen vier Wänden. Meine Adventskalenderliste vom vorigen Jahr hab‘ ich dann aber doch noch aktualisiert, als ich auf einmal merkte, daß da plötzlich viele Surfer landen. Ein „Dead End“ oder „Loch im Netz“ (404 file not found) mag ich einfach nicht in meinem Web.

Buddhastatue Derweil hab‘ ich für mich Ebay entdeckt! Bisher nur davon gehört und gelesen, konnte ich mir nicht vorstellen, was mich persönlich da reizen könnte. Mein Interesse an Gegenständen geht ja eher in die Richtung ‚Wie werde ich sie los?‘ Wow, jetzt hab‘ ich aber mal versuchsweise nach Buddhastatuen gesucht und bin ganz entzückt von der Vielfalt, die sich da zeigt. Stundenlang Buddhastatuen angesehen, obwohl ich weiß Gott anderes zu tun hätte – hab mich sogar registriert, „beobachte“ neun verschiedene Objekte und morgen werd‘ ich vermutlich erstmalieg BIETEN. Bin ganz hingerissen…. ich liebe ja Buddhastatuen und wenn ich viel Geld hätte, wäre ich Sammlerin. Naja, es gibt auch ganz preiswerte kleine Buddhas… :-)

War’s das jetzt? Nein! Schrecklich gern würde ich sofort zum Thema „Drin sein – Öffentlichkeit / Offenheit“ weiterschreiben, zu dem im Diary-Forum ein interessantes Gespräch läuft – im Hinterkopf entstehen ganze Artikel-Webs, aber dazu brauch‘ ich Ruhe, Besinnlichkeit, Stille – kommt gewiß, kann sich nur um Tage handeln.

Buddhastaue

 

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Claudia am 28. November 2001 — Kommentare deaktiviert für Zum Lernen gezwungen?

Zum Lernen gezwungen?

Seit gestern starke Wurm-Attacken, ich bekomme Mails von Bekannten und Unbekannten mit Anhängen wie „me_nude.mp3.scr“ – und allermeist wissen die armen Opfer nicht, dass ihr PC den Virus hat. Er verschickt sich selbst an alle, die im Adressbuch des Mailprogramms stehen, zusammen mit Dateien, die er vermutlich auf dem PC des Betroffenen findet – z.B. im Ordner „eigene Dateien“.

Ich habe KEIN Virenschutzprogramm installiert, das hätte auch nichts genützt, denn nur die allerneuesten Updates hätten ihn erkannt. Zudem verhält sich so ein Programm, auf „volle Wächterfunktionen“ geschaltet, oft selber so sperrig, daß es mich mehr stört als die Viren, vor denen es doch schützen soll. Mich schützt allein Wissen und Erfahrung: Niemals zweifelhafte Attachements öffnen, doppelte Datei-Endungen (.doc.rsc) sind unsinnig, also vermutlich feindselig. Ganz wichtig: Jedes „automatisch“ irgendwo mitgelieferte zusätzliche Microsoft-Programm erhöht die Gefahr. Die meisten Viren sind für das MS-Mailprogramm geschrieben, denn es ist am verbreitetsten: Wer macht sich schon die Mühe, etwas anderes auszusuchen, zu installieren und zu lernen, wenn Outlook doch „im Bundle“ mitkommt und keine weitere Arbeit macht? Und so entsteht eine Monokultur, die – genau wie in der ersten Natur – für Virenangriffe immer anfälliger ist.

Was hier stattfindet ist eine Art Bürgerkrieg auf dem PC und auf Internet-Servern. Er wird meist „just for fun“ geführt, die oft jugendlichen Programmierer wissen offensichtlich nicht wohin mit ihrer Kreativität und freuen sich, weltweit für Ärger und Verunsicherung zu sorgen. Neben Datenverlusten, die gelegentlich echte Schäden anrichten, ist der übelste Effekt solcher Virenattacken der, daß unzählige Menschen dazu gezwungen werden, sich mit schlichter Verteidigung zu befassen und nicht mit Inhalten, die die Welt wirklich braucht.

Guru-Wissen ?

Seit 1992 arbeite ich am Computer und ich erinnere mich gut, wie interessant es im ersten Jahr noch wahr, die seltsamen Fehlfunktionen zu erforschen. Ein kundiger PC-Freak half mir, wenn er mal streikte. Wir saßen stundenlang zusammen vor dem schwarzen DOS-Screen und ich fragte immer wieder: Was machst du jetzt? Woran hat es denn gelegen? Zwar wußte ich um die Grundstrukturen und Funktionen eines PC, denn das Arbeitsamt gönnte mir gerade eine Umschulung/Weiterbildung zur EDV-Fachkraft – aber bis in die Feinheiten reichte mein Anfängerwissen nicht. Lernbegierig bewunderte ich den Könner neben mir, der in die Tasten hackte und kryptische Meldungen erzeugte, immer neue „Parameter“ ausprobierte, dies und jenes neu installierte bis irgendwann das Gerät wieder brav tat, was es sollte.

