Claudia am 04. März 2009 — 19 Kommentare

Welt erkennen – ja wie denn?

Noch nie gab‘ es so viele Möglichkeiten sich zu informieren wie heute. Wenn ich morgens den PC einschalte, schaue ich kurz auf die Themen der klassischen Medien SPON, FAZ, ZEIT, SZ, TAZ, dann auf den „Memetracker“ Rivva mit den aktuellen Beiträgen aus der Blogger-Szene. Und zuletzt sind die ellenlangen News auf Net News Global dran, die ich auch noch kurz überfliege: Hier geben sich sämtliche Apokalyptiker, Verschwörungstheoretiker und Weltuntergangs-Propheten ein Stelldichein – vermischt mit durchaus seriösen Nachrichten vertrauenswürdiger Quellen aus den Weiten des Webs.

Wenn’s mir dann noch nicht reicht, gibt’s ja noch Yigg und Wikio, die Nachrichten und Beiträge einerseits von Menschen, andrerseits von Programmen zusammen stellen lassen. Und auf Twitter lese ich zwischendurch Meldungen wie „So auf zur #Cebit“ und „Vergessen Frühstück vorzubereiten. mist.“

Natürlich überfliege ich das alles nur, ganz wenige Beiträge lese ich tatsächlich durch. Alles in allem ergibt der Info-Flash gerade wegen der Vielfalt der Nachrichten und Einschätzungen alles andere als eine verlässliche Vorstellung, was gerade in der Welt so los ist, geschweige denn eine Orientierung, ob denn persönliches Handeln außerhalb der Routinen erforderlich ist. Denn während die einen den Untergang an die Wand malen und das Anlegen von Vorräten propagieren, diskutieren die anderen in aller Ruhe den neuen E-Book-Reader mit Touchpad-Steuerung und WLAN.

Spürst du die Krise?

Ich frage zur Zeit jeden Menschen, dem ich „real“ begegne, ob er oder sie die Finanzkrise im persönlichen Leben spürt. Bisher verneinten das alle, mit Ausnahme eines einzigen Taxi-Fahrers, der im Dezember das schlechte Weihnachtsgeschäft beklagte. Selber hab‘ ich bisher nur einen Mini-Auftrag (Honorartext) verloren, weil der Auftraggeber aufgrund persönlicher Vermögensverluste ein wenig spart – ein Minus, das jedoch durch andere Zuwächse wett gemacht wird.

Was ich mir wünsche, aber leider von den Talk-Show-Veranstaltern der Republik nicht geboten bekomme, ist eine Konfrontation der Apokalyptiker mit den arrivierten Experten: während die ersteren die Unmöglichkeit beschreiben, die Finanzkrise ohne Hyperinflation und Währungsreform vom Tisch zu bekommen, verbreiten die anderen Optimismus, verweisen auf die konzertierten Rettungspakete und Schirme, sowie auf die unglaubliche finanzielle Speckschicht, die speziell Deutschland bezüglich der Krise als „gut aufgestellt“ ausweist. Leider trifft nirgends Argument auf Argument – es ist, als schauten die jeweiligen Meinungsmacher auf gänzlich unterschiedliche Info-Universen.

Ich darf bzw. muss mir also selber aussuchen, was ich für wahr halte. Und komme oft genug zu gar keinem Ergebnis, sondern wende mich dem Alltag zu, der sich „ganz wie immer“ anfühlt und mich mit vertrauten To-Do-Listen empfängt.

Und Ihr? Wie geht es Euch zur Zeit in Sachen „Weltwahrnehmung“? Wonach richtet sich, ob Ihr Euch besorgt oder gelassen, optimistisch oder deprimiert fühlt?

Diskussion

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19 Kommentare zu „Welt erkennen – ja wie denn?“.

  1. Ich habe einen Schnupfen. Da fallen die Flugzeuge wie von selbst vom Himmel. ;-)
    Der Kapitalismus ist im Blasenstadium. Die nächste Blase, die platzt, ist die Rettungsschirm-Blase. Geld wird irrelevant.

  2. @juh: nun und? Hortest du bereits Sachwerte im Keller?

