Claudia am 13. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Vom Leiden frei?

Vom Leiden frei?

Es ist der dreizehnte März, 7.33 Uhr, und die Morgensonne scheint von rechts (Osten) auf meinen Balkon. Dies ist eine Nordseite-Wohnung, von der die Vormieterin erzählte, dass sich die Morgensonne immerhin im Juni zwischen sechs und acht Uhr früh kurz zeige – und nun kommt sie schon jetzt, wie schön.

Meine Welt und mein ganzes Leben verändert sich drastisch. Nicht unbedingt von heute auf morgen, aber seit ein paar Monaten zerlegt sich alles, was lange Bestand hatte. Kein Stein bleibt auf dem anderen, keine Gewohnheit oder Errungenschaft bleibt, wie sie war. Wohnen, Arbeit, Beziehungen und Freundschaften verwandeln sich, ja sogar das Essen und Trinken bis hin zum Körpergefühl ist anders: Sieben Kilo weniger machen einen Unterschied, der in jeder Bewegung zu spüren ist.

Und alles geht wie von selbst. Nicht, dass ich etwas geplant oder konkret gewünscht hätte: der Entschluss vom letzten Herbst, in Zukunft alleine zu wohnen, der von außen so selbstbestimmt wirkt, war nur das Ja zu einer länger schon offenkundigen Not-Wendigkeit. Nicht ICH wende die Not, ich folge nur.

Wem? Da ist niemand mehr. Kein Mensch und auch keine „Lehre“, an der ich mich ausrichte und festhalte. Nicht, dass ich irgendwie dagegen wäre, das zu tun, es funktioniert einfach nicht mehr.

Wie fühl‘ ich mich dabei? Gelegentlich ist es geradezu euphorisch: Ich wandere in der Wohnung herum und empfinde Glück, frag mich verwundert, woher es kommt: Müsste da nicht etwas oder jemand sein, eine Ursache? Aber es findet sich nichts, nichts, was ich benennen könnte. Doch weil ich es gewohnt war, für alles Ursachen zu sehen, kann ich nur staunen.

Natürlich gibt es auch Tiefs, Verunsicherung, Einsamkeitsgefühle – sie kommen und gehen und auch von ihnen kann ich nicht sagen, WARUM sie sich zeigen. Und vor allem nicht, warum sie wieder gehen. Ich bemerke sie, forsche nach möglichen Ursachen, hänge mich vielleicht mental für kurze Zeit an das, was mir dazu gerade einfällt, hege „Meinungen“, drücke sie aus – aber schon wenig später zerrinnt wieder alles. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor, einfach so.

Was folgt daraus? Müsste das nicht bedeuten, dass mich alles cool und gleichgültig lässt, unberührt über den Wassern schwebend, wohl wissend: die Zeit nimmt alles Übel mit sich weg, genau wie alles Gute, Wahre, Schöne? Sollte ich – zumindest in meiner Kommunikation – immer von diesem erlebten Wissen ausgehen und die konkreten Höhen und Tiefen nicht mehr Ernst nehmen? Sie nicht mehr ausdrücken vor allem, damit sich niemand betroffen fühlt und womöglich meint, ich sei NUR so – und daraus falsche Schlüsse zieht?

Geht nicht. Es gibt keinen Weg zurück ins berechnende Denken. Wenn sich in mir etwas aufstaut, muss ich es ausdrücken, um es gehen lassen zu können. Mag es den Gipfel der Unvernunft bedeuten, mag es falsch und unberechtigt sein, mag es mich als Idiotin erscheinen lassen (was ja ganz besonders schmerzt!) – was raus muss, muss raus. Eindruck und Ausdruck müssen im Fluss bleiben – und auch „Denken“ hat keine höhere Qualität, sondern ist etwas, was mir ganz genauso zustößt wie eine Empfindung oder ein Gefühl, ist also Teil des Eindrucks, der im jeweiligen Augenblick oder nach einer kleinen Zeit der Einwirkung zum Ausdruck drängt.

Sich diesem Fluss verweigern, ihn kanalisieren wollen, bedeutet Elend und Leiden. Das Gute und Schöne existiert dann nur noch in der Zukunft, also in der Vorstellung. Die Gegenwart ist zubetoniert durch berechnendes Handeln, von Wünschen und Ängsten gesteuert. Immer im Versuch, durch Wohlverhalten nirgends anzuecken oder positive Reaktionen anderer zu erleben, verfehle ich dann genau das, was ich eigentlich wünsche: die Freiheit vom Leiden.

Diese Freiheit verwirklicht sich nicht dadurch, dass ein Rezept, ein Verhaltenskanon gefunden wird, wodurch das Leiden ein für allemal in Schach gehalten werden kann, sondern allein durch das Akzeptieren dessen, was ist. Eben auch, wenn es leidvoll ist. So schnell, wie es sich wieder verändert, wenn ich nicht dran klebe, kann ich manchmal kaum gucken!

Ist das jetzt ein Rezept? Denken und Reden entlang dieses Themas endet immer im Paradox. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es unmöglich ist, so etwas einfach zu lesen und zu übernehmen. Ganze Bibliotheken weißer Worte begleiteten schließlich meinen Weg ins Elend, konnten mir nicht aus der Verstrickung ins rechnende Denken und berechnende Handeln heraus helfen. Es ist erst dann genug, wenn es eben genug ist. Jeder Versuch, etwas grundlegend zu ändern, ist ja genau wieder das beschriebene „Berechnen“, das nur immer tiefer in den Sumpf führt.

Die größte Behinderung bei alledem – nachdem Wünsche und Ängste ihre Macht bereits verloren haben! – ist jedenfalls das Bemühen, doch immer noch „ein gutes Bild abzugeben“. Ich möchte aus dem Augenblick leben, ja sicher, aber andererseits sollen doch alle sehen, dass ich nicht so eine unbewusste Idiotin bin, die vom „richtigen Leben“ nichts weiß.

Und DAS funktioniert nicht. Nie.

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Claudia am 12. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Die Wahrheit: ein Flop

Die Wahrheit: ein Flop

Es ist gelegentlich spannend, sich über Weltanschauungen auszutauschen – aber im Grunde sind das, zumindest bei mir, Momentaufnahmen. Auch die Philosophie folgt dem aktuellen Bedarf, will rechtfertigen und in einen größeren Zusammenhang einbetten, was ist, und öfter noch, was man sich wünscht. Von daher ist es interessant, auch mal zu fragen: Warum hat einer diese oder jene Philosophie? Welche Not lindert er damit?

Man glaubt, Weltanschauung sei Wahrheit, zumindest aus der Suche nach ihr geboren, wenn auch immer unvollkommen. Was aber ist Wahrheit?

Wahrheit, so die traditionelle Anschauung, ist die Übereinstimmung des Denkens mit den Sachen. Wenn aber auch das Denken eine „Sache“ ist, oder die Sache eine Anschauung – was dann?

Dies ist vielleicht DIE Erkenntnis des dritten Jahrtausends. Und das gesamtgesellschaftliche Initiationserlebnis ins Abdanken der Wahrheit war die New Economy, der Börsenhype. Nun verharren alle in der Depression und Stagnation, weil erkannt wurde, dass der Glaube die Werte erschafft – und ebenso schnell wieder vernichtet. Einen Weg zurück gibt es aber nicht, kein Zurück zu den „fundamentalen Werten“. Und Sparen allein ergibt keine florierende Wirtschaft.

Das Problem: dass man den Glauben nicht beliebig erschaffen kann. Ich weiß, manche denken anders, aber mir gelingt es nicht. Nicht „einfach so“, indem ich etwa beschließe, nun etwas anderes zu glauben als das, was mir bisher als wahr erschien.

Der Glaube muss aus den Herzen kommen. Und das bedeutet, dass verobjektiviertes, instrumentalisiertes, einzig der Rendite verpflichtetes Handeln keinen Glauben produzieren kann, der Werte schafft.

Das müsste eigentlich das Ende des Kapitalismus bedeuten, wie wir ihn kennen. Aber naja, das Jahrtausend hat ja erst angefangen.

Wie entsteht Glaube? Ich meine nicht den religiösen Glauben, sondern den, der uns z.B. ein neues Projekt starten lässt – mitten in der Depression. Den, der uns frei macht, heute Geld auszugeben, im Vertrauen darauf, dass morgen wieder etwas herein kommt.

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß zunehmend besser, was hindert. Die „Wissensflut“ steht ganz vorne in der Reihe: diese Unmengen Konzepte, Ideengebäude, Vorschriften, Ge- und Verbote, Traditionen und Moden, Warnungen, Analysen, Szenarien, Handlungsanleitungen – alles, was ich mir von außerhalb zusammen klaube, weil ich grad nicht weiß, wo es lang geht. Oft bedeutet das die reine Zeitverschwendung, schlimmer noch: Verwirrung. Denn ich schaue auf unzählige „Infos“ und Ratschläge, aber nicht mehr auf das, was mich zur jeweiligen Ratsuche motiviert. Ein flüchtiges Unwohl-Sein, ein kleiner Frust, eine gewisse Unsicherheit – und schon wenden wir uns ab und beginnen, uns zu in-formieren: von fremden Inhalten innerlich ausrichten zu lassen.

