Claudia am 23. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Der Abschied, die Katze, das Leiden

Der Abschied, die Katze, das Leiden

Die Spannung steigt. Gestern den unterschriebenen Mietvertrag mit sieben Anlagen an den Makler geschickt und die Kaution für die neue Wohnung in Friedrichshain überwiesen. Jetzt muß noch die „Gegenseite“ unterschreiben, dann ist der Umzug „im Kasten“. Eigentlich dürfte nichts mehr dazwischen kommen, doch bin ich gewohnt, nicht auf Dinge zu vertrauen oder gar zu hoffen, die noch nicht ganz sicher sind. (Auch das ein Teil der selbst anerzogenen Verteidigungshaltung gegenüber der Welt: Nichts wünschen, nichts erhoffen, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden). Weiter → (Der Abschied, die Katze, das Leiden)

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Claudia am 23. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Am Puls der Zeit: Bush-Besuch

Am Puls der Zeit: Bush-Besuch

Vermutlich ist es das Alter: Herr Bush und alle, die in diesen Tagen einen solchen Wirbel um seinen Besuch veranstalten, langweilen mich. Heut‘ will er, so ist zu hören, eine HISTORISCHE Rede im Bundestag halten – ach, ich bin mir fast sicher, dass in dieser Rede kein halber Satz vorkommen wird, den man nicht schon kennt, nicht so oder ähnlich erwartet. Und alle Nachrichtensprecher, Kommentatoren und Reporter auf den Straßen tun ebenfalls ihr bestes, vorgestanzte Sätze und Statements auszutauschen. Demonstranten in karnevalesken Kostümierungen geben brav zu Protokoll, gegen was sie jetzt gerade demonstrieren und wenden sich dann wieder dem fröhlich-bunten Miteinander zu. Trommeln dröhnen, die Leute tanzen, einzelne führen akrobatische Kunststücke vor – man kann nicht unterscheiden, wer hier demonstriert und wer nur flaniert, sagt ein Reporter.

Mir reicht es, alles vom TV aus anzusehen, man sieht sehr viel mehr und wenn ich mich ärgere, kann ich es ausschalten. Schon der Karneval der Kulturen am Sonntag war medial betrachtet sehr viel angenehmer, denn es hat die ganze Zeit geschüttet.

Am Dienstagabend kam alles ein wenig näher – wie immer, wenn die Welt „gewalttätige Ausschreitungen befürchtet“, versammelten sich mehrere hundert junge Menschen auf dem Boxhagener Platz, viele mit Bierflaschen in den Händen. Bald war der Bär los, wieder erklangen die „Bush-Trommeln“, ab und an redete jemand Unverständliches in einen Lautsprecher, gelegentlich raffte man sich zu kurzen Sprechchören auf („Hoch die internationale Solidarität!“). Ich ging runter, wollte mal gucken, die Atmosphäre aus der Nähe schnuppern, aber da die Wannen/Einsatzfahrzeuge sich grad von allen Seiten um den Platz stauten, hab mich lieber wieder verzogen. Zwar werde ich normalerweise (altersbedingt..) von den Polizeibeamten nicht mehr als „Zielgruppe“ wahrgenommen, aber es war verdammt dunkel.

Vieles erinnert mich in diesen Tagen an die 80ger, ich war Ende zwanzig, voll begeistert und hoch engagiert „Häuserkampf“, Anti-Reagan-Demo, TUWAT-Festival – oh, wenn ich anfangen würde, davon zu erzählen, wär ich genau wie der Opa, der immer die Geschichten von „damals im Krieg“ zum besten gab, ob sie einer hören wollte oder nicht.

Anders als der nervende Opa bin ich mir nicht sicher, inwieweit ich überhaupt noch ein Geschehen „richtig“ beurteilen kann. Zwar sehe ich die Ähnlichkeit der äußeren Formen zu „früher“, gleichzeitig nehme ich auch Unterschiede wahr. Alles kommt mir ein wenig unecht vor, als zelebrierten die Menschen weitgehend bewusst hohle Rituale, ein Protest ohne Herz und ohne echte Wut, abgeleistet für die Medienwelt weil es nun mal sein muss, wenn ein amerikanischer Präsident kommt. Dass man versucht, dabei ein Maximum an Spaß und guter Unterhaltung mitzubekommen, versteht sich von selbst. Die Bush-Demo als Event der Spaß-Gesellschaft – von den Berlinern nur mit gebremstem Schaum mitgetragen. Zu komplex sind die Themen, nur wenige formulieren noch klare Feindbilder, der Schatten des 11.Septembers hindert viele daran, in ein schlichtes „Ami go home!“ einzustimmen. Auch die befragten Demonstranten äußern sehr differenzierte Meinungen, so dass praktisch jeder etwas anderes sagt.

Das sind meine Eindrücke – inwieweit sie etwas Objektives beschreiben oder mich nur selber spiegeln, kann ich nicht wissen. Berührt hat mich das Statement eines amerikanischen Journalisten, der sagte, er erlebe die Demos nicht als anti-amerikanisch, dieselben Proteste gäbe es weltweit und auch in den USA selbst. Im übrigen sei es gut, wenn in Deutschland demonstriert werde – erst wenn NICHT mehr demonstriert werde, bekäme er Angst.

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Claudia am 15. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Die ganz normale Korruption

Die ganz normale Korruption

Schon im Wort selber schwingt Entrüstung mit: KORRUPTE Politiker! Kann man das auch ganz emotionslos sagen? So wie „Baugenehmigung“ oder „Evolutionsvorsprung“? Eher nicht, beim Aussprechen oder Niederschreiben stellt sich im Gegenteil die Gier ein, noch eins drauf zu setzen: Widerlich-korrupte Politiker-Bande! Schamlose Selbstbereicherung! Übelster Spendensumpf! Und je mehr man um Worte ringt, desto größer wird die Entrüstung. Die ansonsten belächelten Schlagzeilen der BILD-Zeitung können jetzt gar nicht groß genug sein, gewaltige Lettern schreien die eigentlich nie richtig neue Wahrheit quer über die Straße: KORRUPTION! Und auf einmal ist das gut so. Weiter → (Die ganz normale Korruption)

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Claudia am 13. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Die Oder, der vergessene Fluß

Die Oder, der vergessene Fluß

Achtzig Kilometer sind es von Berlin bis zur Oder. Der Kontrast zur Stadt könnte nicht größer sein: eine kilometerbreite Auenlandschaft, aus dem Wasser ragende Weidenwäldchen und Gebüsche, mäandernde Nebenarme, Tümpel, Weiher, Sümpfe und fette Wiesen, alles blüht, summt, duftet und wiegt sich tänzerisch im Wind. Drüben auf der polnischen Seite ein breiter Gürtel wegloses Schilf, dahinter Wälder. Der Blick sucht ganz aus alter Gewohnheit die üblichen Wunden und Schründe megalomaner Menschenarbeit – nichts!