  3. Durch das Internet Daten, Fakten, Sachlagen eingetrichtert zu bekommen, verunmöglicht zunächst die Analyse. Die Zahlen und Tatsachen bombardieren die Sinne, saugen die Aufmerksamkeit so lange ab, bis man benommen aufspringt, sich schüttelt, ans Fenster tritt, tief durchatmet und einmal mehr ratlos ist. Die Dinge setzen sich nicht. Sie verknüpfen sich nicht mit den Erkenntnissen, die man gewonnen und verinnerlicht hat, zu denen man eine Sicht, eine Meinung entwickelt hat. Des öfteren denke ich an die Voraussage, daß wir in der Wissensgesellschaft nicht mehr das Problem haben, an Informationen zu kommen, sondern uns der Aufgabe stellen müssen, zu selektieren, zu filtern, auszusparen. Wir sind die modernen Goldsucher, die 1 Tonne audiovisuelles Rauschen sieben müssen, ehe wir 1 Gran wirklich bedeutende Information finden, dieses winzige Teil, das uns befähigt, so weise zu werden, daß wir dem geheimen Bild entsprechen, welches wir vom abgeklärten Greis besitzen, der pfeiferauchend mit schlohweißen Haaren im Schaukelstuhl am Kamin sitzt. Leider funktioniert der souveräne Umgang mit all den verfügbaren Kanälen auch bei mir nicht richtig. Jeder muß den Weg finden, der ihm ermöglicht, daß sich die Dinge „setzen“, daß sie reifen, zueinander finden, daß das bloß angehäufte Wissen jene Weisheit und damit die Zufriedenheit erzeugen, die uns vom Informationsjunkie zum „vernünftigen“ Menschem werden lassen. Ich bemerke eben, daß MEIN Weg der des Aufschreibens sein könnte. Indem ich Dinge formuliere, gruppieren sie sich im Hirn an, treten – wie früher beim Fahnenappell – vor, wieder zurück, stellen sich um, gehorchen meinem Verstand und nicht mehr nur den Sinnen. Was ich auch regelmäßig mache: laut sprechen, ausformulieren. Was wäre besser dafür geeignet als ein Spaziergang. Je schneller ich Auto fahren, desto weniger Details aus der Umgebung nehme ich wahr. Auf der Datenautobahn dürfte es nicht anders zu“gehen“. Gehen! Eher schleichen. Entschleunigung auch im Wissenserwerb ist möglicherweise notwendig. Begrenzung der Kanäle. Wie man 100 Leuten auf Twitter folgen will, wie man sich in soundsoviel sozialen Netzwerken tummeln will, wie man nebenbei mehrere Blogs befüllen will, in weiteren 30 lesen und möglichst kommentieren will, wie man in Webforen aktiv sein kann, die gute, alte E-Mail nicht austerben lassen will, wenn man das alles tagtäglich schaffen will, ohne zu verzweifeln, soll mir bittschön jemand erklären. Klar, Mut zur Lücke. Nur sollte man sich klar sein, daß die alte Einsicht, daß man Quantität zuungunsten von Qualität in Kauf nimmt, gültig bleibt.

  4. […] Wie man im Internetzeitalter die Welt erkennen kann, möchte Claudia Klinger klären und wünscht eine rege Diskussion in ihrem Beitrag. […]

  5. Ich schau beim Fenster raus – scheint die Sonne, freue ich mich auf meinen täglichen Weg ins Büro, ist Nebel, denke ich, das ist gut für die Haut, regnet es, dann hänge ich den Schirm vorsorglich an die Klinke der Wohnungstür und wenn es schneit, dann bereite ich mir die Pelzstiefel vor. Dann koche ich mir den Kaffee in der alten Espressomaschine und richte mir eine Schnitte Vollkornbrot mit Butter, hole mir die Zeitung und lese das Horoskop und den Mondkalender, damit ich weiß, wie ich mich zu fühlen habe. Dann geb ich meinem Linz09-Bären (http://literatur.stangl.eu/190/der-pinguin-und-der-linz09-baer) einen Kuss, verlasse die Wohnung und freue mich darauf, was der Tag so alles bringen mag.