Ein Konzept, ein Gedankengebäude ist eine Verallgemeinerung einer Lösung, die einmal oder auch öfter in einer bestimmten Situation richtig war. Davon auszugehen, dass dies nun immer stimmt, ja, dass dieses Rezept nun schon vorab in die Strukturierung des Lebens einfließen müsse, ist verrückt. Vor allem ist man dann nur noch am Konzepte abgleichen: oh, das war wohl doch das falsche, es hatte vielleicht einen Fehler, nehmen wir halt Version 1.2. Und auch das wird wieder Fehler haben, genau wie das nächste.

Reden oder Schweigen?

Was im Einzelfall jeweils „richtig“ ist, lässt sich nicht aus dem Denken allein entnehmen. Ein Beispiel aus dem Beziehungsleben: Was tun im Fall eines Konflikts? Die Harmonie ist zum Teufel, man hat ein „Problem“, die schöne Welt der Zweisamkeit droht zu zerschellen – wie verhalte ich mich? Jahrzehntelang war ich der festen Meinung, es sei auf jeden Fall angesagt, darüber zu reden: Sich auseinander setzen, die Dinge KLÄREN. Standpunkte austauschen, Verständnis für den Anderen gewinnen, verhandeln, Abstriche von Ansprüchen machen, möglichst gerechte Kompromisse schließen, auch mal streiten und sich wieder versöhnen – wir redeten und redeten, Tage und Nächte lang: Die „Beziehungsdiskussion“ war schon bald der weit größere Horror als das, was sie jeweils ausgelöst hatte.

Irgendwann, im Rahmen einer mehrere Wochen dauernden Kräfte zehrenden Auseinandersetzung, hatte ich meine „Erleuchtung“. Ein Frühlingstag, ich stand mit meinem Gefährten auf dem Chamissoplatz, wir hatten den Arbeitsplatz verlassen, um die Kollegen mit unserem schon Tage andauernden Streit zu verschonen. Ein Moment der Ruhe, die Sonne kam heraus. Jeder erwartete vom anderen den nächsten verbalen Angriff, eine Art Showdown – ich hatte jedoch ein totales Energie-Tief und fragte ihn erst mal nach einer Zigarette. Wir rauchten. Schwiegen. Schauten uns an. Er sagte: „Du meinst, es gäbe Besseres? Zum Beispiel, mit der Liebsten einen Spaziergang in der Sonne machen?“ Er reichte mir den Arm, ich hakte mich unter – wir lächelten uns an. Es war vorbei.

Für mich eine grundstürzende Erfahrung: Ohne Worte, ohne eine mühsam ausdiskutierte „Problembearbeitung“ war der Konflikt auf einmal verschwunden. Es war sogar schwierig, sich zu erinnern, was eigentlich los gewesen war: Nichtigkeiten!

Die Realität hatte mich belehrt, ich dachte also um. Machte die Erfahrung zu einem neuen Konzept: Nicht drüber reden, einfach leben. Ärger, Wut, Frustrationsgefühle, Leiden aller Art: nichts unternehmen, es verschwindet von selber, wenn ich keine Energie rein stecke. Und der nächste Mann, dem ich nahe kam, sagte es noch deutlicher: wenn erst geredet werden muss, ist eh schon alles zu spät.

Hatte ich jetzt die Wahrheit gefunden? Das RICHTIGE Leben? Immerhin lebte ich lange ohne Diskussion und ohne Streit. Es erschien mir weit angenehmer als in den Zeiten des Beziehungs-Clinchs. Kein Kämpfen mehr, wie schön! Unmerklich aber schlich sich das Elend wieder ein: auf einmal steckte ich in einem Miteinander, das fast nur noch ein stummes Nebeneinander war. Jeder nahm sich zurück, unterdrückte und ignorierte eigene Wünsche und Impulse, sah über alles hinweg, was die so hoch geschätzte Friedlichkeit und Freundlichkeit hätte gefährden können – bloß keine Auseinandersetzungen! Und irgendwo in einem Winkel der Seele baute sich ein Druck auf, der letztlich die Veränderung unausweichlich machte. Das neue Konzept war ebenso falsch wie das alte.

Böses weißes Mehl

In den kleinen Dingen praktiziere ich gerade versuchsweise die schrankenlose Konzeptlosigkeit. Es ist wunderbar! In Sachen Ernährung hat es mich bisher sogar vor dem angeblich unausweichlichen Jojo-Effekt nach dem Fasten gerettet. Tag um Tag hab‘ ich Lust auf diese ungesunden Bäcker-Stückchen: böses weißes Mehl mit viel Zucker und nicht wenig Fett. Und Tag um Tag kauf ich mir eins oder auch zwei, verzehre sie mit Genuss, putze allenfalls die armen Zähne hinterher und mach mir ansonsten keinen Kopf. Und siehe da: ich nehme nicht zu, hab sogar noch ein bisschen abgenommen. :-)))) Nun lässt der Zuckerstück-Hype auch langsam nach, was gewiss nicht der Fall wäre, würde ich mir die Teile versagen!

Wir sind umstellt von Vorschriften, die in ihrer Widersprüchlichkeit geradezu lächerlich sind – und alles WIRKT, gelegentlich, und ebenso oft auch nicht! Da kann ich doch gleich bei dem bleiben, was als Impuls aus mir kommt, das ist wenigstens Realität. Wenn ich sie nicht zum Rezept mache, zum Konzept abstrahiere, kommt alsbald wieder etwas anderes, was zumindest schlimme Schäden vermeidet. Wogegen so mancher Makrobiot oder Urköstler tatsächlich abwartet, bis ihm Haare und Zähne ausfallen, bevor er seine Ernährungsweise nicht mehr an der reinen Lehre ausrichtet.

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Claudia am 08. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Die Guten gibt es nicht

Die Guten gibt es nicht

Je älter ich werde, desto mehr werden mir bestimmte Denkgewohnheiten bewusst, die meinem Leben eine Form geben. Es sind keine Wahrheiten, sondern geistige Filter, die aus „allem, was ist“ nur das in meine Wahrnehmung einlassen, was ich mir wünsche.

Zuvorderst – das fängt gleich bei der Geburt an – wünsche ich mir freundliche, liebevolle Mitmenschen, friedliche Lichtgestalten, die mich lieben und achten, die sich um mich kümmern, wenn es mir nicht gut geht und die mir ein Pflaster auf die Wunden kleben, die das Leben schlägt.

Sobald dann das Denken einsetzt, und die eigene Bedürftigkeit nicht mehr nur als Gefühl und Empfindung, sondern in Gedankengestalt zu Bewusstsein kommt, ist es mit dem Wünschen alleine nicht mehr getan. Wenn ich von anderen erwarte, edel, hilfreich und gut zu sein, muss ich davon ausgehen, dass ich auch selber so bin – wie könnte ich es sonst einfordern?

Ich bin ok

Damit entsteht der Filter gegenüber dem eigenen So-Sein: ich glaube fest an meine eigenes „Gut sein“ und bewerte nun Gedanken, Gefühle und Taten im Rahmen dieser Vorgabe. Meist gelingt es, insbesondere in jungen Jahren, sich selber völlig in Ordnung zu finden – aber ach, die böse Welt pfuscht ständig in dieses friedlich und freundlich gemeinte Dasein, so dass man sich doch gelegentlich verteidigen muss. An der durchweg positiven Selbsteinschätzung kann das lange nicht rütteln – bei mir hat es bis Mitte dreißig gedauert, bis ich realisieren konnte, was ich für eine Schreckschraube geworden war: immer nur den eigenen Vorstellungen vom richtigen Leben hinterher rennend, mit gegen Null tendierender Aufmerksamkeit für Andere. Dabei kaum in der Lage, jemandem richtig zuzuhören, geschweige denn, die Bedürfnisse anderer, ihre Standpunkte und Sichtweisen ernst zu nehmen.

Das Aufschlagen auf dem Boden der Wirklichkeit war hart aber hilfreich. Es war, als wiche ein inneres Terror-Regime von mir, das meine sämtlichen Lebensäußerungen bestimmt hatte. Meine ununterbrochenen Anstrengungen, selber über alle Zweifel erhaben zu sein, alles richtig zu machen, die besten Absichten zu pflegen und immer perfekt und unangreifbar zu wirken, hatten genau ins Gegenteil geführt und mich noch dazu blind dafür gemacht, es zu bemerken.

Als es schließlich vorbei war, begann eine paradiesische Phase. Endlich mal einfach nur leben, neugierig hinsehen, was ist, anstatt zwingen zu wollen, was sein soll – der ganze Verlauf hatte nichts mystisches und doch fühlte ich mich wahrhaftig erleuchtet! Das Licht hatte meine dunkle Seite ins Bewusstsein gehoben und in meinem Leben gab es tatsächlich niemanden mehr, dem gegenüber ich sie glaubte, verleugnen zu müssen. Was für eine Entspannung!

Paradoxerweise machte mich dieses neue Bewusstsein der eigenen Fehlerhaftigkeit friedlicher und freundlicher. Ich lief ja nicht mehr in einer Rüstung herum, immer zum Kampf bereit, nach Feinden Ausschau haltend, die meinem Gut-Sein im Wege stehen könnten. Endlich interessierte ich mich wirklich für andere Menschen, jenseits des bloßen Nutzens, den sie für mich haben mochten.

