{"id":88,"date":"2007-08-31T22:26:22","date_gmt":"2007-08-31T20:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/08\/31\/selbstaendigkeit-vom-einkommen-und-auskommen\/"},"modified":"2011-10-22T11:04:19","modified_gmt":"2011-10-22T09:04:19","slug":"selbstaendigkeit-vom-einkommen-und-auskommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/08\/31\/selbstaendigkeit-vom-einkommen-und-auskommen\/","title":{"rendered":"Selbst\u00e4ndigkeit:  Vom Einkommen und Auskommen"},"content":{"rendered":"<p>Um zu erfahren, was meine Leser hier suchen, verwende ich ein n\u00fctzliches Tool, das mir die Suchbegriffe und Fragen anzeigt, die \u00fcber Google kommende Surfer\/innen eingeben, bevor sie hier landen. Mal sind diese Anliegen erheiternd, mal erschreckend, manchmal inspirieren sie mich auch zum schreiben. So fragte heute jemand: <em>&#8222;selbstst\u00e4ndig wann reichts zum leben?&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Eine seltsame Frage. Wei\u00df denn nicht jeder, wann das Geld zum Leben reicht? Das ergibt sich doch ganz einfach aus den Festkosten plus dem Betrag, den man im Schnitt pro Monat f\u00fcr die Lebenshaltung ausgibt. Warum wird da noch Google gefragt?<!--more--><\/p>\n<p>Und doch: wenn ich \u00fcber die m\u00f6glichen Motive der Frage nachsinne, erinnere ich mich an eigene Irritationen:  Wann  verdiene ich eigentlich GENUG? Solange das Einkommen immer nur knapp oder auch mal gar nicht reicht, solange der Dispo-Kredit exzessiv genutzt werden muss, um L\u00fccken zu \u00fcberbr\u00fccken, solange stellt sich diese Frage nicht. Als es mir noch so gegangen ist, dachte ich oft dar\u00fcber nach<\/p>\n<ul>\n<li>was ich wohl falsch mache,<\/li>\n<li>wie ich mehr Geld verdienen k\u00f6nnte,<\/li>\n<li>wie ich es vor allem hinbekommen k\u00f6nnte, meinen &#8222;Hang zur Selbstausbeutung&#8220; im Zaum zu halten und f\u00fcr meine Leistungen auch markt\u00fcbliche Preise zu nehmen.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Ohne Selbst-Wertsch\u00e4tzung geht&#8217;s nicht<\/h2>\n<p>Da ich das Webseiten bauen 1996 aus reiner Begeisterung begonnen hatte und es sich dann schleichend zum Beruf entwickelte, neigte ich lange dazu, zu denken: <em>das kann doch eigentlich jeder, man muss sich nur hinsetzen, lernen, ausprobieren &#8211; kein Problem!<\/em> Es dauerte, bis ich begriff, dass das nicht unbedingt jeder will und aufgrund der immer komplexer werdenden Webtechniken  auch nicht mal eben so KANN.  Entsprechend langsam wuchs die Wertsch\u00e4tzung meiner eigenen Arbeit &#8211; eine erste Voraussetzung, um mit gutem Gewissen das angemessene Honorar fordern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als es dann besser lief, lebte ich mit einem finanziellen Horizont von sechs bis acht Wochen: von der \u00fcbern\u00e4chsten Miete wusste ich nie im voraus, wo sie herkommen w\u00fcrde, doch st\u00f6rte mich das nicht. Es klappte ja allermeist: irgendwie ging es weiter, der n\u00e4chste Kunde fand sich ein, ich hatte sogar das Gef\u00fchl, recht erfolgreich zu sein. Immerhin musste ich nie um Auftr\u00e4ge werben, \u00fcber meine Weblandschaft und die Empfehlungen der Altkunden kamen (und kommen) die Auftr\u00e4ge ohne besondere &#8222;Akquise-Anstrengungen&#8220;, die mir immer schon verhasst waren.