{"id":957,"date":"2012-11-20T11:25:54","date_gmt":"2012-11-20T10:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=957"},"modified":"2012-11-21T12:22:57","modified_gmt":"2012-11-21T11:22:57","slug":"zum-recht-auf-einen-medizinisch-betreuten-freitod-hart-aber-fair","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2012\/11\/20\/zum-recht-auf-einen-medizinisch-betreuten-freitod-hart-aber-fair\/","title":{"rendered":"Zum Recht auf einen medizinisch betreuten Freitod (Hart aber fair)"},"content":{"rendered":"<p>In der ARD-Themenwoche geht&#8217;s diesmal &#8211; passend zum November &#8211; um Tod und Sterben. &#8222;Sie werden sterben. Lassen Sie uns dr\u00fcber reden&#8220; hei\u00dft es im Trailer. Und so ging es gestern bei &#8222;Hart aber fair&#8220; um die Frage, ob \u00c4rzte beim Sterben helfen d\u00fcrfen sollten: also nicht nur Leiden lindern, sondern auch beenden, wenn der Patient das w\u00fcnscht. <\/p>\n<p>Zu Gast war der Arzt Uwe-Christian Arnold, der seit vielen Jahren Menschen beim Sterben hilft. Jedoch nicht so, wie es gerne hingestellt wird: auf Bestellung vorbei kommen und den Cocktail anr\u00fchren, wom\u00f6glich gegen einen stattlichen Geldbetrag. Arnold ist oft Jahre lang in Kontakt mit seinen Patienten, sch\u00f6pft alle anderen M\u00f6glichkeiten aus, vermittelt palliative, psychotherapeutische und sogar seelsorgerische Betreuung und nimmt auch Kontakt zu den Angeh\u00f6rigen auf. So kommt es, dass nicht alle ihren Vorsatz wahr machen &#8211; einige aber doch, n\u00e4mlich dann, wenn ihnen ihr weiteres Leben nurmehr als Last und Leiden erscheint. <!--more--><\/p>\n<h2>Menschen, die nicht mehr leben wollten<\/h2>\n<p>Wie so ein Sterben verl\u00e4uft, wurde dann in Einspielern gezeigt: der Querschnittsgel\u00e4hmte, der nach 10 Jahren Unbeweglichkeit endlich gehen will, die Krebskranke, die drei Jahre &#8222;gek\u00e4mpft&#8220; hat, nun aber keinen Sinn mehr darin sieht, die finale Phase noch erleben zu sollen. Und Walter Bolinger, Schweizer Unternehmensberater, erz\u00e4hlte von seiner Frau, die mit EXIT aus dem Leben ging, da sie die fortschreitende Alzheimer-Krankheit mit extremer Hilfsbed\u00fcrftigkeit nicht ertragen mochte. <\/p>\n<p>Dem Kapuzinerm\u00f6nch Bruder Paulus, Gegner jeglicher Form von Suizid-Hilfe, wurde es wie er sagte &#8222;ganz kalt&#8220; bei diesen Geschichten. Was ich ihm nicht abnehme, denn sein Statement, Bollinger h\u00e4tte seiner Frau doch auch die Rasierklingen reichen k\u00f6nnen, zeugt aus meiner Sicht weit eher von Herzensk\u00e4lte als die Einstellung jener Angeh\u00f6rigen und \u00c4rzte, die den Wunsch, zu sterben, respektieren und unterst\u00fctzen. <\/p>\n<h2>Palliativ-Medizin: nicht \u00fcberall zug\u00e4nglich, nicht immer wirksam<\/h2>\n<p>Dr. Barbara Schubert, Leitende Ober\u00e4rztin am St. Joseph-Stift Dresden, brachte die \u00fcblichen Argumente der Palliativmedizin: Mit entsprechenden Behandlungen k\u00f6nne man das Leiden lindern und das Sterben ertr\u00e4glich machen. Dass diese Versorgung trotz Rechtsanspruch bei weitem noch nicht fl\u00e4chendeckend zur Verf\u00fcgung steht, also derzeit noch immer viele Menschen einen \u00fcblen Todeskampf erleben m\u00fcssen, ist aus dieser Sicht bedauerlich, \u00e4ndert aber nichts. <\/p>\n<p>Aber mehr noch: Sie musste zugeben, dass es Leiden gibt, die am Ende nicht mehr &#8222;aufs ertr\u00e4gliche Ma\u00df&#8220; herunter medikamentiert werden k\u00f6nnen. Dann bleibt f\u00fcr Frau Schubert nur das &#8222;dabei bleiben&#8220; &#8211; schlie\u00dflich geh\u00f6re das Leiden zum Leben und m\u00fcsse also akzeptiert werden. <\/p>\n<p>In diese Kerbe haute auch Bruder Paulus, der