Auf einmal war ich ein Nichts und hatte nichts dagegen. Ich konnte jetzt die anderen kämpfen sehen, konnte die Filter und Scheuklappen wahrnehmen, die sie – in der mir so gut bekannten Weise! – von der Wirklichkeit abtrennten. Zum ersten Mal hatte ich Mitgefühl, wissend um meine Ohnmacht, durch diese Mauern zu dringen. Denn niemand kann jemand anderen, der fest entschlossen ist, sein aktuelles Selbstbild aufrecht zu erhalten, irgendwie „aufwecken“. Das geschieht nur von innen her, wenn genug gelitten wurde. Bei manchen nie.

Ich lernte also eine neue Einsamkeit kennen – doch mit ihr kam zum ersten Mal die Fähigkeit, alleine zu sein, ohne das irgendwie falsch zu finden. Ohne daran zu leiden. Es gibt ja nicht nur die Menschen in ihren jeweiligen Verstrickungen, die Welt selber ist ein riesiges Wunder. Ein Vogel, eine Wolkenformation, Licht und Schatten, der Frühling, der Atem – ich nahm auf einmal das Leben war, in einer viel umfassenderen Weise als je zuvor.

In den Sand geschrieben

Es war die Zeit, als mir plötzlich auffiel, dass ich die verstreichende Zeit nicht mehr „seit“ rechnete (seit dem Abitur, seit dem Umzug nach Berlin, seit dem Studienabschluss…), sondern da auf einmal ein „bis..?“ vor mir stand. Das war neu! Ohne dass ich bewusst „umgedacht“ hätte, war mir das Gefühl der eigenen Endlichkeit zugewachsen. Ohne dass das irgend eine Art Stress ausgelöst hätte, im Gegenteil. Es war eine weitere Form noch tieferer Entspannung!

Denn früher hatte ich bei allem, was ich tat, immer mit der Ewigkeit gerechnet – unbewusst. Ich strebte in jeder Hinsicht nach „Endlösungen“ – sei es bei der Renovierung der eigenen Wohnung, beim Verhandeln über einen Vertrag, bei der Ausgestaltung einer Arbeitssituation – und natürlich auch in der Politik, soweit ich daran teil nahm: das Bemühen war auf das Absolute gerichtet: hier und jetzt etwas Perfektes schaffen, etwas, das allen Zweifeln und Unwägbarkeiten stand halten würde, egal, was kommt. Was für sinnlose Kraftakte, alles in allem!

Jetzt wusste ich: mein Leben schreibt sich in den Sand. Wie schön, mich dabei nicht mehr aufführen zu müssen, als würde immer alles in Marmor gemeißelt!

Es wundert nicht, dass seitdem alles viel leichter geht. Ohne den Automatismus von Kampf und Krampf, ohne feste Vorstellungen, wie die Dinge zu sein haben, ist es leicht, in den Fluss zu kommen: mitzuschwimmen mit eigenen und fremden Impulsen, sehen, was geschieht, nicht immer alles zwingen wollen. Dann ERGIBT sich auf einmal unglaublich viel – einfach so!

Die wirklich schlimmen Leiden sind nie mehr wieder gekommen: die Angst, zu versagen, zum Beispiel. Die heftigen Alpträume. Die Angst vor Einsamkeit und Verlassenheit. Das nächtliche Zähneknirschen und der Traum von der Prüfung, bei der man auf einmal alles vergessen hat. Auch der extreme Ehrgeiz, wie ich ihn von früher kenne, ist ohne Abstriche in die Reihe der schlimmen Leiden zu stellen – auch er ist weg. Mit ihm verging auch die Verachtung einfacher Menschen und körperlicher Arbeit, die ich mir im nachhinein als echte Sünde ankreide, bzw. als große Dummheit.

Und was ist jetzt? Welche alten oder neuen Leiden suchen mich heute heim?

Nun, auch ohne Illusionen über mich selbst zu hegen, wünsche ich mir unverdrossen freundliche, liebevolle Mitmenschen, friedliche Lichtgestalten, die mich lieben und achten, die sich um mich kümmern, wenn es mir nicht gut geht und die mir ein Pflaster auf die Wunden kleben, die das Leben schlägt.

Und bin dann enttäuscht, wenn mal das Licht auf ihre dunkle Seite fällt.

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Claudia am 02. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Digital Diary – wie geht es weiter? Auch DU bist gefragt.

Digital Diary – wie geht es weiter? Auch DU bist gefragt.

Demnächst möchte ich mal wieder was verändern. Ich lade Euch ein, an der Zukunft dieser Seiten mitzuspinnen und mich ein bisschen zu beraten.

Wer das Diary kennt, weiß, dass ich es nur sehr selten ändere, denn ich möchte ein winziges Gegengewicht zur Welt setzen, in der sich alles immer schneller und unvorhersehbarer verändert. Daher mute ich hier niemandem ohne guten Grund Neuerungen zu – so langsam aber gibt es sie, die guten Gründe.

Schon länger beobachte ich nämlich, dass mich der Aufwand schreckt, einen neuen Beitrag zu bringen: neben dem Artikel selbst (den ich mit ungebrochener Freude schreibe, keine Frage!) mache ich immerhin jeweils drei neue Webseiten (Index-Seite, Permanent-Seite, Druckversion) und ändere eine Menüdatei, hinzu kommt der Text selber, der separat als Textdatei vorliegt und in diese drei Seiten erst beim Aufruf eingebunden wird. Fünf Dateien also – und zum Monatswechsel sind es noch zwei kleine Pflichten mehr, die jeder Schreibanfall zwangsläufig nach sich zieht.

Einerseits denk ich also darüber nach, wie ich diese langweilig technoide Arbeit reduzieren könnte –
andrerseits hab ich auch wieder Lust, Themenseiten aufzubauen, also Texte unter je eigenen Projekt-Homepages mit spezifischer Optik zu versammeln – ZUSÄTZLICH zu ihrem Erscheinen im Diary. Und das bedeutet natürlich noch MEHR technoide Idiotenarbeit pro Beitrag. Was wiederum noch mehr abschreckt!

Das Digital Diary ist historisch entstanden aus meinem einstigen Unwillen, mich immer weiter in selbst geschaffene Schubladen (magazinartige Webzines mit Rubriken, wie z.B. Missing Link) einzusortieren: wenn diese Schubladen veralteten, inhaltlich oder optisch, musste ich alles umarbeiten, neu sortieren und ins erneuerte Design „nachziehen“ – was für ein Aufwand! Die Lösung bestand in einem immer gleich bleibenden Umfeld und der Sortierung nach Datum: Problem abgehakt, das Digital Diary war geboren! Inhaltlich handelten meine Artikel unverändert von Gott und der Welt, waren also meist nicht besonders „Tagebuch-artig“. Immerhin gab mir das neue Arrangement mehr Freiheit, persönlicher zu werden. Ein Prozess, der sich stetig vertieft, bei dem ich aber nur ungern in bloßem Berichten aus dem Alltag enden würde. Ein Blick über den Tellerrand – nach innen, nach außen, nach oben oder ganz unten – soll schon dabei sein. Mal sehen, ob mein Daily Life ihn weiterhin hergibt, das kann man ja nicht auf Dauer inszenieren.

Heute finde ich es jedenfalls wieder schade, die Diary-Artikel nur chronologisch zu erschließen. Damit sind sie so gut wie weg, wenn das Menü den aktuellen Monat nicht mehr anzeigt und werden allenfalls zufällig über Google gefunden. Dieses baldige Versacken aller Inhalte im Nirgendwo reizt nicht dazu, Themen zu vertiefen. Mit jedem Betrag fange ich im Prinzip bei Null an, aus dem Nichts, ohne etwas voraus zu setzen oder auf ein MEHR hin zu führen – und das reicht mir nicht mehr. In mir „leben“ bereits Themenseiten zu meiner Umgebung, zu Berlin, zu Wellnetics bzw. zum „Guten Leben“, wie ich es verstehe – alle mit einer originären Optik aus eigenen Fotos und Collagen – ich hab ja wieder so Lust drauf! ABER ich will nicht mehr im Code versacken, sondern an den INHALTEN arbeiten.

Die Technik ist ja nun glücklicherweise so weit, dass das Einbinden gleicher Inhalte in mehreren Umfeldern an sich kein Problem mehr ist. Allerdings wären das dann NOCH MEHR Dateien, die ich anfassen muss, wenn ich was geschrieben habe – was wiederum den Abschreckungsfaktor erhöht! Und: Soviel Aufwand ums eigene Geschreibsel? Da vereinigen sich Faulheit und Reste anerzogener Bescheidenheid in entrüsteter Ablehnung: Kommt überhaupt nicht in die Tüte! Siehe oben.

Die Würze der Kürze: ein Blog?

Weiter: oft hab ich Lust, was deutlich Kürzeres zu schreiben als so einen Diary-Artikel. Die MÜSSEN aber von meinem Gefühl her so lang sein, um den erforderlichen AUFWAND zu rechtfertigen, den ich ja nun nicht wegen drei Absätzen machen will – obwohl ich mir durchaus drei unterhaltende Absätze zutraue, die einen Kurzbesuch wert sind!

