Claudia am 16. Mai 2009 — 4 Kommentare

Vom Sterben in den Zeiten des Internets

Gestern bin ich auf das Tagebuch „French Connection“ gestoßen: Eigentlich ein „ganz normales Brigitte-Blog“, geschrieben von Christiane Dreher, die von ihrem Leben in Südfrankreich berichtet:

„Sie hatte ihren Job als Herstellerin in einem Kölner Verlag Knall auf Fall gekündigt, weil sie den Stress nicht mehr aushalten mochte. Und sie wollte auch ein bisschen Abstand zwischen sich und eine gescheiterte Beziehung bringen. Sie wollte ihren „Kopf lüften“, etwas ganz anderes machen“

heißt es im Vorspann zum Blog.
In ihrem neuen Leben verliebte sich Christiane in den charmanten Franzosen Patrick, heiratete und führte gemeinsam mit ihm eine kleine Auberge. Das Glück schien vollkommen, die Blogbeiträge waren fröhlich und unterhaltsam – bis sich anlässlich eines Besuchs beim Hautarzt heraus stellte: Ihr Mann hat Krebs, und zwar schon im fortgeschrittenen, nicht mehr operablen Stadium.

Christiane wird von allem, was jetzt folgt, quasi überrollt – und neben aller Trauer, neben den Schwierigkeiten mit einem Partner, der „nicht wissen will“, neben den zunehmenden Anforderungen, nun alleine alles zu managen, ist da ja noch ihr Blog! Am 19.Februar schrieb sie in einem Posting mit dem Titel „Als wenn das Leben den Atem anhält“:

„Es gibt auch meinen Blog, den ich nun mit weniger heiteren Texten füllen werde, oder ich höre auf. Wollt ihr ein trauriges Krebstagebuch lesen? Das ist vielleicht eher etwas für Internetseiten, die sich mit Krebs beschäftigen und passt nicht richtig zwischen Mode, Diäten, Psychotests und Kinotipps. Ich weiß es nicht. Sagt ihr es mir.

Die Anteilnahme der Leserinnen per Kommentar blieb nicht aus, Christiane erfuhr viel Mitgefühl, Ermunterungen – und natürlich wollte niemand, dass sie aufhört, zu berichten! Mit so massiven Reaktionen hatte sie nicht gerechnet und schrieb in die Kommentare:

Ich bin ueberwaeltigt von so viel Anteilnahme, von so viel lieben und persoenlichen Worten und von so vielen e-mails, die mich auch privat erreichen. Niemals haette ich gedacht, dass unser persoenliches Leid so viele von Euch beruehrt. Ich bin manchmal ganz verwirrt, weil ihr mir so persoenlich schreibt, dass ich denke, wir kennen uns aus dem wirklichen Leben.
Ich wiederhole mich vermutlich, aber es tut mir so gut, jeder einzelne Kommentar, und ehrlich, Kraft kann ich gar nicht genug gewuenscht bekommen. Danke dafuer!

Seitdem kann man nun lesend mitverfolgen, wie sich Patricks Zustand verschlechtert, welche Probleme das aufwirft und wie Christiane mit ihnen zurecht kommt. Zu allem Unglück gesellen sich auch finanzielle Schwierigkeiten, was sie erst so richtig bemerkte, als „der Papierkram“ nun an ihr hängen blieb. Was wiederum Leserinnen dazu motivierte, konkrete Hilfsaktionen zu starten: Auf dem Blog „Hilfe für Christiane – das Schicksal kennt kein Erbarmen“ werden Spenden gesammelt. Eine Liste zeigt, was für Beiträge bereits gekommen sind (ich werde mich auch noch beteiligen).

Wie Christiane über ihre Situation berichtet, beeindruckt mich zutiefst. Auch deshalb, weil sie Gedanken und Gefühle mit einer Internet-Gemeinde teilt, die sie mit ihrem Mann NICHT teilen kann – denn der hält noch immer am völlig unwahrscheinlichen Ziel des „gesund werdens“ fest. Er will sogar Projekte besprechen, die weit über seine kurze Lebenserwartung von wenigen Monaten hinaus reichen, und entfernt sich damit innerlich immer weiter von Christiane, die mit ihrem Blick auf die Realität alleine bleibt. Bzw. eben NICHT alleine, insofern sie sich mit ihren Leserinnen austauschen kann. In „Jeder Tag ein Jahr“ schreibt sie:

„Es gibt nur noch zwei Zustände bei Patrick, schreckliche Tage und vor allem Nächte mit unendlichen Schmerzen, hohem Fieber und einer ansteigenden Morphiumdosis, um es überhaupt auszuhalten. Zustände, wo er sich keinen Millimeter mehr bewegen kann vor lauter Schmerz und auch gar nichts mehr will, nur wimmert und stöhnt und hofft, dass die Medikamente bald bittebitte bald die Schmerzen nehmen. Danach Schlaf, Halluzinationen, Verwirrung. …..
Oder, wenn die Dosis Morphium wirkt, die wir innerhalb kürzester Zeit (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) erhöht haben, und Patrick eine halbwegs normale Mobilität hat und sein Geist vage den Morphiumnebel durchdringt, dann habe ich einen Mann, der seine Hilflosigkeit spürt und der sein Unvermögen, Dinge nicht mehr tun zu können, nicht aushalten kann und rasend wütend und aggressiv wird.
Beide Zustände sind schlecht auszuhalten. „

Wie Christiane all das überhaupt aushält, ist bewundernswert! Wie sie schreibt, hilft ihr der Zuspruch und die Unterstützung ihrer Leserinnen – alles Menschen, die sie ja noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.

Erleben wir hier die Geburt einer neuen „Kultur des Sterbens“, frage ich mich? Die Berichte werfen viele Fragen auf, die ich – bezogen auf das eigene Leben und Sterben – noch nicht ansatzweise beantworten kann. Ich fühle mich fast sprachlos. Ein seltenes Empfinden!

Diskussion

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4 Kommentare zu „Vom Sterben in den Zeiten des Internets“.

  1. Hallo Claudia,
    es gibt das Blog von Andrea, das sie seit ungefähr einem Jahr führt. Sie hat es eröffnet um Spenden zu sammeln für ihren an Krebs erkrankten Mann Michael. Es kamen innerhalb weniger Wochen 22.000 (!) Euro zusammen. Leider ist Michael trotz Behandlung gestorben.
    Andrea beschreibt mit erstaunlicher Offenheit und viel Feingefühl das Fortschreiten der Krankheit, die Sterbephase und jetzt die Zeit danach.
    http://18000malhoffnung.wordpress.com/
    Lieber Gruß von Renate
    P. S.: Danke fürs Verlinken zum Hilfe-Blog!

  2. und jetzt ist er gestorben, wie ich eben las.
     

  3. Schon bemerkenswert welche Nähe das Internet herzustellen vermag. Dies eröffnet allerdings auch Mißbrauchsmögichkeiten, was ich natürlich niemanden unterstellen möchte.

  4. […] und das Sterben meines Mannes Patrick zu schreiben ging und hat mir immerhin einen Artikel „Sterben in Zeiten des Internets“ eingebracht. Die Menopause, die ich, Südfrankreich hin oder her, ja auch erlebe, ging nicht. Heute […]

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