Claudia am 27. Februar 2016 — 46 Kommentare

Mal eine Frage zum Antisemitismus

Eine nicht repräsentative Online-Umfrage an der Uni Köln ergab erschreckende Ergebnisse: Pegida ist auch an der Uni, viele Studierenden äußerten sich rassistisch und nationalistisch – zu viele, als dass man von „Einzelfällen“ sprechen könnte.
Dazu wurde nun Wassilis Kassis befragt, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Osnabrück, der an seinem Campus 2013 die erste internationale Studie an einer deutschen Hochschule zu „diskriminierendem Denken“ durchgeführt hat. Ich zitier mal:

Kennzeichnung von Juden im 3.ReichWas sind weit verbreitete Vorurteile auf dem Campus?
„Ein Beispiel zum Antisemitismus: Dem Satz „Die Juden in Deutschland sind krimineller als andere Deutsche“ stimmen 30 Prozent der Studierenden mehr oder weniger zu. Bei dem Satz „Ausländer arbeiten nur dann einigermaßen anständig, wenn sie dauernd kontrolliert werden“ sind es sogar 85 Prozent.“

Im weiteren erläutert Kassis, dass es ein Irrtum sei, solche Denkweisen immer nur bei den Ungebildeten zu vermuten:

„Menschenfeindliche Einstellungen haben noch nie vor den Universitätstoren Halt gemacht. Pegida ist auch im Seminarraum. Und das nicht nur in der Rolle der Studierenden, sondern auch in der Rolle der Lehrenden…. Formale Bildung hilft nicht gegen Menschenfeindlichkeit. Mit Schulabschlüssen, glänzenden Noten und Promotionen erlangen wir Fachkompetenzen. Aber das geht nicht zwingend einher mit demokratischen Tugenden, die unsere Gesellschaft dringend benötigt. „

Das ist alles ziemlich übel, doch was mich nicht nur empört, sondern auch wundert, ist das Ressentiment gegen Juden:

Dem Satz „Die Juden in Deutschland sind krimineller als andere Deutsche“ stimmen 30 Prozent der Studierenden mehr oder weniger zu.

Wie kommen die nur darauf? Weder gibt es dazu Erhebungen, noch kann man Juden im Alltag erkennen. Ich kann mir Fremdenfeindlichkeit viel besser erklären als Antisemitismus, weil ich als Voraussetzung einer wie immer gearteten Diskriminierung doch zumindest von der Erkennbarkeit der Diskriminierten als „Andere“ ausgehen muss.

Aber Juden? Wenn sie nicht als religiöse Juden grade auf dem Weg zur Synagoge eine Kippa tragen, unterscheiden sie sich durch nichts von christlichen oder ungläubigen Deutschen. Auch zu Zeiten des menschenverachtenden Nationalsozialismus mussten Juden ja extra den „Judenstern“ tragen, damit das Ziel der die „Endlösung“ vorbereitenden Propaganda auch erkennbar wurde.

So denken also heute im Jahr 2016 junge Menschen über Juden – wie kommen die nur darauf?

***

Quelle:

Wie rassistisch denken deutsche Studenten? Annika Leister auf BENTO

Diskussion

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46 Kommentare zu „Mal eine Frage zum Antisemitismus“.

  1. M.E. sind es u.a. „Schwarz-weiß-Denke“, das „Vergessen/Verdrängen“ des Grauens, „Gruppenzwänge“, „Macht“ über Andersdenkende, Religionen etc.

    Ein Artikel beschreibt es recht umfangreich. Dort steht eben auch, dass es nicht nur eine Frage der Bildung ist: http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article130594653/Es-gibt-ja-genug-Gruende-uns-Juden-nicht-zu-moegen.html

    M.E. werden Menschen „katalogisiert“, was ich für falsch halte. Menschen sind Menschen, egal was sie glauben, ob sie glauben. Und es sind auch immer wieder Vorurteile, wo im Hinterstübchen geistert: „Urvorteile“

    Leider…

  2. Verblüffend, in der Tat. Mir fällt nur eine Erklärung ein: wenn man sich mit der Finanz-Krise und der kapitalistischen Herrschafts-Struktur befasst, kommt man ziemlich schnell auf Verschwörungs-Webseiten, die tatsächlich immer noch von der Jüdisch-Imperialistischen Welt-Verschwörung schwadronieren. Hm. Vielleicht hängt es auch mit gewissen Deutungen des Israel-Palästina-Konfliktes zusammen. Aber 30%? Dass man Juden nicht erkennt, spielt glaube ich keine Rolle, dass hat es vor 80 Jahren auch nicht. Aber für 30% muss es eine erstaunlich breite Antisemitische Propaganda im Netz geben. Kann es sein, dass rechtes Gedankengut unter jugendlichen gerade massive Verbreitung findet? Mich hat in der jetzt 9 jährigen Dauerkrise und angesichts der desolaten oder mindestens unsicheren Zukunftsaussichten der heutigen Jugend tatsächlich schon häufig gewundert, wie moderat der Auftrieb der rechten ist. Vielleicht ist er hat nicht so moderat und wir haben es nur nicht gemerkt. Oder die Umfrage ist Müll. Hoffen wir mal letzteres … und planen für ersteres.

  3. Das Umfrage-Ergebnis ist erschreckend. Warum es zu solchen unerwarteten Gesellschaftsbildern kommt, hat mit dem gesellschaftlichen Meinungsdruck und mit der damit einhergehenden Sprachregelung der Political Correctness zu tun. Wohin Political Correctness führt zeigt:
    a) warum Holzkopf Trump so eine grosse Anhängerschar hat. Ohne den diktatorischen Zwang, was Amis zu denken und wohlfeil zu sagen haben, gäbe es das Phänomen Trump nicht.
    b) warum Menschen in Deutschland nur noch bei anonymer Befragung ihre echte Meinung kundtun.

    Zwischenbemerkung, meine Stimme hätte sich nicht im gezeigten Ergebnis gespiegelt und diese Aussage gilt, denn ich stehe zu meiner Meinung und deshalb folgende Beobachtung, d.h. meine Sicht, dass Demokratie und die politische Tolerierung von Meinungen, in Deutschland einen Zustand erreicht haben, der einer Demokratie unwürdig ist und der Demokratie abträglich ist.

    Nehmen wir die Flüchtlingsdebatte. Informiert man sich nur anhand der ÖR Fernsehanstalten fühlt man sich einer Minderheit angehörend, die mit der unbeschränkten Aufnahme von Flüchtlingen nicht einverstanden ist. Tatsache ist, dass bei einer Abstimmung, anonym wie üblich und mit einer klaren Fragestellung – d.h. wo man das Ergebnis nicht schönfärberisch interpretieren und darstellen kann – eine klare Wahlbürgermehrheit der grenzenlosen Aufnahme von Muslimen eine Absage erteilt

    Wenn die anwesenden Zuschauer bei ÖR Talkshows die Willkommenskultur weiterhin beklatschen und es z. B. bei der kürzlichen Aussage von Markus Söder bei Illner „wir dürfen die einheimische Bevölkerung nicht vergessen“ praktisch ruhig bleibt, dann ist dies ein Hohn bezüglich Mehrheitsstimmung im Volk. Tja, wenn die TV-Sender von Anfang die Zuschauer so selektionieren, dass ein günstiges „Merkel-Verhalten“ sichergestellt ist, dann kann man das gewünschte Bild erzeugen und verbreiten.

    Markus Lanz hat bis Dez. 2015 j e d e kritische Stimmmeldung zur Flüchtlingsfrage penetrant mit dem „braunem Sumpf“ in Verbindung gebracht und selbst sachlich qualifizierte und sprachlich korrekte Wortmeldungen als Dumpfbackengeschwätz hingestellt. Gut Lanz ist bei anspruchsvollen Diskussionen ohnehin ein intellektuelles Leichtgewicht, ein Papagei der sich am liebsten selber plappern hört. Trotzdem das ZDF verletzt grob fahrlässig seine Aufsichtspflicht und überhaupt wird die Meinungsvielfalt im Fernsehen nicht nach der politischen Gebührenzahler-Stärkesegmente berücksichtigt, wenn mit dem Total der eingenommenen Gebühren nur die politische Ansicht der Regierenden gepusht wird.

    Alt-Bundespräsident Wulffs grösste anerkannt politische Leistung während seiner kurzen Amtszeit, war die Botschaft: Der Islam gehört zu Deutschland. So ein Schmarren. Diese Botschaft entspricht nicht der Sicht einer grossen Volksmehrheit.

    Bei TV Maischberger wurde diese Woche der Diskussionsteilnehmer Hans Hermann Tiedje – Ex-Chefredakteur Bild – für das Wort Flut im Zusammenhang mit Flüchtlingen gerügt, was er laut und deutlich zurückgewiesen hat. Es ist eine Frechheit und Borniertheit sondergleichen, wenn versucht wird den Sprachgebrauch durch Ausschaltung von politisch missliebigen Wörtern zu steuern.

    Ich kann nichts mit Pegida anfangen und in der Ein-Thema-Partei AfD hat es zu viele unterbelichtete Gestalten, aber man muss sich mit den Leuten auseinandersetzen. Immer wieder mit Kommunikation und Taten Dies trifft auf jedes politisch unangenehme Thema zu. Mich würde es z. B. nicht wundern, wenn bei einer anonymen Befragung in den neuen Bundesländern, sich weit über 30 Prozent die gute alte DDR zurückwünschen würden. Weil sie zu den Verlierern gehören.

    Kürzlich gelernt, 89 Prozent der katholischen Priester würden die Aufhebung des Zölibats begrüssen. Wie verschwindend klein wäre dieses Resultat ohne Anonymität ausgefallen.

