Thema: Netzwelt

Claudia am 15. November 2001 — Kommentare deaktiviert für Die Nähe so fern

Die Nähe so fern

„Vielleicht gelingt es dann auch, einige der mißhandelten Kinder zu finden„, hofft der Kriminalbeamte, der von der in mehreren Ländern zeitgleich durchgeführten Razzia gegen einen Kinderporno-Ring berichtet. Zigtausende Bilder wurden gefunden, Computer beschlagnahmt, Täter verhaftet – vorbei die Zeiten, da der Cyberspace ein rechtsfreier Raum war, wo man den miesesten Aspekten menschlichen Begehrens unerkannt und ungestraft nachgehen konnte, gut so!

Aber die Kinder: Wo sind sie? Wird es gelingen, sie mittels der Bilder, Texte und Daten aus „Virtual World“ ausfindig zu machen, den Mißbrauch und die Ausbeutung im „realen Leben“ zu unterbinden? Vielleicht gibt es ja eine kleine Chance, auf diesem Weg das eine oder andere Opfer aus den Klauen seiner Mißhandler zu befreien, andrerseits: Wäre da überhaupt eine derart große Nachfrage nach Kinderporno, gäbe es einen „Markt“, ohne die weltweite Vernetzung? Vor allem: Warum bemerkt in der Umgebung der Kinder niemand etwas? In der Schule, im Kindergarten, in der Nachbarschaft, beim Arzt?

Heute Morgen hab‘ ich zuerst den PC eingeschaltet, erst eine Stunde später mal die Vorhänge aufgezogen und ein Fenster geöffnet. Mein „Blick in die Welt“ richtet sich immer öfter auf einen Bildschirm, wenn es mich nach Kommunikation und Kontakt, Gemeinschaft und Austausch gelüstet. Und ich erlebe das nicht etwa als Verlust und Beschränkung, sondern bin in der Regel begeistert, mittels der Netze so viel leichter Menschen zu finden, mit denen ich etwas anfangen kann, Menschen gleichen Geistes oder zumindest mit ähnlichen Interessen und mentalen Horizonten. Die Leute aber, die in meinem Mietshaus wohnen, erkenne ich auch nach einam halben Jahr noch nicht alle als Nachbarn – wie denn auch?

Das Netz wird immer engmaschiger und manchmal hoffe ich darauf, daß sich beim Erreichen einer bestimmten Dichte ein Qualitätssprung im Nahbereich ereignet: Wenn ich dann meine Adresse bei Google eingebe, finde ich die Homepages und Blogs meiner Nachbarn! Und dann? Werde ich ihnen eine E-Mail schreiben, in der Hoffnung, mit diesen Menschen in der Nähe auch in Kontakt zu kommen?

Vielleicht gerade nicht! Ich habe Grund zur Annahme, daß die Sehnsucht nach physischer Nähe, die uns noch immer als das Echte und Wahre, das einzig „richtig Wirkliche“ vorkommt, gar kein tatsächliches Bedürfnis mehr ist, sondern nur noch eine alte Denkgewohnheit. Warum schätze ich denn die Stadt und bin nach zwei Jahren auf dem Land mit Freude wieder in den „Moloch Berlin“ gezogen? Gerade wegen der Anonymität, dem „Leben und Leben lassen“, das die einzige Weise darstellt, wie viele Menschen auf so engem Raum zusammen (nein, eben nicht zusammen!) leben können. Wegen der Ignoranz und Unverbindlichkeit, könnte man auch sagen, also genau wegen derjenigen Aspekte, an denen wir doch so sehr zu leiden meinen.

Das kreatürliche Bedürfnis nach physischer Nähe ist natürlich immer noch vorhanden, es treibt mich in die Sauna, ins Fitness-Center und in die Shopping-Mall. Ich erkläre mir das mit unserer engen Verwandtschaft mit den Affen: die sitzen auch gern zusammen herum, können sich sogar lausen, schlagen und vernaschen, ohne erst wochenlang Denkinhalte abgleichen zu müssen. Manchmal beneide ich sie darum, wohl wissend, daß ich selber allzu spontan-ursprüngliche Kontaktaufnahme im Nahbereich nie und nimmer tolerieren könnte!

Und so treffe ich bei solchen und ähnlichen Gedankenspielen immer wieder auf die absurde Widersprüchlichkeit des eigenen Daseins. Wie soll ich da ernsthaft bleiben? Wie ernst kann ich meine Wünsche und Bedürfnisse noch nehmen, wie kann ich bleibende Werte vertreten, wenn ich doch weiß, daß ihre Verwirklichung mich in überstürzte Fluchten treiben würde?