Also: muss vielleicht ein Weblog her? Zusätzlich, daneben, darüber? Seit Jahren seh ich die rasante Entwicklung dieser schnellen Homepage-Nachfolger: eine Art „Diary Light“ mit Kommentarfunktion pro Beitrag, die ich bisher nicht zu brauchen glaubte. Schließlich KANN ich HTML, dacht‘ ich mir immer, nicht bedenkend, dass ich vielleicht auch mal genug davon gesehen habe!

Allerdings stimmt es mich immer bedenklich, Teile meiner Webseiten auszulagern. Vielleicht sind die Fremdanbieter mit dem Weblog-Server morgen pleite oder werden kostenpflichtig! Womöglich hab ich dann eine Lesercommunity um Seiten herum erzeugt, die plötzlich verschwinden oder zu Geiseln fremder Geldverdiener werden – Horror!!! Und DIE TEXTE selber könnten auch verschwinden, wenn ich das bei Kurztexten auch leichter verschmerzen könnte als bei mehrseitigen – trotzdem ist es eine unangenehme Vorstellung, so abhängig zu sein.

Sollte ich es vielleicht dabei bewenden lassen, ein Blog zu „simulieren“?? Das einzige, was dabei problematisch wäre, ist die Kommentarfunktion – und brauch ich die wirklich ??? Ich frag mich sowieso immer, wenn ich das anderwo sehe: Wie merken die Leute, dass jemand gerade uralte Beiträge kommentiert hat??? Vermutlich tut das ja sowieso niemand oder man bekommt vom Server eine Mail. Viel
Besser fand ich bisher ein richtiges Forum, weil es diesen gewissen Saloncharakter hat und die Leser auch miteinander reden. Na, mal sehen, ich bin durchaus offen für neue Erfahrungen und andere Bedürfnisse.

Hallo, es gibt was Neues!

Weil es zur Zukunft dazu gehört, erzähl ich der Vollständigkeit halber auch vom Newsletter. Den gab’s als „Info-Mail“ und „Claudia Klinger-News“ seit den Zeiten von Missing Link – und er wurde nur sehr sporadisch ausgesendet. Dies auch noch „händisch“, immer 150 Adressen im BCC pro „Mailpaket“, was nicht wenig Aufwand bedeutet, deshalb das seltene Erscheinen. Seit zwei Tagen hab ich ihn nun endlich ins Newslettertool meines Providers überführt, in Zukunft kommt er also öfter.

Früher dachte ich zum Thema Leser-Benachrichtigung: wenn ich alle zwei Tage einen Beitrag schreibe, kann ich nicht wirklich auch alle zwei Tage einen Rundbrief versenden, das nervt. Heut hat sich das entspannt, ich schreibe im Schnitt alle Woche einen richtigen Artikel und für einen Blog-Eintrag würd‘ ich natürlich keinen Newsletter versenden, sondern sowas Neu-Schickes wie RSS-Feeds anbieten (damit können Leser, die das wollen, neue überschriften auslesen, OHNE das Diary besuchen zu müssen).

Brauch ich die eierlegende Wollmilchsau?

Wie also weiter? Soll ich weiter „händisch“ meine Seiten stricken und umstricken? Wieder Rubriken/Themenseiten schaffen und zig Dateien anfassen müssen, um da irgendwo längere oder kürzere Texte unter verschiedenen Oberflächen mit verschiedenen Techniken an verschiedene Adressaten zu
verteilen? Eigentlich will ich ja SCHREIBEN und Bilder machen, und nicht mich mit der technischen Seite zu Tode langweilen.

„Ich weiß, was du brauchst!“, sagt an dieser Stelle nun fast jeder, der auch schon ein bisschen länger dabei ist. „Nimm Zope, Plone oder Webedition! Probier das Multi-Blog mit integriertem Newsletter. Vielleicht auch Moveable Type oder DingensBumens! Schau dir an, *was es alles gibt und teste es aus!

Publishing-Tools, Redaktionssysteme, Content-Management – ja, die Zauberworte fliegen mir seit längerem zu, doch bisher hab ich mich verweigert. Himmel, ich habe eine gewachsene Webseitenlandschaft, durchsetzt von Tools meines Providers, die ich mir jeweils an meine Bedürfnisse anpasse – und da soll ich jetzt eine fremde eierlegende Wollmilchsau drüber lassen? Deren Zähmung mich vermutlich Tage kostet – und das nur, um die zehn Minuten zu sparen, die ich pro Diary-Eintrag Dateien basteln und Code angucken muß? Lohnt sich das? Bisher war die Antwort NEIN. Aber vielleicht ändert sich das gerade. Denn ich bin am Ende der Geduld in Sachen Seiten-Pfriemeln und habe trotzdem Lust, wieder MEHR zu machen. Aber wie?

Der Traum: mein Mini-CMS

Vielleicht GIBT es ja schon ein Programm für meinen Bedarf, eines, das mich weder völlig entmündigt, noch mich arm macht und auch keinen Horrorcode in die Welt entläßt? ODER ist vielleicht der erforderliche Aufwand gar nicht so groß und ich könnte mir ein Mini-CMS für MEINE Anforderungen schreiben lassen?? Vielleicht hat’s einer der mitlesenden Programmierer zuhause in der Schublade und braucht nur eine Stunde, es soweit zu ergänzen, dass es genau das tut, was hier gebraucht wird?

Das Klinger-CMS sähe folgendermaßen aus:

Die Eingabe-Maske hätte die Felder Headline, Subheadline, Kurzbeschreibung, Text und Datum. Da schreib ich dann rein, wenn’s mir danach ist. Sofern das Tool auf dem Server läuft, könnte ich sogar von überall aus schreiben, nicht nur von zuhause aus! Nach der Eingabe kreuze ich eine oder mehrere Auswahlboxen für die verschiedenen Webseiten an, wo der Text erscheinen soll, z.B. auf den dann locker ins Werk gesetzen Web-Projekten:

Klinger-Blog [],
Digital Diary []
Vom Guten Leben []
über die Liebe zu Berlin []
Ergonomics []
Was ist neu? []…

Und nach dem Absenden bzw. Uploaden erscheint mein Text in den vorgesehenen Seiten (und in deren Menüs). Das Programm hat sich die jeweilige Vorlage gegriffen, hat die spätere Textseite erstellt, bindet dazu die jeweilige überschrift als Link ins je zugehörige Menü ein. (Das ließe sich auch als „Suchanfrage“ und deren Ergebnis realisieren). Und aus der so nebenbei fortlaufend aktualisierten Seite „Was ist neu?“ (wo natürlich NICHT jeder Volltext, sondern nur die Kurzbeschreibung erscheint), generiere ich dann alle zwei Wochen oder einmal monatlich den Newsletter.

Sehnsucht nach Ordnung und Klarheit

Das wär der TRAUM!!! Mein Problem ist nicht, dass ich 10.000 Features brauche, sondern nur ganz wenige, vielleicht drei bis fünf. Und für die Diary-Struktur inklusiv Blog braucht es (unter der Haube) eine andere Verlinkungsweise als für die geplanten Themenseiten. Dem Programm soll es dann aber egal sein, auf wieviel Themenseiten ich es NOCH anwende – ich möchte jederzeit zusätzliche Webprojekte einbinden können, auf die ich meine Texte ebenfalls auf diese praktische Art verteile.

Ja, das wär‘ wirklich wunderbar! Es würde meinem Schreiben einen Schub geben, denn endlich hätte ich dabei ein Gefühl von Ordnung und Klarheit, was das Veröffentlichen, also den Kanal zur Leserin und zum Leser angeht. Oh, ich könnte wieder neue Seiten entwerfen, richtig designen – träum…!!! Und sogar die CD-ROM, die ich gerne mal gemacht hätte, rückt dann in den Bereich des arbeitstechnisch möglichen!

Das Produzieren der Inhalte war für mich nie das Einzige – zwar im Vordergrund, aber wenn das Drumrum im Chaos versackt oder auch nur irgendwie mängelbehaftet wirkt, überträgt sich da eine Unzufriedenheit auch auf das Schreiben. Ähnliche Probleme seh‘ ich beim Surfen durch fremde Web-Labyrinthe, deren Eigner/innen evtl. viel Sorgfalt in die Texte fließen lassen, aber um diese zu finden, muss man in sechs verschiedenen Text-Konglomeraten unter unterschiedlichen überschriften Menüs durchwühlen, um das Neueste zu finden. Womöglich hat das eine Projekt ein Logfile, ein weiteres bietet einen Newsletter, irgendwo schreibt der Mensch vielleicht ein Blog – aber WO um Himmels Willen ist der aktuelle Artikel??? Tja – soooooviel Treue erwarte ich von kaum einem Leser!

Gib mir einen Tip..

…oder erzähl mir deine eigenen Erfahrungen mit deinem Weblog oder Content-Management-System – gerne auch im *Forum. Vielleicht schaff ich dann auch einen Artikel dazu im *Webwriting-Magazin, mal sehen. Natürlich erst, wenn das Problem für mich gelöst ist.

