{"id":94,"date":"2007-09-22T12:34:37","date_gmt":"2007-09-22T10:34:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/09\/22\/wie-verbessere-ich-die-welt\/"},"modified":"2008-01-21T18:07:47","modified_gmt":"2008-01-21T16:07:47","slug":"wie-verbessere-ich-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/09\/22\/wie-verbessere-ich-die-welt\/","title":{"rendered":"Wie verbessere ich die Welt?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kleine Meditation \u00fcber die menschlichen M\u00f6glichkeiten, die Welt zum Sch\u00f6neren zu ver\u00e4ndern <\/strong><\/p>\n<p>Jeden Tag gestalte ich meine Welt und trage damit zum Ganzen der Welt bei. Ob ich nun einen Artikel schreibe, eine Website gestalte, im Garten <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2007\/04\/21\/7-regeln-fuer-faules-gaertnern\/\">das &#8222;Unkraut&#8220; lieber stehen lasse<\/a> oder in der Schlange  vor der Supermarktkasse meine Stimmung mit den anderen Wartenden teile: Ich bin immer T\u00e4terin und Opfer zugleich, empfange Eindr\u00fccke, interpretiere sie auf meine Art und reagiere darauf. Dem kann ich mich gar nicht entziehen, denn wie alle lebenden Wesen bin ich dem Stoffwechselprozess mit der &#8222;Umwelt&#8220; ausgesetzt. Schon die Pflanzen streben nach &#8222;Weltverbesserung&#8220;, indem sie sich lieber dem Licht zuwenden als der Dunkelheit und so geht es weiter, quer durch die Lebensformen: <strong>Leiden meiden und Freude suchen<\/strong> ist unsere Grundmotivation, von dem aus s\u00e4mtliche Welt- und Selbstverbesserungsbem\u00fchungen nur Varianten darstellen, keine Ausnahme.<!--more--><\/p>\n<p>Gaba &#8211; laut ihrem Profil &#8222;Entspannungstherapeutin und begeisterte Ultramind Trainerin&#8220; &#8211;  fragt in ihrem Blog-Projekt <a href=\"http:\/\/gaba-ultramind.blogspot.com\/2007\/09\/blogparade-die-welt-ein-stck-besser.html\">&#8222;Die Welt ein St\u00fcck besser gestalten&#8220;<\/a>:<\/p>\n<ul>\n<li>&#8222;W\u00fcnschst Du Dir manchmal in einer besseren Welt zu leben?&#8220;<\/li>\n<li>In einer Welt, die Dich so nimmt, wie Du bist und nicht versucht Dich zu verbiegen?<\/li>\n<li>In einer Welt, wo der Starke den Schw\u00e4cheren st\u00fctzt und wo das Wort &#8222;Not&#8220; eine leere Worth\u00fclse ist?<\/li>\n<li>Einer Welt, wo keiner &#8222;gleicher&#8220; ist als der Andere und &#8222;anders sein&#8220; zul\u00e4ssig und erw\u00fcnscht ist?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nun, wer w\u00fcnscht sich das nicht? In den Fragen steckt <strong>die geballte Utopie der Menschheit,<\/strong> die ewige Sehnsucht nach dem Paradies, nach einem friedlichen Leben in &#8222;Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit&#8220;. Und doch wei\u00df man, wohin Versuche gef\u00fchrt haben, solche Ideale in einer gro\u00dfen revolution\u00e4ren Anstrengungen umzusetzen: ins krasse Gegenteil, n\u00e4mlich in Unterdr\u00fcckung, Terror und Hass. Auch die RAF wollte &#8222;Welt verbessern&#8220; und heute aktive Terroristen bek\u00e4mpfen angeblich den &#8222;Raubtierkapitalismus&#8220; und\/oder die moralisch-ethische Dekadenz der westlichen Welt. Repressive Regime in aller Welt rechtfertigen die Fesseln, die sie ihrer Bev\u00f6lkerung anlegen, mit moralisch hoch stehenden Motiven, genau wie unser derzeitiger Innenminister mit seinem Gang in den \u00dcberwachungsstaat ja nur unser Bestes will.