Im Lauf mehrerer solcher Sessions, die oft bis tief in die Nacht reichten, erkannte ich dann zu meiner großen Enttäuschung, daß mein kundiger Helfer keinesfalls „wußte“. Alles was er tat, war ein stetes Ausprobieren und Austauschen, Aus- und wieder Einschalten, ein Modulwechsel im Stil Versuch & Irrtum – er war genauso weit entfernt davon, zu wissen, „woran es denn gelegen hat“ wie ich. Und er vermittelte mir beiläufig, dass es ein solches „totales Wissen“ hier gar nicht geben kann, denn schon an einem einzigen Großprogramm haben hunderte Menschen entwickelt, Fehler bereinigt, dabei neue erzeugt, neue Versionen geschaffen und neue Technologien & Strategien eingearbeitet – und von derlei Programmen „lebt“ eine ganze Armada auf jedem PC, es ist geradezu ein Wunder, wenn er mal länger einwandfrei funktioniert. Genausowenig, wie man heutige Autos noch „kundig“ reparieren kann, sondern nur noch Teile austauscht, ist der PC nicht mehr wirklich durchschaubar, lange schon nicht.

Das war das Ende meines Interesses an der Maschine selbst. Ich war nicht weiter bereit, Hirnschmalz und Arbeitszeit zu investieren, um meinen PC zu „pflegen“ und „auf dem Stand“ zu halten. Geradezu amüsiert hat mich die Tatsache, dass sich so mancher, meist männliche Besuch „just for fun“ mit meinem Gerät beschäftigte, mal ein bißchen Platte komprimieren, mal kaputte Dateien entfernen, dies und jenes „eleganter“ anordnen, Einstellungen verändern, damit es SCHNELLER geht – es machte ihnen offensichtlich Freude. Mir kam das zunehmend so vor, als würde man während eines Besuchs mal eben ein bißchen zusammen das Auto waschen und schnell mal den Motor reinigen… nicht unbedingt ein Zeitvertreib nach meinem Geschmack, aber wenn es jemanden glücklich macht…

Was droht?

Mich macht es nicht glücklich, es raubt mir nur die Zeit für sinnvolle und freudige Aktivitäten. Einen PC will ich benutzen, um etwas zu tun – also schau ich strikt auf den Schaden, der schlimmstenfalls droht, wenn ich mich der Technik als solcher verweigere und NICHT jedes Update, jedes „Patch“ und vielfältige Sicherungen und Verteidigungsanlagen installiere. Was droht? Im übelsten Fall ein voller Datenverlust – na und? Meine sämtlichen Webwerke und Arbeitsstadien für Kunden sind auf Webservern im Netz, könnte ich mir alles neu herunterladen. Eine zweite Festplatte dient als Parkraum für weitere Daten, selten gehen mal beide Festplatten gleichzeitig kaputt! Und dann brenn ich noch gelegentlich eine CD, naja, nicht oft genug, aber bisher ist mir noch nichts Schlimmes zugestoßen.

Wenn ich überlege, wieviele Arbeitsstunden mir diese Herangehensweise schon gerspart hat, komm ich locker auf die Kosten des neuen PC, den ich mir alle drei Jahre kaufe! (Volles Update inbegriffen, ob ich will oder nicht).

Und doch: ein bißchen um die Basics wissen, ist schon ganz sinnvoll! Erst dann kann man nämlich kundig Lern- und Arbeitsverweigerung betreiben. Die Mär, es sei „alles ganz einfach“ ist eine glatte Lüge, die Menschen dazu verführen soll, zum Beispiel die Microsoft-Monokultur auf ihrem Gerät automatisch wachsen zu lassen. Viele wissen auch nicht, was das Internet ist und wie das Zusammenspiel zwichen den verschiedenen Diensten (Web, Mail, FTP etc.) eigentlich abläuft. Wenn dann plötzlich etwas nicht funktioniert oder in der Presse über Viren, Trojaner, Sicherheitslücken, Ausspioniert-werden und Datenklau berichtet wird, können sie diese Ereignisse und Meldungen nicht einordnen, fühlen sich verunsichert und ausgeliefert. Mit Tretroller-Kenntnissen einen Jumbo fliegen – vermutlich geht das heute, denn es gibt ja den Autopiloten und automatisierte Start- und Lande-Prozesse. Aber wer würde sich schon gern einem solchen Piloten anvertrauen?

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