Seeadler kreisen hoch über dem Fluss, elegante Graureiher strecken ihre schmalen Schnäbel in die Luft, Störche stolzieren gemütlich durch den Überfluss, der sich ihnen in den stehenden Wassern anstrengungslos darbietet: Hunderttausende Frösche und Kröten konzertieren lautstark ihre Erregungszustände. Kaum verebbt das Geckern und Quaken in dem einen Weiher, hebt es umso beeindruckender in einem anderen wieder an. Ich muss an Nachrichten denken, wie sie sich wellenförmig über verschiedene Medienkonglomerate immer wieder hochschaukeln – den Fröschen nehme ich die Geilheit nicht übel, die aus ihnen schreit.

Ich spaziere auf dem Damm entlang – ach ja der Damm, das große Werk. Wäre er nicht errichtet worden, würde sich diese Wildnis zwanzig Kilometer in Richtung Berlin erstrecken, den „Oderbruch“ gäbe es nicht. Ein flacher, tief liegender Streifen fetter Erde, für Brandenburg eine Seltenheit. In Abständen hingeduckt altertümliche bäuerliche Anwesen, teils verlassen und verfallen, aber auch lebendige darunter. Wahre Idyllen für das Auge des Städters, Fachwerkhäuser in beige und braun, marode Schuppen, nicht ganz ernst gemeinte Zäune um blühende Gärten – RICHTIGE Gärten, nicht so etwas Aufgeräumtes, Rasenmäher-gepflegtes wie in den stadtnahen Einfamilienhäusern der Pendler.

Und sonst? Nichts. Das hat mich schon immer gewundert, seit ich die Oder das erste Mal sah. Keine Yachten und Tretboote, kein Kanu-Sport, kein Wasserwandern, man muss schon ein paar Stunden warten, bevor mal ein Schiff vorbei kommt – und das ist dann ein kleiner Transporter, keinesfalls ein Ausflugsschiff. Auch kein „Strandleben“ an den Ufern, keine Cafés, nirgends Restaurants oder gar musikbeschallte Biergärten – und, das wundert fast noch mehr – auch kein „Ökotourismus“. Kein Naturlehrpfad ruft mir Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in Erinnerung, kein Infocenter belehrt über die hier noch erhaltene Tier- und Pflanzenwelt und legt rote Listen aus. Mein Gott, wo bin ich hier? Eine richtige Wildnis mit allem Drum und dran eine gute Stunde vor Berlin – und völlig ignoriert!

Der Rhein, dieser voll-betonierte Abwasserkanal, wird immer noch heftig besungen, Elbe, Donau und Spree sind dichterisch und touristisch in aller Munde, die letzten paar Meter ihrer ursprünglichen Auenlandschaften werden mit Klauen und Zähnen als letzte Refugien der Natur geschützt und gepriesen – hier an der Oder erstrecken sich wild-belassene Weiten von Küstrin/Kostrzyn bis ins vielfach verzweigte Mündungsdelta, man könnte tagelang auf dem Damm wandern. Warum tut „man“ es nicht?

Deutsche Geschichte. Oder-Neisse-Grenze. Drüben der Feind – ist es das? Immerhin waren Polen und die DDR „befreundet“ – warum ist dieser Grenzfluss dennoch so sehr Grenze geblieben? Eine Grenze, von der man sich abwendet, als wolle man vergessen, dass es ein „drüben“ gibt?

Ich stehe am äußersten Rand der EU und schaue nach „drüben“. Der Fluss fließt ruhig aber geschwind, hier ist gewiss keine Stelle, an der nachts die Illegalen herüber kommen. Weit und breit kein Bundesgrenzschutz, vielleicht ist es ja nachts anders. „Wenn sie beigetreten sind, schauen wir mal, was auf der anderen Seite ist“, sagt mein Lebensgefährte. Warum eigentlich erst dann? Der Personalausweis reicht, „sie“ nehmen sogar Euro. Was hindert uns, mal eben ‚rüber“ zu gehen?

Ich weiß es nicht, aber ich fühle es auch.

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Claudia am 06. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für In der langen Weile

In der langen Weile

Alles blüht, auch die Bäume direkt unter meinem Fenster im zweiten Stock. Der Duft der vielen Blüten, der unscheinbaren genauso wie der der in Schönheit auffälligen, hat etwas Verstörendes, Aufrührendes. Er trifft mich in einer Tiefe, die vom Denken nichts weiß. Die unermüdliche Großhirnrinde, die es einfach nicht schafft, sich heraus zu halten, versucht trotzdem, die Botschaft zu übersetzen: Hey, es gibt ein anderes Leben! Das RICHTIGE Leben, von dem das deine nur ein schwacher Abklatsch ist. Der Regenwurm, der sich genießerisch durch die feuchte Erde wühlt – welche Intensität mag er als reines Freß- und Ausscheidungswesen spüren, ungetrübt von Gedanken und Aufgaben, ohne Zukunft? Oder die Krähe, die mit elegantem Schwung auf der Laterne landet und die Passanten beobachtet, ob sie nicht etwas fallen lassen – sie kennt keine Zweifel, keine Bedenken, keine Langeweile, sie weiß, was sie tun muss und es macht ihr sichtlich Spaß.

Die Düfte des Frühlings lassen mich ahnen, wie es wäre, kein Mensch zu sein. Oder ein Meister des DAO, der tut, was kommt, und gewiss nicht frühmorgens die innere To-Do-Liste abklappert, alles „in Erwägung zieht“, nach Dringlichkeit einstuft und Gründe sucht, dies alles noch ein bisschen weg zu schieben – weg? Wohin? Vor allem: wofür?