<\/p>\n<p>Warum ist das so? Sind das alles &#8222;b\u00f6se Menschen&#8220;, die nur vorgeben, Welt verbessern zu wollen, in Wahrheit aber nur ihr pers\u00f6nliches Bereicherungss\u00fcppchen kochen wollen?<\/p>\n<p>Meine eigenen Erfahrungen mit den idealistischen Impulsen zur Umsetzung von Utopien zeigen etwas anderes: n\u00e4mlich ein grunds\u00e4tzliches Missverst\u00e4ndnis \u00fcber das menschliche Leben und das Verh\u00e4ltnis zur &#8222;Welt&#8220;, das immer dann auftritt, wenn man &#8211; ausgehend von irgend einem erlebten Leiden oder Misstand &#8211; die anzustrebende Ver\u00e4nderung als objektivierbares &#8222;Gl\u00fcck&#8220; ansieht und versucht, ihn &#8222;f\u00fcr immer&#8220; zu erhalten und zu verallgemeinern. Als g\u00e4be es einen Zustand, in dem wir auf Dauer gl\u00fccklich und zufrieden sein k\u00f6nnten, ganz entspannt im Hier &#038; Jetzt, unber\u00fchrt vom Handeln anderer und der Ver\u00e4nderlichkeit der Umwelt (&#8222;Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung&#8220;).<\/p>\n<p>Dem ist nicht so. Wir k\u00f6nnen uns so etwas zwar ausdenken, es aber ganz gewiss nicht dauerhaft erleben und st\u00f6rungsfrei genie\u00dfen. Anhand der drei &#8222;wundervollen Vorstellungen&#8220; von Gaba will ich das genauer betrachten:<\/p>\n<h2>Eine Welt, die Dich so nimmt, wie Du bist und nicht versucht Dich zu verbiegen?<\/h2>\n<p>Du lieber Himmel! Was wird aus Erziehung, Bildung, Resozialisierung von Straft\u00e4tern? Ist nicht schon die Sauberkeitserziehung der Babys ein &#8222;Verbiegen&#8220;? Und: soll ich meinen Nachbarn, der mich mit lauter Musik nervt, einfach so nehmen, wie er nun mal ist?<\/p>\n<p>Solche Einspr\u00fcche k\u00f6nnte ich jetzt haufenweise aneinander reihen und es w\u00fcrde dabei heraus kommen, dass es immer irgend jemanden geben muss, der ansagt, &#8222;wie man sein darf&#8220;, damit alle im Rahmen einer Gesellschaft miteinander leben k\u00f6nnen: Staat, Gesetze, Regelsysteme, Erlaubnisse und Verbote &#8211; und schon ist sie verschwunden, die sch\u00f6ne Utopie, in der jeder jeden &#8222;einfach sein l\u00e4sst&#8220;. Wir k\u00f6nnen und sollen daran arbeiten, die Regelsysteme m\u00f6glichst demokratisch zu gestalten, mehr ist aus meiner Sicht nicht drin, bzw. schl\u00e4gt dann zwangsl\u00e4ufig ins Negative um.<\/p>\n<h2>Keiner &#8222;gleicher&#8220;, aber anders?<\/h2>\n<p>Um dasselbe Thema kreist auch die andere Frage, n\u00e4mlich die nach der Welt, &#8222;wo keiner &#8222;gleicher&#8220; ist als der Andere und &#8222;anders sein&#8220; zul\u00e4ssig und erw\u00fcnscht ist&#8220;. Hier steckt der Widerspruch schon im Satz selbst: einerseits will man ungerechte Unterschiede und Bevorteilungen vermeiden, andrerseits Verschiedenheit zulassen, ja sogar begr\u00fc\u00dfen. Das ist unm\u00f6glich, denn die Bevorteilungen und Benachteiligungen ergeben sich aus der Verschiedenheit der Menschen &#8211; egal, ob man diese Unterschiede nun sozial oder &#8222;genetisch&#8220; erkl\u00e4rt. Man ist also gezwungen, entweder die Freiheit einzuschr\u00e4nken oder die Verschiedenheit zuzulassen &#8211; mit entsprechend &#8222;ungerechten&#8220; Konsequenzen.