Claudia am 08. September 2011 — 8 Kommentare

Gartengedanken: glückliche Arbeit und der Sinn

Ein Rundgang durch den Garten firmiert in meiner persönlichen Gartenkultur nicht als „Arbeit“. Hab‘ ich erstmal Kaffee getrunken und die Lage der Welt im Gespräch mit dem Liebsten ausreichend kommentiert, ist es Zeit, herum zu laufen und zu bewundern, was so ein „naturnaher“ Garten Anfang September zu bieten hat.

Als poetisch Unbegabte versuche ich mich jetzt nicht an einer Beschreibung, die dem Erleben nahe kommt, sondern komme zum Punkt, der mir als „Gartengedanke“ festhaltenswert erscheint:

Mir ist aufgefallen, dass es fast nie gelingt, so einen absichtslos und bloß neugierig-genießerisch begonnenen Gartenrundgang auch zu Ende zu bringen. Schon bald fange ich an, z.B. die verdorrten Stengel des verblühten Sauerampfers zu pflücken, ein Beet zu mulchen, den Streifen zum Nachbarn vom nachgewachsenen „Unkraut“ zu befreien – und nichts von alledem hatte ich vorgehabt. Regelmäßig „vergesse ich mich“ bzw. die ursprüngliche Spaziergangsabsicht und folge dem Ruf der Gegebenheiten, widme mich den Erfordernissen, wie sie sich mir gerade aufdrängen. Komme dann fast unbemerkt vom „drüber reden“ ins Handeln, vom Bedenken der Möglichkeiten ins konkrete Tun. Und irgendwann sagt mein Gartengefährte, der auch seinerseits schnell Beschäftigung fand: Wir wollten doch nur einen Rundgang machen…

Das Hineingleiten in Arbeit, wie ich es im Garten erlebe, geschieht intuitiv und macht richtig glücklich. Tun, was anliegt – in selbst gewählter Geschwindigkeit. Das passiert ganz ohne Stress, ohne erst so etwas wie ein Pflichtgefühl zu spüren, was ja immer schon bedeutet, dass man „eigentlich“ lieber etwas anderes täte.

Warum ist Arbeit in unserer Welt so selten von dieser Art? Wenn es dem Menschen eigen ist – woran ich nicht nur aufgrund dieser Gartenerfahrung glaube – sich spontan der Weltgestaltung zu widmen, warum sind unsere Ausbildungsysteme und Arbeitszusammenhänge in aller Regel darauf aus, diese freudigen Arbeitsimpulse abzugewöhnen? Mit dem Erfolg, dass es die meisten für völlig normal halten, einen ungeliebten Job anzutreten: Hauptsache Arbeit…

Mark Zuckerberg, Milliardär und Chef von Facebook, hat gerade beklagt, dass er viel zu viel Zeit im sozialen Netzwerk verbringe. In der Zeit hätte er mit „Sinnvollerem“ glatt ein (weiteres?) Vermögen machen können.

Ist der SINN wirklich im bloßen Geld verdienen zu finden? Wie sinnvoll ist das insbesondere dann, wenn man schon Unmengen (oder auch einfach nur genug) davon hat?

Naja, das ist nun nicht exakt mein Problem… :-) Am glücklichsten arbeite ich, wenn ich über den Sinn gar nicht erst ins grübeln komme… so, wie im Garten eben.

Diskussion

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8 Kommentare zu „Gartengedanken: glückliche Arbeit und der Sinn“.

  1. […] Gartengedanken: glückliche Arbeit und der Sinn […]

  2. „Wir wollten doch nur einen Rundgang machen…“,
    selbiges sage auch ich, wenn wieder überall und hier und da gezuppelt und gerichtet wird.

    Aber es ist immer ganz lieb gemeint, so, als wolle man den Menschen mit diesem Einwurf aus einer Art Trance nochmals kurz in die Realität zurückholen, um ihm bewusst werden zu lassen, in welch schöner Versunkenheit er ist.

    Mir sind alle diese Gartendinge fremd, aber ich kann mich immer wieder daran erfreuen, in welch ruhigem und dem scheinbar allem weltlich abgewandten, die Verrichtungen im Garten erfolgen. Oder – das kann ich mir aber garnicht vorstellen – denkt man dabei über irgend etwas nach? Das wäre eigentlich, na – irgendwie schade.