  6. Als ein normaler Angestellter bleibt uns ja nichts anderes übrig, als optimistisch in die Zukunft zu schauen. Darauf, wie es weiter geht haben wir ja leider keinen Einfluß. Nur denke ich, daß wir erst am Anfang der Katastrophe stehen. Das einzig positive, daß ich aus der ganze Sache ziehe ist, daß wir dort alle durchmüßen. Vielleicht ist ein Neuanfang gar nicht so verkehrt….

  7. also ich kann nur beobachten und sagen, dass die einschläge immer dichter werden. leider werden immer mehr kollegen arbeitslos, bzw. es wird ihnen in aussicht gestellt, dass sie gegen ende des jahres kein engagement mehr in der firma haben werden. deswegen ist meine stimmung auch etwas getrübt.

  8. In meinem Umfeld ist bisher noch nichts davon zu spüren. Aus all den Verlautbarungen (ob positiv oder negativ gestimmt) die ‚Wahrheit‘ herauszulesen, ist – so glaube ich – fast unmöglich. Selbst die Wirtschaftswissenschaftler zucken mit den Schultern.
    Das Beste ist wohl, sich an den Zahlen zu orientieren. Wenn z.B. das Bruttosozialprodukt um 3 Prozent zurück geht (was ja als Katastrophe hingestellt wird), sind wir auf dem Stand von 2006 und damals ging es uns ja auch nicht schlecht.
    Es wird sicher vielen Menschen wehtun (z.B. den 16.500 Leiharbeitern, die VW jetzt nicht mehr ausleiht), aber man sollte es nüchtern betrachten.
    Den Finanzsektor wird es sicher beuteln, aber da muß auch vieles geändert werden. Das ist jetzt die passende Gelegenheit.

  9. Hallo,
    Prognosen sind deshalb so schwierig, weil sie meist in die Zukunft gerichtet sind. ( Mark Twain )

    Es werden Viele die Fehler Weniger ausbaden müssen – z. B. diejenigen die ihre Arbeit verlieren. Die Welt wird aber sicher nicht untergehen.
    Vergessen wir nicht, die letzte große Krise, die Nachkriegszeit, wurde von den damals Lebenden auch bewältigt und wie ich mich erinnere ( war noch ein Kind ) unter schwierigeren Voraussetzung als mir dies heute der Fall zu sein scheint.
    Es könnte allerdings sein, daß Leute einen Spaten in die Hand nehmen werden müssen, die sich nicht mehr erinnern können, wie einer aussieht.
    Wenn jemand also Aktien kaufen möchte, dann die Aktien eines Spatenherstellers.
    Und nicht zuletzt, was jammern wir alle schon im Voraus? Haben wir ( Reiseweltmeister ) vergessen, wie es in andern Ländern zugeht – mit wie wenig Menschen in anderen Regionen auskommen müssen?
    Ein wenig Zutrauen und Mut sind hilfreicht
    Gruß Hanskarl
    P.S. Immer so schwierige Rechenaufgaben am Schluß!
     

  10. Für das Urteilen, wie gut es ‚den‘ Menschen wirtschaftlich gerade geht, gibt es durchaus ‚objektive‘ Indikatoren. Das wären etwa Veränderungen in der Sparquote, der Zahl der offenen Stellen, der Zahl der Hartz-IV-Empfänger, der Zahl von Insolvenzen (privat und geschäftlich), diverse Inflations- und Arbeitslosigkeitsmaße, die Zahl der Menschen unterhalb von verschiedenen Armutsgrenzen usw., die alle durchaus vernünftige Antworten auf Deine Frage danach geben könnten, ob und wann und wie ‚die Krise‘ bei den Menschen ankommt. Niemand ist da auf rein subjektive und leicht irreführende Daten angewiesen.
     
    Private Erfahrungen sind aber natürlich individuell ebenso prägend wie das Gerede von ‚Experten‘, seien sie Medienwirksam von wem auch immer platziert, seien sie ‚Betroffene‘ oder zumindest sozial engagierte Blogger, seien sie als Wissende selbst- oder insitutionell ernannt oder was auch immer. Aber solchen Erfahrungsberichten würde ich doch stark mißtrauen. Gerade die scheinbare Unmittelbarkeit etwa des Netzes ist eine Illusion. Wer schreibt dort? Mehrheitlich voll Berufstätige aus niedrigeren Einkommenssegmenten und mit geringem Bildungsabschluß oder eher Menschen, die gut verdienen und gut ausgebildet sind, die vielleicht freiberuflich tätig sind oder mit vom Einkommen eines Partners leben?
     
