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Der brasilianische Geschäftsmann Flusser, der er zwanzig Jahre lang war, ist uns nahezu unbekannt geblieben. Das wenige, was wir wissen, hat Flussers nach Andreas Müller-Pohle und Volker Rapsch dritter deutscher Verleger Stefan Bollmann im Nachwort zum Brasilienbuch zusammengefaßt. Danach erfolgte die "Fahrt durch den gähnenden atlantischen Raum" ("Bodenlos", S. 39) von Southampton nach Rio de Janeiro auf der alsbald versenkten "Highland Patriot" in den letzten drei Augustwochen des Jahres 1940. "Mit an Bord waren Edith Barth, die Vilém Flusser Anfang 1941 in Rio heiratete, und deren Eltern und Schwester." ("Brasilien", S. 317) Brasilien war das erste Land, das, nachdem (gefälschte) Taufbescheinigungen vorgelegt wurden, die Einreise erlaubte.

"Die Tatsache, daß er sein Leben einem anderen verdankte und daß dieser andere sein Schwiegervater war, hat Vilém Flussers Leben in Brasilien auch über die Anfangsjahre hinaus nachhaltig geprägt. Schon bald galt es eine Familie zu ernähren - das erste Kind wurde 1941, das zweite nur zwei Jahre später geboren (das dritte folgte dann mit großem Abstand 1951) - und wie besser konnte dies geschehen, als daß der junge Vater in die brasilianischen Firmengründungen Gustav Barths eintrat, der - Unternehmer aus Passion - schon bald im Import-Export-Geschäft erfolgreich war.


1995 Andrew Draffen

Gemeinsam mit ihm war das junge Ehepaar nach der Heirat von Rio nach São Paulo übersiedelt, und nachdem er anfänglich einige Monate lang als Sekretär bei einer Firma gearbeitet hatte, die tschechischen Juden aus Klattau gehörte, wurde Vilém Flusser Teilhaber der UNEX, einer Firma seines Schwiegervaters und dessen Bruders; für die UNEX war er in den vierziger Jahren viel, auch im Innern des Landes, unterwegs, und noch 1951 ging er für die Firma ein Jahr nach Rio. Danach führte er jahrelang die Geschäfte einer kleinen Fabrik für Radios und Transformatoren, Stabivolt, die er selbst mit zwei Partnern gegründet hatte. Für diesen Posten muß sich Flusser noch weniger qualifiziert gefühlt haben als für diejenigen davor; schließlich mußte die Firma 1958 um einen Vergleich nachsuchen und wurde erst in den sechziger Jahren durch den Eintritt eines neuen Gesellschafters, Fritz Mayer, saniert." (S. 318f)

Über die Kinder habe ich mir, aus verstreuten und unsicheren Quellen, folgendes, kann alles falsch sein, zusammengereimt. Namen: Dinah, Miguel und Victor. Dinah schlug die diplomatische Laufbahn ein und ist nach Stationen in Washington (und Den Haag?) derzeit Generalkonsul im brasilianischen Konsulat in München. Miguel lebt als Geschäftsmann in São Paulo. Victor, den die Flussers vermutlich aus Brasilien nach Europa mitnahmen, ist Musikologe und lebte beim Tod des Vaters in Boersch (Elsaß).

"Ich habe in meinem Leben zweimal gewählt und habe es jedesmal bedauert ... Das letzte Mal im Jahre 62 in Brasilien. Ich habe die Leute gewählt, die die Militärdiktatur hervorgerufen haben." ("Zwiegespräche", S. 109f) Das war 1964. Zwei Jahre später ist Flusser Abgesandter des brasilianischen Außenministeriums für die kulturelle Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und Europa. Ein am 29. April 1967 von der Tageszeitung "O Estado de São Paulo" veröffentlichtes Interview, das seine Erfahrungen zusammenfaßt, leitet den Band der "Zwiegespräche" ein. Die Reise verschafft ihm außerbrasilianische Publikationsmöglichkeiten. So wird er für einige Jahre freier Brasilienkorrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Diese Artikel interessieren den Lektor des Rombach-Verlags, Gerd-Klaus Kaltenbrunner, worauf Flusser 1971 den zum besten seines Werks zählenden Essay "Brasilien oder Die Suche nach dem neuen Menschen" verfaßt. Es ist gewissermaßen seine brasilianische "Summe" und die Arbeit an diesem Text wird nicht wenig zum Entschluß, den Kontinent zu wechseln, beigetragen haben.

Als Kommissar der 12. Bienal Internacional de São Paulo für Europa, reist Flusser, der so ungern fliegt wie sich anschnallt, im Mai 1972 mit dem Schiff nach Europa. 1972/73 sehen wir ihn in Meran an der Arbeit von "Bodenlos", seiner autobiographischen Selbstvergewisserung, an die sich die Aufarbeitung seiner akademischen Erfahrungen in "Umbruch der menschlichen Beziehungen" (in: "Kommunikologie") und "Gesten" (das Torso geblieben ist) anschließt, wobei inzwischen ein Umzug nach Fontevrault-l'Abbaye (Loire) erfolgt ist. Die Provence, als Rückzugsgebiet und Austauschraum, zunächst mit dem Standort Peypin d'Aigues, ab 1980/81 mit dem Standort Robion, wird wohl erst Herbst/Winter 1974/75 als ständiger Wohnsitz gewählt worden sein.

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Reinhold Grether: Die Weltrevolution nach Flusser
präsentiert von Claudia Klinger
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