{"id":87,"date":"2007-08-28T11:21:20","date_gmt":"2007-08-28T09:21:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/08\/28\/keine-begegnung\/"},"modified":"2007-08-31T22:27:21","modified_gmt":"2007-08-31T20:27:21","slug":"keine-begegnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/08\/28\/keine-begegnung\/","title":{"rendered":"Keine Begegnung"},"content":{"rendered":"<p>18.40 Uhr, endlich hab&#8216; ich einen Platz im Board-Restaurant des ICE ergattert! Um halb neun werde ich in Hannover umsteigen, bis dahin will ich es mir hier gut gehen lassen. Ohne Platzreservierung verbringe ich die Reisezeit gerne im Speisewagen, sofern vorhanden. Das Abteil ist recht voll, ich sitze an einem Tisch f\u00fcr zwei, mir gegen\u00fcber ein Mann um die drei\u00dfig, dunkle, kurze Haare, unauff\u00e4lliges \u00c4u\u00dferes, SPIEGEL-Leser.<!--more--><\/p>\n<p>Ich bestelle und versenke mich ebenfalls in den SPIEGEL, den ich als Reiselekt\u00fcre mitf\u00fchre und schon im Bistro-Raum, wo ich auf diesen Platz wartete, angelesen hatte. &#8222;Die gelben Spione&#8220; hei\u00dft der Schwerpunkt. Mit durchaus gemischten Gef\u00fchlen lese ich, &#8222;wie China deutsches Know-how aussp\u00e4ht&#8220;. Ist ja wirklich der Hammer, wie dieses Riesenland auf seinem Weg zur Wirtschaftsweltmacht nach dem Motto &#8222;legal, illegal, schei\u00dfegal&#8220; agiert &#8211; und wie &#8222;die deutsche Wirtschaft&#8220; da \u00fcber den Tisch gezogen, ausgesp\u00e4ht und ausgeraubt wird! Andrerseits: hier ist mal eine Macht am Werk, die sich die westliche Manier, ganze Kontinente als billige Rohstofflieferanten und verl\u00e4ngerte Werkb\u00e4nke zu gebrauchen, einfach nicht gefallen l\u00e4sst &#8211; zu unserem Schaden, ja sicher, aber hat nicht jedes Ding zwei Seiten? Der SPIEGEL beschreibt (fast) nur die eine Seite &#8211; typisch!<\/p>\n<p>Ein Blick auf mein Gegen\u00fcber zeigt, dass er auch gerade diesen Artikel liest. Ich erkenne die Fotos, wir lesen in derselben Geschwindigkeit, bl\u00e4ttern gleichzeitig weiter. <em>Wie finden Sie das, was die Chinesen da treiben?<\/em> will ich sagen, bleibe dann aber doch lieber still.<\/p>\n<p>&#8222;Rituale der Hilflosigkeit&#8220; hei\u00dft der n\u00e4chste Artikel, der die gruslige Hetzjagd von M\u00fcgeln thematisiert, dann folgt &#8222;Ein stiller Pr\u00e4ventivkrieg&#8220; \u00fcber den Aufstieg von Steinmeier &#8211; wieder sehe ich, dass mein Gegen\u00fcber dieselbe Seite liest und finde die Situation zunehmend seltsam. Zwei Fremde im Zug,  einander gegen\u00fcber sitzend, Seite f\u00fcr Seite dieselben Themen konsumierend, dieselben Bilder betrachtend &#8211; aber kein Wort, kein Blick, kein Kontakt.<\/p>\n<p>Es ist kein Gef\u00fchl des Mangels, das mich bewegt. Eigentlich will ich ja selber mit diesem Menschen gar nicht sprechen, der f\u00fcr mich rein optisch ein ebenso uninteressanter Niemand ist wie ich es f\u00fcr ihn bin. Warum sollte ich mit ihm \u00fcber China plaudern? Es w\u00fcrde mich vermutlich langweilen. Woher also diese Empfindung der Unstimmigkeit, blo\u00df weil kein Austausch statt findet \u00fcber das, was wir beide gerade erleben?<\/p>\n<p>&#8222;Rote Warnlampen&#8220;, ein Text zum \u00dcbertritt einer gr\u00fcnen Abgeordneten zur Linken, trennt unsere unabsichtliche Simultaneit\u00e4t: ich lese, er bl\u00e4ttert weiter. F\u00fchle ich da eine gewisse Erleichterung?<\/p>\n<p>&#8222;Guten Appetit&#8220;, sage ich, als seine Schinkenplatte aufgetragen wird.<br \/>\n&#8222;Danke!&#8220;<br \/>\nZwanzig Minuten sp\u00e4ter und etliche SPIEGEL-Artikel weiter kommt endlich auch mein Essen.<br \/>\n&#8222;Lassen Sie es sich schmecken!&#8220;, sagt er jetzt.<br \/>\nEin h\u00f6flicher Mensch, der wei\u00df, was sich geh\u00f6rt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18.40 Uhr, endlich hab&#8216; ich einen Platz im Board-Restaurant des ICE ergattert! 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