In diesen Frühlingstagen fühle ich die Absurdität meines Verhaltens mehr als sonst. Freiheit – so scheine ich es mit der Muttermilch eingesogen zu haben – ist die Abwesenheit von Zwang. Zwang ist alles, was man tun MUSS, und letztlich ist fast alles Tun darauf gerichtet, diese Zwänge zu „erledigen“. Dabei ist es letztlich egal, ob ich die einzelnen Aufgaben gerne tue oder nicht. Oft genug ist es mir gelungen, genau das zu „verkaufen“, was mir – als reines Tun betrachtet – die größte Freude macht. Und jedes Mal kann ich sehen, dass die Verbindlichkeit selbst, das Versprechen „Ja, ich werde das tun“ diese seltsame Haltung aufruft, die sich wie eine Hürde vor die Dinge stellt, mich vom Leben „im Fluss“ trennt.

Was ist das? Kann ich irgend etwas tun, um es zu verändern? Bis jetzt sieht es nicht so aus, ja, es wird immer weniger wahrscheinlich, je mehr ich mich in das Geschehen versenke. Ich lerne von den Erfolgen, die mein Herangehen zeitigt, lerne, dass es SO nicht geht. Immer wieder erreiche ich nämlich den „Freiraum“: alles Wichtige ist abgearbeitet, nichts drängt mich – und dann? Dann kann ich zusehen, wie mein innerer Arbeiter sich neue Aufgaben ausdenkt, wunderbare Vorhaben und Projekte, die sogar echte Chancen auf Verwirklichung hätten, wenn… ja, wenn ich nicht erkennen würde, dass hier gerade neues Material für die To-Do-Liste entsteht, das morgen ganz genauso, wie das eben erst „erledigte“, etwas sein wird, das ich ganz gerne noch ein wenig vor mir her schiebe.

Also sitze ich es aus, verharre in der langen Weile, öffne vielleicht mal die Balkontür und schaue in die Welt „da draußen“: Hm, naja, nichts lockt, nichts fordert, nichts ängstigt, ich stehe da, erlebe das Wetter, höre die Geräusche der Stadt – und bald schon sagt eine innere Stimme: Und was jetzt? Ich schließe die Tür also wieder, setze mich vor den Monitor, ein Doppelklick auf die „Netzwerkverbindung“ öffnet das Tor zur virtuellen Welt. E-Mails rieseln herein, Werbung und Viren fallen der Entfernen-Taste zum Opfer, die verbliebenen Nachrichten überfliege ich – da schreibt mir jemand, den ich nicht kenne, etwas, das ich nicht verstehe. Warum sagt er mir das? Was will er? Warum meint er, mir das berichten zu müssen? Ich klicke auf „Antworten“ und beginne, eine halbwegs freundliche Nachfrage zu formulieren – mitten drin erinnere ich mich, dass ich BIN, und dass ich gerade wieder eingeschlafen war. Warum um Himmels Willen tippe ich Mails an unbekannte Menschen, die mir unverständliche Dinge mitteilen? Klick und weg, meine angefangene Botschaft verschwindet im Nichts – und ich sitze ebenfalls wieder in einer Art „Nichts“ fest, in dieser seltsamen Ratlosigkeit, die mir dennoch als persönlich wachste Wachheit erscheint. Unangenehm, ohne „Linie“, das dräuende „ES GIBT“ des Seins, das Gewahrsein der schieren Eksistenz – ach, es in philosophische Worte zu packen ist auch nur ein kurzes Amüsement, das mich keinesfalls rettet.

Also wieder aufgestanden, ein wenig gehe ich im Zimmer umher, schau mal rüber, was mein Lebensgefährte gerade tut. Er liest und hat offensichtlich in der nächsten Zeit auch nichts anderes vor. Oh ja, Bücher sind die schönste Form der „Rettung“. Mangels einer irgend wie gearteten „Lösung“ des zwanglosen Daseins im Nichts verabschiedet man die Aktualität zugunsten einer guten Geschichte, in der man sich ganz verliert. Zumindest das verliert, was sich langweilt, das immer fragt „und jetzt?“ Um aber lesen zu können, bedarf es physischer Ruhe und guten Lesestoffs, durch dessen Zeilen und Seiten der Charakter des „Nur-Zeit-Totschlagens“ nicht allzu deutlich hervorschimmert. Also vielleicht mal ein Spaziergang um den Block – oder das Fitnetss-Center, das Laufband, das mir „Bewegung“ vermittelt, und danach die Sauna, die durch die schiere Hitze den Körper derart belastet, dass ich endlich in der Lage bin, für kurze Zeit am „reinen Gewahrsein“ Genüge zu finden.

Mein Gott, was für ein absurdes Theater! Manchmal nehmen die Gedanken dann den Weg des schlechten Gewissens. Lebe ich hier nicht wie die Made im Speck? Mit Zentralheizung, großen Zimmern, Kachelbad, heißem Wasser aus der Wand und freier Auswahl an guten und sogar gesunden Lebensmitteln? Wieviele Milliarden Menschen auf der Welt würden mich beneiden? Strampeln sich lebenslang ab, ohne auch nur das Nötigste zu haben, kämpfen in den Kriegen und Gulags dieser Welt ums tägliche Überleben? Bin ich nicht der Gipfel der Bosheit und Ignoranz, hier auch nur für Minuten in der Betrachtung der Langeweile zu verharren, anstatt irgend einen Weg zu finden, ihnen zu helfen?

Aber wie? Kann ich mir ein soziales oder politisches Engagement wählen wie einen Song in der Musicbox? Leider nicht, ich kann’s nicht zwingen. Diese Gedanken und Gewissensbisse kulminieren genauso in Ideen und Vorhaben, die mich für dieselbe kurze Zeit aus meinem seltsamen Zustand reißen wie die eher eigennützigen Initiativen. Binnen kurzem verlieren sie ihre Leuchtkraft, ihren schwachen Draht zur Motivation, wenn nämlich offensichtlich wird, dass auch das nur Methoden sind, aus der langen Weile zu entfliehen. Diesmal auf dem Vehikel der Moral.