  3. Glücklich und Sinn erscheinen mir meist unkompatibel.

    Der Sinn als solcher ist wohl eher eine Erfindung des menschlichen Verstandes. Das, was wir Gott oder auch die Schöpfung nennen, braucht keinen Sinn – Es bzw. sie läuft ganz von selbst, genau wie solcher Gartenspaziergang in Verbindung mit den notwendigen Erledigungen, was wiederum dem Glück nahe kommt, obwohl es sinnvoll erscheint ;-))

  4. @Menachem:

    die „Gartendinge“ finden nicht außerhalb der Welt statt! Als Gartenmensch hast du es (vermeintlich..) in der Hand, was da wachsen soll und was nicht. Wie man pflegt und verteidigt, ob man sich für „schön“ oder „nützlich“ entscheidet (wobei nützlich gleich wieder die Frage aufwirft, FÜR WEN?) – es gibt so VIELE Fragen, auf die ich im Garten mit jeder Handlung antworte. Ständig sind Werte-Entscheidungen gefordert, kaum etwas kann man als Stadt-sozialisierter Mensch mal eben so „intuitiv“ richtig machen. Weil man das eigene „richtig“ auch erst finden muss…

    So ist ein interaktiver Umgang mit der Herausforderung „Garten“ geistig durchaus anregend! Man kann in vielerlei philosophische Gedanken eintauchen, die jedoch nie abgehoben und abstrakt daher kommen.

    Das alles kommt dann aber plötzlich aus dem Tun oder nach dem Tun. Während einer konkreten Arbeit wird der Kopf tatsächlich angenehm leer, bzw. jegliche innere Bezugnahme auf Vergangenheit und Zukunft entfällt. Das ist wie bei allen „händisch-konkreten“ Arbeiten: man kann wunderbar „abschalten“ und fühlt sich danach sehr gut von jeglichem Gedankengewitter/Info-Overflow erholt!

    @Herrmann:

    für mich ist es Glück, wenn ich mich nach eigenen Kriterien sinnvoll betätige. Dafür muss ich nicht darüber befinden, ob Gott Sinn braucht, und muss der Natur keinen solchen zu- oder absprechen. Der Sinn ergibt sich interaktiv zwischen mir und der Welt – in jeder Situation neu.

    Toll wäre eine Welt, in der ich aus der Wohnung treten könnte und mit Blick auf die Treppenhauswände befinden:
    „Hier sollte wieder gestrichen werden! Grün wäre schön…“.
    Meine Idee tippe ich dann kurz ins Interface, worauf sie in den lokalen Streams (Tag „wohnen“) meiner Mitmieter und der Hausverwaltung erscheint.
    Binnen 24 Stunden hat der Vorschlag die nötigen Votes, worauf die HV den Auftrag ausschreibt:
    „Wände streichen (nach Abstimmung des Farbtons mit allen) ist X Points wert.“
    Wenn binnen 48 Stunden niemand aus dem Kreis der Bevorrechtigten (= Mieter, deren Freunde etc.) zuschlägt, bekommt den Auftrag die bewährte Firma Wir-malern-alles, die beim letzten Jahres-Casting die meisten Empfehlungen bekommen hat. Anschließend zahlen alle Mieter für ein Jahr X Points mehr Miete, was der Hälfte der Kosten entspricht. Den Rest zahlt der Eigentümer.

    Ja, ich schweife ab – und doch ist es ein Gedankenspiel zur Frage: Wie müsste die Welt organisiert sein, damit sich ein ähnliches Sinngefühl durch den Alltag erhält, wie ich es aus der Gartengestaltung kenne?

  5. Hab Dank, @Claudia, für deine Erklärung. Es hat mich schon immer interessiert, was wohl in den Köpfen der Gartenliebhaber vor sich geht, wenn sie diesen pflegen.
    Mir geht es so ähnlich beim Motorrad fahren, was du beschreibst. Man sitzt da drauf, fährt durch die Gegend und ein Außenstehender würde wohl meinen, man schaut sich die Landschaft an.
    Doch gehen mir dabei viele Dinge durch den Kopf und auf einmal bin ich selbst erstaunt, dass ich schon am Ziel bin.

    Nicht selten auch ein bisschen sauer dabei, das anstatt der schönen Landschaft zu genießen – der Alltag einen doch nicht von jetzt auf gleich loslassen will.

    Aber dennoch, macht es mir immer wieder riesige Freude.

  6. Durch den Garten gehen, hier mal zupfen, da mal schneiden, Pflanzen rein, Pflanzen raus, Erde abschütteln, Kompost riechen, die ganze Wühlerei- dabei ab und zu hoch in den Himmel gucken, das ERDET wie verrückt!!
    Gruß von Sonja
    P.S. Überrascht und interessiert lese ich hier manch intellektuellen Gedanken zum Thema. Das fand ich noch nirgendwo sonst!

  7. @Wildgans: danke, das macht ja richtig Lust darauf, meine „intellektuellen Gedanken“ rund ums Gärtnern mehr auszubreiten – das mach ich dann aber doch im Gartenblog! Auch da kann ein Beitrag ja mal länger sein….

  8. Hej Claudia

    „Am glücklichsten arbeite ich, wenn ich über den Sinn gar nicht erst ins grübeln komme… so, wie im Garten eben.“

    Ahh, das kenne ich ja selbst aber so passend kam mir das noch nie..in den Sinn! :-))

    Das nehme ich mir mit in den Tag!

    Kap Horn

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