zum Besten gab, dass die menschliche Seele in extremen Situtationen durchaus \u00fcber sich hinaus wachsen k\u00f6nne. Als Beispiel diente ihm ein jugendliches Unfallopfer, das beide Beine verlor und es dennoch schaffte, dieses Schicksal anzunehmen und das Beste daraus zu machen. <\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein absurder Vergleich! Es kommt schlie\u00dflich darauf an, welchen SINN man als Betroffener einem Leiden noch beimessen kann. Ist keine Besserung mehr in Aussicht, sondern nur immer mehr Leiden bis endlich der Tod eintritt: Warum zum Teufel soll man das aushalten? <\/p>\n<h2>Was ich mir zumute, will ich selbst bestimmen<\/h2>\n<p>An der Stelle nervt und \u00e4rgert mich die \u00dcbergriffigkeit der religi\u00f6s Motivierten: Ich m\u00f6chte selbst entscheiden, was und wieviel ich meiner Seele am Ende noch zumute! Und kein Staat und kein Priester hat das Recht, mir da hinein zu reden. (Dass kein Arzt dazu GEZWUNGEN werden darf, gegen seine pers\u00f6nliche Ethik solche Sterbehilfe zu leisten, sehe ich als selbstverst\u00e4ndlich an. Es geht hier darum, ob \u00c4rzte es D\u00dcRFEN sollen.).<\/p>\n<p>Henning Scherf, ehemaliger B\u00fcrgermeister von Bremen, verwies nat\u00fcrlich auf die deutsche Euthanasie-Geschichte und warnte davor, dass wir da wieder &#8222;hinein rutschen&#8220; k\u00f6nnten. Ich sehe das nicht so, denn nicht der Staat soll dar\u00fcber befinden, wann &#8222;genug gelitten&#8220; ist, sondern jeder Mensch f\u00fcr sich. Und da die \u00c4rzte nun mal die einzigen sind, die den Zugung zu entsprechenden Medikamenten haben, braucht es sie f\u00fcr einen angenehmen Tod. <\/p>\n<h2>Warum nicht sich und anderen die B\u00fcrde abnehmen?<\/h2>\n<p>Dass Angeh\u00f6rige nicht nur altruistische Motive haben k\u00f6nnten, wenn sie dem Suizid zustimmen,  kam auch kurz zur Sprache. Wobei schon die &#8222;Befreiung von der Last der Pflege&#8220; bzw. das nicht mehr ertragen k\u00f6nnen der Leiden des Sterbenden als problematisch dargestellt wurde. Es d\u00fcrfe doch nicht sein, dass der Sterbende deshalb gehe, weil er dem Umfeld nicht mehr weiter zur Last fallen wolle.<\/p>\n<p>Ja warum eigentlich nicht? Wir sind nicht total voneinander getrennte Menschen und die Last der Pflege spielt selbstverst\u00e4ndlich eine Rolle: sowohl f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen und Pflegenden, wie auch f\u00fcr den Sterbenden. Warum sollte ich noch Tage und Wochen dahin vegetieren und allen eine B\u00fcrde sein, wenn es doch nicht mehr besser wird? Oder, mal krass gesagt: Warum abwarten, bis ich als Demente meine Exkremente an die W\u00e4nde schmiere? Will ich das irgend jemandem zumuten? Lieber nicht!<\/p>\n<p>Aber bei allen Varianten einer m\u00f6glichen Suizid-Entscheidung in der Vorschau auf schmerzliches oder unw\u00fcrdiges Sichtum halte ich es f\u00fcr eine wesentliche Unterst\u00fczung, zu wissen: ich K\u00d6NNTE gehen, wenn ich will. Das hilft n\u00e4mlich auch dabei, Leiden besser zu ertragen und vielleicht auch &#8222;\u00fcber sich hinaus zu wachsen&#8220;. <\/p>\n<p>Das Publikum war &#8211; wie immer in dieser Frage &#8211; in \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit f\u00fcr das Recht auf \u00e4rztlich begleiteten Freitod. Die Politik und die Institutionen werden diesem Trend auf Dauer nicht widerstehen, da bin ich mir relativ sicher. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der ARD-Themenwoche geht&#8217;s diesmal &#8211; passend zum November &#8211; um Tod und Sterben. &#8222;Sie werden sterben. Lassen Sie uns dr\u00fcber reden&#8220; hei\u00dft es im Trailer. 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