    Wer in der Mainstream-Wahrnehmungsfalle hockt, der verweigert sich oft arrogant und besserwisserisch, die Meinung Andersdenkender überhaupt nur zum Diskurs zuzulassen. Das wird sich noch bitter rächen, denn der Dampf unter dem Deckel bahnt sich irgendwann seinen Weg und bei der politischen Diskussion gibt es immer mehr Unzufriedene in Deutschland.

  4. Die ARD brachte diese Woche über den Nazi-Jäger Generalstaatsanwalt Bauer einen gut gemachten Film. Am gleichen Abend verharmlosten zwei Unions-Vertreter im Stile der Politiker der Nachkriegszeit die Nazi-Aktivitäten in Sachsen in einer inakzeptablen Art und Weise. Es geht bei den aktuellen Angriffen gegen Menschen anderer Herkunft, nicht um Juden. Ginge es um Juden wären die Äußerungen um einige Grade empörter. Das sind die eingeübte Reflexe und Rituale, die wir nicht einmal mehr wahrzunehmen scheinen. Oder es stört zu viele einfach nicht. Hat es das je getan?

    Ich fürchte, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Deutschland weiter verbreitet sind als es Studien besagen (20%). Auch Umfragen helfen uns nicht dabei, hier ein klares Bild zu bekommen. Viele sagen nämlich nicht wirklich das, was sie in Wahrheit denken.

    Es ist doch möglich, dass über alle Bildungsstufen hinweg, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eine im Menschen angelegte Eigenschaft ist, die im Prinzip jederzeit abrufbar ist. Fühlen Menschen sich bedroht, bricht die dünne Schicht der Zivilisation ein. Egal, welcher Herkunft sie sind oder welchen Bildungsstand sie haben. Werden die Gefühle dann von den „Richtigen“ instrumentalisiert, kann es ganz schnell zu Progromen oder ähnlichen Dingen kommen. Das erleben wir 70 Jahre nach dem Dritten Reich. Eigentlich kaum zu glauben.

    Die Nazis sind immer (noch) da: „Generalstaatsanwalt Bauer – Google-Suche“ – watschblog

  5. Zu einer qualifizierten Beurteilung fehlt die komplette Umfrage im genauen Wortlaut und deren konkrete Auswertung: Bei 1. haben x dort ein Kreuz gesetzt, y hier. Wie viele Studenten gibt es insgesamt? Es werden doch nicht alle teilgenommen haben?

    Angesichts fehlender Fakten Artikel nur quergelesen. Ich will mir selbst eine Meinung bilden und so ist das nicht möglich.

    Mich wundert, wie man teilnehmen kann, wenn so dumme Aussagen in der Umfrage stehen. Leider gehen aus dem Interview, von mir quergelesen auf der Suche nach dem Link zur Umfrage, nur jene hervor: „Die Juden in Deutschland sind krimineller als andere Deutsche“, „Ausländer arbeiten nur dann einigermaßen anständig, wenn sie dauernd kontrolliert werden“, „Die hohen Geburtenziffern der muslimischen Frauen weisen daraufhin, dass das Christentum verdrängt wird“. Diese Aussagen sind so dumm und manipulatorisch, dass ich mich der Umfrage verweigert hätte. Solche Aussagen sind eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen. Ich glaube nicht, dass man so etwas sinnvolles erfährt und wichtige Schlüsse ziehen kann.

  6. @relaxsenf Der gesellschaftliche Meinungsdruck macht einen zum Antisemiten? Interessante These.

  7. @Relax-Senf
    Schon bemerkenswert, wie weit unsere Wahrnehmung divergiert …

    Wohin Political Correctness führt zeigt:

    PC??? Wohl eher ihr Gegenteil, wobei ich mich sicher nicht als Verteidiger der PC sehe, aber plötzlich riechts hier so komisch nach „politically incorrect“. Aber ich will nichts unterstellen. Liebe Leser, was ich gerade gemacht habe ist ziemlich nah am Godwin pullen, daher sollte man meine Anspielung kritisch betrachten und hinterfragen. Wie komme ich darauf? Wikipedia dazu.

    Nehmen wir die Flüchtlingsdebatte. Informiert man sich nur anhand der ÖR Fernsehanstalten fühlt man sich einer Minderheit angehörend, die mit der unbeschränkten Aufnahme von Flüchtlingen nicht einverstanden ist.

    Ich erlebe spätestens seit der Jahreswende (Köln) eine massive anti-islamische Propaganda, die sich nahtlos in die unausgesetzte anti-islamische Propaganda der letzten 15 Jahre einfügt. So sieht wohl jeder (mich eingeschlossen) nur, was er sehen will.

  8. Erstmal allen herzlichen Dank für die umfangreichen Einlassungen!

    Mit diesem Artikel bin ich allerdings weitgehend gescheitert, da niemand zur eigentlichen Frage etwas Konkretes sagt: Wie ist es möglich, Menschen zu diskriminieren, die im Alltag gar nicht als „Andere“ erkennbar sind?
    Offenbar hab ich nicht klar rüber gebracht, worum es mir geht: Um den GRUND/Anlass/Auslöser für Judenhass hier und heute bei jungen Menschen.

    Auf Reddit/de haben sie – wie Elmar hier – allerlei Kritisches zur Online-Umfrage aus Köln gesagt, dabei bezog ich mich doch gar nicht auf deren (im Detail noch gar nicht bekannten) Ergebnisse, sondern auf den Osnabrücker Prof, der aus den Ergebnissen SEINER STUDIEN heraus auf die Interviewfragen antwortet. (Ein User auf Reddit hat mittlerweile SEINE STUDIE gefunden, sowie einen deutschsprachigen Artikel dazu). Von seinen Beispielen ausgehend kam ich zu meiner Frage.

    Auf Facebook verlinkte mir jemand als „kurze Antwort“ einen Artikel über „Euphemismus“ – einen Bezug zu meiner Frage konnte ich nicht erkennen.

    Nun hat heute Peter den richtigen Link z einem von ihm hier versehentlich falsch verlinkten Artikel nachgereicht:

    Es gibt ja genug Gründe, uns Juden nicht zu mögen – von Henryk M. Broder

    Da stehen nun eine Menge Gründe drin, alte religiös begründete Ideen und solche, die Judenhass und politische Israel-Kritik schwer unterscheidbar vermengen.
    Offenbar gibt es nur eine Antwort auf meine Frage: Es gibt keine Gründe, Juden zu diskriminieren, die auf Alltagserfahrungen mit Juden hier in DE basieren. Antisemitismus ist insofern eine üble Tradition, die von einem Prozentsatz X der Bevölkerung einfach übernommen wird – ohne eigene Gründe, die auf irgendwelchen Erlebnissen beruhen (wie etwa bei Andersfarbigen: huch, die kann ich nicht einschätzen, die machen mir Angst…).

    Flüchtlinge…

    Andere Themen, die hier ausführlich angesprochen wurden, fallen gerade NICHT in den Raum der Frage, da die entsprechenden Ängste durchaus konkret benennbar sind – auch dann, wenn jemand noch keinen Flüchtling gesehen hat, kann eine Angst z.B. vor Jobkonkurrenz im Niedriglohnsektor etc. entwickelt werden. Oder die Angst vor Kriminalität, wenn es unübersichtlich viele werden, die lange im Wartestadium untätig herum hängen müssen.
    Dass es zu diesem Themenkomplex – verbunden mit dem Streit um die öffentliche Meinungsbildung in Medien – viel Gesprächsbedarf gibt, ist mir bewusst. Passt aber unter DIESEN Artikel nun gar nicht, sorry!

    Ich werde das Thema aber nächstens wieder aufnehmen, dann gerne.

  9. Mögliche Erklärungsmodelle für einen nicht empirisch (mit eigener oder verallgemeinerter Erfahrung an konkreten Personen und Gruppen) untermauerten Anit-Semitismus sind etwa:

    – es kann sich beim A-S um ein tradiertes, kulturelles Muster (z.B. des christlichen Abendlandes) handeln;
    – der A-S kann als Stellvertreter für andere, tieferliegende Motive und Befindlichkeiten, die sich womöglich weniger mit dem Selbstbild vereinbaren ließen, fungieren;
    – das soziale Umfeld induziert (als Mittel und/oder Ausweis der eigenen Integration) dort tradierte Denkmuster wie eA-S (wie auch andere, meist die Grenze der eigenen Gruppe stabilisieren sollende Muster);
    – aus einer diffusen Ablehnung ‚des Bestehenden‘ heraus wird A-S als Symbol eines wenig andere, leichter benennbare Ansatzpunkte findenden Widerstandes (gegen die herrschenden Parteien und Meinungen, gegen ‚die Lügenpresse‘, ‚das System‘, einen ‚Verblendungszusammenhang‘ usw.) verwendet;

    Ich nehme an, daß individuelle und kollektive Motive in geteilten Weltanschauungen, die zur Stabilisierung eines sich gefährdet fühlenden Ichs herhalten, immer ein je spezifisches Verhältnis in den Köpfen der sie vor sich her Betenden eingehen. Je weniger differenziert, d.h. etwa durch verallgemeinerbare Erfahrungen gestützt oder kritisiert, diese Anschauungen sind, und je intensiver der psychische Druck, sich mittels der Entäußerung von ‚Meinungen‘ oder ‚Glauben‘ quasi selbst von Anfechtungen zu heilen (siehe ‚Brunnenvergifter‘), sich zu reinigen (siehe ‚Volk‘ und ‚Rasse‘) oder sich zu adeln (siehe ‚Arier‘), desto weniger braucht solch ein Bewußtseinszustand äußere Gegenstände, es dominiert eine Wirklichkeitskonstruktion, die sich vorwiegend aus innerpsychischen Notwendigkeiten speist – wobei Not als materielle wie emotionale Not zu sehen ist.