Was ist schlecht daran, zu flüchten? Kann man das überhaupt „Flucht“ nennen, ist das nicht eher das ganz normale Leben? Schließlich sind wir nicht auf der Welt, um still an die Wand zu starren und zu schauen, wie der Geist damit zu Recht kommt oder auch nicht!

Das ist der letzte Gedanke, der mir dann immer kommt. Agressivität, ein Grundimpuls des Überlebens, Trotzreaktion, Rechtfertigung dessen, was offenbar nicht geändert werden kann, Umdefiniton einer gefühlten Frage in eine schnelle, nach allen Seiten leicht abzusichernde „sinnvolle“ Antwort.

Und dann wende ich mich der To-Do-Liste zu. Wie jetzt.

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Claudia am 03. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Zur Mai-Randale in Berlin

Zur Mai-Randale in Berlin

Es wundert niemanden wirklich, dass auch dieser 1.Mai in Berlin „wie immer“ verlief: Randale in Kreuzberg, kaputte Scheiben, brennende Autos, ein geplünderter Supermarkt und von Stein- und Flaschenwürfen Verletzte auf beiden Seiten. Und: tolle Bilder in der Abendschau: Wie sie auf den Straßen tanzten vor brennender Barrikade, artistische Kleinkünstler, die den Handstand rückwärts im Feuerschein eines „abgefackelten“ Autos vollführen – wow! Die Ästhetik des Ausnahmezustands wird in den Medien genussvoll zelebriert, wie an jedem 1.Mai.

Die Polizei übte sich dieses Jahr in „Deeskalation“. Nur kein martialisches Auftreten, niemanden provozieren, sogar die Veranstalter der „Revolutionären 1.Mai-Demo“ bemerkten anerkennend, dass „es den Bullen diesmal nicht darauf angekommen ist, hier hunderte schwer Verletzter zu haben“. Immerhin verliefen die Demonstrationen selber friedlich, das Konzept war teilweise erfolgreich – auch die Randale im Anschluss ging schneller zu Ende als in anderen Jahren. Trotzdem darf sich die Polizei nun die üblichen Vorwürfe anhören: das Konzept „Deeskalation“ sei gescheitert, von einem „Rückzug des Rechtsstaats“ ist die Rede – als könne irgend eine Strategie, sei sie nun martialisch oder eher zurückhaltend, die Gewaltausbrüche zur Gänze verhindern. ALLE wissen das, aber anstatt dazu etwas zu sagen, erfolgt der übliche politische Schlagabtausch: Ihr seid schuld….

Wer ist denn nun schuld? Oder ist das eine falsche Frage? Heut‘ morgen hat mich mal interessiert, wie eigentlich die Aktivisten von links außen die Ereignisse bewerten. Mal kurz gegoogelt (Autonome + Berlin) und schon der zweite Klick brachte zu Tage, was ich suchte. Das Webzine „Autonome Antifa Berlin“ meldet unter dem Banner „Danach“ nur einen einzigen Satz:

„Wir danke den viele besoffenen, gröhlenden, sinnloskleineAutoszerstörenden, sexistischen, unverantwortlichen, partyeventmachenden, unpolitischen , eigeneLeuteverletzenden Pseudohooligans und Radalekiddies …. für diesen schönen 1.Mai.“

Klare Worte und kein Grund, ihnen nicht zu glauben. Wer die Geschichte gewaltätiger Ausschreitungen in Berlin seit 1968 rekapituliert, wird die Entmischung von Geist und Gewalt bemerken: die Theorie- und Utopie-Lastigkeit der 68er und Spontis vermochte es noch, Gewalt aus der „Systemopposition“ hochintellektuell zu rechtfertigen. Die später sich entwickelnde Anti-Atom und Umweltbewegung hatte schon weit handlichere Gründe für Gewalt „am Rande“ von Demonstrationen, der Kampf gegen die Nato-Nachrüstung basierte gar auf echter existenzieller Panik: Man glaubte allen Ernstes, wenn jetzt die Pershing 2 stationiert werde, gehe sofort der 3.Weltkrieg los. Also: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Wiederstand zur Pflicht. Die Hausbesetzerbewegung Anfang der 80ger konnte ebenso auf das Wohlwollen fast der ganzen Stadt setzen, denn die Skandale von Entmietung, Leerstand und Kahlschlagsanierung waren allen sicht- und erlebbar – und doch wurde hier schon sehr deutlich, dass immer auch ein gewisses „Gewaltpotential“ existiert, dass sich hinter Gründen nur verbirgt, sie aber nicht wirklich braucht.

Und heute? Im Vorfeld der Mai-Randale fahndet die Berliner Abendschau offenbar immer nach jemandem, der noch etwas „Rechtfertigendes“ zu den mit Sicherheit kommenden Ereignissen sagt, aber man merkt, dass das immer schwerer wird. Allenfalls finden sich noch Leute, die auf die „Provokationen der Bullen“ verweisen – insofern ist die „Deeskalation“ die einzig wahre Strategie: Nicht, dass sie Gewalt wirklich verhindern könnte, aber sie zerstört die letzten Illusionen über einen vermuteten „Sinn“ dieses Geschehens.

Sinnlose Gewalt also – warum findet sie statt? Und – mangels erkennbarem Sinn ist das fast noch interessanter: warum immer zu einem festen Termin?

Der Innensenator sagte im TV: Wenn man diese Gewalt verhindern will, kann man das nicht allein der Polizei überlassen. Ich weiß nicht, was er konkret meint, aber für mich ist ganz klar: diese Gewalt ist ein Auswuchs unseres gesellschaftlichen Unbewussten. Kaum jemand ist nämlich wirklich entrüstet, auch nicht ein paar Tage nach Erfurt, wo doch so viel von „Innehalten“ die Rede war, von der Notwendigkeit, die Akkzepanz von Gewalt als Teil der Normalität zu bekämpfen.