<\/p>\n<p>Und was ist mit einer Welt, in der &#8222;der Starke den Schw\u00e4cheren st\u00fctzt und das Wort &#8222;Not&#8220; eine leere Worth\u00fclse ist?&#8220;<\/p>\n<p>Da sind wir ganz bestimmt alle daf\u00fcr, solange wir von den &#8222;Positionen der St\u00e4rke&#8220; getragen werden, z.B. von einer erfolgreichen Exportwirtschaft, die sich &#8222;da drau\u00dfen in der Welt&#8220; nicht weiter um die Lebensbedingungen der Betroffenen schert.  Und auch zuhause sehe ich nur ganz wenige Menschen, die Jesus oder Buddha nachfolgen, ihren Besitz weitgehend an die Bed\u00fcrftigen verteilen und ein Leben in schadensarmer Askese leben wollen.<\/p>\n<p>Als es vor vielen Jahren in der \u00f6ffentlichen Diskussion darum ging, wie viele Asylbewerber aufgenommen werden k\u00f6nnen, sagte eine in Berlin Kreuzberg bekannte, sozial engagierte Aktivistin: &#8222;Die sollen nur alle kommen! Da m\u00fcssen eben die WGs wieder enger zusammen r\u00fccken!&#8220; Tja, das war ein kleines St\u00fcck zuviel des Guten, selbst f\u00fcr all diejenigen, die sonst immer f\u00fcr alles unterschreiben, was an sozialen Wohltaten gefordert werden kann &#8211; solange man nicht selbst etwas abgeben muss, was einem WIRKLICH WICHTIG ist.<\/p>\n<p>Je mehr Wohlstand in einer Gesellschaft herrscht, desto leichter ist es, zu teilen und die Not der zu kurz Gekommenen zu lindern. Werden die Ressourcen aber knapper, denkt man an sich selbst zuerst, dann an die Verwandten und Freunde, danach an die, die einem weitgehend \u00e4hnlich sind, bzw. kulturell nahe stehen. Ich glaube nicht daran, dass dieses eigenn\u00fctzige Verhalten g\u00e4nzlich abgelegt werden kann  &#8211; es folgt aus der allen Lebewesen eigenen Hom\u00f6ostase, aus dem Bem\u00fchen, unter allen Umst\u00e4nden zu \u00fcberleben, und zwar in einem Zustand m\u00f6glichst gro\u00dfen Wohlbefindens.  Dass in Ausnahmesituationen einzelne Individuen aufs \u00dcberleben pfeifen k\u00f6nnen, \u00e4ndert nichts an der grunds\u00e4tzlichen Motivation: Leiden meiden, Freude suchen, das sogar in die amerikanische Verfassung Eingang gefunden hat.<\/p>\n<p>Leider ist damit auch der Konkurrenzkampf, das Raffen und Horten, das h\u00e4ufige Ignorieren der Leiden des Mitmenschen &#8222;mit eingebaut&#8220; ins menschliche Grundger\u00fcst. Klar arbeiten wir auch zusammen,  f\u00f6rdern auch mal bewusst das allgemeine Wohl, w\u00fcnschen die Erhaltung sozialer Netze &#8211; doch ist das alles ja ebenfalls Auswuchs desselben Strebens nach Wohlbefinden, das auf seiner dunklen Seite dann eben auch Schnitte macht: bis hierher und nicht weiter, denn hier geht&#8217;s &#8222;ans Eingemachte&#8220;.<\/p>\n<p>Wie bei allen utopischen Formulierungen steht neben dieser &#8222;realistischen Korrektur&#8220; auch die Frage im Raum: Was ist NOT?? Wer bewertet das? Wie w\u00e4re &#8222;Not&#8220; vom Bed\u00fcrfnis nach Selbstverwirklichung, nach Wachsen und Werden, nach Ver\u00e4nderung und Bl\u00fchen zu trennen? Ist nicht sogar die Langeweile eine &#8222;Not&#8220; ?