Claudia am 27. Mai 2004 — Kommentare deaktiviert für Blockiert und ratlos: Warten auf den Ruck

Blockiert und ratlos: Warten auf den Ruck

Gestern morgen funktionierten zwei meiner Mailboxen nicht mehr, ich konnte zwar Nachrichten empfangen, aber nicht mehr versenden. „Unerwarteter Verbindungsabbruch“ war alles, was ich darüber in Erfahrung bringen konnte. Anstatt groß rumzuforschen, benutzte ich zum Senden eine andere Mailbox, und siehe da: heute geht es wieder. Aussitzen ist eben manchmal doch die beste Lösung!

Nicht länger „aussitzen“ kann ich die Frage, wie ich jetzt möglichst schnell wieder Geld verdiene – auf neuen und alten Wegen. Nach den ersten fünf, sehr gut gelaufenen Schreibimpulse-Kursen war eine kreative Pause angesagt. Die hab‘ ich mir auch gegönnt, locker darauf vertrauend, dass meine sonstigen Einkünfte die Lücke überbrücken werden. Dann aber begann es auch hier zu „stottern“: ein Hauptkunde balanciert am Rande der Insolvenz und zahlt nur Mini-Beträge ab, ein anderer, von dem einige Aufträge zu erwarten sind, hat ausgesprochen lange Entscheidungsfindungszeiten – und prompt steh‘ ich finanziell vor dem Nichts!

Was tun? Diese Frage ist mir im Alltag weit näher als das meditative „Wer bin ich?“ – und doch hat das eine mit dem Anderen viel zu tun. Seit 1996 arbeite ich „im Internet“, und zunächst dachte ich, ich hätte ein neues Paradies gefunden. Ich erschuf Netz-Magazine, knüpfte unzählige Kontakte, moderierte eine große Mailingliste, die einzig der „Webkultur“ gewidmet war – und ich machte Kunst, spielte mit den Möglichkeiten der neuen Technik, drückte mich in ihnen aus, entwickelte schließlich meine persönliche „Schreibe“, die die Jahre überdauert hat und in diesem Webdiary zu besichtigen ist.

Um den Gelderwerb musste ich mich zu Beginn nicht kümmern. Mein befristeter Arbeitsplatz als Projektleiterin bei einem ABM-Träger war gerade weggekürzt worden und – ausgehend von BAT 3a Vollzeit – hatte ich mittels Arbeitslosengeld ein recht bequemes Auskommen. Ich suchte NICHT nach einem neuen, ähnlichen Job, sondern warf mich mit aller Begeisterung, neugierig, lernwillig und schier unendlich belastbar auf das neue Medium. Und tatsächlich: Das Vertrauen, dass sich in Sachen Geld verdienen schon irgend etwas ergeben werde, hat nicht getrogen. Schon sehr bald kamen die ersten Interessenten, die sich von mir eine Website bauen ließen, zudem schrieb ich für Printmedien über Internet-Themen und dann sogar ein „Netzlexikon“ – erschienen im MIDAS-Verlag, leider ein wenig der Zeit voraus.

Über die Jahre ist es dann immer so weiter gegangen. Nie musste ich „akquirieren“, um zu Aufträgen zu kommen – immer fanden sich rechtzeitig neue Auftraggeber ein: Menschen, die mich aufgrund meiner nonkommerziellen Aktivitäten bemerkt hatten und Gefallen fanden an dem, was ich so mache. Und sie empfahlen mich weiter, gaben Folgeprojekte in Auftrag – bis heute funktioniert diese „Schiene“, doch kann sie mich nicht mehr vollständig finanzieren. Schließlich hat mittlerweile jeder eine Website, der sie wirklich braucht. Und wer macht in diesen schwierigen Zeiten schon Geld für ein Update locker, wenn es nicht unumgänglich ist?

Zudem hat sich die Netzwelt grundstürzend geändert. Manchmal staune ich, wie effektiv mittlerweile alles durchkommerzialisiert ist. Sucht man irgend eine kleine Hilfe bei ganz alltäglichen Bedürfnissen, landet man auf intelligent gestalteten Angebotsseiten: winzige Basic-Infos gibt es kostenlos, doch sobald auch nur der geringste echte Nutzen gefragt ist, ist die Registrierung und das Abo fällig. Und all das funktioniert mittlerweile auch. Die Leute ZAHLEN wirklich!

Ich bin keine Nostalgikern und stehe hier nicht an, über „den Kommerz“ zu klagen. Klar müssen alle Geld verdienen und warum zum Teufel soll irgend jemand seine hart erarbeiteten Werte fortlaufend kostenlos unters Volk werfen? Ja wo leben wir denn? Ganz gewiss nicht im Paradies!

Ich frag mich nur: was bedeutet das für MICH? Die Tatsache, dass das Netz zum großen kommerziellen Nutz-Medium geworden ist, heisst auch, dass es als „Kultur-Medium“ kaum mehr wahrgenommen wird. Zwar gibt es immer noch Menschen, die auf ihren Homepages und Blogs wundervolle Inhalte bieten, aber sie werden kaum mehr gefunden. Für Erwähnungen in Newslettern und auf gut besuchten Websites muss man lange schon zahlen, in den Suchmaschinen erscheinen fast nur noch kommerzielle Anbieter, die es sich leisten können, viel Arbeit in die „Optimierung“ ihrer Webseiten für Google et al zu investieren – mit allen Tricks.

Diese Entwicklung entzieht meiner bisherigen Art und Weise, zu Aufträgen zu kommen, den Boden. Das ist lange schon spürbar, aber ich hatte, solange es noch irgendwie ging, nicht wirklich Lust, mich dem Problem zu stellen. Ein Schritt in die richtige Richtung sind immerhin schon die Online-Schreibkurse – aber davon alleine werde ich nie leben können, wenn sie GUT bleiben sollen und nicht zu einem anonymen Massenbetrieb werden, bei dem ich dann nur noch das Organisatorische abwickle.

Das klingt so „mächtig“, so als könnte ich es tun, wenn ich nur wollte – aber so ist es nicht. Im Rahmen eines Jobs bin ich auch mal eine ganz ordentliche Verwaltungs- und Organisationskraft, aber wenn ein Projekt ganz „aus mir heraus“ entstehen und blühen soll, dann muss ich an meiner Arbeit auch richtig Freude haben. Und zwar nicht nur am Erfolg, sondern am konkreten Tun von Tag zu Tag.

Unter Druck..

Wie beneide ich doch gelegentlich die Menschen, die immer schon wissen, was sie arbeiten und womit sie nützlich sein können! So ein handfester, klar definierter Beruf, Arzt, Schornsteinfeger oder Steuerfachgehilfin – muss doch toll sein! Man weiß, wann die Arbeit zu Ende ist und muss sich keine Gedanken machen, wovon man demnächst leben wird. Und man hat „richtige“ Freizeit, sogar Urlaub. Das „ganzheitliche“ Leben und Arbeiten, in dem alles mit allem zusammen hängt, ist nicht wirklich die glückbringendere Wahl. So zumindest erlebe ich das zur Zeit, nach acht Jahren Selbständigkeit als „multi-dimensionale“ Webworkerin.

Was also tun? Tagtäglich gehe ich mit dieser Frage um, wohl wissend, dass sie nicht rein grüblerisch zu lösen ist. Es gibt ja doch etliches, was ich tun könnte – immer wieder mal schreib ich eine neue To-Do-Liste, um mir die Möglichkeiten neu vor Augen zu halten, aber es bedarf zumindest eines kleinen Funkens heller Begeisterung, um so richtig mit etwas Neuem loszulegen. Statt dessen wächst nur der Druck, der von meinem Kontostand ausgeht. Noch nie hab‘ ich mich so blockiert gefühlt wie in den letzten Wochen.

Darüber schreiben ist immer eine gute Möglichkeit gewesen, mir klar zu machen, was eigentlich los ist. Im Moment scheint auch diese „Methode“ wenig Erhellung zu bringen. Ich kann die Situation beschreiben, aber der „Ruck“, der irgendwie kommen muss, geschieht nicht, indem ich Sätze aneinander reihe. Meine innere Bereitschaft, auch radikale Lösungen anzunehmen, ist mittlerweile groß – nichts dagegen, wieder mal „angestellt“ zu arbeiten oder als „feste Freie“ kommerzielle Projekte zu pflegen, Communities zu bedienen, PR- und Werbetexte zu schreiben, Newsletter zu betreuen, was immer halt gebraucht wird. Auch außerhalb des Netzes würde ich arbeiten, wenn sich etwas anböte – aber all das führt nur mitten hinein ins Heer der Arbeitslosen, die genau solche Jobs suchen.