    Die schützenden, stärkenden, vereinigenden Symbole solcher ‚Geistespanzer‘ sind dabei meiner Ansicht nach nie beliebig austauschbar, sondern der in seinem ‚Köperturm‘ eingeschlossene ‚Kommandant‘ sucht sie sich, durch schmale Sehschlitze in seiner Wahrnehmung des Außen gefiltert, anhand ihm vorliegender Schablonen aus. Juden, Neger, Araber, Moslems, Intelektuelle, Schwule, Frauen usw. geben dabei den ‚Wortschatz‘ vor, mit dem sich die ‚Texte‘ der jeweiligen Ideologie formulieren lassen.

    Und unter anderem deshalb hilft etwa sachliche Aufklärung so erschreckend wenig und es tauchen mit penetranter Regelmäßigkeit die immer gleichen Bilder auf!

  10. Btw: Mein Kommentar oben wurde immer noch erst nach einem reload angezeigt!

  11. @Brendan: „Der gesellschaftliche Meinungsdruck macht einen zum Antisemiten? Interessante These.“

    Kann ich nicht erkennen, dass ich dies zum Ausdruck gebracht habe. Meiner Meinung nach, ergeben sich erst bei anonymen Umfragen relevante Erkenntnisse, wie die Leute ticken, wie ihre eigene Sicht tatsächlich einzuornden ist.

    Frank Plasberg, Moderator von „hart aber fair“ hat als Talkshow-Gast in einer anderen Sendung seine grosse Verwunderung zum Ausdruck gebracht, dass sich die Leute im persönlichen Gespröch n a c h seiner Sendung jeweils völlig anders äussern, als die Aussagen die sie während der Sendung beklatscht haben..

  12. Wie gesagt: was hat Erkennbarkeit damit zu tun (siehe vor 80 Jahren)? Oder auch: Schwule, Bankster, Sozialschmarotzer … Erkennbarkeit ist eher ein Spezialfall, wenn auch kein seltener.

  13. Nachtrag zu meinem langen Re:

    @Thorsten: sorry, DU hattest durchaus etwas zur Frage gesagt! Beim Blick auf die verschiedenen Medien ist mir das dann glatt wieder entfallen.

    „Verblüffend, in der Tat. Mir fällt nur eine Erklärung ein: wenn man sich mit der Finanz-Krise und der kapitalistischen Herrschafts-Struktur befasst, kommt man ziemlich schnell auf Verschwörungs-Webseiten, die tatsächlich immer noch von der Jüdisch-Imperialistischen Welt-Verschwörung schwadronieren. Hm. Vielleicht hängt es auch mit gewissen Deutungen des Israel-Palästina-Konfliktes zusammen. „

    Mag sein – wir werden es wohl nie wirklich wissen. Interessant bzw. bedauerlich ist in dem Zusammenhang übrigens, dass Linke vereinzelt tatsächlich die Kritik an der FED bzw. am Geldsystem als Antisemitismus deuten – bzw. jegliches inhaltliche Gespräch darüber mit diesem Hinweis VERWEIGERN (mir so geschehen in einem Mailwechseln mit Jutta Dittfurth).

  14. So sehr mir das auch missfällt, ich kann mir auch keinen anderen Grund für die Ablehnung oder gar den Hass auf Juden vorstellen, als die „traditionellen“ Vorbehalte, die die europäische Geschichte uns aufgeladen hat. Ich würde das so nicht sagen, wenn ich nicht fest davon überzeugt wäre, dass die bestehenden Ressentiments nicht „nur“ etwas mit dem Verhalten der israelischen Regierung bzw. ihrem Umgang mit den Palästinensern zu tun haben. Andererseits tue ich mich schwer damit, wenn jede Kritik an eben dieser Politik ohne Umwege in einen Antisemitismusvorwurf umgemünzt wird.

    Wenn Junden, die mit Kippa durch Berlin (oder auch anderswo) gehen, heute körperlich angegriffen oder beschimpft werden, ist das erschreckend und die Tatsache, dass es sich bei den Angreifern mutmaßlich um Muslime gehandelt hat, darf gesellschaftlich nicht dazu führen, dass diese sich „beruhigt“ zurücklehnt.

  15. @relax senf: Ah ja, jetzt verstehe ich. Ich dachte, dein Kommentar sei eine direkte Antwort auf Claudias Frage. Stattdessen hast Du versucht zu erklären, warum der Antisemitismus in Umfragen stärker hervortritt als im Alltag spürbar ist (Letzteres würden, glaube ich, Juden in Deutschland so nicht unterschreiben). Ich finde den Druck, seinen Judenhass nicht einfach so unwidersprochen in der Öffentlichkeit oder den Medien ausbreiten zu dürfen, allerdings nicht so schlecht.

  16. Ok, Ihr Lieben: OPEN SALON!

    Nurmehr ein Jude (religiös oder weltlich, deutsch oder nicht deutsch) könnte die Diskussion zu diesem Punkt vermutlich noch bereichern, es ist inhaltlich eher alles gesagt.

    Es darf also – falls noch jemand mag – gerne über alles diskutiert werden, was in den Kommentaren angesprochen wurde.

    Zu Relax‘ Anmutungen in Sachen PC, ÖR-TV werd ich selbst noch was schreiben – aber nicht mehr heut nacht.

    @Susanne: danke für deine Analyse. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich das Thema für „erschöpft“ halte.

  17. @Relax: alsdenn, ich zitier mal:

    Warum es zu solchen unerwarteten Gesellschaftsbildern kommt, hat mit dem gesellschaftlichen Meinungsdruck und mit der damit einhergehenden Sprachregelung der Political Correctness zu tun. Wohin Political Correctness führt zeigt:
    a) warum Holzkopf Trump so eine grosse Anhängerschar hat. Ohne den diktatorischen Zwang, was Amis zu denken und wohlfeil zu sagen haben, gäbe es das Phänomen Trump nicht.
    b) warum Menschen in Deutschland nur noch bei anonymer Befragung ihre echte Meinung kundtun.

    Im „Land of the Free“ siehst du also tatsächlich einen „diktatorischen Zwang“, was die Leute zu denken haben?
    Dass Menschen in DE ihre Meinung „nur anonym sagen“, stimmt jedenfalls nicht. Allgemein wird derzeit das Phänomen besprochen, dass auf FB (Klarnamenpolitik) massenweise Leute ihren Hass auf Geflüchtete und jegliche Migranten raus lassen – unter vollen Namen.

    Man kann in diesem Land definitiv fast überall seine Meinung sagen (also z.B. nicht als Richter in einem Verfahre u.ä.), aber man muss dann eben auch mit Reaktionen rechnen. Die ganzen Vorwürfe a la „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ beklagen doch in Wahrheit kein VERBOT (das es nicht gibt), sondern man regt sich drüber auf, dass bestimmte Meinungen eben nicht gut ankommen und entsprechende Gegenreden provozieren.

    „Nehmen wir die Flüchtlingsdebatte. Informiert man sich nur anhand der ÖR Fernsehanstalten fühlt man sich einer Minderheit angehörend, die mit der unbeschränkten Aufnahme von Flüchtlingen nicht einverstanden ist. Tatsache ist, dass bei einer Abstimmung, anonym wie üblich und mit einer klaren Fragestellung – d.h. wo man das Ergebnis nicht schönfärberisch interpretieren und darstellen kann – eine klare Wahlbürgermehrheit der grenzenlosen Aufnahme von Muslimen eine Absage erteilt“

    Ich schaue oft Talkshows (außer Lanz) und habe nicht den Eindruck, dass die Bedenken, Ängste und auch die Ressentiments gegen Migranten dort nicht zur Sprache kämen. Ganz im Gegenteil wurde all das doch rauf und runter diskutiert, immer mit Diskutanten, die sich keineswegs einig waren, sondern die kontroversen Positionen repräsentierten. (Wer richtig sachliche Gespräche sehen will, sollte übrigens öfter mal Phoenix-Runde gucken).

    Was den Vorwurf gegenüber dem exzessiven Gebrauch der „Nazikeule“ angeht, stimme ich insoweit zu, dass es Unsinn ist, jegliche Bedenkenträger so zu stigmatisieren – man soll sich inhaltlich auseinander setzen. Was ich aber auch bemerke: auf Seiten der „Besorgten“ scheint vielen von ihnen gar nicht bewusst zu sein, dass sie hier und da durchaus mit denselben Memen agieren, die auch die Nazis verwendeten und noch heute verwenden. Da wird immer noch „Deutsch“ ethnisch definiert, obwohl wir immer schon massenweise Zuwanderungen hatten – diese ganze Renaissance des „Völkischen“ ist doch einfach nur gruslig!

    Was die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen angeht: sie stehen nicht im luftleeren Kommunikationsraum, sondern es gibt heute hunderte Private! (Und auf Youtube machen eh alle, was sie wollen). Wenn ich mir deren Programme anschaue, bin ich meist SEHR froh, dass wir so einen ÖR haben! Der ÖR hat im übrigen einen Bildungsauftrag, was ihn schon von daher dazu bestimmt, humanistische Werte zu vertreten, anstatt den Hass verbreitenden Wutbürgern auch noch nach dem Munde zu reden.

    Ich hör hier mal auf, das Thema ist einfach zu vielfältig, ums mal eben „zu klären“. Das Islam-Thema braucht z.B. eine eigene Befassung – korrekterweise geht es bei Umfragen um Geflüchtete, nicht um deren Religion.