<\/p>\n<h2>Was tun?<\/h2>\n<p>Das ist die eigentliche Frage, die Gaba in Sachen &#8222;Welt sch\u00f6ner gestalten&#8220; gestellt hat. Was kann ich &#8211; angesichts des bisher gesagten &#8211; \u00fcberhaupt tun?<\/p>\n<p>Wie man sieht, versuche ich, utopische Vorstellungen zu demontieren, die vom &#8222;blo\u00df GUTEN Menschen&#8220; ausgehen und damit die H\u00e4lfte der Wirklichkeit verdr\u00e4ngen. Rezepte, die auf einer solchen Reduktion basieren, bringen nur noch mehr Leid in die Welt als &#8222;von selber&#8220; schon da ist.  Wir sind janusgesichtige Wesen und werden nicht zu Heiligen werden, was auch nicht anzustreben ist, da wahre Heilige, innerlich losgel\u00f6st von der Condition Humaine,  sich in der Regel nicht mehr fortpflanzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich gibt es keinen &#8222;optimalen Zustand&#8220;, den man anstreben k\u00f6nnte &#8211; es geht darum, im JETZIGEN ZUSTAND ganz da zu sein und sich dem, was kommen will, hinzugeben. Also tun, was n\u00f6tig ist, ohne erst das beschr\u00e4nkte &#8222;rechnende Denken&#8220; Kosten und Nutzen kalkulieren zu lassen (als g\u00e4be es da jemanden, eine frei schwebende &#8222;Monade&#8220;, die ganz isoliert tats\u00e4chlich &#8222;gewinnen&#8220; k\u00f6nnte). Wir sind ein dynamischer Prozess in st\u00e4ndiger Wechselwirkung mit der ebenfalls ver\u00e4nderlichen Welt &#8211; und wo man die Grenze zwischen &#8222;ich&#8220; und &#8222;Welt&#8220; setzt, kann sich ebenfalls \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Je besser ich das erkenne, je &#8222;ganzheitlicher&#8220; mein Blick wird, desto f\u00f6rderlicher kann ich mich am Geschehen beteiligen &#8211; und zwar ohne das &#8222;aus dem Kopf heraus&#8220; anzustreben. Dazu geh\u00f6rt, <strong>mich selbst nicht zu bel\u00fcgen<\/strong> und &#8211; soweit mir das gelingt &#8211;  auch anderen nicht st\u00e4ndig &#8222;die Perfekte&#8220; vorzuspielen, was \u00fcblicherweise in Neid, Missgunst und Streit ums &#8222;richtige Leben&#8220; ausartet.  Ich lasse so oft wie m\u00f6glich die auf Gewinn in der Zukunft spekulierende Sicht der Dinge links liegen und erlebe mich als Wahrnehmung verschiedenster Eindr\u00fccke, die alsbald den Impuls zur Resonanz sp\u00fcren lassen: Eindruck wird Ausdruck, Welt wird &#8222;ich selbst&#8220; &#8211; ob die Welt durch meine Beitr\u00e4ge sch\u00f6ner wird, m\u00fcssen andere beurteilen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.vorratsdatenspeicherung.de\/content\/view\/125\/116\/lang,de\/\"><img decoding=\"async\" style=\"margin-top: 20px\" class=\"mitte\" src=\"http:\/\/www.vorratsdatenspeicherung.de\/images\/demo_berlin_2007_468x60.jpg\" \/><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleine Meditation \u00fcber die menschlichen M\u00f6glichkeiten, die Welt zum Sch\u00f6neren zu ver\u00e4ndern Jeden Tag gestalte ich meine Welt und trage damit zum Ganzen der Welt bei. 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