<\/p>\n<h2>Die R\u00fccklage<\/h2>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/category\/kulturschock-kambodscha\/\">Reise nach Kambodscha<\/a> Anfang 2006, zu der mich ein dort lebender Freund einlud, und die Krankheit danach, die meine Auszeit zwangsweise verl\u00e4ngerte, lie\u00df dann zum ersten Mal den Wunsch aufkommen, \u00fcber eine gewisse R\u00fccklage zu verf\u00fcgen: f\u00fcr selbst bezahlte Reisen (ich war auf den Geschmack gekommen!) und f\u00fcr den Fall, dass ich mal wieder krank werde. Es war n\u00e4mlich keine sch\u00f6ne Erfahrung, fiebrig und stinke erk\u00e4ltet die Maus zu schieben und Kundenauftr\u00e4ge abzuarbeiten!<\/p>\n<p>Zu dieser R\u00fccklage kam ich auf einem Umweg (auf direktem Weg h\u00e4tte ich die Idee gewiss wieder vertagt!):  in einer wieder mal schwierigen Finanzlage bot mir ein Freund einen Privatkredit \u00fcber 3000 Euro an, zinslos und r\u00fcckzahlbar in bequemen Raten. Zwar bin ich gegen das Schulden machen, doch hier griff ich dankbar zu. Es rettete mich aus der aktuellen Sorge um die n\u00e4chste Miete und gab mir mehr innere Ruhe, sowie die Gelegenheit, meine Finanzen mal grunds\u00e4tzlich zu analysieren:  Wie viel brauche ich f\u00fcr die Festkosten und zum Leben? Woher soll das Geld kommen? Wie viel sollen meine verschiedenen Einkommenss\u00e4ulen bringen? Webdesign, Schreibimpulse-Kurse, Coaching &#8211; was k\u00e4me noch in Frage?<\/p>\n<h2>Angekommen im Plus<\/h2>\n<p>In der n\u00e4chsten Zeit liefen die Gesch\u00e4fte besser und ich musste den Kredit bei weitem nicht ausgeben. Ja, ich merkte, dass ich trotz der R\u00fcckzahlungsraten das Polster, \u00fcber das ich nun verf\u00fcgte, nicht mehr missen wollte. So trat der &#8222;Sparbeitrag&#8220; in mein Leben, etwas, das ich fr\u00fcher total spie\u00dfig gefunden hatte (Geld horten! Igitt, wie raffgierig!). Jetzt legte ich regelm\u00e4\u00dfig Geld zur Seite, um die so freundlich geliehene Summe jederzeit im Ganzen zur\u00fcck zahlen zu k\u00f6nnen: ich bef\u00fcrchtete Abh\u00e4ngigkeit und Unfreiheit gegen\u00fcber dem &#8222;G\u00f6nner&#8220; und sorgte also daf\u00fcr, r\u00fcckzahlungsf\u00e4hig zu sein und zu bleiben.<\/p>\n<p>Zu Anfang gelang das nur unter rechnerischer Einbeziehung des Dispokredits, doch das \u00e4nderte sich bald, genau wie dessen tats\u00e4chliche Nutzung: fr\u00fcher pendelten meine Finanzen zwischen Plus und Minus, nun nur noch zwischen Plus und Null &#8211; ein weiterer Fortschritt in meiner ganz pers\u00f6nlichen &#8222;Geld-Kultur&#8220;, zu der mich auch mein Liebster anhaltend motivierte, der es hasst, den Banken Geld in den Rachen zu werfen. Witzigerweise hat mir die Bank den Dispo, den ich nun nicht mehr brauchte, unverlangt verdreifacht &#8211; wohl um mich zu verf\u00fchren, mal wieder zuzuschlagen!<\/p>\n<h2>Eine neue Friedlichkeit<\/h2>\n<p>Nun hatte ich also einen neuen Level in Sachen Finanzen erreicht: nicht mehr ganz so prek\u00e4r wie gewohnt.  Keine Sorge mehr um die \u00fcbern\u00e4chste Miete, ich k\u00f6nnte auch jederzeit zwei Monate aussetzen mit der Arbeit. Mit Staunen bemerkte ich, was das f\u00fcr mein Arbeitsleben bedeutete:<\/p>\n<ul>\n<li>Ich f\u00fchlte mich nun nicht mehr in der Pflicht, alles machen zu m\u00fcssen, was mir so angetragen wird,<\/li>\n<li>hatte auf einmal weniger Bedenken, angemessene Kostenvoranschl\u00e4ge zu machen,<\/li>\n<li>und traute mich auch, mehr tats\u00e4chlich anfallende Arbeiten in meine Rechnungen aufzunehmen, die ich fr\u00fcher &#8222;so nebenbei&#8220; miterledigt hatte, um blo\u00df nicht &#8222;zu teuer&#8220; zu werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Bef\u00fcrchtung war \u00fcberfl\u00fcssig, geboren aus der eigenen Psychomacke in Sachen Geld einfordern, aufrecht erhalten durch die stets prek\u00e4re Finanzlage. Nicht nur st\u00f6rte sich niemand an meinem ge\u00e4nderten Verhalten, es geschah sogar, dass mir eine alte Kundin von sich aus die Honorierung von Beratungsstunden anbot, die ich bisher ohne Berechnung geleistet hatte.  