Kühe hüten?

Kürzlich sah ich mal eine Website, die sich auf die Vermittlung von Kühe-Hüterinnen spezialisiert hatte. Auf der Alm sitzen und aufpassen, dass keine Kuh abhaut oder abstürzt – Monate lang! Was für ein Leben das wohl sein mag? Selbst das würde ich vielleicht probieren – aber natürlich wäre ich dafür „überqualifiziert“ und würde nicht genommen. Und meine Festkosten könnte ich damit auch nicht erwirtschaften.

Ja verdammt noch mal, was soll ich also tun? Einen Kredit aufnehmen, um drei Monate zu überbrücken? Bis dahin hat mich der „Ruck“ gewiss dreimal ereilt und die Zeit würde reichen, etwas Neues zu entwickeln, das mich finanziell wieder ausreichend trägt. 5000 Euro wären genug, meine materiellen Bedürfnisse sind schließlich minimal und die Festkosten hab‘ ich sicherheitshalber immer so niedrig wie möglich gehalten. Aber auch das ist keine echte Möglichkeit – einer Freiberuflerin ohne Sicherheiten gibt niemand Kredit, heutzutage weniger denn je.

Im Moment versuche ich, die eigene Blockade durch „Körperarbeit“ aufzulockern. Alle zwei Tage bin ich im Fitness-Center – die 40 Euro pro Monat hab‘ ich noch nicht eingespart, da die Kündigungszeiträume eh viel zu lange sind. Ich übe jetzt Krafttraining, in der Hoffnung, dass mir nicht nur körperliche Kraft zuwächst. Und danach dann immer die Rishikesch-Reihe – Yoga als Dehnungsübung im Anschluss an die Geräte.

Tatsache, ich fühl‘ mich dann besser, optimistischer, gelassener – aber auf den „Ruck“ warte ich immer noch.

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Claudia am 24. Mai 2004 — Kommentare deaktiviert für Zugeschaut: Männer im Fitness-Center

Zugeschaut: Männer im Fitness-Center

„Mein“ Fitness-Center ist eher eines von der gemütlichen Sorte. Mit gut 40 Euro pro Monat sehr erschwinglich, kein anonymer Massenbetrieb, kein glitzernder SPA&Wellness-Tempel für besser Verdienende, sondern ein von immer denselben Leuten seit über zehn Jahren betriebenes Kiez-Studio in Berlin Friedrichshain, das jedem etwas bietet. Menschen zwischen siebzehn und siebzig trainieren und schwitzen oder lassen es locker angehen, besuchen die nun endlich wunderschön erneuerte Sauna oder hängen einfach nur ein bisschen ´rum. Die Mädels hopsen in Kursen mit beeindruckenden Namen zu hektischer Musik, die junge Männlichkeit bevorzugt Karate. Und in der großen Fabrik-Etage mit all den Geräten sind sie fast alle mal zu sehen – allerdings deutlich mehr Männer als Frauen. (Die Mittsechzigerin, die da bemerkenswerte Gewichte stemmt, ist eher die Ausnahme.)

Während ich mich auf dem Laufband aufwärme, sehe ich gerne zu: Was sie tun und wie sie es machen, wie ihre Körper aussehen und wie sie sich beim Üben geben. Die Unterschiede sind erstaunlich: sowohl zwischen den einzelnen „Typen“, als auch der zu den trainierenden Frauen. Männer leiden offenbar gern, sie üben im Schmerzbereich, genau am Rand ihrer Kraft – sie wollen MEHR. Oft steht ihnen der Schweiß auf der Stirn, manche stöhnen schon mal, wenn sie gewichtige Hanteln nach oben drücken. Wogegen ich noch nie eine Frau im Center sah, die schmerzvoll ihr Gesicht verzerrt hätte.

Frauen kommen allein oder zu zweit, ziehen ihr Ding durch und bleiben für sich. Männer bilden gelegentlich „Expertenrunden“, stehen schon mal zu dritt oder viert um einen „Gerätebaum“ und reden. Was sie reden kann ich nicht mithören, aber es ist sichtbar, dass die Geübteren das Wort führen. Oft tragen sie besondere Assesoires, die einen schwer professionellen Eindruck machen: etwa einen breiten Gürtel um die Taille, oder schicke mattschwarze Handschuhe, die die Finger frei lassen. Ledermanschetten um die Gelenke sind auch recht beliebt. Da ich öfter komme und immer wieder dieselben Männer fachsimpeln sehe, konnte ich feststellen, dass einige von ihnen kaum noch selber üben. Das Center ist ihr Wohnzimmer, hier haben sie eine Aufgabe – ja warum auch nicht? Wenn ich falsch stehe, während ich so ein Ding am Seil nach unten ziehe oder drücke, werd‘ ich schon mal beraten, wie es richtig ist. Angenehm – es sei denn, ich zweckentfremde gerade ein Gerät absichtlich zu anderen Zwecken, als es gedacht ist, massiere mir z.B. mit so einem Wulst den Rücken, anstatt ernsthaft Beuge-Übungen zu machen. Das verstehen sie nicht, sehen nicht, dass ich mir grad nur „was Gutes tue“. Lust ist halt nicht das, was sie hier suchen.

Der Alpha-Mann

Gibt es einen dominierenden Fitness-Center-Typus? Der Profi-Bodybuilder mit den extremen Formen ist es heute nicht mehr, von denen gibt’s hier nur noch ganz wenige. Ich sehe eher den engagierten Amateur vorherrschen, üblicherweise ein Mann zwischen 20 und Mitte dreißig, der seinen Körper konsequent „in Form gebracht“ hat. Ständig arbeitet er dran, vor allem den Oberkörper zu „entwickeln“ und am Bauch den sogenannten „Sixpack“ entstehen zu lassen. Er trägt ein ärmelloses Hemd, damit die Erfolge seines Tuns auch gut zu besichtigen sind – und oft sind seine Oberarme mit modisch schwarz-weißen Tattos verziert. Er sieht STARK aus! All die anderen Männer, die dünneren, schmächtigeren und (noch) schlafferen, die mit den normalen Büro-Körpern und die aus der Form geratenen Bierbauchträger würden ganz gerne auch so werden – zumindest sind die Vorzeige-Typen davon überzeugt. Sie bewegen sich als selbstbewusste Alpha-Männer gänzlich anders durch die Räume als der zahlenmäßig größere Durchschnitt der (noch?) Unauffälligen.

Gefallen sie mir? Ich frag‘ mich das öfter, wenn ich ihre schwellenden Muskeln betrachte, die so „wohldefiniert“ zeigen, wie schwer sie daran gearbeitet haben. Also: wenn sie noch halbwegs „harmonisch entwickelt“ sind, finde ich sie ganz hübsch anzusehen. Ja, zu SEHEN, aber mehr nicht. An erotischer Ausstrahlung gewinnen sie für mich nichts, im Gegenteil, da ist ein schmaler Grat, den leider viele überschreiten, der sie mir ein wenig lächerlich erscheinen lässt. Was soll denn heutzutage so ein hypertrophierter Oberkörper bringen? Wozu braucht MANN den? Schnell wirken sie wie aus dem Comic gefallen, oder wie diese Plastikheldenfiguren, die den Kids immer passend zu den TV-Serien verkauft werden. Mehr komisch als attraktiv.

Was ist es wohl, das mir diese männliche „Super-Form“ erotisch gesehen eher als Minus erscheinen lässt? Zum einen verfehlen viele die physische Ausgewogenheit: Obenrum alles super, auch noch ein knackiger Hintern – aber die Beine vernachlässigen sie und bemerken nicht mal, dass es seltsam aussieht, wenn so ein Megamuskelmann auf dünnen (naturbelassenen?) Waden daher kommt. Aber selbst, wenn alles stimmt: so ein Körper ist überdeutlich das Ergebnis großer Mühen. Er ist gewollt, gemacht, erarbeitet, ist Werk, vielleicht Kunstwerk – also weit „mehr“ als nur die physische Seite des Mannes, den ich erlebe. Unübersehbar wird mir durch einen solchen Körper mitgeteilt, dass mein Gegenüber eben diesen Körper als Objekt verstanden wissen will, etwas, das ausgestellt, gewürdigt, bewertet, belobigt oder getadelt werden will – nicht einfach nur erlebt und genossen.