  18. Open Salon? Nun denn:

    Antisemitismus, liebe Claudia, ist mir persönlich noch nie begegnet, was ich zu meiner Person darauf zurückführe, dass ich weder durch Kippa oder Pajess „sichtbar“ als solcher für den Vorübergehenden erkennbar bin, als auch, mein Verhalten und Denken scheinbar bisher zu keinen antisemitischen Provokationen Anlass gegeben hat. (Hier klopfe ich nun dreimal auf Holz. Ein bisschen Aberglaube muss schon sein)

    Insofern würde ich also deiner Antwort im Großen und Ganzen zustimmen, die du auf deine Frage ja schon selbst gefunden hast:
    „Es gibt keine Gründe, Juden zu diskriminieren, die auf Alltagserfahrungen mit Juden hier in DE basieren. Antisemitismus ist insofern eine üble Tradition, die von einem Prozentsatz X der Bevölkerung einfach übernommen wird – ohne eigene Gründe, die auf irgendwelchen Erlebnissen beruhen.“

    Aber natürlich gibt es auch in Deutschland, besonders aber auch stark in unseren direkten Nachbarländer verbreitet, Juden und jüdische Viertel, die einerseits in ihrem äußeren das „Fremde“ sichtbar darstellen, wie auch in ihrem Denken und äußern Brücken aufrechterhalten. Hier wie dort also doch noch erkennbares.

    Überwiegend schließe ich mich Susanne`s Meinung an, wie auch der von Horst Schulte zu der Überlegung, dass Fremdenfeindlichkeit etwas urelementares sein könnte. Zu meiner Vorstellung, „dem Schutz einer sozialen Gemeinschaft“, (dem alten Stammesdenken) gehört eben auch dazu, dass die Gemeinschaft vor allen möglichen Gefahren zu schützen ist. „Gefahren“ ist ein weiter Begriff und schließt auch Menschen ein, die in keiner friedlichen Absicht dem Stamm zu nahe kommen. (Inwieweit dies auch alles ideologisch missbraucht werden kann, ist ein weiteres Thema).

    Ich glaube nicht, dass heutzutage Fremdenfeindlichkeit noch wirklich und tatsächlich der Ausdruck gegenüber „Fremden“ ist, auch wenn „Fremde“ im Sinne des „ungewohnten“ Ängste auslösen können – sondern dass er das innere Thermometer einer Gesellschaft ist, in welchem sich der Grad ihrer Ängste und Zukunftsunsicherheiten ausdrückt. Es ist m.E. nach eher eine „blinde Wut“, die sich einfach gegen das erste ausdrückt was zur Tür hereinkommt und schon einen gewissen Unterbau hat.

    Eine Gesellschaft im Lot kann m.E.nach so einiges verkraften. Ist es unsere Gesellschaft noch? Und wenn nein, was hat sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich glaube nicht, dass es die Finanz- oder Zuwanderungskrise war. Ich glaube, die Gründe liegen tiefer und woanders.
    Vielleicht ist es einfach nur das Gefühl, dass man sich in Not nicht mehr unbedingt aufeinander verlassen kann? Mal nur so,- als Vorschlag!

  19. Hi Menachem,

    danke Dir für dein Statement, das mir natürlich noch gefehlt hat!
    Deine letzte These ist interessant – natürlich auch deprimierend, wenn das so stimmt – aber ist das so?
    Für die Existenzsicherung haben wir ein soziales Netz, immer noch. Das wird zwar mit einigem Recht gescholten, aber es leistet doch immerhin noch das, was es soll – auf niedrigem Niveau zwar, aber auf Hilfe zum Überleben von Verwandten ist man hierzulande nicht angewiesen. Und das ist gut so!

    Hier mal „10 Gründe, warum die AFD in Sachsen-Anhalt durch die Decke schießt“ – aus Sicht der FAZ (!).
    Natürlich ist Sachsen-Anhalt in Sachen Fremdenfeindlichkeit nicht alleine, die gibt es bundesweit, aber doch mit Schwerpunkten in ostdeutschen Ländern.

  20. Danke für den Artikel-Link, Claudia, den ich erst heute lesen konnte.

    Wahrscheinlich kann den aber nur einer richtig verstehen und nachempfinden, der als Wessi in diesem Landstrich lebt. Ich selbst hätte das nicht so gut analysieren können wie in dem Artikel, (wobei ich alle 10 Punkte rückhaltlos als richtig erkannt unterschreiben würde), aber ich bekomme hier ständig vom Gefühl her übermittelt: “ Geh wieder dahin, wo du hergekommen bist.“

    Wenn ich in die Kneipe meines Vertrauens komme werde ich mittlerweile derart ignoriert, als wäre ich nicht anwesend. Luft. Eine der derbsten und unangenehmsten Art und Weise Menschen zu zeigen, das man sie nicht mag. Spürbar empfinde ich diese Grundstimmung schon seit 1993 aufkommend, auch mir persönlich gegenüber artikulierend. Insofern kenn`ich nun doch, zu deinem Post annähernd passend, Fremdenfeindlichkeit. Ich wußte nie und konnte auch nicht einschätzen, ob diese Grundstimmung so bleiben wird, nachlässt oder sich steigern wird.

    Mittlerweile weiß ich es und habe vor wenigen Tagen frei jeder weiteren Illusion bei mir geschrieben: „Alles zurück auf Start“.

    Bis dahin, halte ich durch und meine Ohren geöffnet.

  21. Weißt Du, ob sich das im Westen anders anfühlt?

  22. @Menachem: verstehe ich das richtig? Die ignorieren dich als „eingewanderten Wessi“??? Oder weil du dich mit ein paar „unpassend menschenfreundlichen“ Meinungen unbeliebt gemacht hast?

  23. Nein, Thorsten, ich vermute, dass das genau so ein Scheißgefühl ist.

    Ich weiß nur, das ich absolut keine Ahnung habe, wie das mal zusammen funktionieren soll ( von dem zusammenwachsen haben wir uns mittlerweile denke ich alle getrennt), dass wir endlich anfangen die Unterschiede und Befindlichkeiten aller zu erfassen, verstehen und respektieren zu lernen und das an aller Anfang die offene Bereitschaft bestehen sollte, das gemeinsame Gespräch zu eröffnen.

    Sag mir, was kann ich tun? Gib mir auch einen LINK oder deine Wut und ich könnte doch zumindest irgendwo anfangen.

    @Claudia, ich bin kein eingewanderter Wessi in den Augen hier. Ich bin ein Geschwür. Die Montag Demo`s sollten nur zu einem neuen politischen System und einer neuen Ordnung führen. Einen Anschluß oder eine Einverleibung in die BRD, die wollte niemand. Das ist nicht die Gesamtmeinung, doch mittlerweile ein starker Grundtenor.

  24. Nun ja: „“Kommt die DM bleiben wir, kommt sie nicht geh’n wir zu ihr!“ – das ist ein Slogan, der auf Leipziger Demos auf Transparenten stand.

    Schorlemmer erinnert sich:

    „Richtig ist, dass nach dem 9. November änderten sich die Demonstrationen, vor allem die Ziele der Demonstrationen – wie ich finde, auf eine fatale Weise. Nämlich: Alles richtete sich jetzt nicht mehr darauf, die Selbstbefreiung voranzubringen, und Strukturen der Demokratie aufzubauen, sondern: möglichst schnell Deutsche Einheit zu erreichen, D-Mark besitzen, Ende der Demütigung mit der Ost-Mark, die nirgendwo kompatibel war“

  25. Menachem, „Sag mir, was kann ich tun?“ – ich bin mir nicht sicher, ob das rhetorisch gemeint ist, fühle mich aber aufgefordert, darauf einzugehen. Ich weiß aber keine Antwort. Ich kann versuchen zu analysieren wo das herkommt, aber das ist alles viel größer als wir. Und ich würde dann in mein Lieblings-Thema abgleiten und Dein Post klingt nach einem Hilferuf, nicht nach einer Aufforderung mich in meinen üblichen Ergüssen zu ergehen. Es tut mir Leid, ich habe keine Antwort.

  26. Du hast recht, Thorsten, und bisher hatte ich es selbst noch gar nicht so richtig begriffen. Es ist ein „Hilferuf“. Und wenn ich dieses Wort schreibe, schmerzt es mich bitterlich.

    Danke für deine Zeilen. Und so weh sie einerseits tun, so geben sie mir auch viel Kraft, zur Geduld.

  27. @Menachem:

    Wie wäre es mit Umziehen? Andere Kneipe, andere Umgebung, anderes Milieu? Das gibt es auch in Leipzig, siehe diese Diskussion über Wohngegenden. Auch ohne Studie zu sein gäbe mir das genug Info, um zu wissen, wo ich gerner wohne als anderswo.
    Klar, das ist Aufwand – aber steht der nicht dafür, wenn man sich irgendwo so beschissen fühlt?
    Du könntest natürlich auch so andere Kneipen, andere Kreise, evtl. auch explizit „anders politische“ Initiativen aufsuchen – aber das hast du offenbar bisher nicht getan, sondern erträgst lieber ein Lokal, in dem dich die Leute als „Geschwür“ ansehen.

  28. […] ist, die in sämtlichen Kulturkreisen der Erde zu finden ist und wohl einen entscheidenden Teil unserer Menschlichkeit […]

  29. @Claudia: Kann nicht auf Alles eingehen was du anführst, aber es ist ja auch ohne meinen Input eine rege Diskussion. Richtigstellen will ich aber einige Fehlinterpretation von dir und allenfalls von weiteren Usern.

