{"id":898,"date":"2012-08-21T12:00:42","date_gmt":"2012-08-21T11:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=898"},"modified":"2013-11-27T12:21:13","modified_gmt":"2013-11-27T11:21:13","slug":"wer-bin-ich-nichts-bestimmtes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2012\/08\/21\/wer-bin-ich-nichts-bestimmtes\/","title":{"rendered":"Wer bin ich? Nichts bestimmtes&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Dass die Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; neben dem Woher-Wohin-Wozu die wesentliche Frage sei, konnte ich lange nicht verstehen. Jedenfalls nicht in jenem tieferen Sinn, der \u00fcber die Alltagsantwort &#8222;ich bin Claudia Klinger, Webworkerin, wohnhaft in Berlin&#8220; und \u00c4hnliches hinaus geht. <\/p>\n<p>Wenn ich derzeit der Frage wiederbegegne, wie gerade in den Kommentaren eines <a href=\"http:\/\/rosaliesmidlifecrisis.blogspot.de\/2012\/08\/alles-konnte-so-perfekt-sein.html\">Artikels auf &#8222;Rosalies Midlife Crisis&#8220;<\/a>, dann sag&#8216; ich aus heutiger Sicht: Mit meinem Unverst\u00e4ndnis lag ich ziemlich richtig, es ist der Wahrheit n\u00e4her als s\u00e4mtliche m\u00f6glichen Einzelergebnisse noch so ernsthafter Introspektion. <\/p>\n<h2>Das Selbst als Zwiebel<\/h2>\n<p>Mein fr\u00fcherer, vom ZEN inspirierter Yogalehrer hatte allerdings noch mehr zu bieten als blo\u00df den Verweis auf die alte Frage. Er verwendete das Bild der Zwiebel: Mit der Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; sch\u00e4le ich die Zwiebel. Jede Antwort ist eine neue Schale, die nach einiger Zeit ebenfalls abgesch\u00e4lt wird, da keine Antwort auf Dauer DIE Antwort ist. Und sollten wir einmal alle Zwiebelschichten entfernt haben &#8211; was bleibt? Nichts! <!--more--><\/p>\n<p>Hei\u00dft das, dass es kein Individuum, keine Pers\u00f6nlichkeit gibt? Oh nein, ganz im Gegenteil, je entspannter ich dieses &#8222;Nichts, das ich bin&#8220; zur Kenntnis nehme, desto gelassener kann ich mich dem aktuellen So-Sein hingeben. Mir ist klar, wie ich geworden bin, was ich heute bin, und dass mein willentlicher Anteil daran weit geringer ist, als man gemeinhin meint. Zwar kann ich oft tun, was ich will, doch was ich wollen soll, entzieht sich meiner Macht. <\/p>\n<p>So geht es gerade auch Rosalie und vielen anderen, die in ihren Blogs \u00fcber eingeschlafene Langzeit-Ehen und Beziehungen berichten. Man war eine Bilderbuchfamilie, hat sich gemeinsam etwas aufgebaut, doch irgendwann, meist so ab Mitte 40, erweist sich das Erreichte als nicht mehr genug. Die Kinder sind aus dem Haus oder in einem Alter, in dem sie nicht mehr die gesamte Energie binden &#8211; und auf einmal versp\u00fcren die Menschen ein Defizit: <em>Soll das jetzt alles gewesen sein? Wer bin ich, abgesehen von der Familie und allem, was als &#8222;Nest&#8220; rund um diese erarbeitet wurde? <\/em><\/p>\n<h2>Sich finden, entdecken, neu erfinden?<\/h2>\n<p>Das Internet wirkt oft als Katalysator, der die Brisanz der Frage machtvoll steigert. Per Netzkommunikation mit Fremden kann man sich selbst &#8222;ganz neu&#8220; erleben und erfinden, kann wieder Frau bzw. Mann sein, begehren und begehrt werden, anstatt nurmehr funktionierender Familienmensch und &#8222;Partner&#8220; zu sein. Neue Welten scheinen sich aufzutun, ungelebtes Leben ruft schier unabweisbar nach Erf\u00fcllung &#8211; und wer sich in dieser Situation die alte Frage stellt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Antwort bekommen: <em>Ich bin nicht die, die ich zu sein glaubte, sondern viel MEHR!