    Daß eine Krise unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich trifft, ist eine soziologische Binsenweisheit. Und daß die Gruppen, die die sozialen und technischen Möglichkeiten einer Gesellschaft zur Kommunikation und zu sinnvoller, selbstbestimter Berufs- und Freizeittätigkeit am vollständigsten nutzen nicht unbedingt die mit den niedrigen Einkommenschancen sind, ebenfalls. Ich lese im Netz wenig von Frauen, die im Supermarkt an der Kasse stehen oder die Böden dort nach 20 Uhr wischen und ihre Probleme, die sie haben, um mit dem Haushaltsgeld auszukommen, und relativ viel von Frauen, die sich Gedanken über ihre kreativen Freizeitaktivitäten und ihre soziale Veranwortung machen. Ich lese viel von Menschen, die zu ihrer Arbeit ins Büro oder in eine Institution fahren oder gehen, aber eher wenig von Menschen, die keine Arbeit mehr haben, zu der sie fahren oder laufen können.  Daher nehme ich eher an, daß die Stimmen, die das Netz zu Gehör bringt, einen deutlichen sozio-ökonomischem Bias zugunsten der ‚Besserverdienenden‘ aufweisen. Wenn ich mich in meinem eigenen Umfeld umschaue, reden am lautesten über ‚Krise‘ Menschen, die eher wenig davon betroffen sind. Diejenigen, die meiner Meinung nach bereits erste Auswirkungen spüren müßten (etwa ihren Wagen abgeschafft haben oder die sonst üblichen Anschaffungen wie neue Kleidung oder Geräte gerade hintan stellen) reden nicht viel und nicht gerne darüber.  Im Arbeitsalltag –  so mein subjektiver Eindruck – gibt es sogar ein sich ausbreitendes Vermeiden solcher Themen. Betätige ich mich selbst als Kassandra (oder als Frohnatur, um einmal zu provozieren), so bekomme ich eher einen auf den Deckel oder werde recht deutlich ignoriert, und zwar von den gleichen Menschen, die mir ein paar Tage vorher noch erzählt haben, daß für sie dieses Jahr der Urlaub wohl flach fallen wird.
     
    Ob diese Menschen das nun bewußt machen, um ihre Angst nicht aufkommen zu lassen, oder ob sie wohlgemut in die Zukunft sehen, wage ich nicht zu entscheiden. Für beides gibt es Anhaltspunkte. Mein Gefühl legt mir das Erstere nahe. Wenn ich z.b. ohnehin nicht ‚gut drauf‘ bin. An anderen Tagen aber kann ich durchaus über das Krisengerede lachen. Weil ich andere Gründe habe, fröhlich zu sein. Was anderes wäre, sich  einmal superklug zu überlegen, wem diese Krise oder das Reden von einer Krise denn nun eigentlich nütze. Aber das wäre wieder ein ganz neues Thema.

  11. Die Krise ist bei mir auch noch nicht angekommen. Ich denke aber, dass es einfach dauert bis die Menschen sie bewusst wahrnehmen. Genauso wird nach der Krise auch der Aufschwung verspätet ins Bewusstsein der Menschen dringen.

  12. Ich danke Euch für die interessanten und engagierten Beiträte!

    Was die allgemeine Lage angeht, so ist die anhand der von Su genannten Zahlen durchaus ersichtlich (immer dann, wenn es dazu neue Zahlen GIBT). Jedoch sagt das ja wenig über die nahe und mittelfristige Zukunft.

    Was mich eben irritiert ist, dass einige mit Verweis auf die ins kaum mehr Fassbare aufgeblähten Schuldenpapiere das Ende des kapitalistischen „Kettenbrief-Systems“ in Gestalt eines Zusammenbruchs erwarten (Hyperinflation, Währungsschnitt), wogegen der Mainstream das Ganze als Vertrauenskrise und Konjunktureinbruch verhandelt, als Rezession, gegen die verschiedene konzertierte oder einzelne Maßnahmen helfen werden (wofür ja grade die Staatsverschuldung hoch getrieben wird).