    „Im „Land of the Free“ siehst du also tatsächlich einen „diktatorischen Zwang“, was die Leute zu denken haben?“

    Die USA sind tatsächlich das Land, wo man nicht nur alles denken sondern sogar sagen darf, ohne wegen seiner Meinung vor dem Gericht zu landen. Das ist die rein rechtliche Situation. In der Gesellschaft ist diese Feststellung schon längst nicht mehr gültig, weil die Political Correctness den Spracheinsatz diktiert, wenn man sich dran orientiert. Im College-Universum hat dies bereits so extreme Formen angenommen, dass Political Correctness immer wieder ein Medienthema in den USA ist und ein Teil der Gesellschaft mit Frust auf die „Sprach-Gebrauchs-Diktatur“ reagiert.

    Die unterste-Schublade-Kommunikation von Trump profitiert auch von dieser Stimmung.

    „Man kann in diesem Land definitiv fast überall seine Meinung sagen“

    Das ist wieder korrekt und doch erkennst du nicht die Situation die mich zu meiner Feststellung geführt hat. Man kann sagen und schreiben was man will und als Beweis stehen die Hasskommentare im Raum. Trifft in vielen Fällen zu, aber die kaputte Meinungsstreitkultur führt ja auch dazu, dass jeweils alle Lager, die Meinungen der Gegenseite auf Hass und Dummheit reduzieren. Wie ich kürzlich von einem Professor gelesen habe (Soziologe-Meinungsforscher) enden „Freundschaften“ in sozialen Netzwerken in dem Moment, wo man eine andere Meinung vertritt.

    Die grosse Mehrheit der Leute liest keine Blogs und schreibt keine Kommentare auf sozialen Netzwerken und einer der Gründe ist, dass man sich nicht traut. Bei den Prime-Medien gibt es Leserbriefe und dort ist doch die Ablehnung der Flüchtlingspolitik in klaren und mit Sachverstand belegten Kommentaren nicht zu übersehen..

    „„Nehmen wir die Flüchtlingsdebatte. Informiert man sich nur anhand der ÖR“

    Nehme die Kritik nicht zurück, präzisiere aber den Zeitraum von Sommer 2015 bis ?? Nov./Dez. 2015
    In der Zeit war die pro Merkel-Sendebereitschaft extrem und hat seither etwas geändert, weil die politische Stimmung in der Gesellschaft so stark gegen die Haltung aller Parteien bei der Flüchtlingsfrage, dass man den Sachverhalt nicht mehr ignorieren kann.

    Persönlich finde ich es total unglaubwürdig und geisterhaft, dass die Zuschauer in den Talkshows die Politik der offenen Grenze ohne Ende weiterhin euphorisch beklatschen, d.h. der Beifall ist laut zustimmender und die Gegenseite leise und wenig hörbar. Das spiegelt doch nicht die Realität im Wahlvolk und wenn die Sender nicht die Auswahl manipulieren, dann zeigt es das Verhalten der Leute, die sich gerne im Mainstream „verstecken“.

    Den Preis werden die Kinder der aktuellen Schulbesucher bezahlen, wie ich b ei mycomfor mit einem Kommentar ausgeführt habe. Natürlich nur die Kinder jener Leute die sich „keine Privatschularrangements leisten können.“

    „Was die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen angeht“
    Klar hat es jede Menge Private, YouTube etc., das ändert aber nichts daran, dass die ÖR ihrem Auftrag gerecht werden müssen und entweder völlig wertungsneutral berichten müssen oder aber einen Schlüssel verwenden, der die politischen Befindlichkeitsinteressen der Bevölkerung spiegelt.

    Übrigens der von den Parteien geschasste Ex-ZDF-Chef hat öffentlich kund getan, dass der ZDF gefällige Hofberichts-PR für Merkel sendet.

    Wenn die Linken und Grünen in jeder Talkshow präsent sind, dann gehören halt die Rechten auch dazu (bei über zehn Prozent Wahlanteil).

    Hinter dieser Aussage steckt keine parteipolitische Sympathie, aber mich treiben zwei Schlüsselthemen um. Moral und Demokratie und bei beiden Themen wird ständig gelogen, dass es einem immer wieder Speiübel wird. Mit Moral und Demokratie wird immer nur argumentiert, wenn es gerade den persönlichen Interessen dient. Es wollen immer alle an der Macht bleiben und nach Möglichkeit ihre Macht ausweiten. Um dieses Ziel zu erreichen, sind fern der Moral alle Mittel recht.

  30. Natürlich denk ich an umziehen, Claudia. Und irgendwie richtet man seine Lebensplanung auch danach aus. Und es begleitet mich dabei aus der Historie auch immer eine stille Angst, hoffentlich erkenne ich den richtigen Zeitpunkt. Nicht zu früh, aber definitiv, auch nicht zu spät.

    Aber ich bin weit davon weg, vor den Sachsen und/oder einem schwellenden und ungelösten Einheitskonflikt davon zu laufen. Auch wenn es oft persönlich wird versteh`ich langsam immer öfter, auch aus der Reflektion hier beim schreiben, das es nicht persönlich gegen mich, Menachem als Mensch, sondern mich, als Repräsentant des Westsystems geht. Das ist mir in diesem Fall trotz allem lieben, als in einer Community Gleichgesinnter zu sitzen. Noch kann ich “ D A S „, in meinem ausgewogenen sozialen Mix, relativ gut verarbeiten.

    Warten wir die Wahlen am kommenden Sonntag ab. Das ist es, worum sich meine Gedanken um´s „umziehen“ und „Koffer packen“ drehen. Sicher,- nicht schon morgen. Aber es sind die Tendenzen. Eine erstarkende AfD? Bei aller Politikverdrossenheit der Menschen, – upps, da werd`ich innerlich sehr unruhig.

  31. @Relax

    bei dem Text musste ich an dich denken – natürlich nicht NUR an dich, es geht um die ganze

    Gespaltene Gesellschaft

  32. @Claudia – Danke für deinen Hinweis auf einen lesenswerten Artikel. Vom Gedankengut hätte viel aus meiner Feder stammen können.

    C&P-Ausschnitt aus https://gleichheitunddifferenz.wordpress.com/about/comment-page-1/#comment-991
    […] Nicht mehr miteinander zu reden dagegen, das Gespräch zu blocken, sich gegenseitig Doppelmoral vorzuwerfen, führt nur zu einer weiteren Vertiefung der Gräben, und dazu, dass die radikalen Ränder immer mehr Zulauf finden. Weil keinerlei gegenseitiges Verständnis mehr stattfindet und der „Austausch“ sich auf Beschimpfungen und Schuldzuweisungen beschränkt.

    Ich bezweifle, dass es das ist, was die meisten von uns wollen und vermute eher, dass letztlich eine freiheitliche, friedliche Gesellschaft das ist, was gewünscht ist. Verständnis füreinander zu haben, wäre der erste Schritt dazu. […]

    Relax
    Die Autorin wirbt für das Gespräch, für die Bereitschaft den „Meinungsgegnern“ zuzuhören und das entspricht meiner Position. Wenn ich der Politik und Teilen der Gesellschaft vorwerfe, dass sie sich weder demokratisch noch moralisch korrekt verhalten, wenn Pegida und AfD einfach nur verteufeln, dann will ich diese Sicht anhand der folgenden Metapher darstellen.

    Aussenminister Steinmeier als Anchor-Man und stellvertretend für die GroKo und Politiker aus allen Parteien, verhandelt in Syrien mit Assad & Russland und in der Türkei wird Erdogan zum Key Partner gemacht (obwohl die Türkei auf dem Weg zu einer menschenverachtenden Diktatur ist) .

    Rechtfertigung/Begründung für dieses Tun ist die Einsicht, dass man das Gespräch suchen muss, wenn man an der Verbesserung von kritisierten Zuständen interessiert ist.

    Bei dieser verbreiteten und akzeptierten Einsicht unter Politikern, verstehe ich nicht, dass man alle Wähler und Sympathisanten an den politischen Rändern als emotionslose Geistesgestörte bezeichnet und einen wachsenden Teil der Bevölkerung als quantité négliger ignorieren kann. Diese Haltung der zurzeit Mächtigen wird sich langfristig immer stärker rächen, gehen doch schon heute ca. 40 Prozent der Wahlberechtigten nicht wählen.

  33. AfD und Pegida sind überhaupt der Grund, dass die Regierung mit Erdogan und Assad verhandelt und keine „quantité négliger“. Wenn der rechte Rand geschlossen zu den Bahnhöfen pilgern, Flüchtlinge bejubeln und Merkel-Plakate hochhalten würde, würde nicht mit Erdogan verhandelt. Der darf unkritisiert seine Presse gleichschalten und Kurden morden, weil die Alternative „Alternative für Deutschland“ heißt. Dann will Merkel halt lieber Erdogan in der Türkei als AfD hier.

  34. @Relax: freut mich, dass dich der Artikel angesprochen hat – genau wie mich.

    Zur AFD hab‘ ich heute einen unglaublich aufwändig recherchierten Artikel gelesen, den ich hier mal zum Lesen empfehle, um von der Eindimensionalität der Bewertung wegzukommen:

    Wie ich auszog, die AfD zu verstehen – von Uwe Junge auf ZEIT ONLINE.

    @Thorsten: AFD ist eben nicht nur „rechter Rand“, sondern reicht durchaus in die Mitte. Das sind sogar Ex-Linke- und Ex-Grüne-Wähler dabei.

    Und zu deinem Einwurf: Man kann sich m.E. nicht völlig der Wahrheit verschließen, dass wir nicht „alle“ aufnehmen können, die kommen wollen. Linke und Grüne werden das Aufnahmepotenzial höher ansetzen als Konservative und Rechte, aber dass es irgendwie/irgendwann/irgendwo eine Begrenzung geben muss, liegt m.E. schlicht an der Begrenztheit der Aufnahmekapazitäten. Womit ja nicht nur Erstversorgung gemeint ist, sondern auch die Erfordernisse einer gelingenden Integration.

