{"id":912,"date":"2012-09-18T11:58:30","date_gmt":"2012-09-18T10:58:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=912"},"modified":"2012-09-18T18:30:15","modified_gmt":"2012-09-18T17:30:15","slug":"von-der-streitkultur-in-beziehungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2012\/09\/18\/von-der-streitkultur-in-beziehungen\/","title":{"rendered":"Von der Streitkultur in Beziehungen"},"content":{"rendered":"<p>Wo Menschen zusammen kommen, gibt es nicht nur gemeinsame, sondern auch individuelle, oft widerstreitende Interessen. Trotzdem hat das &#8222;Streiten&#8220; einen schlechten Ruf. Man f\u00fcrchtet den Streit, denn allzu schnell hat man sich gegenseitig verletzt, ohne es zu wollen. Streiten widerspricht der Harmonie, die man sich in nahen Beziehungen w\u00fcnscht, doch ist das zwanghafte Vermeiden jeglicher Auseinandersetzung auch keine L\u00f6sung. Es ist unwahrhaftig, unauthentisch und man wird sich innerlich einsam f\u00fchlen, wenn man &#8211; warum auch immer &#8211;  nicht wagt, f\u00fcr die eigenen Interessen offen einzutreten.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Jenseits des Alltags<\/h2>\n<p>Banal aber wahr erscheint mir der Grundsatz: Je mehr Alltagsn\u00e4he, desto gr\u00f6\u00dfer das Streitpotenzial. Nicht zuletzt deshalb sind heutzutage &#8222;Fernbeziehungen&#8220; \u00fcbers Netz so verbreitet, die im wesentlichen vom Austausch von Texten leben. Mit den direkten emotionalen Reaktionen des Gegen\u00fcbers ist man dabei nicht &#8222;in Echtzeit&#8220; konfrontiert, sondern kann jede Botschaft und jede Antwort gut \u00fcberlegen. Es gibt viel Raum f\u00fcr wortreiche Erkl\u00e4rungen des eigenen So-Seins, die das Gegen\u00fcber wiederum als Zeichen gro\u00dfer &#8222;N\u00e4he&#8220; auffassen kann. Zudem projiziert man unweigerlich alles Gute und Ersehnte aufs Gegen\u00fcber, so lange da nichts kommt, was der geliebten Illusion widerspricht. Immer wieder lese ich in anderen Blogs, wie <em>tief<\/em> und <em>nahe<\/em> und <em>ber\u00fchrend<\/em> solche Beziehungen erlebt werden und selbst erlebt hab&#8216; ich das nat\u00fcrlich auch.  Allerdings wurde mir dann doch irgendwann klar, dass es sich hier mehr um &#8222;gelebte Literatur&#8220; als geliebte Realit\u00e4t handelt &#8211; aber das ist <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/08\/23\/liebe-per-email\/\">eine andere Geschichte<\/a>. <\/p>\n<p>Ich erw\u00e4hne sie, weil die &#8222;virtuelle Beziehung&#8220; eine pseudo-N\u00e4he vermittelt, die nur einen Ausschnitt unserer Selbst und des jeweiligen Gegen\u00fcbers ausmacht. Es ist leicht, Konflikte zu vermeiden, denn man st\u00f6\u00dft ja nicht im Alltag auf die anderen Interessen und Verhaltensweisen des Partners. Anders, wenn die Beziehung eine &#8222;reale&#8220; wird, wobei das zusammen Wohnen wohl die sch\u00e4rftste Form konfliktgeneigten Miteinanders ist, die man w\u00e4hlen kann.  Gleichwohl gilt das als der Normalfall, was ich im Fall der Familiengr\u00fcndung auch verstehe. Da braucht es das &#8222;gemeinsame Nest&#8220; f\u00fcr die Kinder, die als gro\u00dfes gemeinsames Projekt ganz anders verbinden als eine ganz normale Liebe mit mehr oder weniger Romantik.