Einfach alles „sein lassen“ wie es eben ist und fröhlich darüber lachen? Sich keine weiteren Gedanken machen, sondern das Leben genießen, so gut man es gerade vermag? Auch das ist keine echte Möglichkeit, wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe (oder sollte ich sagen: surfe?). Denn ich sehe, dass genau dieses absurde Sosein, das zunehmende Verschwinden aus dem Nahbereich, zu so viel Elend führt: Die Kinder, deren Verletztheit wir nicht bemerken, die Alten, Kranken und Behinderten, die in Heime und Anstalten weggesperrt werden – und schließlich auch die tiefe Sehnsucht, die in den Herzen der Menschen weiterlebt und niemals damit zufrieden ist, dass wir zu Bildern, Texten, Zahlen werden, nurmehr an schönen Oberflächen und technischen Apparaten arbeiten und den Anderen ignorieren, wenn wir ihn nicht gerade als Konkurrenten fürchten.

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Claudia am 29. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Virtuelle Räume

Virtuelle Räume

Wenn ich zwei Tage kein Diary schreibe, überkommt mich am dritten, spätestens am vierten Tag ein dringliches Bedürfnis, mich hinzusetzen, auf die „leere“ Datei zu starren und in mich hinein zu lauschen, was da jetzt wohl „zum Ausdruck“ drängt. Keinesfalls ist es ein Gefühl der Pflicht, eher eine Sehnsucht, in diesen stillen Raum der Selbstversenkung einzutreten, der sich mir schreibend so leicht eröffnet wie nirgends sonst. Kein Thema ist vorgegeben, keine Form von irgend jemandem verordnet, die Erwartungen der Leser sind so unterschiedlich wie diese selbst und also auch keine Leitlinie, die mich auf bestimmten Spuren halten würde. Volle Freiheit also, und was auf diese Weise entsteht, landet mit einem Mausklick in den unendlichen Weiten, hierjetzt und nicht erst nach Monaten oder halben Jahren wie im Reich gedruckter Worte. Weiter → (Virtuelle Räume)

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Claudia am 04. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Schlag mich, bitte!

Schlag mich, bitte!

Da gibt es Leute, die surfen durchs Web aus dem einzigen Grund, um irgendwo Stunk anzufangen. Der Gegner ist ziemlich egal, auch auf den Inhalt kommt es prinzipiell nicht an, Hauptsache, es fetzt, Hauptsache, man wird bemerkt und steht – wenn auch als Hirni oder Nerver – im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. „Um Watschen betteln“ könnte man es auch nennen, denn Erfolg bedeutet für solche Gestalten ja nicht wie für Normalsterbliche, geliebt und bewundert, sondern gehaßt und bekämpft zu werden – vermutlich, weil sie sich anderes angesichts der eigenen Person gar nicht mehr vorstellen können. Weiter → (Schlag mich, bitte!)

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Claudia am 04. Juli 2001 — Kommentare deaktiviert für Im Papierkram untergehen

Im Papierkram untergehen

Es dauert wohl noch eine Weile, bis ich wieder voll Stadt-kompatibel bin. Gerade rudere ich in den seltsamen Bedingungen und Algorythmen der verwalteten Welt umher und sehe kein Land, ja, es scheint stündlich schlimmer zu werden. Das Chaos, das ich aus der Welt der physischen Gegenstände glaubte verbannt zu haben, hat sich auf die Papier- und Behördenwelt verlegt – und entfaltet sich da zu ungeahnter Größe: Ich kann mich nicht anmelden, weil mein Ausweis mitsamt Geldbörse und weiteren Papieren verloren oder geklaut ist. Das zentrale Fundbüro sagt, ich solle mindestens zwei Wochen mit der Neubeantragung der Papiere warten, mich aber doch möglichst bald in Berlin anmelden. Wie denn, frag ich, wenn doch mein Ausweis weg ist? Weiter → (Im Papierkram untergehen)

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Claudia am 24. Juni 2001 — Kommentare deaktiviert für Amputiertes NetLife

Amputiertes NetLife

So langsam nervt es, nicht ins Netz gehen zu können, wann immer es mir in den Sinn kommt. Die Internet-Cafés sind nur ein schwacher Ersatz, gerade mal gut, um E-Mails zu beantworten und das Diary zu aktualisieren. Die rechte Lust zum Surfen kommt da einfach nicht auf und ans Arbeiten ist schon gar nicht zu denken. Ich fühle mich wie amputiert, ein riesiger Raum, in dem ich mich normalerweise ständig bewege, ist auf einmal verschlossen. Weiter → (Amputiertes NetLife)

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Claudia am 31. Mai 2001 — Kommentare deaktiviert für Das Netz LEBT und WÄCHST!

Das Netz LEBT und WÄCHST!

Zum 4. InternetBreakfastForum traf man sich im Berliner Kempinsky zum Thema: Welche Dienste und Unternehmen haben Zukunft? Eine spannende Frage, die mich auch oft bewegt. Schade also, dass ich (noch) nicht hingehen konnte, dachte ich mir so, doch immerhin gab es gleich hinterher einen Ergebnisbericht. In dem steht wieder mal nur das drin, was derzeit geradezu litaneienhaft wiedergekäut wird, nämlich die tausendfach wiederholte Beschwörung: Weiter → (Das Netz LEBT und WÄCHST!)

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