Während der Randale sind immer viele Schaulustige unterwegs. Erwachsene stehen am Straßenrand und applaudieren den jugendlichen Steinewerfern. Der Apotheker, dem man die Scheibe eingeschmissen hat, meint, er nehme das nicht persönlich. Und wer in der Walpurgisnacht oder am ersten Mai sein Auto in der Kampfzone parkt, muß sowieso unendlich blöde oder arrogant sein, heißt es in der Sendung „Kontraste“. Der weißhaarige Sprecher der Abendschau berichtet vom Verlauf der Ereignisse mit belustigtem Unterton – überhaupt ist der „Programmpunkt Mai-Randale“ ab Januar ein zunehmend häufiges Thema. Die „Unausweichlichkeit“ der sinnleeren Veranstaltung wird zwar beflissen bedauert, aber es gibt interessante Strategiediskussionen und am Tag der Tage natürlich Sondersendungen – und immer wieder Witze über die punktgenaue „Revolution nach Terminkalender“.

Ein lieber Freund, dem das ganze Geschehen wirklich in der Seele weh tut, fragt, warum eigentlich die Justiz nicht schärfer reagiert, z.B. gegenüber den Verhafteten den möglichen Strafrahmen stärker ausschöpft. Auch das ist ein Teil der allgemeinen Akzeptanz dessen, was da so sinnlos sich vollzieht – und ich finde es eigentlich einsichtig, dass nicht versucht wird, mit juristischen Mitteln, mit langen Gefängnisstrafen und all ihren lebenszerstörenden Folgen hier „Prävention“ zu betreiben. Ein bisschen käme mir das vor, als würde das Publikum im Theater die Schauspieler für die Verbrechen in einem Shakespeare-Drama zur Verantwortung ziehen. Das ist vielleicht ein bisschen überspitzt gesagt, aber mein Gefühl geht in die Richtung: diese Randale ist kein Privatzoff einiger Irrer, sondern Ritual einer ganzen Gesellschaft. Ein Ausbruch des Irrationalen, der umso weniger „ausfallen“ kann, je weniger uns rational zur „Lage der Welt“ noch einfällt.

Muss ich das ausführen? Die üblichen Schlagworte ein weiteres Mal aneinander reihen? Ich glaube nicht. Jede Leserin und jeder Leser weiß, was ich meine, wenn es auch jeder für sich etwas anders formulieren würde. Mit Vernunft allein scheint man nirgends mehr viel ausrichten zu können, egal, welches Problemfeld man in den Blick nimmt. Und so sehr wir uns auch dagegen wehren mögen: der Kampf aller gegen alle wird härter, sowohl im Bereich des individuellen Berufslebens als auch im politischen Großraum, wo der Krieg als Mittel der Politik wieder möglich ist.

Das rechtfertigt nicht die rituelle Gewalt auf den Straßen in Kreuzberg. Aber es macht die Wurzeln der Gefühle verständlicher, aus denen die gar nicht so heimliche Akzeptanz der „Mai-Festspiele“ erwächst – die dieses Mal übrigens unter das Motto „Macht verrückt, was Euch verrückt macht!“ gestellt waren.

Etwas Positives zum Schluss? Berlin hat ja nicht nur den Mai-Zoff im Terminkalender: Demnächst findet der „Karneval der Kulturen“ statt, ein wunderbar buntes Multi-Kulti-Festival im Geiste von Frieden und Völkerfreundschaft. Ebenso schön der schwul-lesbische Christopher-Street-Day und im Juli dann der berühmte Mega-Event, die Love-Parade. Das Irrationale hat auch seine hellen Seiten, sogar mit deutlich mehr Terminen. Hoffen wir also auf gutes Wetter!

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Claudia am 28. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Amoklauf in Erfurt: Der Tunnelblick verengt sich

Amoklauf in Erfurt: Der Tunnelblick verengt sich

17 Menschen sind tot. Der Amoklauf eines 19-Jährigen, der Lehrer, Schüler und Polizisten des Gymnasiums niedermetzelte, aus dem er kürzlich verwiesen wurde, erschüttert die Republik. Fassungslosigkeit, Entsetzen, hilflose Fragen nach den Gründen. Wer ist schuld? Hätte man das verhindern können? „Er wollte immer auffallen“, sagt eine Mitschülerin. Ein Psychologe spricht vom Realitätsverlust des Täters, vom Tunnelblick, der keine Alternativen mehr zulasse als eben den Griff zur „Pump-Gun“. So jemanden dürfe man eben nicht alleine lassen, wenn man ihn von der Schule werfe.

Kulturkritische Reden werden jetzt wieder gerne geführt, gedruckt, gesendet: Der Werteverlust! Das hohle Leistungsdenken! Nur die Reichen und Schönen, nur Erfolgsmenschen und Medienstars gelten etwas in unserer Welt – kein Wunder, dass diejenigen schon mal ausrasten, die in der sich ausweitenden Kampfzone als Verlierer da stehen. Vom Bundespräsidenten bis zum Hinterbänkler wissen auf einmal alle: Der Wurm ist drin in unserer Gesellschaft, die nur noch dem Mammon huldigt, in der gegenseitige Hilfe, Achtung und Respekt allenfalls noch als Sonntagsreden-Marotte religiöser Würdenträger vorkommen. Habermas, wie recht du hast!

Ein paar Tage noch werden die Medien das Thema durchdeklinieren, dann wird es im Wahlkampf verschwinden: Wie kann Deutschland sich im internationalen Wettbewerb behaupten? Wie muss man das Bildungssystem umbauen, um die Schüler und Studenten in kürzester Zeit fit für den Weltmarkt zu machen? Die Betroffenen in Erfurt bekommen ihre psychosoziale Betreuung, für Großschäden durch Terroranschläge haftet seit heute der Staat, die „unausweichlichen Strukturveränderungen“ im sozialen Netz stehen auf der Tagesordnung, gleich nach der Wahl kommt der „Umbau“. Wir sind bereit für die Zukunft, da kann man nicht meckern.

Wie doch die Worte und Sätze locker dahin fließen! Auf der Ebene psychosozialer und politischer Verallgemeinerungen lassen sich Zeilen schinden ohne Ende, doch es befriedigt mich nicht. Das Klagen und Lästern über die „böse Welt“ ändert nicht nur nichts, sondern vermittelt auch immer den Eindruck, der Autor (und der ebenso entrüstete Leser) habe mit alledem nichts zu tun, sondern säße als unbeteiligter Beobachter auf einem Podest hoch über den Niederungen, in denen die Dummen und die Bösen das furchtbare Schauspiel dieser Welt zelebrieren.