<\/p>\n<p>Will man aber keine Familie oder hat das schon hinter sich, frag ich mich manchmal, warum sich die Menschen das mit dem Zusammenwohnen antun. Meine eigenen Erfahrungen haben mir gezeigt, dass ich gut daran tue, mit dem Liebsten NICHT Tisch und Bett, K\u00fcche und Bad zu teilen. Zu krass sind die Anpassungserfordernisse, die ein gedeihliches Miteinander erm\u00f6glichen &#8211; mal abgesehen vom seltenen Fall gro\u00dfen Reichtums, dank dessen man sich z.B. ein weitl\u00e4ufiges Schloss teilt, wo jeder seinen eigenen Wohntrakt hat, mit separatem Eingang. :-)<\/p>\n<h2>Streiten tut weh, nicht streiten auch<\/h2>\n<p>In jungen Jahren waren meine Zusammenwohn-Versuche \u00e4u\u00dferst problematisch: Durch die Alltagsn\u00e4he verschwand bei mir alsbald das erotische Verlangen, was schon allein ein gro\u00dfes Konfliktpotenzial bot. Der unterschwellige Dissens, der sich daraus ergab, f\u00fchrte zu Streitigkeiten \u00fcber Kleinigkeiten und bez\u00fcglich des Mega-Themas zu durchwachten N\u00e4chten mit heftigem Streit, Tr\u00e4nen und endlosem, einer Besserung nicht wirklich f\u00f6rderlichem &#8222;dr\u00fcber reden&#8220;. <\/p>\n<p>Mit 40plus hatte ich diese Art Beziehungswirrwar erstmal hinter mir und konnte zehn Jahre friedlich mit einem Mann zusammen leben, der mir noch  heute lieber Freund und Wahlverwandter ist. Das klappte allerdings nur, weil Erotik nicht das Verbindenden zwischen uns war und wir uns &#8211; jeder f\u00fcr sich &#8211; bis an die Grenze des M\u00f6glichen zur\u00fccknahmen. Offener Streit war undenkbar, weshalb unser Miteinander mehr und mehr zu einem oberfl\u00e4chlich harmonischen, aber auch unlebendigen, gleichf\u00f6rmigen Leben geriet. Irgendwann war mir das zu wenig, ich hatte Aff\u00e4ren, unter denen er litt, und wir beschlossen, auseinander zu ziehen. <\/p>\n<p>Seit Anfang 2003 wohne ich also wieder alleine und will das auch nicht mehr \u00e4ndern. Mein jetziger Liebster wohnt 15 Fu\u00dfminuten von mir, eine optimale N\u00e4he bzw. Ferne! Was wir zusammen erleben wollen, machen wir zusammen, ansonsten macht jeder seins. An sich eine super Situation, um s\u00e4mtliche m\u00f6glichen Streitanl\u00e4sse weitr\u00e4umig auszulassen, doch entgeht man den Grundtatsachen des Lebens auf Dauer nicht, sofern man noch bereit ist, sich zu entwickeln.<\/p>\n<h2>Nun doch: gemeinsamer Alltag mit Konfliktpotenzial<\/h2>\n<p>2006 fiel uns ganz unerwartet ein Garten zu, der allerdings derart perfekt als &#8222;wilder Garten&#8220; angelegt war, dass sich gar keine Gelegenheit bot, \u00fcber seine Gestaltung und Pflege aneinander zu geraten. Anders im neuen Garten, den wir nach Verlust dieses kleinen Paradieses  suchten und fanden. Hier war quasi &#8222;Tabula rasa&#8220;, kahle Erde mit h\u00e4sslichen Beton-Einfassungen &#8211; wir wollten und mussten alles \u00e4ndern, um wieder in die N\u00e4he eines &#8222;wilden Gartens&#8220; zu kommen, wie er uns gef\u00e4llt. <\/p>\n<p>Tja, da hatten wir ihn nun doch: den gemeinsamen Alltag mit tausend Anl\u00e4ssen, anderer Meinung zu sein als der Partner. Da wir um unsere mangelnde Streitkultur wussten, pflegten wir zun\u00e4chst lange die Haltung &#8222;ignoranter Hingabe&#8220;: Sowohl er als auch ich betonten immer wieder, dass wir bereit seien, alles so zu machen, wie der Partner es w\u00fcnscht &#8211; basierend auf dem gemeinsamen Wunsch nach einem m\u00f6glichst &#8222;naturnahen&#8220; Garten.