<\/em> Oder auch: <em>Ich bin die Raupe, die sich f\u00fcr lange Zeit verpuppt hatte und zum Schmetterling erwachen will, bin die Schlange, die die alte Haut abwirft und nun frisch und neu und unglaublich intensiv f\u00fchlend durch den Abenteuer-Dschungel gleitet. <\/em><\/p>\n<p>Eine andere Bloggerin, deren Adresse ich leider vergessen habe, erz\u00e4hlt, wie so ein Erleben bei ihr weiter ging. Sie hatte sich unter gro\u00dfen Schmerzen f\u00fcr alle Beteiligten aus den alten Bez\u00fcgen befreit und mit einem neuen, im Netz kennen gelernten und hei\u00df begehrten Mann zusammen getan. Die beiden reizten das &#8222;Abenteuerliche&#8220; voll aus, widmeten sich exzessiv allen bisher nur ertr\u00e4umten erotischen Spielarten, um nach einigen Jahren dann doch genau wieder da zu landen, woher sie gekommen waren: In einer Beziehung, aus deren Eingefahrenheit man sich gerne wieder befreien m\u00f6chte &#8211; und wieder \u00f6ffnete sich ein Tal der Tr\u00e4nen.<\/p>\n<h2>Im Fluss des Lebens<\/h2>\n<p>Was folgt nun daraus? Meine pers\u00f6nlichen Schl\u00fcsse aus \u00e4hnlichen Erfahrungen (zum Gl\u00fcck ohne  Ehe\/Kinder\/Hausbau etc.) beantworten die Wer-bin-ich-Frage nun so: Ich bin nichts Bestimmtes, sondern ein dynamischer, mit allem-was-ist vernetzter und interagierender Prozess. Das &#8222;Nichts&#8220; im nicht vorhandenen Kern der Zwiebel ist nicht Leere, sondern Repr\u00e4sentation des Ganzen, der Gesamtheit aller menschenm\u00f6glichen Erfahrungen und Erlebensweisen.  Sobald ich an etwas Bestimmtem lange festhalte und mein Leben danach ausrichte, ergeben sich zwangsl\u00e4ufig &#8222;M\u00e4ngel&#8220; an anderer Stelle.  Die werden allerdings erst als solche gef\u00fchlt, wenn die Identifikation mit dem Bestehenden abnimmt, die einst empfundene Erf\u00fcllung im Geflecht \u00f6de werdender Gewohnheiten und Routinen versandet. <\/p>\n<p>&#8222;Ich&#8220; bin also immer sowohl die &#8222;Neue&#8220; als auch die &#8222;Alte&#8220;: schlage ich mich engagiert auf die Seite von Freiheit und Abenteuer, werde ich selber es sein, die alsbald &#8211; unbewusst oder bewusst &#8211; an der Stabilisierung und Vergem\u00fctlichung der neuen Verh\u00e4ltnisse arbeitet. Um dann irgendwann wieder im Geh\u00e4use erstarrter Gewohnheiten Ausschau nach dem &#8222;ganz Anderen&#8220; zu halten.<\/p>\n<p>Und in keiner dieser Situationen kann ich irgend etwas \u00e4ndern, sondern w\u00fcrde immer nur genau die Lehren, Workshops, Selbstfindungskonzepte und Ratschl\u00e4ge annehmen, die meine aktuelle Getriebenheit unterst\u00fctzen. <\/p>\n<p>Wir sind eben nichts Statisches, nichts Wesentliches, sondern Ereignisse, die aus dem Vollen sch\u00f6pfen. Da ist niemand, der sich gegen den Fluss des Lebens stellen k\u00f6nnte. Allenfalls kann man den ganzen Fluss in den Blick nehmen, anstatt sich mit einigen Wirbeln und Str\u00f6mungen zu identifizieren &#8211; etwas, das mir allerdings auch erst &#8222;postmenopausal&#8220; gegl\u00fcckt ist. :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; neben dem Woher-Wohin-Wozu die wesentliche Frage sei, konnte ich lange nicht verstehen. 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