Bevor mich nun kommerzielle Angebote erreichen, sag ich gleich dazu: dies ist erstmal noch ein Gedankenspiel – und wenn ich vom „Selbstgestrickten“ wirklich wegkommen will, dann werde ich versuchen, eine Tauschlösung, also eine nützliche symbiotische Beziehung zum gegenseitigen Nutzen anzustreben. Meine Kunden brauchen solche Lösungen ja gelegentlich auch!

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Claudia am 26. Februar 2003 — Kommentare deaktiviert für Nach dem GAU

Nach dem GAU

Wer glaubt, ich sei vom Erdboden verschwunden, weil mir allzu langes Fasten nicht bekommen wäre, irrt: der gemeine Computer-Gau hat mich ereilt, und zwar am Dienstag, den 18.Februar. Ich schaltete morgens wie immer das Gerät an, nichts Böses vermutend, denn am Vorabend war ja noch alles ok gewesen. Doch ein längerer Blick auf den schwarzen Screen bringt das kalte Grausen: Schutzverletzung!!! Starten im „abgesicherten Modus“ wird empfohlen, und noch während ich überlegte, ob ich das Angebot annehmen soll, versuchte Windows, sich zu laden und brach erneut ab: Schutzverletzung am Modul GDI.EXE. Starten Sie neu!

Tja, der PC ließ sich aber gar nicht normal ausschalten, ich musste ihm echt den Strom abwürgen, um es aufs Neue zu versuchen. Wieder und wieder schaltete ich ihn ein, und ebenso gleichmäßig landete ich in derselben Katastrophe. Nur die Adressen der Schutzverletzungen, die angeblich irgendwie kaputten Dateien und Module, änderten sich ständig. Sah gar nicht gut aus!

Ich rief einen lieben Freund zu Hilfe, ein ausgesprochen kundiger Windows-Experte mit viel Erfahrung in Anwenderschulung, Diagnose und Betreuung ganzer Netzwerke. Zwar stand er gerade selber im Stress und musste EIGENTLICH einen eng terminierten Textauftrag abarbeiten, kam aber zu meiner großen Erleichterung trotzdem nachmittags vorbei, startete den PC, landete bei der Schutzverletzung, wählte „schrittweise Eingabe“ und erlebte selber, wie Windows sich beim Starten immer wieder aufhängte. Mehr noch: Er fand per DOS-Befehl (=alter Betriebssystemkern aus der Vor-Windows-Zeit) auch eine Festplatte mehr als vorher, es gab jetzt C, D UND F!

Aha! Mir war jetzt klar, dass es nicht nur um eine kurze, mit ein paar Mausklicks behebbare Störung ging, sondern um eine großkalibrige Nerverei. die sich zu Stunden und Tagen dehnen würde: in den Monitor starren, immer wieder „etwas Neues probieren“, mit CDs und Disketten herumfuhrwerken – natürlich ohne Netzanschluß, also darauf angewiesen, alles Nötige physisch am Ort zu haben: die Mega-Katastrophe!

Andrerseits: D. war wieder mal da und wir hatten uns viel zu erzählen. Als erstes berichtete er mir, dass er nur dann Zeit habe, diesen Schlamassel zu bereinigen, wenn ich dafür Teile seiner Text-Arbeit übernähme. Aber sicher doch, mal was anderes! Schließlich sollte er wegen mir keine Einkommensverluste erleiden, wenn er schon so lieb war, mein renitentes Gerät wieder befrieden zu wollen. Also textete ich in den nächsten drei Tagen unterhaltsame Quizfragen zum Thema „Männer & Frauen“, und zwar nicht mit Winword, sondern ich schrieb sie mit der Hand auf Papier. Eine echte Erholung vom Alltag, geistig und körperlich! Wen hat der Märchenprinz denn nun wach geküsst? Dornröschen, Rotkäppchen oder Rumpelstilzchen??? Wie entfernen sich die meisten Frauen überflüssige Haare? Wann gilt eine Ehe als zerrüttet? Was war das „Kranzgeld“ und das „Jus primae noctis?“ Und was trug SIE in den 50ern so Auffälliges unterm Rock? Das sind doch mal lebensnahe Fragen, ich hatte richtig Spaß dabei, außerdem musste ich nicht dauernd aufrecht vor einem Monitor sitzen – wie angenehm.

Starten Sie neu!

Drei Tage gingen ins Land und immer werkte D. einige Stunden am Gerät: prüfte und analysierte, scannte und kopierte, vereinigte die softwäremäßig zu mehreren Partitionen zerhackte Festplatte C: wieder zu einer einzigen Platte, rettete meine dort befindlichen Daten, deren Sicherung auf D: leider nicht mehr ganz frisch war; sicherte auch mein Mailprogramm mit sämtlichen Kundenkontakten der letzten Jahre, und mühte sich schließlich redlich, Windows neu zu installieren – leider nur mit geringem Erfolg. Am Abend des zweiten Tages war ich schon alleine geblieben, um den Rest noch selber drauf zu spielen, als der Bildschirm schon nach der zweiten Installation einfror, ohne dass ich irgend etwas „Schlimmes“ getan hätte. Ich startete neu, kam aber nicht mehr weit: „SCHUTZVERLETZUNG am Modul User.exe, starten Sie neu!“.

Aha. Ich vermutete jetzt einen Hardwarefehler. Glücklicherweise war diesmal die Festplatte nicht wieder zerlegt, doch gelang es nun auch meinem unermüdlichen Helfer nicht mehr, Windows zu installieren. Es wollte einfach nicht. Also noch mal ein Virensuchprogramm über die Platten gucken lassen, ob sich vielleicht im Boot-Sektor der Teufel selber verbirgt: kryptische Fehlermeldungen, Speicherprobleme – ich war ja schon zufrieden, dass meine Daten sicher auf D: lagen und schlug nun vor, das Teil jetzt im Laden abzugeben, wo die Hardwarebastler ihre Künste üben. Wenn mal so was ist, gehe ich immer schon zu *INDAT: morgens bringen, abends holen, manchmal geht’s sogar noch viel schneller.

Diesmal war es allerdings Freitagabend – ich könne ihn Samstag ja gern vorbei bringen, meinte der freundliche Servicemensch. aber da würden sie höchstens noch mal von außen drauf gucken, weil Samstags kein Techniker da sei. Es wurde also Montag, meine PC-freie Zeit begann, sich wie ein richtiger Urlaub anzufühlen, ich verzichtete sogar eineinhalb Tage auf den Besuch im Internet-Café, um in die Mailboxen zu sehen. Die drei Kunden, die aktuell etwas von mir wollen, hatten mir gottlob ihr Mitgefühl signalisiert und nicht etwa Stress gemacht – eigentlich war der Ausnahmezustand, in den mich dieser GAU versetzt hatte, gar nicht mal so schlecht.

Montag hatte ich ihn wieder – und mittlerweile verspürte ich sogar wieder LUST auf PC! Ich las freiwillig die letzten drei Nummern Internet World, was ich die letzen Monate kaum mehr getan hatte, amüsierte mich köstlich mit dem Buch von Thomas Wirth „Über gutes Webdesign“, ja, ich freute mich auf ein frisch aufgebautes und aufgeräumtes Equipment, von dem aller Ballast und aller überflüssiger Datenmüll verschwunden sein würde. Tatsache ist, ohne IHN bin ich unvollständig und regelrecht behindert. Wichtige Teile meines Gedächtnisses, und zwar die, die mir das Überleben in dieser Gesellschaft halbwegs angenehm ermöglichen, befinden sich auf Festplatte und nicht etwa in der Wetware meiner Gehirnwindungen. Was meine Kontakte zu Mitmenschen angeht, so falle ich erst mal voll aus dem eigenen Netz, wenn ich vom Internet-Zugang abgeschnitten bin – wer ist heut schon noch mit seinen physischen Nachbarn befreundet! Und arbeitslos bin ich ohne Gerät sowieso, das Schreiben mit der Hand ist ja nicht wirklich eine konkurrenz-fähige Lösung.

All das nahm ich in dieser guten Woche Zwangsurlaub wahr, ohne es positiv oder negativ einzustufen. Bereit, den Ausnahmezustand zu genießen, ging ich in das nette, aber meistens leere Lokal gegenüber und ließ mir vom Macher seine Geschichte erzählen. Es gibt da Pasta und Suppen, Frühstück und Kuchen, Wein und klassische Musik – auf allen Tischen brennen Teelichte, es ist hell und freundlich und die Preise sind beeindruckend niedrig. Ich traute mich in den leeren Raum, denn ich hatte ja mit Peter schon eine Mail über *seine Website gewechselt, bestellte Pasta mit Pesto (3,60) und freute mich, dass sich nun auch andere herein wagten. „So voll ist es sonst nie“, meinte der Gastgeber. Ich wünsche ihm, dass sich das ändert, jedenfalls werd ich die Suppen alle mal probieren.
Aufhellungen

Und noch etwas ist mir aufgefallen: morgens im Treptower Hafen, an der Anlegestelle der weißen Flotte, gibt es ein Stück vermauertes Ufer, wo oft Eltern mit Kindern die Schwäne und Möwen füttern. Auch jetzt war da ein Vater mit einem kleinen Kind, sie packten einen Sack mit gesammelten Brotkrumen und Toast aus und warfen die Stückchen in die Luft und ins Wasser. Ich liebe es, diesem hektischen Treiben zuzusehen, die eher schwerfälligen Schwäne haben Mühe, überhaupt etwas abzubekommen, denn sie sind umgeben von schwarzen Teichhühnern, die ihnen alles wegschnappen und dazu schnalzende Laute ausstoßen. In der Luft wirbeln unzählige Möwen herum, richtige Ellenbogennaturen, die einander noch den letzten Fetzen abjagen, wenn sie können. Sie sind hübsch, aber irgendwie ausdruckslos und deshalb ein wenig gespenstisch. An diesem Morgen nun fielen mir die Stockenten auf, ganz gewöhnliche Stockenten, nur schillerten ihre Köpfe in der Morgensonne in einem nie zuvor gesehenen grellgrünen Neonschein, so dass ich sie nur anstaunen konnte. Es war mir bisher nie aufgefallen, obwohl ich die Enten oft sehe – aber eben nicht in der Morgensonne!