    Das Phänomen AFD/Pegida erklärt sich m.E. aber bei weitem nicht allein aus der Flüchtlingsproblematik. Irgendwo im Artikel, den ich oben empfehle, steht, dass die 80ger als das „beliebteste Jahrzehnt“ gelten. Was kam danach? Verschärfte Globalisierung, alles, was wir als „neoliberale Welle“ beschreiben, Shareholder Value, Arbeitsverdichtung, Agenda 2010, Rückbau des Sozialstaats, befristete und zersplitterte Arbeitsverhältnisse, sich öffnende Schere zwischen arm und reich, Euro-Entwertung, Finanzkrise, Wegfall der Zinsen/Enteignung der kleinen Sparer etc. usw.

    Viele wurden zu Verlierern, denen von der Politik immer gesagt wurde, all das sei alternativlos und schließlich gehe es Deutschland doch sehr gut – so im Vergleich. Und: Für Bankenrettung, Griechenlandrettung war offensichtlich Geld da, für alltagsrelevante Verbesserungen in DE eher wenig. Marode Schulen, Straßen, Brücken, mieser werdendes Gesundheitssystem, Privatisierungen und damit Verteuerungen einst öffentlicher Bereiche, Hartz4-Sanktionen etc. usw. Und per Freihandelsabkommen mit eigener „Gerichtsbarkeit“ sollen Restbestände an Sicherheiten auf dem Altar des Wachstums geopfert werden.

    Um nicht missverstanden zu werden: ich sehe sehr wohl die Problematiken, die hinter all diesen Widrigkeiten stehen – Merkel brachte das gerne sehr abstrakt zum Ausdruck, indem sie vom „System kommunizierender Röhren“ sprach, dem man sich nun mal nicht entziehen könne. Wogegen die SPD sich gar kein Narrativ zu ihrer Mitwirkung bei vielerlei Verschlechterungen hat einfallen lassen, deshalb kommt sie jetzt gar nicht mehr aus dem Keller.

    Dass sich insgesamt ein gewaltiges Protestpotenzial angesammelt hat, wundert jedenfalls nicht. Nur ein kleiner Teil davon ist mit Recht „Nazi“ zu nennen – diese hängen sich ja traditionell gerne jeglichem Protest an und versuchen, daran zu wachsen. (Im Osten haben die allerdings mehr Erfolg, weil dort nie eine vergleichbare Vergangenheitsaufarbeitung betrieben wurde wie im Westen).

  35. Man kann sich m.E. nicht völlig der Wahrheit verschließen, dass wir nicht „alle“ aufnehmen können, die kommen wollen.

    Oh, Wahrheit, nein der kann sich natürlich niemand verschließen, gut dass die mal aufgekreuzt ist, dann ist ja alles klar ;-)

    Ehrlich gesagt bezweifle ich ja, dass das die einzig mögliche Wahrheit ist. Aber wir können uns mit der Diskussion ja etwas Zeit lassen, sagen wir, bis Deutschland im Verhältnis zur Bevölkerung so viele Flüchtlinge aufgenommen hat wie z.B. der Libanon. Das wären auf 80 Mio. Deutsche umgerechnet rund 20 Mio. Flüchtlinge.

    Sorry, ich kann einfach nicht an mich halten, ich muss mal an die „Wahrheit“ ran. Ich finde das – „Wahrheit“ oder nicht vor allem irrelevant. Wenn ich Dein Haus niederbrenne, habe ich die moralische Pflicht, Deine Familie aufzunehmen, egal ob ich finde, ich kann die alle „integrieren“. Und wenn mit einem Deutschen Kronzeugen und mit Militärbasen auf Deutschem Boden den mittleren Osten anzünde, wenn wir kontinuierlich den Klimawandel anheizen und die Hauptgeschädigten bei den Verhandlungen von vorne bis hinten verarschen, wenn wir eben diesen Ländern unser Wirtschafts-System aufzwingen und es dann benutzen um ihre Wirtschaft klein zu halten, selbst ordentlich zu verdienen, Menschen-Leben zu Millionen zerstören und ihnen ihr Land rauben … und das geht immer so weiter … dann spielt es für mein Urteil keine Rolle, was wir finden, wie viele Flüchtlinge uns genehm sind.

    Dass mein persönliches Urteil völlig irrelevant ist und dass internationale Politik nun mal ein völlig Regel- und Moral-freies Hauen und Stechen ist, ist auch klar. Aber eine Nation, die Menschenrechte vor sich herträgt, wenn es gerade gute Presse gibt und sonst nichts anliegt, aber hintenrum kräftig mit-haut und -sticht und sich in Erdogans Enddarm häuslich einrichtet, wenn die Flüchtlinge dann außerhalb der Reichweite Deutscher Tagespresse verrecken, kann mir mit ihren bequemen Wahrheiten gestohlen bleiben. Versuch das mal auf nationale Gerichtsbarkeit zu übertragen und komm dann mit Deiner Wahrheitsverteidigung.

  36. @Thorsten: danke für die promte, engagierte Brandrede! Die hätte ich auch halten können und habe es (vermutlich nicht ganz so schmissig) an den verschiedensten Stellen auch immer wieder getan. Aber dabei kann man eben nicht stehen bleiben, beim moralisch berechtigten Fordern und Anklagen. Und: sag doch selbst: warst DU persönlich verantwortlich mit dabei, bei den aufgzählten Schandtaten „des Westens“?

    Dieses „wir“ in deiner Rede ist doch nicht das, was die Menschen tatsächlich empfinden. Ich kann den Vorwurf aber sogar so umformulieren, dass es für mich halbwegs stimmt: nämlich die Ignoranz und Passivität der großen Mehrheit anklagen, mit der man halt „die Eliten hat machen lassen“, solange es wirtschaftlich stimmt und die Warenströme nicht gestört werden! Das Privileg, sich „unpolitisch“ durchs Leben zu hangeln und sich nur fürs persönliche „weiter kommen“ oder „selbst verwirklichen“ zu interessieren – was schert uns, was im Rest der Welt los ist.-… DAS ist zumindest einem jeden vorzuwerfen, der sich heute vergrätzt gibt, weil „man uns ja gar nicht gefragt hat“, ob wir Flüchtlinge überhaupt wollen“… (das GG-Argument hilft da auch nicht weiter, denn auch da wäre die Antwort: hat mich ja keiner gefragt, ob ich das so reinschreiben will mit dem Asylrecht…)

    Sodann ist die Frage nach den Ressourcen zur Aufnahme und Integration berechtigt. Ich kenne ja deinen Hintergrund nicht, aber durch mein mehrjähriges Engagement im „Formularprojekt“, das ja an die KuB angedockt ist, habe ich einigermaßen Einblick in die Refugee-Welcome-Szene (quasi „teilnehmende Beobachtung“) und bekomme die Niederungen der Problematik in Berlin durchaus im Detail mit. Es ist immer von allem zu wenig, alles dauert zu lange, zig Turnhallen sind belegt, Mega-Flugplatz-Hangar und überall entstehen Container-Dörfer, bzw. sind geplant. Es wurde und wird viel gemacht und geholfen (selbst schnelle Expansion von Behörden hilft zu wenig), aber viele gehen auf dem Zahnfleisch und es gibt viele Geflüchtete, denen nicht genug geholfen wird, von genug Sprachkursen oder sowas wie Kultur-Vermittlung noch gar nicht gesprochen. Und natürlich gibt es auch all die Probleme, die sie mitbringen, Zoff in den Einrichtungen… etc. usw.

    Ich schrieb ja: Linke/Grüne sehen (zu Recht, da verorte ich mich im übrigen selbst, falls das nicht klar ist) mehr Aufnahmekapazität als Konservative und Rechte, aber DASS es diese Probleme gibt, kann man nicht leugnen. Und den Leuten, die sich Sorgen machen (auch unter den Helfenden übrigens), wie das denn weiter gehen sollte, wenn der Zustrom in gleicher Intensität anhielte, zu sagen, sie seien alles Nazis oder Weltgeschichtsignoranten – hey, das reicht einfach nicht!

  37. @Claudia: Ja, ich war und bin persönlich verantwortlich bei den Schandtaten des Westens dabei. Jedes mal, wenn ich
    * an der Tanke 5% Lebensmittel zur Verbrennung in meinen Tank fülle (bei Standard-Sprit, E10 hat 10%),
    * eins meiner 20 überaus günstigen T-Shirts anziehe
    * wenn ich mehr Energie verbrauche als der globale Durchschnitt
    * …
    übernehme ich direkt Verantwortung. All diese Dinge tue ich dauernd, ich trage also eine ständig erneuerte Verantwortung. Jean Ziegler bezeichnet es als Mord, wenn wir ohne irgendeine Not Kinder verhungern lassen. Umgerechnet auf mein Alter und meinen Lebensstil (insbesondere Energie- und Fleisch-Verbrauch) sind für mich persönlich bisher rund zwei Kinder verhungert.
    Natürlich gibt es da keine direkte Kausalität und es ist gut möglich, dass die genauso verhungert wären, wenn die Soja-Felder, neben denen sie verhungert sind, statt zur Mast meiner Schweine einfach gar nicht angelegt worden wären. So war es aber nun mal nicht. Es gibt diese Soja-Felder und ich habe mein Geld dem Schlachter gegeben, der es dem Mäster gegeben hat, damit Schweine statt Neger-Babies das Soja kriegen.
    Ich trage damit präzise die gleiche Schuld wie jeder unauffällige Bürger des Dritten Reichs, der kein Partei-Buch hatte und Achsel-zuckend zur Kenntnis nahm, wenn seine Nachbarn abgeführt wurden. Das ist so wenig Schuld, dass ich mein Gewissen locker weg-rationalisiert kriege und jenseits solcher Ergüsse hier prächtig lebe. Und so viel Schuld, dass die nachfolgende Generation sich nur kopfschüttelnd fragen kann, wie das alles geschehen konnte.
    Ich habe lange gerätselt, wie das alles geschehen konnte vor 75 Jahren. Mittlerweile ist es mir völlig klar. Und damit das hier nicht falsch rüber kommt: es ist mir gerade deshalb klar, weil es mir dabei ziemlich gut geht. Ich mache mir selbst keine Vorwürfe und meinen Mitbürgern auch nicht. Es ist lediglich eine sachliche Analyse.