Eine seltsame Koinzidenz, die mir zeigte: ich bin auf dem richtigen Weg!<\/p>\n<p>Eine neue Friedlichkeit ist nun in mein Leben eingekehrt. Ich erfahre die Wahrheit des alten Spruchs: &#8222;Geld macht nicht gl\u00fccklich, aber es beruhigt&#8220;. Interessant, dass ich auf dem prek\u00e4ren Level gar nicht wahrgenommen hatte, wie sehr mich die &#8222;gewohnte Sorge ums Geld&#8220; doch tats\u00e4chlich einschr\u00e4nkt und auch psychisch belastet! Es war unter meiner W\u00fcrde gewesen, dem schn\u00f6den Mammon eine solche Bedeutung zuzumessen, also haperte es mit der Selbstwahrnehmung.<\/p>\n<h2>Wieviel Geld ist GENUG?<\/h2>\n<p>Mein &#8222;Auskommen&#8220; empfinde ich also seit einiger Zeit als gesichert, einerseits durch das nun  kontinuierlichere Einkommen (ich hab mir eine weitere &#8222;S\u00e4ule&#8220; erschaffen, wie meine Stammleser sicher bemerkt haben), andrerseits durch die Existenz einer R\u00fccklage.<\/p>\n<p>Diese zu mehren (durch Sparbeitr\u00e4ge und mehr Disziplin beim Geld verdienen), bin ich nun pl\u00f6tzlich gewohnt und begegne so der f\u00fcr mich neuen Frage: Wann ist es genug? Will ich MEHR als ein paar Monate &#8222;Sicherheit&#8220;?<\/p>\n<p>Ja wozu denn? Neben &#8222;der sch\u00f6nsten Sache der Welt&#8220; ist mir meine Arbeit nach wie vor der liebste Zeitvertreib &#8211; und jetzt macht es sogar noch MEHR Spa\u00df, denn endlich kommt ein Teil meines Einkommens durch &#8222;ins Web schreiben&#8220; zustande. Ich muss mir nicht mehr die Zeit abknapsen mit dem schlechten Gewissen im Hintergrund, das mir st\u00e4ndig einfl\u00fcstert: K\u00fcmmere dich lieber um die Auftragslage, anstatt einen Diary-Beitrag zu schreiben oder Bilder ins Gartenblog zu stellen!<\/p>\n<p>Es verlangt mich also nicht danach, weniger zu arbeiten (\u00fcber das hinaus, was ich f\u00fcr den Garten <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/04\/25\/arbeitszeit-verkuerzen-oder-mehr-geld-verdienen\/\">frei geschaufelt<\/a> habe). Also einfach weiter sparen &#8211; oder mehr Geld ausgeben? Mal die Wohnung renovieren? Kurse besuchen, die mich physisch in Bewegung versetzen, weil ich es alleine nicht hinbekomme, &#8222;nachhaltig&#8220; meine Fitness zu trainieren? Oder mehr geben? Seit 2006 sponsere ich ein Kambodschanisches Kind mit im Grunde l\u00e4cherlichen 20 Euro\/Monat &#8211; da w\u00e4re ja noch einiges denkbar.<\/p>\n<p>Mich bremsen und &#8222;mehr Mu\u00dfe&#8220; \u00fcben? Konsumieren? Sparen? Spenden? Investieren?<\/p>\n<p>F\u00fcr mich sind das neue Fragen, ich wurzele da in keiner Tradition, an die ich ankn\u00fcpfen k\u00f6nnte. Das verbreitete bewusstlose Geld vermehren ist mir genauso fremd wie Status-K\u00e4ufe oder ein teurer hedonistischer Lebensstil. Hinzu kommt, dass &#8222;man \u00fcber Geld nicht spricht&#8220;, h\u00f6chstens dar\u00fcber, dass es fehlt. Ein kommunikatives Vakuum tut sich vor mir auf, w\u00e4hrend die Fragen im Leben ihre Anwort suchen.<\/p>\n<p>Ich bleibe dran und werde auch andere fragen: Wieviel Geld ist f\u00fcr dich genug?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um zu erfahren, was meine Leser hier suchen, verwende ich ein n\u00fctzliches Tool, das mir die Suchbegriffe und Fragen anzeigt, die \u00fcber Google kommende Surfer\/innen eingeben, bevor sie hier landen. Mal sind diese Anliegen erheiternd, mal erschreckend, manchmal inspirieren sie mich auch zum schreiben. 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