Der Morgen war eher nicht die Zeit der gemeinsamen Spaziergänge mit Manfred, doch jetzt lebe ich allein, war sogar ohne PC, warum also nicht? „Alles verändert sich, wenn du dich veränderst!“, sangen einst Ton, Steine, Scherben – auch die Stockenten, wie man sieht, mit denen es übrigens noch nicht vorbei ist. Nur wahre Dichterinnen und Dichter halten sich an einem besonderen Grün lange fest, und ich gehöre eher nicht zu ihnen. Vater und Tochter hatten mittlerweile ihr Brot weitgehend verteilt, ich trat den Rückweg an, war schon ein paar Meter gegangen, da sah ich die Stockenten im Sonnenlicht VIOLETT schimmern. Verdammt, dachte ich mir, wo sind denn jetzt die grünen hin? Ich blieb stehen und checkte sie alle durch: ihre Köpfe leuchteten eindeutig violett, nicht ein einziger noch grün. Ich ging zurück – und das Rätsel klärte sich auf: unter direktem Sonnelicht schimmern sie grün, auf der verschatteten Seite glänzen sie violett. Und das Ganze changiert ins farblos dunkle, leuchtet also nur sporadisch auf.

Das Wunder sind nicht eigentlich die Stockenten. Sondern dass ich echt 48 Jahre alt werden muss, um zu bemerken, wie sie aussehen. Offensichtlich hab‘ ich nie zuvor hingesehen, es gab immer WICHTIGERES. Meine Vorhaben zum Beispiel, meine Probleme und Befürchtungen, meine Wünsche und Träume – so langsam lichtet sich dieser öde Dschungel ein wenig und ich bin gespannt, was noch alles in Sicht kommt.

Ach ja, fast hätte ich’s vergessen: INDAT hat die Speichermodule gewechselt und das Netzteil. 129 Euro und die Kiste lief wieder. Im Prinzip – Aufbau und Neuinstallation aller Geräte und Programme hat noch bis heute gedauert. Und ab morgen mach ich eine VIEL bessere Datensicherung, ganz bestimmt!

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Claudia am 12. Februar 2003 — Kommentare deaktiviert für Alles neu. Fasten, Tag 13.

Alles neu. Fasten, Tag 13.

Die dritte Woche in der neuen Wohnung. Einerseits fühl‘ ich mich, als wohnte ich schon sehr viel länger hier, so vertraut sind mir diese typischen Berliner Altbauzimmer: der zigmal übermalte Stuck an den Decken, die immer etwas zugigen achtteiligen Kastendoppelfenster, die beim Renovieren so wahnsinnig Arbeit machen, die angenehm großzügige Raumhöhe, die es langjährigen Bewohnern praktisch verunmöglicht, je wieder in einen Neubau zu ziehen – wie konnte ich nur allen Ernstes daran denken, in ein Hochhaus zu ziehen!

Andrerseits gibt’s kein Wasser in der Küche! Im letzten Diary-Eintrag war ich noch begeistert von der Instandsetzungswilligkeit der Hausverwaltung, die doch tatsächlich daran denkt, fast durchgefaulte Bodendielen zu erneuern. Nun aber zieht sich das bereits in die dritte Woche und noch immer ist kein Handschlag getan. Gelegentlich erscheint ein Handwerker, schaut sich alles an, berät mit dem Hausmeister und will angeblich einen Kostenvoranschlag machen – und dann höre ich nichts mehr davon. Es könnte mich kalt lassen, doch kann ich, solange die Bodendielenreparatur ansteht, keine Spüle aufstellen. In den ersten Tagen hab ich trotzdem noch ein bisschen gekocht und eben im Bad gespült, doch ist das eine ausgesprochen sperrige und umständliche Prozedur, da lasse ich es lieber ganz.

Hab‘ ich dann auch gemacht und so ist heute mein 13.Fastentag: Wasser, Kräutertee, je ein halber Liter Obst- und Gemüsesaft, dazu täglich 30 Gramm Honig. Nennt sich „Buchinger-Fasten“ und braucht weder Herd noch Spüle! Schon lang hatte ich vor, mal wieder zu fasten, bin dann aber doch nie dazu gekommen, fand den Einstieg nicht, fühlte mich dem Essen in all seinen Bedeutungen auch viel zu fest verbunden, als dass ich es hätte loslassen wollen. Jetzt bin ich froh, dass es geklappt hat, es ist wunderbar, mal ganz ohne diesen vielfältigen Zauber rund ums Essen auszukommen und sich auch noch wohl zu fühlen.

Das war nicht die ganze Zeit so. Ich litt phasenweise unter starken Konzentrationsmängeln, fühlte mich in den 10.000 Angelegenheiten, mit denen ich mich befassen sollte, könnte, müßte, geradezu am Versacken. Meine To-Do-Listen vervielfältigten sich und waren nicht mehr zu bewältigen – bis ich es mir erlaubte: Ok, bist halt mal unkonzentriert! Die Welt wird deshalb nicht wirklich gleich einfallen… und wie durch Zauberhand verwandelte sich der Leidenszustand in wohlige Gelassenheit, gepaart mit einer gewissen Neugier auf die weitere Entwicklung. Ja, immer wieder beeindruckt mich dieses Wunder, dass durch ein „Ja“ zu dem, was ist, die „gefühlte Negativität“ verschwindet, wegschmilzt wie der letzte Schnee an einem sonnigen Tag.

Nun hab ich gestern sogar meine Umsatzsteuervoranmeldung geschafft! Etwas, was ich immer gerne vor mir herschiebe und üblicherweise nur unter innerem Fluchen und Schimpfen zustande bringe. Im Diary dagegen, das ich immer mit Freude weiter schreibe, ist eine ungewöhnlich lange Pause eingetreten – ich konnte mich definitiv nicht für ein Thema entscheiden, nichts fesselte mich länger als ein paar Augenblicke und dann stand mir auch wieder die To-Do-List im Wege. Fakt ist, dass mein ganzes Leben, wie es noch bis vor kurzem war, sich aufgelöst hat. Alles ist neu und will erstmal erfahren werden, bevor ich drüber schreiben kann. Ich fühle die erstaunliche Freiheit, aber auch die Dringlichkeit, eigene Strukturen in ein Nichts hinein zu erschaffen. Alle Routinen haben sich verabschiedet, einschließlich der Rythmen, die das Kochen & Essen dem Tag aufprägt. Nun ist es nicht mehr damit getan, den Schwerpunkt auf „Beobachten“ zu legen oder auf die Befindlichkeit beim Einfach-so-weiter-machen. Da ist im Moment kein „einfach so“ mehr. Ich muß mich wirklich fragen, was ich eigentlich will und wie – ein recht neuer Gedanke, aber auch irgendwie abenteuerlich! Alles scheint möglich….

…aber immerhin ruft noch die Arbeit! Deshalb war es das für jetzt – möge die Sonne auf Euch scheinen, wenn nicht von außen, dann eben von innen!

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Claudia am 30. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Umzug geschafft: Vom Wohnen und Gestalten

Umzug geschafft: Vom Wohnen und Gestalten

Tag 5 in der neuen Wohnung. Gleich kommt der Hausmeister mit einem Tischler, um in der Küche ein paar Dielen zu erneuern. Das machen die ganz ohne dass ich sie dazu aufgefordert hätte, einfach so, weil sie „durch“ sind! Ich bin positiv überrascht über soviel instandhalterisches Engagement von Seiten der Hausverwaltung, dabei ist es nicht einmal ein frisch saniertes Haus, wo verbliebene Mängel eher mal beseitigt werden, sondern ein ganz normaler Berliner Altbau.

Blick auf den Rudolfplatz

Das Einräumen und Einrichten ist jetzt erstmal geschafft, die (neun!) Umzugskísten sind ausgepackt, die wenigen Möbel verteilen sich gut in den beiden großen Räumen und der Küche. Das Gefühl von Weitläufigkeit bleibt glücklicherweise erhalten, passend zu diesem wunderbaren Blick aus dem dritten Stock raus auf den Rudolfplatz. Vorhänge braucht es eigentlich nicht, denn es gibt kein Gegenüber. Meine Vormieterin hatte auch keine, doch aus Gründen der Gemütlichkeit will ich von dieser Tradition abweichen. Der erste Versuch war allerdings ein Flop, in zwei Zentimeter Tiefe trifft der Bohrer auf Eisen. Na, mal sehen, es muß ja nicht alles in der ersten Woche passieren.