    Dieses „wir“ in deiner Rede ist doch nicht das, was die Menschen tatsächlich empfinden.

    Stimmt, na und? „Euer Ehren, ich habe mich gar nicht schuldig gefühlt, als ich die Hilfeleistung unterließ“. Bedauerlich wie irrelevant.
    So genug von diesem jämmerlichen Gejammere. Du hast natürlich Recht mit allem was Du schreibst. Wenn man nicht wie ich bloß rumschwadronieren sondern wirklich helfen will, geht das nicht gegen unsere Gesellschaft sondern nur mit ihr. Und da sind Schuldfragen das Gegenteil von hilfreich, da sind Kompromisse, gegenseitiges Verständnis und Anerkennung unerlässlich. Und dann sind Kontingente zwar immer noch falsch aber auch immer noch besser als das letzte Wohlwollen unserer Mitbürger zu verspielen und niemandem mehr helfen zu können.

  38. Lieber Thorsten,

    direkt schade, dass wir hier (im 37. Kommentar unter einem Artikel, der nicht mal passt in einem wenig bekannten Mischblog mit geringer „Reichweite“) so quasi „unter uns“ diskutieren! Denn was mich angeht, kann ich das alles so unterschreiben, ich sehe es genauso: egal wie wenig beteiligt wir persönlich am Übel „da draußen“ waren, so sind wir doch NUTZNIESSER gewesen und sind es immer noch. Insofern Teil der Ursachen-Wirkungskette, also doch verantwortlich. Spätestens dann, wenn uns die Folgen in Form von Flüchtlingen erreichen…

    „Ich mache mir selbst keine Vorwürfe und meinen Mitbürgern auch nicht. Es ist lediglich eine sachliche Analyse“.

    So kommt das aber in der Regel nicht rüber, sondern als selbstgefälliges Moralisieren, sich höher stellen, „den Gutmenschen geben“ aus einer privilegierten Stellung heraus – und ich kann sogar verstehen, warum viele das so empfinden. (Auch der häufige Anwurf: „Wie viele Flüchtlingen hast du denn bei dir zuhause aufgenommen?“ ist m.E. nicht einfach mit „wir meinen, das soll der Staat organisieren“ abzutun).

    Wie du selbst schreibst:

    „Wenn man nicht wie ich bloß rumschwadronieren sondern wirklich helfen will, geht das nicht gegen unsere Gesellschaft sondern nur mit ihr. Und da sind Schuldfragen das Gegenteil von hilfreich, da sind Kompromisse, gegenseitiges Verständnis und Anerkennung unerlässlich. „

    Angesichts der (erwarteten) Ergebnisse der Wahlen und der damit einher gehenden Analysen der Wähler und Wahlmotive halte ich es für dringlich, zunehmender Polarisierung und Extremisierung entgegen zu wirken. Diese mehrheitlichen Protestwähler sollte man nicht „verloren geben“ und nurmehr beschimpfen und ausgrenzen, als Nazi brandmarken o.ä. (In BaWü haben ca. 70.000 frühere GRÜNEN-Wähler AFD gewählt) Auch in der AFD selbst gibt es noch immer den Streit um die Richtung: mehr bürgerlich rechtskonservativ – oder doch auf völkisch-rechtsaussen-Kurs? (=Auffangorganisation für die NPD, die ja vielleicht verboten wird – passt!). In den Parlamenten hat man nun Hebel, diese Klärung zu beeinflussen – ich hoffe, sie machen das gut!

    Oben hab ich aufgezählt, was hierzulande über die Menschen seit den 80gern herein gebrochen ist. Es ist deutlich ungemütlicher geworden seit der „Bonner Republik/Deutschland AG“, die soviel Geld verdiente, dass es auch locker breit verteilt werden konnte – es gab ja noch kaum Konkurrenz in der Welt da draußen!

    Viele wurden zu Verlierern in den letzten Jahrzehnten. Die reagieren nur sauer, wenn man ihnen noch das Elend der Welt ans Bein binden will…

  39. Jedenfalls, ich lese noch mit. Kann aber zu den letzten Themen nichts mehr schreiben. Das wühlt mich auch alles viel zu sehr auf und ich erkenne, dass es meine Fähigkeiten bei weitem übersteigt, noch zu einem konstruktiven Austausch schriftlich beitragen zu können. Für diese letzte Themenvielfalt hier ist ein blog m.E. nach, vielleicht auch nur für mich, ein doch deutlich zu sehr beschränktes Medium.

    Doch noch eins, allgemein, was mich verstört.
    Es ist die Verrohung der Sprache, in welchem gegenteilige Positionen mittlerweile artikuliert werden. Kommen Bilder noch dazu, wird mir irgendwie ganz anders. Und seh`ich dann noch in die Gesichter, mit welcher Abscheu und Aggressivität dem Andersdenken der Hass vernichtend entgegengeschleudert wird, dann denk ich:

    Mein Gott. Mit dieser Streitkultur, wird das nichts. Gutes!

    Auch wenn es noch nicht immer übergreifend ganz so schlimm ist, stell ich mir die Frage:
    Wie weit ist es vom Hirn, dass diese Gedanken erzeugt, zum Bizep, der diese Gedanken am Ende umsetzt? Und ich komme annähernd immer auf das gleiche Ergebnis: 30 cm

    Und auf dieses Ergebnis komme ich auch, um doch noch eine kleine Antwort auf Thorsten zu schreiben, nicht, weil ich nach der Schuld der Verbrechen vor 75 Jahren frage, sondern nach dem: Wieso und warum konnte das geschehen?

    Und bis heute habe ich keine Antwort von irgendjemanden gefunden, sorry Thorsten, auch deine nicht, die in meinen Kopf hineingehen will. Und so bleibe ich, bis mir etwas schlüssiges begegnet, bei meinen: 30 cm.

    Und. Das ist verdammt wenig.

  40. @Menachem:
    danke für deine Meldung, dass du noch mitliest! Inwiefern findest du diese „fast private“ Ecke für diese Themen zu „beschränkt“? Eine Zeichenbegrenzung gibts ja nicht und es strömen auch keine feindseligen Massen, die zu differenzierenden Gedanken nicht willig sind. Aber hey, wir können gerne mal telefonieren – mail mich an. dann machen wir eine Zeit aus!

    Deine 30cm-Metapher versteh ich nicht wirklich. Vielleicht auch, weil mir der Gedanke fremd ist, dass in dieser heutigen Welt „mit dem Bizeps“ noch groß was umgesetzt wird…
    Wie die Verbrechen der Nazigesellschaft zustande kamen, darauf gibt es doch viele Antworten. Wir waren doch nicht schlecht in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung – das ist z.B. mal ein Grund, warum ich ein bisschen stolz auf DE bin. So ehrlich hat das kein Land hinbekommen, soviel ich weiß. Manche verdrängen noch heute.

  41. @Menachem Es gibt die Verrohung der Sprache sicherlich, doch hier finde ich sie zumindest nicht sonderlich ausgeprägt. Du meintest damit vermutlich mich. Also was habe ich denn verrohtes geschrieben?

    Sechs Millionen. Kommt wem die Zahl bekannt vor? So viele Kinder verhungern. Jedes Jahr. Wenn die nur die Lebensmittel hätten, die für die Hamburger und Berliner entlang der Wertschöpfungskette und beim Endverbraucher im Müll landen, müssten sie nicht (ver)hungern. Aber ob die leben oder sterben ist mir und der demokratischen Mehrheit meiner Mitbürger nun mal dermaßen schnurzpiepegal, dass wir effektiv so ziemlich gar nichts unternehmen um ihr Sterben zu beenden.

    Wo ist der Unterschied ob mir der Tod von sechs Millionen Juden oder der von sechs Millionen Kindern egal ist? Ich bin der gleiche Typ Steinzeit-Mensch wie meine Großeltern im Dritten Reich. Ich bin nicht besser. Und ich begehe meiner Ansicht nach ein nicht unähnliches Verbrechen. Gibt es einen grundsätzlichen Unterschied?

  42. @Thorsten: ich sehe schon einen großen Unterschied darin, dass meine Großeltern- und Elterngeneration an der Vernichtung von 6 Millionen Juden (und Sinti, Roma, Schwulen, Renitenten aller Art…) HIERZULANDE beteiligt waren – auf irgend eine direkte oder mittelbare Weise. Durch Tun oder Unterlassen.
    DAS ist nämlich unsere EIGENE Geschichte – wogegen mich die Kollateralschäden des internationalen Kapitalismus der Großkonzerne in Drittweltländern nicht vergleichbar angehen. Die ja immer auch im Schulterschluss mit den jeweiligen „Eliten“ der jeweiligen Machthaber-Cliquen der Fremdkulturen stattfinden.

    Das nur mal so kurz bemerkt, das Thema ist natürlich riesig…

  43. Nein, Thorsten, ich meinte dich nicht.

    Wir basteln uns alle unsere Welt zu Recht, natürlich, auch ich, und zwar so, dass ich mich immer noch (gerade) getraue, in den Spiegel zu sehen.