Natürlich gehört STÄRKE unzweifelhaft zum Archetypus des Männlichen, und wer sich auffällig starke Muskeln antrainiert, tut es vermutlich – neben gesundheitlichen und sportlichen Motiven – auch, um diesem „starken Mann“ weiblicher Fantasien nahe zu kommen. Und gewiss gibt’s auch genug Frauen, die mit so einem „Bild von Mann“ zufrieden, ja, entzückt sind! Meine Eindrücke sind rein subjektiv und mir reicht das halt nicht. In meinem Verständnis ist männliche Stärke mit Mühelosigkeit und Selbstverständlichkeit untrennbar verbunden. Mein „Traum-Mann“ HAT es einfach – er braucht nicht zu malochen wie ein Irrer, um dies und jenes an sich zu Vorzeige-Qualitäten aufzublasen (das gilt übrigens nicht nur für die körperliche Seite). Wenn ich einen Körper sehe, von dem ich die vielen „Stunden pro Woche am Gerät“ geradezu ablesen kann, dann ist es einfach nicht DAS!

Anders, wenn jemand durch reale körperliche Arbeit muskulös geworden ist – diejenigen sehen aber niemals so „wohldefiniert“, keinesfalls „übertrieben“ aus. Auch im Center gibt’s durchaus „harmonisch“ trainierte Männer: wenn ich so jemanden auf der Straße treffe, seh ich es ihm nicht direkt an, wie er sich in Form bringt – er sieht nur einfach GUT aus.

…in Bewegung

Soviel zur Optik – und jetzt guck ich mal auf den „Mann in Bewegung“. Krafttraining mit Geräten ist ja ein steter Wechsel zwischen Übung und Pause. Die Übung selbst kann langsam und bewusst oder schnell und schmutzig ausgeführt werden (bei letzterem hab‘ ich mir kürzlich meinen ersten Muskelfasserriß geholt und bin seitdem ein gebranntes Kind). Zwischen den Geschlechtern seh‘ ich da kaum Unterschiede, außer dem, dass sich Männer mehr anstrengen und dadurch deutlichere Kraftzuwächse erreichen, wogegen Frauen mit einer „allgemeinen Straffung“ meist schon zufrieden sind und es eher locker angehen.

Aber die Pause. Dieser Moment, wenn das Maximum der Anstrengung, Konzentration und Anspannung im Nichts-mehr-Tun endet – schon erstaunlich, dass manche das offenbar weit weniger vertragen als die schmerzliche Hochspannung zuvor! Sie halten kaum mal richtig inne, sondern dehnen und schlenkern die Glieder, massieren sich die Gelenke, gehen zweimal ums Gerät herum, schauen auf die Uhr oder reden mit dem Nachbarn. Ab und zu sehe ich sogar Männer, die sofort zum mitgeführten Spiegel, Stern oder Auto-Bild greifen, sobald sie die Finger von der Stange lassen. Das sind die echten Extremisten: bloß keinen Moment mit nichts als sich selbst sein, immer muss irgend ein Input passieren, Eindruck muss auf Eindruck folgen, Reiz auf Reiz – ich muss an Luftballone denken, die an einen Wasserhahn angeschlossen werden: immer mehr fließt rein, mehr und mehr… ich will nicht dabei sein, wenn das Ding platzt!

Dabei empfinde ich den Moment, wenn die Anspannung nachlässt, als die interessanteste Phase im Üben. Es rieselt und strömt durch den Körper, fühlt sich so lebendig an wie selten. Selbst eine Übung für die Schultern spüre ich dann bis in den kleinen Zeh – und so angenehm! Wie man darauf freiwillig zugunsten irgendwelcher Zeitungsartikel verzichten kann, ist mir ein Rätsel. Es erinnert mich an Handwerker, die niemals ohne Radio arbeiten – ob es ihnen irgendwie „unheimlich“ wird, wenn die Gedanken frei schweifen können und die Aufmerksamkeit nicht festgebunden ist?

Meine „Aufwärmphase“ ist zu Ende – und damit auch das Rumgucken. Grad‘ hab ich beschlossen, das Thema „Krafttraining“ mal am eigenen Leib zu erforschen. Nicht mehr nur „sanftes Straffen“ unter geringer Belastung, sondern selber erleben, wie es ist, an die Grenzen zu gehen. Aber davon handelt dann ein anderer Artikel.

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Claudia am 19. Mai 2004 — Kommentare deaktiviert für Zwischen Sein und Sollen

Zwischen Sein und Sollen

16 Tage kein Diary-Eintrag. Ich glaub‘, das war die längste Pause, die es je gegeben hat. Ein Teil von mir ist regelrecht in Streik getreten, leider nicht nur in Sachen „Webdiary“. Alles Tun und Machen am PC zeigte sich auf einmal als etwas, das ich lieber vermeiden würde – und ich hab‘ es vermieden bis an die Grenze des Möglichen, sprich: bis das Konto auf Null war. Acht Jahre „am Netz“ – an sowas wie Urlaub dachte ich nie. Ob es daran liegt? Ich weiß es nicht, so richtig „in die Ferne“ hat es mich ja auch nicht gezogen, nur vom Monitor wollte ich mich entfernen, ein paar Meter reichten schon aus.

Putzen, aufräumen, das Klein-Chaos in allerlei Ablage-Ecken beseitigen, Staub saugen – nie zuvor hat all das solchen Spaß gemacht. Noch lieber gehe ich spazieren, ohne Ziel, einfach den Körper in Bewegung spürend, den Duft der blühenden Bäume riechend, die Berliner Skyline mit Fernsehturm Ost bewundernd, die von den nahen Brücken über die Spree und über die S-Bahn so gut zu sehen ist. Auch Blumen gießen auf dem Balkon macht Freude – hätte mir jemand prophezeit, dass ich eines Tages spießige Stiefmütterchen und ähnliche Ex-und-Hopp-Pflanzen erwerbe, um „Frühling, ganz nah“ zu erleben, hätte ich mir an die Stirn getippt. Tja, sag niemals nie!

Auch das Fitness-Center sieht mich wieder jeden zweiten Tag. Monatelang war ich nur zahlende Karteileiche. Die große Langeweile hatte mich überkommen, damals im Januar. Immer dieselben Bewegungen, ein blödes Herumturnen an komischen Apparaten. Also dachte ich mir: Packs mal anders an! Warum nicht mal ein bisschen mehr anstrengen? Nicht nur fit bleiben und dafür eine öde gewordene Routine abziehen, sondern ein Ziel anstreben, Muskeln aufbauen, mal wirklich STÄRKER werden, so dass mir der Kasten Wasser locker in der linken Hand liegt bis hinauf in den dritten Stock. Einen Klimmzug machen können, und nicht wie ein schlaffer Sack hilflos an der Stange hängen…

Gedacht, getan. Bei jedem der Geräte legte ich ein paar „Kohlen“ auf und übte mit deutlich höherem Gewicht. Ging auch ganz gut, doch bemerkte ich erst zwei Tage später, dass der Schmerz am linken Oberschenkel nicht Teil des allgemeinen Muskelkaters war, sondern ein Muskelfaserriss: eine richtige Delle, daneben eine Schwellung. Das war´s erst mal in Sachen Fitness-Center! Erschreckend, wie leicht man sich verletzen kann – und ich hatte es nicht mal bemerkt, während es geschah.

Jetzt trau ich mich wieder, vorsichtig, langsam, und spüre, wie sich der Körper freut. Wir sind nicht dafür gebaut, unsere Tage Tasten klickend vor einem Bildschirm zu verbringen. Auch ein bisschen „zügig Gehen“ zwischendurch reicht keinesfalls aus, um allen Muskeln mal wieder das Gefühl zu geben, am Leben beteiligt zu sein. Nach einer Stunde Training fühl ich mich wie neu, könnte Bäume ausreißen! Aber leider: das braucht es halt nicht, Konto auffüllen ist angesagt, und das geht nun mal nur hinter dem Monitor.

Da sitze ich jetzt wieder und versuche, den Ehrgeiz wieder zu erwecken, den ich brauche, um etwas Neues zu erschaffen. Zum reinen Selbstausdruck reicht mir das Schreiben, mal im Web, mal in einem privaten Mail-Dialog. Könnte ich dem einfach folgen, käme gelegentlich ein künstlerisches Webprojekt hinzu – es gibt so einiges, was ich gerne zeigen, in Form bringen, in die Web-Welt setzen würde, wenn ich es mir leisten könnte. Vielleicht sollte ich diese „Herz-Projekte“ einfach mal beschreiben und Sponsoren suchen?

Zuvorderst stehen jedoch andere Dinge an, neue Schreibimpuls-Kurse zum Beispiel. Es macht Freude, mit einer Gruppe zu arbeiten, Menschen zum Schreiben zu motivieren, Resonanz zu geben, zu kommentieren und zu kommunizieren. Aber Non-Stop kann ich das nicht durchziehen, so einen Kurs nach dem Anderen, dass ich davon alleine leben könnte. Es ist, als verbrauchte ich dabei eine Energie, die ich anderwo auftanken muss: Im Allein-Sein, alleine arbeiten, OHNE dabei ans Geld denken zu müssen. Wie ich mir DAS finanziere, ist im Grunde die Frage, die ansteht.