Ich glaube, in dieser Wohnung werde ich lange bleiben. Sie ist wie für mich gebaut und bietet (fast) alles, was ich im Laufe meiner bisherigen Wohn- und Umzugserfahrung als angenehm und schön erlebt habe: hohe Altbaudecken mit Stuck, Flügeltüren, abgezogene Dielen, ein großer Erker und ein Balkon. Dazu nach vorne und hinten jede Menge Aussicht, ich bin richtig entzückt! Im Frühling wird es in den großen verbundenen Höfen, die sich hinter dem Haus bis zur Spree erstrecken grünen soweit das Auge reicht. Ein Geschenk!

„Das ist deine erste eigene Wohnung, die ein bißchen Stil hat“, sagte mein liebster Freund, als er herumging und begutachtete, wie ich die Gegenstände in den Räumen verteilt hatte. Das ist ein großes Lob. Von uns beiden ist nämlich er immer derjenige, der es locker hinbekommt, aus nichts eine gute Atmosphäre zu schaffen – mir scheint, ein bisschen habe ich im Lauf der zehn Jahre des Zusammenwohnens doch von ihm gelernt.

Dabei hab‘ ich noch fast gar nichts GETAN, nichts angeschafft, Vorhänge und ein Teppich fehlen – aber zuwenig ist bei weitem besser als zuviel! Das ist eine der Maximen angenehmen Wohnens, hinter der ich jetzt voll stehe: Erstmal mit dem Nötigsten einziehen, nur alles benutzbar machen und sonst nichts weiter verändern. Indem ich mich dann in den Räumen aufhalte und den „Spirit of Place“ erlebe, ergeben sich die fehlenden, bzw. noch notwendigen Dinge wie von selbst: sie wenden eine Not, die erst einmal gespürt werden will! Wenn ich meine Habe dann in den vorhandenen Regalen, im Sideboard und auf den Kleiderhaken und Ständern verteilt habe, DANN erkenne und fühle (!) ich, ob mir noch ein Schrank oder ein anderes Behältnis FEHLT. Ich kaufe es nicht einfach so, weil es im Laden oder im Prospekt gut aussieht und irgendwo schon noch hinpasst.

zwei leere Zimmer

Wie anders bin ich früher an neue Räume heran gegangen! Einziehen bedeutete immer erstmal voll renovieren. Egal, in was für einem Zustand die Zimmer waren, „Rauhfaser weiß“ und „alles neu“ mußte sein, bedeutete eine Art Aneignung des Ambientes durch mühselige und anstrengende Bearbeitung der Oberflächen. Ohne mir viel Gedanken zu machen, hatte ich dieses Herangehen von meinem Vater übernommen, der ein großer Do-it-Yourselfer war.
Es beschränkte sich nicht aufs Streichen und Tapezieren, mein In-Besitz-Nehmen einer Wohnung war auch immer mit scharfem Gerät, Staub, Lärm und gewaltätigen Eingriffen verbunden: ich eroberte das Gelände sozusagen mit der Schlagbohrmaschine, brauchte überall Regale und Beleuchtungen, Verkleidungen und Podeste an, ohne je Rücksicht auf die Gegebenheiten zu nehmen: ich ERSCHUF die Wohnung, die ich bewohnen wollte, praktisch erst durch mein brachiales Vorgehen – das ja immer auch bedeutete, beim Auszug einen ähnlichen Aufstand machen zu müssen, um alles wieder zu verspachteln und in eine neutrale Ordnung zu bringen.

Wie anders jetzt! Die Wohnung, die wir gerade verlassen haben, erforderte nur ein paar wenige ausbessernde Pinselstriche, minimalste Füllarbeiten und ein bißchen putzen. Sieht nun genauso „topmodernisiert“ aus, wie beim Einzug. Das kommt, weil ich von meinem Lebensgefährten den inneren Ekel übernommen habe, Eingriffe in die Substanz vorzunehmen, die nicht unbedingt sein müssen. Ein Loch bohren? Mit einer Maschine? Gar so, dass man da etwas anbringen kann, was auch ein Gewicht trägt? Um Himmels Willen! Geht es nicht auch anders? Besser, man stellt etwas auf den Boden oder hängt Dinge an vorhandene Leisten, Träger, Rohre, Geländer – jede Alternative ist zu überdenken inklusive des Verzichts, bevor so etwas Heftiges, Lautes und Gewaltätiges wie eine Bohrmaschine zum Einsatz kommt.

Früher hab ich diese Haltung belächelt, oft hat sie mich auch geärgert, denn sie erschien mir als bloße Behinderung: ich hatte meine gestalterische Idee und wollte sie auf die Schnelle – mit allen Mitteln! – umsetzen. Da die Technik das Gerät zur Verfügung stellt und Materialien wie auch Energie erschwinglich sind, spricht doch nichts dagegen, sich seine Umwelt nach eigenem Willen zu gestalten. Warum sollte ich auf diese Möglichkeiten verzichten und mich den Verhältnissen anpassen, wie ich sie gerade vorfinde?

Wer jetzt glaubt, an der Stelle komm ich mit ÖÖko und Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, täuscht sich. Klar, das alles ist unbestritten lebenswichtig für die Zukunft der Menschheit, aber mal ehrlich: wie nachhaltig wirken diese guten (aber rein „vernünftigen“) Gründe in der eigenen Psyche, wenn es ums ureigene Wohlbefinden, um die Vorstellungen von Schönheit und Glück, vom guten Leben geht?

Lassen wir die Vernunft beiseite, es ist etwas Anderes, das mich dankbar sein läßt, heute nicht mehr immer und überall gleich „durchgreifen“ zu müssen: eben diese VORSTELLUNGEN vom Schönen sind nämlich der Knackpunkt, den es genauer zu betrachten gilt. Wenn ich meine Umgebung nur als zu gestaltendes Material ansehe und nicht als vorhandene Form mit eigener Geschichte und eigenem Recht, woher nehme ich dann eigentlich meine (Wunsch-)Vorstellungen, wie die Dinge aussehen sollen? Offensichtlich wachsen sie nicht in mir, denn mit Bestehendem halte ich mich ja gar nicht erst auf, gebe den Dingen so, wie sie sind, keine Chance, eine Zeit lang auf mich zu wirken. Wenn ich sofort umplane und umarbeite, umgehe ich das FÜHLEN dessen, was ist, kann also gar nicht erkunden, was mich wirklich stört, was mir gut tut und was mir in einer konkreten Umgebung fehlt. Ich bleibe dann im Reich des Denkens hängen: Denke, dass das, was da im Laden oder im Prospekt wunderbar aussieht, auch für mein Arbeitszimmer gut sein müßte; denke, dass die Farbkombination, die in der Ausstellungshalle bei Kunstlicht so exotisch wirkt, auch in meinem hellen dritten Stock gut kommt – und ich irre mich!

Oh, wie oft habe ich mich schon geirrt! Und immer war es mit Aufwand und Kosten verbunden, hat mich angestrengt, mir richtig Mühe gemacht und letztlich war es ein Nichts, ja schlimmer als ein Nichts, denn ich war ent-täucht, weil meine Erwartung, um mich herum etwas Schönes zu schaffen, wieder einmal frustriert wurde. Was wiederum die Aufgabe, ein neues Mal alles umzugestalten, nahe legte – es ist dann nur eine Frage des Geldes, wann es wieder soweit ist.

Natürlich ist das Anspringen auf schöne Dinge in Katalogen, in Läden, in fremden Wohnungen und in Schaufenstern auch ein GEFÜHL. Aber es ist unverbunden mit dem eigenen Raum, ihm wird keine Zeit gegeben, es taucht isoliert auf und entschwindet wieder, bietet jedenfalls keinen wirklichen Anhalt für das Wachsen eines echten Bedürfnisses. Es entsteht in der Regel durch reine Augenlust und bleibt auf den Sehsinn beschränkt – wogegen das Zimmer, in dem ich mich aufhalte, auf meinen ganzen Körper, ja, meine psychophysische Leiblichkeit einwirkt. Und zwar lang und stetig genug, dass ich das dann auch bemerken, in Gedanken und Worte fassen kann. Dann erst WEISS ich, was ich will.

Als nächstes rede ich mit jemandem darüber. Manchmal ist das gut, manchmal eher kontraproduktiv. (Wer die Intuition hat, der eigene Wunsch sei gewiß auch das Richtige, schweigt am besten!) Zum Glück hab‘ ich mit M. erstmal über meine Idee geredet, die hellgrauen Wände in der Küche doch lieber weiß zu streichen, am besten gleich. Die Farbe hab ich mir zwar schon mal gekauft, aber das Projekt „Küchenrenovierung“ ist jetzt ins Frühjahr vertagt. Eigentlich sieht das Hellgrau nämlich gar nicht so schlecht aus, es war einfach ein besonders trüber Tag gewesen, als ich es in der Abenddämmerung zum ersten Mal richtig wahrgenommen und innerlich abgelehnt hatte. Im Frühling kann ich dann auch gleich das Fenster mit streichen, so hab ich nur einmal Baustelle.