    Ich empfinde dich als sympathischen und höflichen Kommentator. Und ich meine in den letzten Jahren ein Gespür dafür entwickelt zu haben, wenn Menschen das gleiche Ziel anstreben. Auch wenn ich es, das Ziel, nicht in Worten benennen könnte. Dennoch empfinde ich, sind wir ganz nah beieinander.

    Das zählt für mich.

    Das wir und viele, viele Menschen dabei unterschiedliche Wege zu diesem Ziel einschlagen, dass ist in der Komplexität der Dinge kein Wunder mehr für mich und auch nicht mehr so wirklich wichtig.

    Wichtig für mich ist, dass ich weiterhin daran glaube, dass wir uns eines Tages am dem gleichen Punkt treffen werden.

    Und bis dahin: diskutieren wir die Dinge ganz einfach weiter aus :)

  44. @Claudia Natürlich wurden hierzulande zahllose Juden ermordet. Ich rede das ganz sicher nicht klein, ich schreibe dies vielmehr um zu verdeutlichen, wieso ich das anders beurteile: Die „eigentlichen“ Vernichtungslager standen nicht „HIERZULANDE“ sondern in Polen. Auch hierzulande gab es zahllose KZs. Hier wurde überwiegend durch Arbeit, Hunger und allgemein schlechte Versorgung gemordet. Der Inbegriff des Holocaust, die industrielle Vergasung von Menschen, geschah nicht hierzulande sondern (durch Deutsche!) in Polen. Ich finde es spielt absolut keine Rolle, wo das statt fand.

    Ein Unterschied in der Beurteilung drängt sich auf: Das (historisch einzigartige) Verbrechen der Nazis besteht im geplanten, industrialisierten Völkermord. Es ist in der moralischen Beurteilung etwas völlig anderes, ob ein Mord durchgeführt wurde, oder ob ein Hilfeleistung unterlassen, bzw. schlimmsten Falls Sterben billigend in Kauf genommen wird. Aber meine Großmütter – beide mindestens Rassistinnen – waren vermutlich weder an der Planung noch an der Umsetzung direkter beteiligt als ich am gegenwärtigen Pauperozid. Im Gegenteil, ich bin als Endglied der Wertschöpfungskette tatsächlich kausaler Teil des Geschehens, wohingegen die Beteiligung meiner Vorfahren an den Nazi-Verbrechen eher indirekter waren.

    Darum finde ich die Frage nach dem Unterschied sehr berechtigt – ich schreibe hier ja nicht über den Unterschied zwischen beispielsweise Nazis und Bankern. Das wäre grotesk! Sondern ich schreibe vom Unterschied zwischen der Bevölkerung damals und heute. Meine Großmütter profitierten vermutlich persönlich weniger vom Holocaust als ich von der globalen Ressourcen-Lenkung. Sie wussten sehr viel weniger vom Verbrechen ihrer Generation als ich von dem der meinen – letzteres findet praktisch in meinem Wohnzimmer statt, wenn ich in der Glotze das entsprechende Programm einschalte. Und Widerstand hätte sie wahrscheinlich das Leben gekostet, mich nur Bequemlichkeit.

    Ich finde, die „Kollateralschäden des internationalen Kapitalismus der Großkonzerne in Drittweltländern“ gehören sehr wohl zu meiner Geschichte. Kapitalismus ist eine Ideologie, die ihre Wurzeln im Protestantismus hat. Also überspitzt: in Wittenberg und der Schweiz. Diese Ideologie wurde hierzulande wesentlich entwickelt und exportiert. Kapitalismus ist ein älterer und integralerer Bestandteil meiner Geschichte als Nationalsozialismus, er ist es nicht weniger.

    Die korrupten Eliten der betroffenen Länder stehen mehrheitlich künstlichen „Nationen“ vor, die europäische Federn auf irgendwelche Landkarten gepinselt haben, sie agieren in Organisations-Strukturen, die historisch noch auf die von Europäern installierten Apparate zur Verwaltung der Kolonien zurück gehen und als Zahler von Korruptions-Geldern stehen Deutsche Unternehmen ziemlich weit vorn in den entsprechenden Statistiken. All dies entbindet weder die besagten Eliten noch die Bevölkerung der betroffenen Länder davon, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Doch es zeigt meiner Ansicht nach sehr deutlich, dass wir – historisch wie gegenwärtig – sehr wohl eine erhebliche Verantwortung für dieses Geschehen tragen.

    Und oft ist das alles noch viel kranker und direkter: Europäische Fangflotten haben mit 50% (!) Subventionen der EU die somalischen Gewässer leer-gefischt. Aus Fischern wurden Piraten, die dann von europäischen Streitkräften bekämpft werden. Da ist die Beteiligung von mir gewählter Repräsentanten schon recht direkt.

    Die demokratische Mehrheit meiner Mitbürger bestätigt – wie ich als selten-Links-Wähler – regelmäßig mit überwältigender Mehrheit, dass die wirtschaftliche Organisation unserer Gesellschaft so grundsätzlich in Ordnung geht, dass unsere Außen-Politik in ihren Grundzügen so und nicht anders sein soll und dass die 6 Mio. Kinder irrelevant sind. Die Schuld der Verantwortlichen heute ist sicher eine ganz andere als die der Nazis. Die der Bevölkerung ist es meiner Ansicht nach nicht.

  45. Ok, das ist ein beeindruckener Beitrag, dem ich im Wesentlichen zustimmen kann, zustimmen muss. (Insbesondere das Somalia-Beispiel bringe ich selbst immer gerne!)
    Aber er wirft die Frage auf: Was verstehen wir hier unter „Kapitalismus“? Im Unterschied zum abgedankten „real existierenden Sozialismus“ ist Kapitalismus für mich erstmal kein „aufgesetztes System“, das sich Ideologen erst ausgedacht und dann der Welt übergestülpt haben. Sondern zu großen Teilen etwas Naturwüchsiges, das sich aus Marktwirtschaft und der Ungleichheit der Menschen ergibt: Kapital wird akkumuliert und dadurch Macht gewonnen, die sich in größerer Marktmacht aber auch politischer Macht ausdrückt. Klar hatten Ideologen daran Anteil, indem sie z.B. das „Hard Working“ zur eigentlichen Bestimmung/Aufgabe des Menschen erklärten (Werkgerechtigkeit) – oder seit den 80gern Neoliberale, die alles Soziale zurück drängen wollen und nurmehr den Shareholder Value sehen. Dennoch ist der naturwüchsige Anteil hoch, das sieht man z.B. an der schnellen Integration jeglicher Kritik ins Marktgeschehen in Form von zielgruppengerechter Produkte und Dienstleistungen. Auch der viel beklagte Wachstumszwang umfasst als „positive Seite“ das Versprechen, dass jeder mit neuen Produkten und Diensten in den Markt eintreten kann – eine Freiheit, auf die kaum jemand zu Gunsten einer Planwirtschaft verzichten wollen würde. Die DDR-Mangel-Wirtschaft ist ja noch in guter Erinnerung.

    Ich zähl das alles mal so auf, weil ich mich tatsächlich für etwas, das systemisch „wie von selbst entsteht“ nicht so verantwortlich fühle wie wenn ich ein Nazi-Regime an die Macht kommen lassen, gar noch davon nutznießen würde.

    Mir gehts im Grunde nicht darum, die Altvorderen erneut zu verurteilen und mich selbst von Verantwortung frei zu sprechen (obwohl das jetzt der Aufhänger unseres Dialogs war) Mir ist schon klar, dass meine Bequemlichkeit und Wohlversorgtheit zu großen Teilen von Ausbeutungsvorgängen anderswo herzuleiten ist. Aber was können / sollen wir denn tun? In Sack und Asche gehen? Die LINKE wählen, die ja – wenn sie denn dran wäre – auch nicht viel anders könnte?
    Ich weiß es wirklich nicht.

  46. Tja, „wissen“ tu ich auch nix. Naja, schon ein bisschen. Ich weiß, dass Du Dich für Flüchtlinge einsetzt und damit zumindest bei mir schon mal mehr Respekt genießt, als ich. Du tust etwas. Danke!

    So, bisher habe ich über Dinge geschrieben, die einigermaßen auf meinem erworbenen Wissen basieren. Jetzt kommt eigentlich nur noch Glaube und Meinung.

    „Kapitalismus“ ist ein blödes, verbrauchtes Wort. Es gab Zeiten, da habe ich es um jeden Preis gemieden. „Neoliberalismus“? Furchtbar alles, das ganze Feld ist von den ideologischen Kriegen der letzten eineinhalb Jahrhunderte vermient. Ich fürchte (weiß aber nicht), dass die Herleitung mit der ich uns mit der Bevölkerung des Dritten Reichs vergleiche Ähnlichkeit mit dem hat, was die RAF antrieb. Das wird jetzt kein runder Text, aber ich muss meinem Zweifel und meiner Unsicherheit jetzt mal Ausdruck verleihen.

    Ich bin seit langem der Überzeugung, dass genau diese Ratlosigkeit der Kern des Problems ist:

    was können / sollen wir denn tun? […] Ich weiß es wirklich nicht.

    Viele wissen, dass nicht alles ideal läuft und es werden immer mehr. Es wird langsam möglich, manche Normalos zu überzeugen, dass „Weiter so!“ ein Verbrechen historischen Ausmaßes ist. Bleibt noch, aktiv und mit Nachdruck neue Antworten auf die Fragen zu suchen, was wir tun können und sollen, Utopien zu entwerfen und zu testen.

Was sagst Du dazu?

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