Grad rief mich ein lieber Freund an, unterbrach mein „Ringen um die richtige Arbeitslaune“, entführte mich für kurze Zeit in seine Welt, die für wenige Minuten eine gemeinsame wurde. Meistens mag ich es nicht, telefonisch unterbrochen zu werden, und sage das auch allen, die das Telefon gern zu mehr als zum bloßen Info-Austausch benutzen. Aber nichts, was ich mir so denke, gilt ja absolut, es gibt Ausnahme-Momente – und das war jetzt so einer. Der Text war ja just in diesem Augenblick zu Ende.

Immer wieder in den Augenblick kommen, das JETZT wahrnehmen und darüber staunen, dass ICH da auf seltsame Weise verschwinde – das ist eine „Übung“, an der ich soviel Geschmack gefunden habe, dass es oft schwer fällt, ins zukunftsorientierte Planen und Arbeiten zurück zu kommen. Ich kenne viele Menschen, die offensichtlich gar keinen Zugang zu diesem immer vorhandenen Paradies haben, sie sind fortlaufend am Denken und Grübeln, am Planen und Fürchten, am Analysieren und Hinterfragen, nehmen ihre Umwelt und auch ihren Körper kaum noch wahr, bis irgend eine Katastrophe unabweisbar dazu auffordert, mal wieder ein wenig wach zu werden, wach für das, was ist.

Nun, egal, wo und wie man sich befindet: es scheint immer die passende Art Katastrophe zu geben! Bei mir ist es halt grad der Kontostand, der mich aufs Heftigste aus dem Augenblick in die virtuelle Welt zurück zieht – in die Welt des rationalen Sorgens um Zukunft und Fortkommen. Dabei will ich gar nicht FORT kommen, verdammt noch mal. Sondern einfach DA sein!

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Claudia am 05. Mai 2004 — Kommentare deaktiviert für Der Andere, der Täter – ich armes Opfer!

Der Andere, der Täter – ich armes Opfer!

An manchen Tagen ist viel los in der alten Markthalle, die Wege zwischen den Ständen sind nicht sehr breit, die Menschen drängeln – auf einmal rempelt mich da doch einer richtig an!

Was geschieht? Werde ich böse und remple zurück? Gehe ich ungerührt weiter, denn schließlich kommt so was dauernd vor, wenn es eng ist? Stelle ich ihn zur Rede und mache ihn zur Schnecke? Oder fühle ich mich unfähig, weil ich schon wieder nicht in der Lage bin, eine „richtige Antwort“ zu finden? Bin ich zu ängstlich und mach mir daraus ein „Gewissen“? Mache ich einen lockeren Witz und ziehe fröhlich weiter?

Kann alles sein! Ja, ich hab‘ einige dieser Varianten schon erlebt, nix besonderes. Das Besondere ist: es ist immer dasselbe Ereignis, nur meine Reaktionen sind gänzlich unterschiedlich. Je nach Stimmungslage, je nach dem, was gerade in mir vor geht, was für ein Gefühl zu mir selbst und meiner „Lage in der Welt“ ich gerade habe, dem entsprechend fällt meine „spontane“ Reaktion aus.

Was lerne ich daraus? Es kommt nicht auf den Anderen an, wie ich ihn empfinde, sondern auf mich selbst. Und WEIL das so ist, kann ich gut damit aufhören, mich als Opfer meiner Mitmenschen zu betrachten: was ich empfinde, ist „mein Bier“ – und wenn ich damit unzufrieden bin, wenn ich darunter leide, was ich empfinde, dann sollte ich etwas ändern. AN MIR – nicht am Andern!

Fühlen deiner Wahl…

„Was immer du auch fühlst von mir, ist Fühlen deiner Wahl“ – ein guter Freund, von dem ich in diesem Leben viel gelernt habe, hat mir diesen bedenkenswerten Satz in einem Gedicht geschrieben. Ich habe ihn nicht verstanden und auch nicht glauben wollen – ja, ich hab mich dagegen gewehrt! Wo kämen wir denn da hin, wenn alle die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns für die Betroffenen derart locker beiseite stellen könnten!

Ja, wo kämen wir hin? Und: ist es wirklich „verantwortungslos“? Ist es denn überhaupt MÖGLICH, die Folgen meiner Handlungen im Empfinden anderer Menschen voraus zu sagen, geschweige denn, sie zu „bestimmen“?

So gesehen, wirkt der Satz schon weniger absurd. Und im Lauf der Zeit hab ich verstanden, dass „die Verantwortung“ nicht etwa negiert, sondern nur anderswo angesiedelt wird: meine Handlungen verantworte ich – aber nicht die Reaktionen des Anderen. Dafür übernehme ich die volle Verantwortung für MEINE Gefühle und Empfindungen in Bezug auf alles, was mir vom Anderen so blüht. DAS ist nicht unbedingt das leichtere Geschäft, ich muss mich dazu beobachten, in Frage stellen, mein In-der-Welt-Sein reflektieren, genau unterscheiden, woher wann und warum meine „spontanen Reaktionen“ eigentlich kommen – und sie nicht als „gegeben“ und unveränderbar ansehen. Sondern begreifen, dass sie Ergebnis eigener Haltungen und Meinungen sind: wenn ich überzeugt bin, dass ich ein unfähiger Trottel bin, dann werde ich das in den Handlungen anderer immer bestätigt bekommen! Die Welt zeigt sich mir so, wie ich sie erwarte – nicht unbedingt immer bewusst, aber das lässt sich ändern.

Das oben genannte Beispiel ist sehr einfach, gewöhnlich, banal. Betrachten wir ein anderes, nicht weniger häufiges: Ich will etwas von einem Anderen: er soll sich mit mir befassen, soll mir auf meine „wichtige Mail“ von gestern schnellstens antworten, er soll für mich da sein und mir Resonanz geben auf etwas, was gerade in mir wühlt. Aber er tut es nicht. DER SAUBÄR! Was für ein Unmensch! Prompt laufen in mir allerlei „spontane“ Gedankenspiele ab: war ich nicht selber immer für ihn da? Habe ich nicht ein RECHT auf seine Zeit, sein Eingehen, seine Zuwendung? Ist es denn nicht „allgemein üblich“, dass Menschen, die sich mögen, füreinander da sind? Ich rechtfertige also meine Erwartungen an den Andern vor mir selbst, indem ich „eigene Leistungen“ und „allgemeine Moral“ auffahre. Und dann fang ich an, zu deuten und zu urteilen: Warum reagiert er nicht, wie erhofft? Aha, er mag mich nicht, ich bin ihm nicht wichtig genug…. er ist ein arroganter Schnösel, ein in sich selbst verstrickter Egoist. Und ich werd ihm jetzt lange böse sein, das muss er erst mal wieder „gut machen“!

Hat er überhaupt etwas „gemacht“? Nichts von dem, was da in meinem Denken und Fühlen abgeht, hat ER erzeugt. Das mache ich mir selber, das ist, wenn man es so im Detail betrachtet, ganz deutlich. Ich bin mit meinen Erwartungen an ihn heran getreten, und er hat sie nicht so beantwortet, wie ich es wünschte. Warum, kann ich gar nicht wissen! Selber schuld, wenn ich solche „Annahmen“ hege, die mich in üble Gefühle stürzen.

Ich könnte auch ganz anders mit demselben Ereignis umgehen: Aha, er reagiert jetzt nicht auf das, was mir gerade wichtig ist. Nun, er wird anderes zu tun haben, oder er hat seine spezifischen Gründe, auf ein bestimmtes Thema nicht so einzugehen, wie ich es will. Also wende ich mich mir selber zu: Hab ich denn eigentlich ein RECHT, dass der Andere so sei, wie ich ihn wünsche? Ist er mein Papi oder meine Mami, die sich immer ums Kind kümmern müssen? Warum geh ich davon aus, dass er mein „Zuwendungs-Automat“ zu sein hat, wenn mir danach ist? Etwa, „weil ich ihn liebe“? Was für eine Liebe wäre das, die dem Anderen spezifisches Verhalten abfordert? Will irgend jemand ernsthaft solche Bedürftigkeit, solches Anspruchsverhalten mit dem wunderbaren Wort „Liebe“ in Zusammenhang bringen??? (Der möge sich melden und es mit mir im Forum austragen!)