Das Eintauchen in solches Schreiben und Lesen ist zwar entspannend. Man tröstet sich mit der Vorstellung, es besser zu wissen und erhaben zu sein – ganz ohne je darüber nachzudenken, inwiefern man selber Teil des Schreckens ist, der als „das Übel“ so angenehm auf Distanz gehalten wird. Und geht zur Tagesordnung über.
Mitmensch on Demand

Zum Beispiel Erziehung. Gewalt, so berichten Kundige in der Folge der Erfurter Schrecknisse, werde von den Jugendlichen heute öfter im Elternhaus erlebt als in der Schule – und weit häufiger als noch vor zwanzig Jahren. Gleichzeitig berichtet ein Radiosender von den Bemühungen des Gesundheitsministeriums, die um sich greifende Medikamentierung der Grundschulkinder zurück zu fahren. Bereits ein gutes Fünftel wird regelmäßig oder gelegentlich mit dem Beruhigungsmittel Ritalin sediert, das eigentlich nur für krankhaft hyperaktive Kinder entwickelt wurde.

Böse Eltern? Die einen sind so hilflos, dass sie schon mal zuschlagen, wenn der Nachwuchs nervt, die anderen benutzen die Errungenschaften der Pharmaindustrie, und wieder andere sind froh, die Kids in der Obhut zweifelhafter Medien sich selbst überlassen zu können: Videos, Computerspiele, vielleicht auch die pädagogisch wertvolle Hörkassette, Hauptsache, sie geben Ruhe!

Mir scheint, das Aufziehen von Kindern ist eine Sache, zu der heutige Individuen immer weniger in der Lage sind – aber ICH habe gerade kein Recht, mich über das Versagen von Eltern zu erregen, denn persönlich bin ich dem Thema Kind lieber gleich ganz aus dem Weg gegangen. Wer nichts macht, macht auch nichts falsch, da lässt sich’s locker kritisieren!

Besser, ich versuche, das Dilemma nachzufühlen: Was ist das Schreckliche an Kindern und Jugendlichen? Was ist der Kern der Überforderung? Immerhin begegne ich ihnen gelegentlich, erlebe Eltern im Umgang mit ihren Sprösslingen, spüre die Erschöpfung bei Freunden und Kollegen, wenn sie sich stundenlang liebevoll und engagiert den Bedürfnissen von 10-Jährigen fügen. Ich kann mich verabschieden, wenn es mir zuviel wird, sie nicht.

Was ist dieses „zuviel“? Es ist das rücksichtslose Eindringen in unsere Blase der Wahrnehmung. Kinder sind noch nicht so sehr „im eigenen Kopf versponnen“ wie der durchschnittliche Erwachsene, der gelernt hat, die Welt und ihre Anforderungen auf Distanz zu halten und sich den Dingen nach eigenem Plan zu widmen. Das Leben wird immer komplizierter, die Anforderungen an den Intellekt steigen. Ich muss jede Menge Informationen aufnehmen und wesentlich mehr Kontakte auf unterschiedlichsten Ebenen pflegen als es noch vor zwanzig Jahren möglich und üblich war. Der Siegeszug der E-Mail (und der SMS) spricht eine deutliche Sprache: Man brettert nicht mehr einfach so rein in ein anderes Leben, indem man jemanden anruft oder gar aufsucht. Nein, man schiebt seine Botschaft in einen elektronischen Speicher, in die Mailbox oder auf den Anrufbeantworter, damit der Andere nach eigenem Gutdünken darauf Zugriff nehme, wann immer es ihm passt. Mitmensch on demand, alles andere wird zur Überforderung.

Wir tragen Scheuklappen, die Jahr für Jahr dichter werden. Die Individualisierung, diese wunderbare Freiheit, Arbeit, Beziehungen, Wohnort, Werte und Bindungen weitgehend selber wählen zu können, verschärft die Lage noch, denn auf Gemeinsamkeiten aus Herkommen und Tradition, auf irgend welche Selbstverständlichkeiten kann niemand mehr zählen. Statt dessen müssen wir uns informieren (= in verwendbare Form bringen) und kommunizieren, taktieren, planen, verhandeln, Kompromisse schließen. Um überhaupt noch zusammen zu wirken, bedarf es des ständigen Stroms medialer Berieselung und jeder Menge technischer Interfaces, die ihrerseits hohe Anforderungen an die Lernfähigkeit mit sich bringen. Alles zusammen ergibt eine extrem einseitige Belastung des Intellekts, zwingt zur Rationalität, zum berechnenden Denken, das immer eine Zukunft plant und das „Jetzt“ nur als Mittel zum Zweck betrachtet. Gefühle sind dabei eher störend und der Körper wird – wenn überhaupt – mühevoll fit gehalten, damit er im üblichen Sitzleben nicht vorzeitig ausfällt.

Leben aus dem Tunnelblick: Ich nehme nur wahr, was mir nützt und was in meinen Plan passt. Anforderungen von außen sind Störfaktoren, die es zu bekämpfen gilt – gibt es überhaupt noch ein „außen“? In vielen Köpfen offensichtlich nicht. Der Status quo des Tunnelblick-Bewusstseins wird jedoch selber zum Störfaktor mit zunehmender Neigung zum Katastrophischen. Vor einer Berliner Grundschule ist gerade ein Spielgerät zusammengebrochen, einige Kinder brachen sich Arme und Beine: Es war eine Art Karussel auf einem Holzstamm, der im Sandboden steckte. Bei jedem Regen stand lange das Wasser um den Stamm, das hatten viele gesehen und konnten es in die Mikrophone erzählen. Aber nie war jemand auf die Idee gekommen, der Stamm könne durchfaulen, natürlich nicht, niemand hat Zeit, an so etwas zu denken. Und wenn doch, wäre man ja gewiss nicht zuständig!