    Nun, wir werden sehen, was kommt – ich neige im Moment dazu, anstehende Anschaffungen JETZT zu machen, anstatt zu sparen. Denn was da ist und eine Funktion erfüllt, kann nicht mehr entwertet werden…

    LG

    Claudia

  13. Also in meinem täglichen Geschäft (Webdesign) merke ich die (noch?) Krise nicht – ich habe so viel zu tun wie lange nicht. Allerdings habe ich auch erst letzet Woche von einem (ebenfalls selbstständigen) Kunden gehört, dass er derzeit extrem viel freie Zeit hat, da die Aufträge plötzlich ausbleiben (er ist im Qualitätsmanagement etc. tätig), so dass er sich nun (notgedrungen) vermehrt um seine Website kümmert… Ansonsten geht bei allen anderen das Leben seinen gewohnten Gang.
    Dass das System des permanenten Wirtschaftswachstums nicht von Dauer sein kann, sollte aber eigentlich jedem klar sein, der mal einen Moment inne hält und sein Hirn einschaltet (womit die meisten Politiker & Wirtschaftswissenschaftler offenbar schon überfordert sind ;-). Von daher muss früher oder später ein Umdenken kommen, und lieber früher, denn je später, desto größer sind die bis dahin angerichteten Schäden.
    Siehe auch den Artikel von Herman Daly „Eine Steady-State-Ökonomie):
    http://konsumpf.de/?p=1644

  14. Ich halts da mit Karsten und glaube ebenfalls, dass wir erst am Anfang der Katastrophe stehen. Natürlich spüre ich die Krise auch, merkwürdiger Weise auch positiv, wenn ich an Bezin und Heizöl denke oder an Urlaub, da kann man den schwachen Dollar ausnutzen. Andererseits findet mein studierender Sohn keinen Job in den Semesterferien, meine Aktien sind leicht gefallen und ich bin stinksauer auf die Bank- und anderen Manager.
    Ich glaub auch, dass wir als Land kaum noch regierbar sind. Wenn ich mich das politische Chaos und die wirklich unfähigen Politiker ansehe, bekomme ich das Grausen. Sie sind nicht in der Lage mal eines ihrer angekündigen Gesetze konsequent durchzuziehen. Man kann sich auf nichts verlassen, was da so aus Berlin kommt.

  15. Ich hätte mal ne Frage an dich, Claudia. Hört sich vielleicht etwas offtopic an, hängt aber mit der Krise zusammen.

    Hat das eigentlich damals geklappt, mit der Nicorette? Also dem Aufhören mit dem Rauchen?