Nein, wenn ich genauer hinsehe, sehe ich tatsächlich: ich bin WIRKLICH auf der „Papi-Schiene“ gewesen, als ich meine Ansprüche umzusetzen suchte (und „verurteilte“, wenn ich keinen Erfolg im Sinne meiner Vorgaben hatte) . Bin es in gewisser Weise immer, zumindest bei Männern, die mir wirklich etwas bedeuten. Das ist nun mal das „Urmodell“ für den Umgang mit dem gegengeschlechtlichen „Anderen“ – im Guten wie im Schlechten, im Normalen wie im Abstrusen, spezifisch Verrückten. Davon kann man sich nicht verabschieden, indem man im Lauf des Lebens nur eben mal die verschiedenen Beeinflussungen bekämpft und mit dem Gegenteil beantwortet – das ist nur der erste Schritt. Ist reine Reaktion, nicht Freiheit, nicht eigene Wahl.

Na, ich will jetzt nicht ins rein Autobiografische abdriften, sondern auf den Leitgedanken zurück: Nicht der Andere ist der „Schuldige“, der „Täter“, sondern ich muss mir schon angucken, wie es dazu kommt, DASS er es zu sein scheint: wie ich ihn also dazu MACHE! Wie ich denkend und fühlend, Eindrücke (Datenlage) auswähle aus vielen möglichen Auswahlen, und dann daraus mein „eigenes Gesamtes“ erbaue – vielleicht darunter leide oder Lust daran empfinde – und von daher versuche, den Anderen als „Automaten in mein Spiel“ einzubauen!

Wenn ich damit aufhöre, bin ich frei. Niemand kann mir „üble Gefühle einbrocken“, also muss ich niemanden verurteilen. Meine Lust und meine Leiden hängen nicht von Anderen ab – seit mir das klar ist, ist das Leben deutlich leichter. Kein inneres Herum-Rechten mehr, kein Grübeln, keine „Beziehungsdiskussionen“, keine Manipulationsversuche, vor allem kein „Festkleben“ an Frustrationen, denn ich weiß ja: die hab‘ ich selbst erzeugt, indem ich eine Erwartung hegte und pflegte, die ich ebenso gut wieder loslassen kann. Anfänglich bedarf es eines kleinen inneren Rucks, braucht eine kurze Konzentration der Aufmerksamkeit auf all das – aber bald wird es selbstverständlich. Meine Wünsche sind keine „Ansprüche“ mehr, sondern nurmehr Vorschläge. Und dass nicht alle meine Vorschläge angenommen werden, erscheint mir heute ganz normal.

*** Philosophie end – – –

Glaubt bloß nicht, ich wär aus meiner innovativen Geisteskraft zu diesem Text und seinen Aussagen gekommen! Es ist vielmehr so, dass das „auf mich selbst zurück geworfen sein“, das mir einzig übrig blieb, wenn sich mein jeweiliger Hauptgesprächspartner verweigerte, zu diesen Erkenntnissen führte. Gewiss ist auch der übliche Einwurf berechtigt: Das ist doch nichts Neues, zu alledem gibt’s ja ganze Buchregale…

Schreiben?

ABER ich sag immer, es ist ein Unterschied, ob man etwas erlebt und dann versucht, die gewonnene Erkenntnis in Worte zu fassen – es mögen alte Worte sein, es mögen bekannte Gedankenfiguren vorkommen, oder auch neumodisch esoterisch-wirres Zeug… ;-) .. – ODER ob man nur „zu einer Frage Stellung nehmen“ will. (Weil ja jeder, der in der Infogesellschaft ernst genommen werden will, zu allem etwas sagen kann, muss, sollte… und es macht ja auch Spass!)

Dieser Unterschied ist die „Lizenz zum Schreiben“. Etwas, wonach mich ein großer Teil meiner Kursteilnehmer mit je eigenen Worten immer wieder fragt: Wie kann ich wagen, etwas von MIR zu berichten – wenn doch alles, was ich „dazu sagen“ könnte, schon tausendmal gesagt wurde? Falls mir überhaupt was einfällt…

Wer so fragt, hat schon die halbe Miete! Ist auf dem besten Weg zur „Lizenz“. Warum?

Die Schreibenden teilen sich für mich in zwei Gruppen auf: diejenigen, die auf dem Markt des Geschriebenen Fuß fassen (oder sich im Job besser formulieren/rüber bringen) wollen, und die anderen, die aus sich heraus schreiben wollen, weil es sie danach verlangt. Wer ohne Blick auf literarische Weihen und kommerzielle Erfolge „einfach schreibt“, wird auf jeden Fall etwas gewinnen: Klarheit, Gelassenheit, Distanz zum eigenen Erleben, auf der manche Frucht der Erkenntnis reifen kann – für die Schreibenden, manchmal auch für die Leser.

Das Leben und das Schreiben – ich weiß letztendlich nicht, in welchem Verhältnis sie ganz genau zueinander stehen, sondern experimentiere es aus. Deshalb schreibe ich ja immer weiter.

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Claudia am 04. Mai 2004 — Kommentare deaktiviert für Verschwinden

Verschwinden

Wie viele Angler doch mitten in Berlin aktiv sind! An jeder dafür in Frage kommenden Stelle sitzt einer und lauert auf den Fisch. Es ist ein lauer Frühlingsabend, ich wandere rund um die Halbinsel Stralau und genieße die Stille. Nun ja, ganz still ist es nicht, vom anderen Ufer der Rummelsburger Bucht erschallt ein Froschkonzert, in weiter Ferne fahren Autos, auch die S-Bahn ist gelegentlich zu hören. Aber kein Mensch kreuzt meinen Weg, die Angler verschwimmen fast mit dem Hintergrund und langsam kommt die Nacht herauf. Die Luft riecht nach Blüten, es ist sommerlich warm, der Körper entspannt. Langsam ergreift die äußere Ruhe Besitz von mir: Denken an gestern und morgen verstummt, ich sehe, höre, rieche, schau in die Lichter der futuristisch wirkenden Neubauten, die mit manch altem Backsteingemäuer wundervoll kontrastieren, beobachte die kleinen Fische bei der Jagd nach den Schnaken, die dicht über dem Wasser fliegen – warum geh ich hier nur so selten spazieren? Ist doch fast wie Urlaub. Weiter → (Verschwinden)

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Claudia am 27. April 2004 — Kommentare deaktiviert für Die Liebe zum DU

Die Liebe zum DU

Gewidmet den Geliebten, in der Nähe und in der Ferne

Der Andere, der Mitmensch in der Lichtgestalt des Geliebten, fasziniert wie nichts sonst auf der Welt. Auch, wenn wir meinen, ihn gut zu kennen, wenn er uns also berechenbar erscheint, wissen wir doch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Immer bleibt ein Rest Geheimnis, ein innerer Raum, in den wir nicht sehen können – für die einen ein Faszinosum, Quell des Verlangens nach weiterer Annäherung, ja Verschmelzung, für die anderen eine Gefahr, untergründige Drohung, Quelle der Angst.

Was wir beim Anderen nicht sehen können, ist nicht deshalb verborgen, weil unser Gegenüber bewusst etwas verbirgt. Mag sein, dass er Aspekte seiner Persönlichkeit oder gewisse Tatsachen seines Lebens lieber nicht zeigen will, warum auch immer. Dies ist nicht gemeint, ja, genau diese aus allzu bekannten Motiven ungern gezeigten Aspekte sind unschwer erkennbar und meistens banal. Fehler, Versäumnisse, Versagen, Verrücktheiten, Ecken und Kanten, Charaktermängel – wer zeigt sowas schon gern? (Und wer hätte sie nicht?)

Das Geheimnis des Anderen

All dies berührt das Geheimnis des Anderen nicht einmal am Rande. Es liegt nicht dort, wo er etwas ihm Bekanntes nicht zeigt, sondern dort, wo er selber nichts von sich weiß, sich selbst (noch) nicht kennt. Im Raum der Möglichkeiten also, die erst in einem zukünftigen Augenblick Wirklichkeit werden – oder auch nie. Konfrontiert mit etwas So-noch-nie-Dagewesenem – WER ist er da?? WIE wird er reagieren? Weder er noch ich kann das wissen, alles Zusammensein und Erleben ist (auch) ein ständiges Erforschen dieser Frage, sofern es sich nicht nur um Wiederholungen schon bekannter Dinge handelt. Und selbst dann weiß ich ja nie sicher, ob er WIEDER bzw. IMMER NOCH so ist, wie bisher – oder ob er sich nicht auf einmal verändert hat und plötzlich „ganz anders“ reagiert.