Vor drei Wochen versuchte ich, in einer sozialen Einrichtung bei mir um die Ecke einen Raum für einen Abend pro Woche zu mieten – und zwar zu einem festen Starttermin. Die Angestellten waren freundlich, sagten zu allem „ja gerne“, hängten sogar meine Ankündigungsplakate auf, auf denen der Termin stand. Und sie sprachen davon, dass sie mir einen Schlüssel machen lassen würden, damit ich in die Räume komme – insgesamt vier Leute sprachen immer wieder davon, waren weiterhin freundlich, schoben sich das Vorhaben gegenseitig zu und verwiesen aufeinander – letztlich aber brachten sie es nicht zustande, auch zu tun, was sie sagten! Ich war nicht mal richtig sauer, so seltsam kamen sie mir vor: wie Zombis in einem Traum, zu denen man einfach nicht durchdringt, egal, wie laut man schreit.

Wieviele Menschen wohl in diesem Zombi-Tum ihr Leben verbringen? Wie oft bin ich selber so? Können uns bald nur noch Amok-Läufer, Selbstmordattentäter und Kamikaze-Piloten für ein paar Augenblicke aus dem täglichen Schlaf aufstören?

Ob dieser Text, in dem ich mir das Ganze für heute von der Seele schreibe, ein wenig wacher macht? Glaub‘ ich nicht, Worte werden maßlos überschätzt. Wir lernen allein durch die Folgen unserer Taten – im Moment tut mir zum Beispiel der Rücken vom langen Sitzen weh, besser, ich mach‘ jetzt Schluss und gehe ein bisschen im Zimmer umher.

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Claudia am 23. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Nachhaltiger Verzicht – wenn Verbraucher streiken

Nachhaltiger Verzicht – wenn Verbraucher streiken

Wenn ich so durch die Berliner Straßen und Parks laufe, bemerke ich normalerweise jedes Blümelein, das den Asphaltdschungel mit seiner Anwesenheit beehrt und freue mich darüber. Eines ist mir auf meinen Wegen durch reale und virtuelle Welten allerdings lange nicht begegnet: das „zarte Pflänzchen des Aufschwungs“, von dem die Politiker so gerne reden. Es muss sehr versteckt vorkommen, vielleicht kennen nur Eingeweihte seine Standorte, Deutschland jedenfalls scheint im Moment nicht dazu zu gehören.

Der Handel vermeldet bis zu 20% Umsatzminus im ersten Quartal, die Entlassungen und Insolvenzen gehen munter weiter, der SPIEGEL fasst zusammen: Die Leute kaufen nur noch das Nötigste und auch beim Nötigsten sparen sie, wo sie können. ALDI, LIDL & Co verzeichnen zweistellige Zuwachsraten.

Auch bei mir ist schon einige Zeit ins Land gegangen, seit ich mir mal etwas kaufte, das nicht unbedingt sein muss. Mein Luxus ist das Fitness-Center und gelegentlich die Sauna. Mir fehlt nichts, ich habe alles, was ich brauche, sogar ein Handy, das ich eigentlich nicht haben wollte, aber schließlich geschenkt bekam. Wie soll so eine Wirtschaft florieren, die auf WACHSTUM angewiesen ist? Sogar mein PC, den ich bisher alle 2,5 Jahre durch einen neuen ersetzte, tut es noch wunderbar. Noch immer erfüllt er meine Bedürfnisse: kein Wunsch nach „mehr Speicher“ oder mehr Geschwindigkeit kommt auf, alles funktioniert blendend – und wer denkt denn noch im Traum daran, einfach mal ein neues „Winword“ zu kaufen? Ein komischer Gedanke aus alten Zeiten, als man noch bei jeder Version glaubte, mit der neuen MEHR machen zu können, im Ergebnis aber auch ein Betriebssystemupdate und einen frischen Computer brauchte. Um dann – im besten Fall – genau das tun zu können, was vorher schon funktionierte! Ha, da haben wir dazu gelernt, zum Elend der Softwareschmieden.

Nun warten alle auf UMTS, auf dass der Austausch sämtlicher Handys und neue Dienste den widerborstigen „Verbraucher“ aus dem Dornröschenschlaf holen möge, die Kids hoffentlich einen Boom anstoßen wie mit SMS – bangen, hoffen, zittern – ob die Hoffnungen berechtigt sind? Eine neue Euphorie, ein Hype wird gebraucht, der nicht nur einer Branche ein kurzes Hoch beschert, sondern viele mitzieht. Ich bin skeptisch, ob UMTS das zaubern kann.

…und sie können es doch!

Die Verbraucher tun derzeit unaufgefordert etwas, was sie nach Einschätzungen der Umwelt-Marketing-Leute überhaupt nicht mögen, wovon sie nicht einmal hören wollen: Sie üben Verzicht. Wer hätte das gedacht!

„Verzicht“ ist lange schon das Unwort der Öko-Branche und der engagierten Umweltschützer. Energieeffizienz, Ressourcenschonung, sinnvolle Wiederverwertung, Qualität und Genuß, technische Innovation, nachhaltiges Wirtschaften – viele neue Begriffe sind in diesem Kontext entstanden, alte bekamen eine neue Bedeutung. „Verzicht“ aber darf man nicht in den Mund nehmen, wenn man vom Volk ernst genommen werden will. Das ist das Credo, das man als Umwelt-Aktivist schnell zu lernen hat, will man nicht als sektiererischer Radikaler im Nichts enden.

Mitte der 90ger konnte ich das hautnah miterleben, als ich zwei Jahre in Sachen Klimaschutz zugange war. Mit arbeitslosen Akademikern im Rahmen von ABM Energiesparkampagnen entwickeln und durchführen – das war die anspruchsvolle Idee, die damals auch umgesetzt werden konnte, weil sich noch genug Geld in den „öffentlichen Händen“ befand. Meine Begeisterung war groß, schnell wurde ich Projektleiterin, kam raus aus ABM, rein in einen tollen BAT 2A-Job – alles wunderbar, und sogar eine Arbeit mit Sinn!