<\/p>\n<p>So richtig voran kommt man mit dieser Art der Konfliktvermeidung allerdings nicht, wie wir  bald bemerkten. Alles lassen, wor\u00fcber keine Einigkeit besteht, ODER sich aufraffen, &#8222;den Hut aufzusetzen&#8220; und nach je eigenem Gutd\u00fcnken zu werkeln: beides war nicht wirklich befriedigend. Und so begannen wir, bei unseren Rundg\u00e4ngen durch den Garten jede Ecke zu besprechen. Frisch fr\u00f6hlich verk\u00fcndete ich, was aus meiner Sicht im Argen lag und anders werden sollte. Er verstand das zu meiner Verwunderung dann schon mal als Kritik, dass er das noch nicht l\u00e4ngst so gestaltet hatte, oder auch als fertigen Arbeitsauftrag, den ich ihm bzw. uns zumuten wollte.  Dabei war ich doch erstmal nur dabei, meine Gedanken zu teilen, um im Austausch mit seinen Ideen zu einem Konsens zu kommen!<\/p>\n<h2>Konstruktiv streiten<\/h2>\n<p>Anf\u00e4nglich verliefen diese Gespr\u00e4che sehr sperrig, doch nach und nach wurden wir besser. Ich konnte Missstimmungen und aus meiner Sicht &#8222;falsche Reaktionen&#8220; sehr viel besser ertragen und ausgleichen als in fr\u00fcheren Lebensjahren. Humor, Offenheit, keine &#8222;Weiterungen&#8220; der strittigen Themen auf andere Aspekte der Beziehung \u00fcbertragen &#8211; das sind die mir zugewachsenen F\u00e4higkeiten, die es erm\u00f6glichten, nach und nach auch konstruktiv zu streiten. Und er versteht meine \u00c4nderungsw\u00fcnsche heute erstmal nur als Vorschlag und hat kein Problem mehr damit, seine Sicht der Dinge dagegen zu stellen. Im Garten kommen wir jetzt gut voran! :-)<\/p>\n<p>Das zu erreichen, hat schlappe vier Jahre gedauert. Ich kann also nicht behaupten, ein leuchtendes Beispiel in Sachen &#8222;Streitkultur&#8220; zu sein!  Was ich durchweg bei allen Gelegenheiten, in allen Beziehungen und bei allen Themen mit Streitpotenzial mittlerweile beachte, ist das &#8222;von mir sprechen&#8220;: Meine Gedanken und Gef\u00fchle kann mir niemand absprechen und \u00fcbel nehmen &#8211; anders als wenn ich sie verallgemeinere und Aussagen \u00fcber das Gegen\u00fcber, den Partner, &#8222;die Frauen&#8220; oder &#8222;die M\u00e4nner&#8220; mache, was quasi immer irgend jemanden verletzt. <\/p>\n<p>Ein weiterer Tipp f\u00fcr konstruktive Auseinandersetzungen ist, beim Thema und in der Gegenwart zu bleiben. Nichts \u00e4rgert mehr als Bemerkungen wie &#8222;Du kannst ja nicht anders, du bist ja immer schnell dabei, SO zu reagieren&#8220; und andere Vorhaltungen, die auf ein angebliches &#8222;So-Sein&#8220; des Gegen\u00fcbers hinweisen. Ja, es gibt die Vergangenheit, aber wir haben alle die M\u00f6glichkeit, hier und jetzt anders zu handeln. Dies dem Partner abzusprechen ist fast so schlimm wie ein gewaltt\u00e4tiger \u00dcbergriff. Und weit weg von aller Liebe. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo Menschen zusammen kommen, gibt es nicht nur gemeinsame, sondern auch individuelle, oft widerstreitende Interessen. Trotzdem hat das &#8222;Streiten&#8220; einen schlechten Ruf. Man f\u00fcrchtet den Streit, denn allzu schnell hat man sich gegenseitig verletzt, ohne es zu wollen. 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