Gäbe es diese Ungewissheit nicht, diese „Leerstelle“, die im menschlichen Miteinander niemals gänzlich verschwindet, wäre meine Liebe bald keine wirkliche Liebe mehr, nämlich bar jeder Brisanz für mich selbst. Sie wäre allenfalls so ein „gutes Gefühl“ wie man es als Frauchen gegenüber einem geliebten Hund verspürt.

Dem nachspürend wundere ich mich, staune über die Entdeckung: Zunächst „gefällt“ der Andere ja durch seine persönlichen Eigenheiten und ich meine, sagen zu können: Ich liebe dich, WEIL du so und so bist. Doch je mehr ich von den Reizen der Oberfläche in immer größere Tiefen von Psyche und Geist eintauche, stelle ich fest: ja, all diese „konkreten“ Eigenschaften mag ich (andere wiederum nicht…), aber nicht SIE sind es, die mich immer neu faszinieren, verlocken, verführen, binden – sondern es ist das Unbekannte, Undefinierbare: WER ist er noch, außer alledem? Was mag da noch alles „dahinter“ stecken?

In diese Frage hinein, mitten in das schwarze Loch, das der Andere in seiner Unerkennbarkeit ist, können wir alles projizieren, was wir uns nur vorstellen können und tun es auch, je nach persönlicher Gestimmtheit: Gott und Teufel, Freund und Feind, Mensch und Raub- oder Schoßtier, Partner und Gegner, Verfolger und Beute, Kind und Guru. Der Andere kann ALLES sein, solange er nichts tut, was die gerade aktuelle Projektion definitiv stört.

Diese Vorstellungen (statische Bilder!) halten wir gern für Realität, für tatsächlich existierende Aspekte des „Da draußen“, die sich in Gestalt des Anderen zeigen. Ein Irrtum, den wir im Lauf des Lebens in zunehmender Selbsterkenntnis aufklären können: Was ich in dir sehe, sagt mehr über MICH aus als über DICH – Projektionen eben. Der Andere ist mein Spiegel, in dem ich mich selbst erkenne – aber das ist nicht alles.

Da ist noch der „Leerraum“ selbst: Was ist das? Er ermöglicht das Projizieren und Sich-darin-spiegeln – aber was ist er, für sich genommen? Ist diese Leerstelle, aus der die Fülle kommt (kommen kann… könnte….), ein „Teil“ von IHM, vom Geliebten? Im Raum der Möglichkeiten existiert der Andere doch noch gar nicht, ist als Persönlichkeit und auch als Individuum noch gar nicht geboren! Wie kann ich also davon ausgehen, dieses „Nichts“ sei „ER“?

Und das tue ich, tu ich immer schon ganz unbewusst und automatisch, solange ich zurückdenken kann. Erst jetzt, diese Sätze schreibend, wird mir klar: Es hört gerade auf! Über längere Zeit ist dieses unbedachte „Für-wahr-halten“ schier unmerklich schwächer geworden – jetzt ist da nur noch ein großes Fragezeichen.

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In jedem ernst gemeinten „Ich liebe dich“ erkenne ich heute im Hinsehen aufs Jetzt und im Rückblick auf Vergangenes letztlich die Liebe zum „Dahinter“: das Fasziniert-Sein vom Ungekannten, vom Numinosen, das mir als der geliebte Andere in lebendiger Realität gegenüber tritt. Wo wäre da „er“? (es könnte auch mal eine „Sie“ sein..sag niemals, nie!) Steht er nicht dem eigenen Unbekannten genauso fremd gegenüber wie ich? Ist er nicht ebenso unwissend wie ich im Blick auf die eigene „Leerstelle“, die mir gleichwohl tägliche Wirklichkeit ist, mit der ich rechne, nach deren „beredtem Schweigen“ ich mich manchmal richte, die ich aber niemals „verstehe“?

Weiter gefragt: Ist denn jeder seine EIGENE Lichtung? Handelt es sich nicht vielmehr um denselben „Raum der Möglichkeiten“, dasselbe „Reich des Ungeborenen“, an dem wir alle auf unerforschliche Weise Teil haben – oder eben keiner von uns?

Wen liebe ich also, wenn ich sage „ich liebe dich?“ Meine ich DICH damit – oder gerade nicht? Inwiefern hat es noch „mit dir“ zu tun, wenn du mir „nur“ Tor zum Blind Date mit dem Unerforschlichen bist?

Liebe ich also wirklich „den Anderen“? Oder löst sich persönliche Liebe letztlich irgendwo im spirituellen Nebel des Absoluten auf? Verliere ich im Zuge dieses Erkennens etwas, das ich schätze, wie nichts anderes auf der Welt? Im Moment ein bedrückender Gedanke – aber ist er zwingend?

In der lebendigen Wirklichkeit menschlichen Miteinanders erlebe ich allein den Geliebten: als einen, der in ungeklärten Beziehungen zum Raum des Numinosen steht, aus ihm lebt, ihn mir durch seine grundsätzliche Unberechenbarkeit ins Bewusstsein hebt. (Genau wie ich es für ihn tue, ob er es nun bemerkt oder nicht.) Was hat das noch „mit uns“ zu tun – so ganz persönlich betrachtet?

Um das zu erfassen, bietet es sich an, zu fragen: Was fangen wir denn mit dieser Situation an? Das ganze Potenzial des Menschen, dessen Grenzen zu „allem Anderen“ nicht so ganz klar definiert sind, tritt mir in Gestalt des Geliebten entgegen – und nun? Klar, da ist in der Regel der Alltag, wir können zusammen das Dasein genießen oder auch mal gemeinsam arbeiten, Welt gestalten. Das ist die „Oberfläche“ des Miteinanders. Schaut man tiefer, entdeckt man das Wesentliche: im Genießen und Gestalten bzw. im damit zwangsläufig einher gehenden (nicht ausschließlich rationalen!) Dialog ERSCHAFFEN wir erst gemeinsam die zu genießende oder zu gestaltende Welt. Im Dialog mit dem Geliebten mache ich mit ihm aus: DAS HIER ist Wirklichkeit, jenes ist Illusion. DAS HIER bin ich, und DAS DA bist DU – der Rest ist also „Welt“. Und da wir beide in Richtung der „Lichtung“ offen sind, uns jederzeit aus dem Raum der Möglichkeiten heraus neu kreieren können, ist dieses Welt-schaffende Gespräch niemals zu Ende. Es gibt keine „letzte Antwort“, es gibt (wir geben!) nur das, was wir von Augenblick zu Augenblick aus unserem in Liebe vernetzten Bewusstsein als „Welt“ erkennen.

So gesehen lässt sich leicht feststellen, wann und warum ich „persönlich“ liebe: Wie sieht die Welt aus, die DU mit mir definieren/erfinden/erschaffen willst? Ist sie nur dunkel und kalt, nur Kriegsschauplatz und Jammertal – oder scheint das Licht in sie hinein, so hell und durchdringend, dass wir unter jedem harten Pflaster noch den Strand erkennen können?

Bin ich mit mir alleine, schwanke ich ständig zwischen diesen Sichtweisen, kann mich kaum je „stabilisieren“ zu einer festen Sicht, die mich handlungsfähig macht. Und doch weiß ich, was ich bin und was ich will: dass ich nämlich die „Variante mit Licht“ vorziehe!

Im Geliebten treffe ich den Anderen, der mir hilft, diese Sicht zu stabilisieren – indem ich zwar noch immer alleine hinsehe, aber den Blick des anderen Standpunktes als „möglicherweise ebenso richtig und wahr“ einbeziehe. Dabei erschließt sich eine tiefere Dimension – genauso, wie man eben mit ZWEI AUGEN (=zwei verschiedene Blickwinkel) anders und besser sieht als mit nur einem.

Die jeweiligen Standpunkte und Blickwinkel können wechseln: mal sehe ich nur das Dunkle, das Leiden und die Sinnlosigkeit und bringe das in den Dialog ein – ein andermal bin ich diejenige, die „die Welt rettet“ und das Schöne, das Wunderbare, das in Richtung Paradies weisende aufzeigt. Wichtig ist, dass beide beide Positionen grundsätzlich anerkennen und erleben können – Zyniker und restlos Verzweifelte kann ich bedauern, aber nicht persönlich lieben, genauso wenig wie die Träumer und Schwärmer, denen ihre rosarote Brille auf der Nase festgewachsen ist.

Und natürlich auch nicht diejenigen, für die die Welt „fest definiert“ ist, gänzlich unabhängig von unserer – einsamen oder gemeinsamen – Sicht. Mit ihnen mag ich nicht mal mehr darüber diskutieren, ob und inwiefern das stimmt oder nicht. (Bin ja immerhin fast 50 und ich WEISS!) Ich kann sie sowieso nicht „überzeugen“, denn niemand ändert sein grundsätzliches Weltverständnis aufgrund von Argumenten.