Doch schnell landete ich auf dem Boden der Realität. Da unsere Kampagnen auf Verhaltensänderungen zielten, wurden wir in der „Energie-Szene“ kaum ernst genommen. Dort hatten die Leute das Sagen, die auf „technisches Verunmöglichen von Fehlverhalten“ setzten. Niemand will darauf achten, beim Verlassen des Raumes die Fenster zu schließen, also braucht es Fenster, die sich AUTOMATISCH öffnen und schließen, besser noch eine zentral gesteuerte Klimaanlage, energiesparend, hocheffizient! Schon gar nicht mag der Büromensch Verantwortung für die Beleuchtung und das Regeln der Heizung übernehmen – lasst uns das alles automatisieren! Der Mensch ist unfähig und unwillig, sein Verhalten zu ändern, er braucht ANREIZE und neue Geräte, das spart berechenbar Energie, angeblich auch Geld, belebt nebenbei den Markt und alle sind glücklich.

Das Schlimme: Sie hatten im Grunde recht! Unsere RauspfeilKampagnen motivierten tatsächlich ganze Hausgemeinschaften zu Verhaltensänderungen, jede Menge Energie wurde gespart – aber nur so lange wir da waren und als eine Art „Umwelt-Animateure“ die Motivation aufrecht erhielten. Danach sank das Verhalten zurück in die übliche Ignoranz. Ich begann, einen neuen Menschenhass zu entwickeln, den berufsmäßigen Zynismus der Aktivisten: Verantwortungslose Idioten überall, die nichts anderes kennen, als ihre Fettlebe zu genießen, koste es, was es wolle. Ekelhaft!

Alles Lüge

Wenn so ein Gefühl das Herz vereinnahmt, macht keine Arbeit mehr Spaß. Viele arrangieren sich, machen einfach so weiter und beziehen die eigene Motivation zunehmend aus den persönlichen Benefits, die solche Jobs erlauben. Vielleicht hätte ich das auch gekonnt, wenn wenigstens die Lehre von der technischen Innovation, vom Klimaschutz durch Energieeffizienz, gestimmt hätte. Leider ist sie falsch, eine geschickte Lüge, an der viele zum Zweck der Selbsttäuschung festhalten.

Wenn ich mir nämlich ein neues Gerät zulege, sagen wir mal einen energieeffizienter produzierten PC, dann verbraucht die Herstellung dieses PC trotzdem ein Vielfaches der Energie, die er – verglichen mit dem Weiterlaufen des alten – in seinem ganzen „Leben“ einsparen kann. Und so ist es mit den meisten Dingen: energiesparend und umweltschützend ist das „Nutzen bis es nicht mehr geht“, nicht das ständige Erneuern auf die letzte – meinetwegen hoch energieeffiziente – Version. Und noch jeder Fortschritt in Sachen Energieverbrauch und Schadstoff-Ausstoß bei Autos wurde „aufgezehrt“ durch die VERMEHRUNG des Autoverkehrs, mehr Zweitwagen, mehr Individual-Mobilität, mehr Brummis auf den Straßen.

Jeder wusste das. In kleinen nicht-offiziellen Gruppen kam das auch durchaus zur Sprache: Allein der VERZICHT (auf Waren, Bequemlichkeit und Mobilität) bringt’s. Alles andere ist nicht wirklich problemlösend, höchstens vermindert es ein klein wenig die Geschwindigkeit der Verschlimmerungen. Und Verzicht – Pech für die Natur und unser aller zukünftiges Überleben – ist dem Menschen nun mal nicht beizubringen!

Was ICH kann, können alle – und dann?

In dieser „Meinungslage“ besann ich mich auf mich selbst: Was ICH zustande bringe, können auch andere leisten, egal was „man“ über „die Menschen“ denkt. Ich drückte meine Stromrechnung um 40 Prozent, schaltete die Geräte immer brav aus, kaufte eine Plastikschüssel als Spülschüssel, um nicht immer das Waschbecken mit unnötig viel heißem Wasser vollaufen zu lassen. Ja, ich war ein guter Energiesparer, hoch effizient, solange ich mich mit diesem Job und seinen Themen & Problemen befasste…

Aber auch der aus dem eigenen Verhalten geschöpfte Glaube rettete nicht. Denn bald schon fragte ich mich und meine Mitarbeiter: Wie soll denn unsere Wirtschaft funktionieren, wenn alle so handelten, wie wir es empfehlen müssen, wenn wir die Wahrheit sagen? Verzicht üben, nichts Überflüssiges kaufen, nicht „just for fun“ verreisen und herumfahren? Wenn alle, die auf schöne, hochwertige Dinge stehen, sich einfach mal quer durch den Katalog bei Manufactum eindecken und dann ist Schluß? Diese Sachen sind verdammt „nachhaltig“ – und dann? Was geschieht, wenn die Menschen auf die Mode pfeifen und nicht mehr, nur weil ein Jahr vergangen ist, von spitzen Schuhen auf „quer abgehackt“ umsteigen?

Im BTX führte ich eine private Umfrage unter anonymen Chattern durch: Wieviel Geld könntest du sparen, wenn du nur das Notwendigste kaufen würdest? Die Antworten schwankten zwischen 10 und 90 Prozent, im Mittel waren es 50! Wow, die Hälfte des Konsums ist also reiner Luxus, potenzieller Schonraum für Klima, Natur und Umwelt. Aber: was wird dann aus uns?

Der Präsident der Europäischen Zentralbank schrieb mal in der ZEIT: „Die Deutschen sind Menschen, die das Licht ausschalten, wenn sie einen Raum verlassen. Sie drehen die Dusche ab und seifen sich ein, ohne dass heißes Wasser ins Leere läuft. Das macht sie symphatisch, aber all das bedeutet immer auch ein kleines Stück weniger Wachstum.“

Tja, so sieht’s aus. Meine Rede, mein Denken, mein engagiertestes Wünschen endet im Absurden. DIE GRÜNEN bekamen gestern in Sachsen-Anhalt gerade mal zwei Prozent der Stimmen. Im wirtschaftlichen Ödland mit der höchsten Arbeitslosigkeit denkt niemand über grüne Themen nach. Was aber geschieht, wenn Verzicht tatsächlich um sich greift, sei es auch aus anderen Gründen, das erleben wir gerade. Und kein Vordenker der „Nachhaltigkeit“ meldet sich zu Wort, stellt diese Bezüge her und sagt dazu was Intelligentes!

Was kein Grund zum Lästern ist, mir fällt ja auch nichts ein.

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