    Ich spüre die Krise gewaltig. Bin Hartz4ler, und hatte nie im Leben die Möglichkeit mir ein Speckpolster anzufressen. Ein Maschinenbauer hat mir geschrieben, dass in seiner Firma jetzt Kurzarbeit beginnt und das danach Köpfe rollen würden, wie er sich ausdrückte. Zum Glück ist er unkündbar, aber wenn die Firma pleite geht? Auftragslage im Holzmaschinenbau ist 0. Viele Maschinen gingen in die USA, weil dort viele Häuser mit Holz gebaut werden. Er schrieb: „Saegewerke investieren nicht mehr und sie bekommen von den Banken auch kein Geld mehr.“ Er hat seine Bankberaterin bei der Commerzbank zur Rede gestellt und die hat ihm frech erwidert die KM-Unternehmer würden halt ihre Kredite nicht zurückzahlen. Das war eine glatte Lüge. Mir haben kleine Unternehmer schon vor der Krise gesagt, dass es immer schwieriger ist, selbst für florierende Unternehmen, von den Banken Kredite zu bekommen. Die Rendite war halt zu gering. Überhaupt müssen sich viele, wie auch ich von dem verbreiteten Kinderglauben verabschieden, dass Banken Geld verleihen, das andere bei ihnen gespart haben. Die Eigenkapitaldecken sprechen da Bände, sie haben mit viel zu großen Hebeln gearbeitet, Geld verliehen, dass sie nicht besitzen und sie leben von den Menschen wie blutsaugende Parasiten, wobei mit Blut die Kredite mit Zinseszins gemeint sind.
    Bei mir, um zur Eingangsfrage zurückzukommen, sieht es bereits düster aus. Meine WG-Kollegen haben ihre Mietzahlungen eingestellt. Die Miete wird von meinem Konto abgebucht. Selbst mein gesamtes Hartz4 reicht nicht, um sie zu zahlen. Trotzdem lasse ich mich nicht unterkriegen, habe noch ein bisschen was in bar und schiebe es zur Miete dazu. Hat allerdings zur Folge, dass ich kein Geld zum Leben mehr habe, oft tagelang nichts esse, und den Hunger herunterrauche, wie ich das nenne. Das geht jetzt schon so seit Wochen. Nein, ich werde nicht verhungern. Es gibt Suppenküchen und ich weiß wo, und dass ich soviel Suppe oder Eintopf haben kann, wie ich will und auch Brot und ein Joghurt dazu. Das einzige Problem, was mir in meinem Weg zum 0 € Emittenten im Wege steht, ist das Nikotin.
    Ich habe übrigens einen ähnlichen „Frühstücks“-Beginn wie Du. Nur Spon, Zeit, u. ä. lese ich nicht mehr weil zu verlogen, die haben alle mitgedreht an diesem neoliberalen RAd des Untergangs. Die taz allerdings schon, schon wegen des Humors und Tom.
    Auch der Freitag hat eine sehr schwierige Wandlung durchgemacht. Aber einen interessanten letzten Schlusssatz fand ich heut:“Und mit dem Ende der Solidarität brach die Dunkelheit herein.“

  16. @Alfons:  Oh je, das ist ja hammerhart, was du berichtest!  Das erste wäre, deine Mitbewohner zum Amt zu zwingen, das ihnen die Miete übernimmt. Bist du vielleicht so einer, der immer weiter nett sein will, auch wenn es mal anstünde, mehr an die eigenen Interesssen zu denken? Darf doch wohl nicht wahr sein, dass du zur Suppenküche gehst, weil die anderen „das Miete zahlen einstellen“…. Der Finanzkrise würde ich das Elend gar nicht vordringlich anlasten, sondern eher dem destruktiven Beziehungslebens in dieser WG.
    Das mit den Nikotabletten klappt insofern, dass man dann halt nicht mehr raucht, was ja schon mal für die Lunge gut ist. Bald aber spürte ich, dass ich ja nicht lebenslänglich Bonbons lutschen will – und meine Schwester hatte nach 6 Monaten dann doch Nebenwirkungen.. Also ganz aufgehört. Geht bei mir immer ein paar Wochen, der körperliche Entzug ist ja nicht weiter wild – aber später dann wird erst klar, was Zigarette/Rauchen NOCH ALLES bedeutete… und bei mir ist das wohl so viel, dass ich dann immer wieder anfange.  Leider, doch hab ich dann meist einfach keine Lust, mich mit dem Thema immer noch weiter und intensiver zu befassen..  so ne Sucht ist ja im Grunde was Langweiliges und ziemlich Banales.
    Na, das ist hier voll OT und mal wieder eine eigenen Artikel wert.
    (Mail mir deine Adresse, dann schick ich dir ne Nikotablettenpackung, die noch übrig ist… :-)
     
     
     

  17. aus meiner sicht sehr aufschlußreich ist die krisenanalyse von robert kurz ( 2teilige audiodatei bei der zeitschrift exit ) .das schwierige sind die menschenwürdigen alternativen dazu. diktatur der minderheit mit allen potentiellen folgen geht immer.
    gruß   uwe
     

  18. Wie geht es Euch zur Zeit in Sachen “Weltwahrnehmung”? Wonach richtet sich, ob Ihr Euch besorgt oder gelassen, optimistisch oder deprimiert fühlt?