Blick aus der Küche

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Claudia am 24. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Noch hier – schon dort – im Nirgendwo

Noch hier – schon dort – im Nirgendwo

Das Zimmer ist nun fast ganz leer, alles ist abgebaut und steht zum Transport bereit. Diesen Text tippe ich nicht mehr am großen Schreibtisch auf dem bequemen Bürostuhl, sondern an einem kleinen runden Holztischchen, das gerade genug Platz für Monitor, Tastatur und Maus bietet. Nachher werde ich ein letztes Mal ins Netz gehen, nach Mail gucken und diesen Beitrag ins Diary stellen, bevor ich alles ausstöpsele und verpacke.

Rudolfplatz

Heut war ein anstrengender Tag, aber er hat mir trotzdem sehr gefallen. Ich war schon um halb neun in der neuen Wohnung, ging dort durch die Räume, die noch wunderbar leer waren, überlegte, wohin ich dies und jenes stellen werde, ging immer wieder zu den Fenstern, um die Aussicht zu genießen. Endlich mal mehr als nur die Hauswand gegenüber – nämlich der Rudolfplatz: ein bißchen Grünanlage, Wiese, Bänke, Gebüsch, ein großer Kinderspielplatz, daneben Kirche (außer Betrieb) und Schule – und gegenüber das Offene, Unbestimmte, Weite… es entzückt mich! Das ist das Erbe von Mecklenburg, ganz bestimmt. Früher hab ich mich für Ausblicke nämlich nicht interessiert. Meine erste berliner Wohnung (ab 1979) lag im Hinterhaus, einhalb Zimmer, Küche, Ofenheizung, Außentoilette – und man schaute auf eine fensterlose Brandwand, nur etwa drei Meter entfernt. Die billige Bleibe hatte ich von dem Regisseur Rudolph Thomè übernommen, der sich später an sie erinnerte und mich bat, für drei Wochen auszuziehen. Ich bekam 1000 Mark und das Filmteam die Wohnung, wo sie einige Szenen für „Berlin Chamissoplatz“ drehten. An der Mauer gegenüber stand dann rot hingesprüht: „Anna, ich liebe dich!“, und meine Wohnung war frisch gestrichen.

Es war ein langer Tag mit viel körperlicher Arbeit: geschleppt, gepackt, geputzt, herumgefahren, Auto einladen, Auto ausladen, runter vom zweiten, rauf in den dritten Stock – viele Male viele Treppen steigen. Das Denken ändert sich dabei, stelle ich fest. Ich plaudere einfach so daher, komme von diesem zu jenem, es hat weniger Schwere, weniger Reiz, weniger Wichtigkeit – ich kann ihm Raum geben und es plappert los, aber es ist angenehm zu wissen, dass es auch wieder aufhört, weil noch viel zu tun ist, morgen, übermorgen – ganz konkrete, anfaßbare Dinge, ausräumen, einräumen, Möbel herumschieben, einkaufen, basteln, ausmessen, Lampen aufhängen, die Küche streichen – das ist so vergleichsweise ruhig, ich kann es schlecht in Worte fassen, aber jetzt verstehe ich besser, warum Kontemplative und Mystiker aller Zeiten einen Hang zu einfachen körperlichen Arbeiten hatten. Das „Übertriebene“ des Denkens verschwindet, man fühlt sich im EINKLANG, wenn man zu dem, was körperlich gerade passiert, den passenden Gedanken hegt: Stelle ich den Herd mehr rechts, oder verschiebe ich ihn eher nach links? Und wenn solche Fragen nicht auftauchen, ist es wundervoll, einfach die Empfindungen zu beobachten. Ja, so ein kleiner Urlaub vom Sitzleben durch das Umziehen ist schon toll!

Mittags dann im T-Punkt: WARUM ist das Telefon noch nicht geschaltet? Das sollte doch am 23. in der neuen Wohnung schon funktionieren! „Tja,“ sagt die Dame und blickt bedauernd in ihren Monitor, „das hat leider nicht geklappt! Aber am 28. ist die Schaltung dann ganz sicher, der Termin steht!“. Sie will nicht, dass ich auch in den Monitor gucke, was für mich erstmal ganz selbstverständlich ist, wenn ich mit ihr zusammen an einem runden Stehtisch stehe, also kein Schreibtisch den Raum in „davor“ und „dahinter“ einteilt. Was sie wohl fürchtet? Dass ich ihrem Arbeits-Interface was weggucke??? Oder erscheinen vielleicht peinliche Meldungen wie „Kunde ist Nörgler und beschwert sich bis zum Vorstandsvorsitzenden“, die sie vor mir verstecken muß? Ich jedenfalls war immer brav, nur die Telekom hat niemals funktioniert, wie versprochen, wenn ich etwas brauchte. Wirklich nicht ein einziges Mal.

Rudolfplatz

Wunderbar geklappt hat heut morgen die Lieferung des Gasherds. Oh, wie hatte ich mir Sorgen gemacht, dass es nicht der richtige Anschluß sein könnte, dass der Schlauch vom Herd genau verkehrt herum sitzt, dass er womöglich nicht funktioniert oder man irgendwo etwas anwerfen muss und ich hab keine Schlüssel – eine Gasetagenheizung hatte ich ja noch nie und was das Kochen angeht, so liegen Jahrzehnte mit E-Herden hinter mir. Zum Glück waren die Sorgen umsonst, es lief alles ganz easy, die beiden gewichtigen Packer hatten sogar gute Laune, wir witzelten herum – ein netter Einstieg in den Tag.

Kaum waren sie weg, kam *Dirk, mein alter Freund aus der Netzliteratur-Szene, der neulich am Telefon unaufgefordert seine Umzugshilfe angeboten hatte. Fand ich klasse – immerhin sind wir aus dem Alter raus, wo man aus Umzügen versucht, eine Art Fest zu machen, viele Leute zusammen trommelt (von denen 80 Prozent auch wirklich kommen), gemeinsam ein paar Stunden schuftet und dann ins große Fressen & Trinken übergeht. Nein, Menschen meiner Altersklasse lassen üblicherweise umziehen, wir schleppen nicht mehr so gern selbst und viele haben auch soviel angesammelt, dass es freiwillige Helfer überfordern würde. Nun, die letzten beiden Male hab ich das auch so gehalten, der lange Weg nach Mecklenburg schreckte mich von der Selbstorganisation doch erfolgreich ab. Aber jetzt, etwa 500 Meter die Straße weiter bis zum Rudolplatz, und dann mit doch deutlich reduziertem Besitztum – Himmel, dafür will ich einfach keine 600 Euro ausgeben!

Also Eigeninitiative – alles, was in den Peugeot von Manfred passt, selber transportieren, für die größeren Sachen kommen morgen zwei Profis mit einem Kleintransporter. Wenn ich mich so umgucke, werden die höchstens zweimal fahren müssen – für zusammen 45 Euro die Stunde, das ist echt zivil. (Wenn man dagegen eine Obdachloseninitiative beauftragt, die in den hiesigen Kleinanzeigenblättern insererit, kostet es 50 Euro pro Helfer PLUS Auto!) Trotzdem war es wunderbar, dass Dirk mir heute geholfen hat. Die Umzugskisten hätten mich sonst überfordert – außerdem ist es netter zu zweit, die ganze Sache ist viel schneller rum. Hinterher waren wir noch gemütlich essen – DANKE DIRK!

Diesem Text mangelt es deutlich an philosophischer Dimension, sorry! Im Moment scheine ich mich am schreiben fest zuhalten, denn danach will ich ja den Stecker ziehen. Vom Netz gehen, das Telefon einpacken, den Kabelverhau auseinander nehmen – es ist mit eigenartigen Gefühlen verbunden, als täte ich etwas Verbotenes. Auch eine Art Verlustangst ist dabei: wenn ich mal draußen bin, werde ich denn wieder REIN kommen??? Rechtzeitig und ohne Verluste und ohne dass ich etwas Wichtiges verpasst hätte??? Das ist alles ganz irrational und nicht besonders ausgeprägt, nur eine „Unterstimmung“ unter den viel stärkeren Gefühlen, die im Rahmen des Umzugs aufkommen. Aber doch unüberhörbar: DER ANSCHLUSS ist das wichtigste! Um den Anschluss herum wird alles andere angeordnet. Egal, in welchem Zustand sich die neue Wohnung dann gerade befindet, sobald „der Anschluß steht“, ist alles in Butter, alles ok, die Sache gelaufen.

Am Dienstag also. Sagt zumindest die Telekom. Ich könnte das ja hier alles stehen lassen und erstmal abwarten, ob es auch klappt. Hab ich mir zuerst jedenfalls so überlegt, dann aber doch Lust auf den „vollen Umzug“ bekommen. Ich mag nicht in diese leere Wohnung zurück gehen und hier mailen und Webseiten pflegen – dann schon lieber ins Internet-Café, das passt viel besser zu diesem wunderbaren „Ausnahmezustand“.

Wer also was von mir braucht in den nächsten Tagen, kann davon ausgehen, dass ich einmal am Tag Mail abrufe. Viel mehr aber nicht.

Und jetzt zieh ich den Stecker. Macht’s gut!

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