Da widme ich mich doch lieber dem großen Spiel, dass ich mit dem Geliebten (mit allen Geliebten, es ist nicht auf den „Einen“ begrenzt) spielen kann: dialogisch Welt erschaffen, in die das Licht herein scheint – und an dieser Welt dann ein bisschen mitbauen. Die Energie, die das möglich macht, ist die erotische: Das Verlangen, das Sich-Hingezogen fühlen zum Anderen ist das für jeden erlebbare „positive Beispiel“ am eigenen Leib. In der Sexualität sind es die „Schmetterlinge im Bauch“, auf der Ebene des Herzens erleben wir es als persönliche Liebe – und jenseits dessen ergießt sich das Licht umfassender Liebe auf alles-was-da-ist.

Ohne dass dabei etwas „verloren geht“! Wie wunderbar!

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Claudia am 15. April 2004 — Kommentare deaktiviert für Allein und undefiniert

Allein und undefiniert

In elektronischen Verschaltungen gibt es Zustände, die nennt man „undefiniert“: Wenn nämlich nicht vorgegeben und also auch nicht voraussehbar ist, ob sie im konkreten Einsatz nun zu „null“ oder „eins“ werden. Mich hat das verwundert, als ich es in meiner Umschulung/Weiterbildung zur EDV-Fachkraft erfuhr. Wozu ist das gut? Wofür braucht es unklare Verhältnisse in einer technischen Umgebung, die doch gerade dazu da ist, die Abläufe zu automatisieren, sie also vollständig in den Griff zu bekommen?

So richtig verstanden hab‘ ich es letztlich nicht, aber ich erinnere mich manchmal daran, wenn ich allein bin. Vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen kein Kontakt zu irgend jemandem – je älter ich werde, desto paradiesischer erscheint mir dieses Alleinsein. Ob ich maile oder Mails lese, entscheide ich dann ganz nach Laune, fühle mich in jedem Moment frei, zu tun oder zu lassen, was mir gerade in den Sinn kommt, was für ein göttlicher Zustand! Alle meine Freunde wissen, dass ich nicht gern telefoniere, dass ich dieses fordernde Echtzeit-Medium fast nur zum Austausch wichtiger, zeitkritischer Infos benutze – und so kann ich tatsächlich das „Einsiedeln“ praktizieren, mitten im normalen Leben, zumindest am Wochenende, wenn ich nicht für Auftraggeber erreichbar sein muss.

Was ist so schön daran? Manchmal sinne ich darüber nach, während die Stunden verrinnen, Stunden, die mich immer weiter vom gesellschaftlichen Dasein entfernen, mich aus allen Verstrickungen heraus heben, von sämtlichen Erwartungen Anderer befreien. Was bin ich ohne den Mitmenschen? DAS erlebe ich dann und empfinde Glück: bin nicht mehr JEMAND, bin nicht in soziales Sollen und Wollen eingebunden, bin nichts Bestimmtes – bin undefiniert!

Die Webdesignerin, die Beraterin, die Kursleiterin, das Mitglied der Coachingrunde Berlin, die Schreibende, die Freundin, die Schwester und Tochter – all das ist weg, fällt von mir ab wie begrenzende Schalen, die mich in Formen pressen: durchaus gute und nützliche, manchmal lustvolle und bereichernde Formen – aber durchweg nicht das, was ich tatsächlich bin: undefiniert. Wenn ich alleine bin, kehre ich zu diesem formlosen Selbst zurück und genieße das spontane So-Sein, aus dem all diese Formen geboren werden, wenn ich mit Anderen in Kontakt trete.

Früher…

Es war nicht immer so, ich erinnere mich gut. Früher konnte und wollte ich nicht allein sein, langweilte mich dabei, fühlte mich unruhig und unausgefüllt, suchte ständig Kontakt zu irgend jemandem, besuchte dann Freunde, saß dort endlose Stunden herum und redete und redete: Erst im Angesicht des Anderen spürte ich mich, fühlte ich mich richtig als Mensch, halbwegs vollständig und handlungsfähig. Alleinsein war Angst-besetzt, obwohl ich das nie zugegeben hätte, nicht einmal vor mir selbst.

Dann die vielen Jahre mit M., meinem philosophischen Lebensgefährten. Wand an Wand, jederzeit konnte ich rüber gehen und plaudern, musste aber auch stets damit rechnen, dass ER herein kam (was aber eher selten geschah, er war immer schon gerne für sich). Im Grunde eine optimale Situation für jemanden, der nicht allein sein mag: In meinem Wohn-Schlaf-Arbeitszimmer war ich für mich, doch immer mit der Möglichkeit, in Kontakt zu treten. Ich war zufrieden, aber im Lauf der Zeit fiel mir doch auf, wie sehr wir uns einschränkten, um uns gegenseitig nicht zu nerven: kein Radio, TV nur zusammen, ein Leben ohne Musik, und nur sehr seltene Besuche. Anders wäre diese Nähe nicht möglich gewesen, nicht für uns beide, die wir jeder ein eigenes Leben lebten. Und – das merkte ich aber erst nach meinem Auszug – diese extrem rücksichtsvolle Form der Zweisamkeit hat mich fürs Alleinsein geöffnet.

Als ich dann Anfang 2003 in meine eigene Wohnung zog, zum ersten Mal seit zwölf Jahren, empfand ich dieses gänzlich neue Verhältnis zum Mit-mir-und-sonst-niemand-Sein wider Erwarten als sehr sehr angenehm: Was für eine Ruhe und Freiheit! Keinerlei „gemeinsame Gewohnheiten“ strukturieren meinen Tag, ich muss niemandem etwas erklären, wenn ich von diesen Gewohnheiten abweiche. Muss nicht sagen, wo ich hingehe und wann ich zurück komme und kann völlig verrückte Dinge tun – z.B. auch mal tagsüber schlafen, fünf mal täglich kochen oder auch gar nichts essen, laut oder still sein, Unordnung entstehen lassen und nachts um zwölf aufräumen, 15 Stunden am PC sitzen oder ihn, z.B. Samstags, gar nicht erst einschalten. Oder auch mal nichts tun, gar nichts. Niemand schaut mir zu und kommentiert, hinterfragt, fordert mich zu Erläuterungen heraus, es ist eine völlig andere Seinsweise als das ständige Miteinander – frei, entspannt, spontan, friedlich ver-rückt!

Während ich so schreibend den Freuden des Alleinseins nachspüre, merke ich, dass ich nur an der Oberfläche kratze: all das sind Äußerlichkeiten, treffen nicht den Kern. Die Routinen des Zusammenlebens hab ich schließlich sehr geschätzt, das Kochen und Essen zu bestimmten Zeiten, den Spaziergang, zu dem ich mich alleine eher schwer aufraffe – ja, in meinem Solo-Wohnen ringe ich eigentlich ständig um Selbstdisziplin und gewisse Strukturierungen meines Tages: abgesehen von den Kunden und Kursteilnehmern ist da ja nichts und niemand, was mich zwingt. Alles kommt aus mir, oder eben nicht.

Und doch: es ist gut, wie es ist. Selbst wenn ich 1000 Mal zum eigenen Ärger der Trägheit verfalle, wieder einmal nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe, so weiß ich doch genau darüber Bescheid, dass ICH es bin, die nun mal so ist, im Guten wie im Schlechten. Und wenn ich morgen beschließe, jetzt ernsthaft einen Plan zu machen: eine Woche lang ausprobieren, wie sich ein anderer Rhythmus von Schlafen und Wachen, Arbeit und Freizeit, drinnen und Draußen-Sein wohl anfühlen mag – dann hindert mich nichts, das sofort in die Tat umzusetzen. Das Leben hat auf diese Weise etwas Abenteuerliches, das ich – man merkt es gewiss – schlecht in Worte fassen kann.

Vielleicht ist das Wesentliche am alleine Leben, nicht auf bestimmte Seinsweisen festgenagelt zu werden, wie es ganz automatisch geschieht, wenn ich mit jemandem sehr eng zusammen bin. Zwangsläufig entstehen Erwartungen, ich möge immer so sein, wie ich gestern war – und schon bin ich in der Situation, jedes Anders-Sein rechtfertigen und erklären zu sollen. Bedeutender noch: Ich neige dazu, das Bild, das der Andere von mir hat, einfach zu übernehmen: aha, so bin ich! Wenn ich auf ihn/auf sie so wirke, muss ich wohl SO sein. Und schon bin ich dabei, mich (durchaus unbewusst) selber einzuschränken: Jemand, der SO ist, handelt auch SO, denkt SO, und nicht etwa anders.