    1. Weltwahrnehmung zum Krisenthema:  Gottlob Internet
    Da kritischer Journalismus nicht mehr vorhanden ist, bekommt man in TV und Printmedien nur stark verzerrte und reduzierte Info’s (den meisten Wahrheitsgehalt haben noch Satiresendungen „Neues aus der Anstalt“ etc.)
    Dank guter Info-Seiten im Internet (Hartgeld.com = Infos zum Finanzsektor mit Auswirkungen auf andere Bereiche, mit der Privatmeinung des Seitenbetreibers stimme ich nicht unbedingt überein;  leap2020.eu  in Deutsch = franz. Thinktank mit monatlichem Bericht, Teile kostenlos, sonst kostenpflichtig) habe ich schon vor zwei Jahren im Kollegenkreis den Ablauf der Krise skizziert, auch mit den Prognosen das z.B. der Dollar und er EURO kollabieren könnten usw..
    Damals wurde ich natürlich mild belächelt. Das alles tatsächlich so gekommen ist, ist als faktische Tatsache natürlich schockierend.
    Noch mehr schockierend ist, das es bei der Politik und den Volksmedien erst seit Ende letzten Jahres angekommen ist, wo die Informationen für jeden Gelegenheitssurfer (wie mich) schon seit Jahren im internet zugänglich waren.

    2. Besorgt /Gelassen
    Gelassenheit überwiegt bei mir. Ich hab‘ nicht viel Materielles, was zu retten/verlieren wäre. Eine Krisenverschärfung mit Auswirkungen ins Sozial-/Gesellschaftliche käme für  mich nicht überraschend.
    Eine im letzten Jahr angelegte Notbevorratung für einige Tage :) für die Familie wirkt angesichts sinkender Lebensmittelpreise auch komisch.
    Dabei empfehlen ja  neuerdings auch Politiker, Vorräte für 14 Tage im Haus zu haben…
    Die Überlegung, dieses Jahr per Gewächshaus mehr versorgungstechnisch zu gärtnern ist bestimmt Folge dieser Weltlage, kann aber auch nicht schaden.
    Besorgt bin ich, wenn ich daran denke, das meine Kinder in den nächsten Jahren ihre Ausbildung beenden… und dann??
    Neues Zitat von Hr. Pöhl (Ex Bundesbanker: „Die Welt nach der Krise wird eine andere sein.“
    So, so.

    3.  Optimistisch / Deprimiert?
    Augen zu, Geld unters Volk werfen und durch wird nicht funktionieren.
    Beim Handeln unserer Politikerkaste kanns einem schon grausen und die Aussicht, das dieselben Leute, die alles an die Wand gefahren haben, jetzt auch das Lösungswerkzeug bereitstellen trägt nicht zum Optimismus bei.
    Ich bin aber optimistisch, weil ich hoffe, das es ein großes Potenzial von aufgeklärten Menschen gibt, die im Besten Falle neue Spielregeln für unser Zusammenleben aufstellen wollen und können.
    Ich sehe das Ganze sogar als historische Chance zur Erneuerung.
    Leider ist zur Zeit noch das Politik- Parteien- Lobbyisten System übermächtig.
    Vielleicht kommt die Erneuerung lokal von der Basis? Hätte wahrscheinlich Revolutionscharakter. 

    Oder doch eine neue Partei gründen?
    Gruß
    Achim
     

  19. @Achim: danke für dein ausführliches und informatives Posting!  Ich hab jetzt auch „Vorrat für 14 Tage“ angeschafft, doch so richtig Energie will ich in die Vorbereitung des Schlimmsten nicht wirklich fließen lassen. Dann müsste ich mir auch gleich noch Briketts kaufen – mein Kachelofen funktioniert noch, dank dem verständigen Hauseigentümer. :-)

    Da ich selbst auch nicht wüsste, WIE mit/gegen Finanzkrise agieren, bin ich nicht so schnell dabei, über die etwas ratlosen und vielleicht das Falsche bzw. zu wenig unternehmenden Politiker zu schimpfen. Falsch finde ich jedenfalls, zu versuchen, private Unternehmen (ohne „systemisches Risiko“) staatlich zu retten = absolutes Fass ohne Boden. Und echt bedenklich, wie viele da dafür sind! (Das ist ja, wie einen neuen Kohlebergbau zu subventionieren!)

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