Nun werde ich bald fünfzig, hatte also schon genügend Gelegenheit, zu bemerken: Ich bin bei jedem/für jeden eine Andere. Jeder Dialog und jede Interaktion erschaffen mich neu, das Bild, das beim Anderen entsteht, kann mein Selbstbild bereichern und verändern, aber ich tue gut daran, nicht zu vergessen, dass es sich um bloße Bilder handelt: statische Momentaufnahmen von Aspekten des Daseins und Soseins, auf die ich mich besser nicht festnagele.

Alleinsein bedeutet vor diesem Hintergrund ein Loslassen aller Bilder und Formen, ein Bad in der Leere, ein Löschen sämtlicher Speicher. Allein bin ich nichts Bestimmtes und finde zurück zur Möglichkeit, alles zu sein – zumindest potenziell. Wie angenehm, so wunderbar „undefiniert“!

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Claudia am 15. April 2004 — Kommentare deaktiviert für Meine Wirklichkeit und wie sie entsteht

Meine Wirklichkeit und wie sie entsteht

Immer wieder wundere ich mich, wie sehr mein Erleben vom Wetter bestimmt ist. Noch vor ganz kurzer Zeit war ich in ziemlich mieser Stimmung, die Arbeit ging mir tendenziell auf die Nerven, ich sah keine Perspektiven, fühlte mich schwer und leer. Alles erschien mir als Last, nicht etwa als Lust!

Nun hat vor zwei Wochen der Frühling so richtig eingesetzt und alles ist anders. Keine einzige Rahmenbedingung hat sich verändert, Auftragslage und Konto sind wie gehabt, aber auf einmal ist mir die Welt wieder ein Abenteuerspielplatz. Ich fühle mich inspiriert, bin guter Dinge und gegenüber „Problemen“ bleibe ich gelassen, kann sogar über mich selber schmunzeln. Unglaublich – und nur wegen ein bisschen Wärme und Sonnenschein!

Per Aspera ad Astra?

Ein lieber Freund, dem ich gern berichte, was mich so in Bezug auf mein Arbeitsleben umtreibt, machte mich darauf aufmerksam, dass ich dies alles immer im Stil einer „Leidensgeschichte“ vortrage – als Aneinanderreihung von Problemen und eigenen Defiziten, die es zu lösen bzw. zu überwinden gelte. Also „per aspera ad astra“, durch die Wüste (das Leiden) zu den Sternen. Er fordert mich auf, von den „Figuren“, die ich in meinem Dasein vorfinde, zu „Skulpturen“ fortzuschreiten, die ich selber erschaffe. Dies bedeute lediglich eine Veränderung des Blickwinkels, keine völlige Neuschaffung sämtlicher Elemente, aus denen sich sowohl die Figuren als auch die Skulpturen zusammen setzen. Glücksgeschichten schreiben, statt Leidensgeschichten erzählen!

Im Grunde weiß ich, dass es geht, weiß es zum Beispiel durch die Erfahrung mit dem Frühling. Dass ich „trotz Frühling“ einen typischen „Per aspera ad astra-Bericht“ abliefere, ist einfach eine Gewohnheit. Ich könnte mich auch mit dem Frühling verbinden, also sagen: DAS bin ich jetzt, dieses Gefühl von Aufblühen, Fantasie und Kraft – und das wende ich jetzt einfach mal an und sehe, was ich daraus machen kann.

Pointers – Wegweisende Gespräche mit Sri Nisargadatta Maharaj

Dazu passt, was ich gestern in einem spirituellen Buch las, in das ich immer mal wieder schaue, ohne wirklich zu verstehen (bin ja nicht erleuchtet…). Es heißt „Pointers – Wegweisende Gespräche mit Sri Nisargadatta Maharaj“. Zu ihm kam mal eine Besucherin, die eine Frage über die Bhagavadgita stellen wollte. (In jenem Epos erscheint dem Arjuna, der gerade gegen seine eigenen Verwandten einen Stammeskrieg führen soll und darüber fast verzweifelt, der Gott Krishna, der ihn berät und belehrt).

Während sie noch im Begriff war, die richtigen Worte zu finden, fragte Maharaji: „Von welchem Standpunkt aus lesen Sie die Gita?“ Sie murmelte etwas von „wichtiger Führer für spirituell Suchende“, was der Erleuchtete jedoch als dumme Antwort ablehnte. Er frage sie ja nicht nach der Textsorte, zu der das Buch zähle, sondern nach ihrem STANDPUNKT als Lesende. Von einem anderen Besucher kam schließlich eine Antwort: „Ich lese es als einer der Arjunas in dieser Welt, zu deren Nutzen der Herr gnädigerweise die Gita gegeben hat“.

Maharaj daraufhin: „Warum lesen Sie die Gita nicht aus der Sicht des Lord Krishna?“

Ja, warum eigentlich nicht? Wenn ich mir das genau ansehe, dann ist der wahre Grund nicht etwa der, dass ich es für unmöglich hielte, die Perspektive des Glücks, des Frühlings, des Erleuchteten einzunehmen und von daher auf das eigene Dasein zu schauen. Ob es möglich oder unmöglich ist und wieweit es trägt, das zeigt sich ja erst, wenn man es TUT, wenn man es zumindest ausprobiert! Meine Ablehnung liegt aber bereits VOR diesem Versuch. Warum nur?

Tja, die Antwort ist nicht besonders schmeichelhaft: Ich müsste etwas AUFGEBEN, an dem ich offensichtlich noch immer hänge: mein Leiden! Genauer gesagt, mein Selbstverständnis als Leidende, als Problemkind, das lieber über die Leiden, Probleme und Defizite des eigenen Daseins lamentiert, anstatt die Dinge kreativ anzugehen. Diese Haltung stammt vermutlich aus uralten Kindertagen: Mami, Mami, ich hab mir das Knie aufgeschürft, HEUL!!!!!!!!!!!!!!!!

Aber wer hat nicht auch schon mal beobachtet: Da stolpert so ein Kleinkind, schlägt sogar recht heftig auf dem Boden auf – man erwartet markerschütterndes Gebrüll! Jedoch: es verzieht zwar für einen Moment das Gesicht, schaut dann aber um sich und stellt fest, dass niemand sein Fallen bemerkt hat. Prompt rappelt es sich wieder auf und geht weiter, anstatt sich fürs laute Weinen zu entscheiden. Schaut die Mutter aber gerade hin, ist kein Halten!

Schon dieses kleine Kind HAT also (zumindest gelegentlich) die freie Wahl, ob es sich nun ins Leiden fallen lässt oder lieber anderen Impulsen folgt. Fällt die Entscheidung in Richtung Leiden, dann geschieht das, um die Aufmerksamkeit der geliebten Person zu binden, ihren Trost und ihre Streicheleinheiten zu genießen.

Im Unterschied zu Kleinkindern, die das Ganze im nächsten Augenblick wieder vergessen haben, ob sie nun weinen oder nicht, muss ich als Erwachsene mehr aufgeben als nur die Chance, im Moment angenehm bemuttert zu werden. Mich gegen das Leiden entscheiden, heißt nicht nur, aufs öffentliche Jammern und Schimpfen zu verzichten und Freunde nicht als Klagemauer zu benutzen, sondern auch, den entsprechenden „inneren Monolog“ abzuschalten. DAS ist der zentrale Punkt – und das fällt verdammt schwer!

Aber wiederum nicht, weil es nicht funktionieren könnte, etwa, weil die Gedanken nun einmal kommen und weiter laufen, immer weiter um das Leiden und die Probleme kreisend. Ob das wirklich unveränderbar so ist, stellt sich doch erst heraus, wenn ich es entschlossen versuche, wenn ich den auftauchenden Leidensgedanken ein „Stopp“ entgegen setze und den Denkapparat mit selbst gewählten Inhalten beschäftigte. Nein, es ist kein Unvermögen, sondern ein Unwille: ich merke, ich WILL es nicht, weil das, was ich „ausschalten“ müsste, einen großen Teil von dem ausmacht, was ICH bin. Was ich „für mich“, in meinem Selbstverständnis bin. Die Idee fühlt sich an, als müsste ich einen Teil von mir töten, amputieren.

Ja, das ist es. Beobachtet, erkannt, in Worte gefasst, hingeschrieben, ins Web gestellt – wenn ich jetzt gleich den „Send-Button“ gedrückt habe, entscheide ich mich mal für das Glück. Zumindest für heute – mal sehen, wie es funktioniert.

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