{"id":84,"date":"2007-08-07T12:34:12","date_gmt":"2007-08-07T10:34:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/08\/07\/spiritueller-materialismus\/"},"modified":"2008-01-21T18:08:05","modified_gmt":"2008-01-21T16:08:05","slug":"spiritueller-materialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/08\/07\/spiritueller-materialismus\/","title":{"rendered":"Spiritueller Materialismus"},"content":{"rendered":"<p>Worum geht es eigentlich in diesem Leben? Die Frage erfordert zwar eine individuelle Antwort, doch kommt sie mir vor allem dann in den Sinn, wenn ich lese, wie andere sich ums &#8222;richtige Leben&#8220; bem\u00fchen. Dreh- und Angelpunkt solcher Strebungen ist meist das eigene Ich, das  gleichzeitig als blo\u00dfes &#8222;Konzept des Verstandes&#8220; angesehen wird <em>(denn: WO ist das Ich?? Es gibt nichts Substanzielles, an dem wir es festmachen k\u00f6nnten)<\/em>.<\/p>\n<p>Diese Sicht der Dinge sch\u00fctzt nun aber nicht vor dem <strong>spirituellen Materialismus<\/strong>, der das eigene Wohlergehen als &#8222;ganz bei sich sein&#8220; definiert und idealisiert, und so neue Probleme mit der Au\u00dfenwelt produziert:  Immer wieder sind da Andere, die mit ihren gew\u00f6hnlichen \u00c4ngsten und Aggressivit\u00e4ten, mit ihren sozialen Masken und mentalen Verwirrungen die Harmonie st\u00f6ren. Wie unangenehm, von diesem ganzen Wust der Allt\u00e4glichkeit ber\u00fchrt und bewegt zu werden! <!--more--><\/p>\n<h2>Entspannt und ber\u00fchrbar<\/h2>\n<p>Ich beschreibe, was ich phasenweise an mir selbst erlebte, damals, als die jahrelange Yoga-Praxis mich tats\u00e4chlich langsam ver\u00e4nderte: mehr Wachheit im Alltag, mehr Gesp\u00fcr f\u00fcr &#8222;feine Schwingungen&#8220; und Stimmungen, ein gleichzeitiges Gewahrsein von &#8222;innen&#8220; und &#8222;au\u00dfen&#8220;, wobei die Grenzen immer mehr verschwammen. Die regelm\u00e4\u00dfigen \u00dcbungen hatten meine Muskelverpanzerungen nach und nach aufgel\u00f6st, meine Atmung normalisiert und verl\u00e4ngert und mich dadurch &#8222;durchl\u00e4ssiger&#8220; und sehr viel sensibler gemacht.<\/p>\n<p>Einerseits erlebte ich das als Befreiung von vielerlei Lasten, die ich in Gestalt von Verh\u00e4rtungen und Verspannungen Jahrzehntelang mit mir geschleppt hatte. Andrerseits war es auch ein Verlust: Kein &#8222;dickes Fell&#8220; sch\u00fctzte mich mehr vor den Gef\u00fchlen der Mitmenschen, die ich nun sehr viel intensiver mitbekam als je zuvor. Auch Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, Geb\u00e4udeformen und Vegetation, Verwahrlosung oder Gepflegtheit der Umgebung hatten auf einmal sehr viel gr\u00f6\u00dfere Wirkung auf mein Befinden &#8211; es ging soweit, dass ich zuhause deutlich ordentlicher wurde, weil ich so ein &#8222;kreatives Chaos&#8220; auf einmal als Belastung empfand.  &#8222;Yoga als Weg, nun endlich doch zum Spie\u00dfer zu werden!&#8220;, dachte ich in einem Moment innerer Renitenz, doch wurden diese Einspr\u00fcche meines &#8222;alten Ichs&#8220; immer weniger.<\/p>\n<p>Das lag an den auch f\u00fcrs &#8222;Ego&#8220; einsichtigen Vorteilen, die der neue &#8222;Normalzustand&#8220; mit sich brachte: nicht mehr ruhelos und getrieben,  nicht automatisch in Erinnerungen und Zukunftspl\u00e4nen kreisend &#8211; ich  f\u00fchlte mich &#8222;ganz entspannt im hier und jetzt&#8220;, ein Befinden, das leicht bis hin zu einem ekstatischen Gef\u00fchl intensiviert werden konnte, einfach so, durch Gewahrsein des K\u00f6rpers und des Atems.<\/p>\n<h2>Mein Haus, mein Garten, meine Wachheit, mein innerer Friede<\/h2>\n<p>Dass ich mit dem vom ZEN inspirierten meditativen Yoga meines Lehrers <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/hempel.htm\">Hans Peter Hempel<\/a> eine Praxis \u00fcbte, die nicht allein den Geist ansprach, sondern auch den K\u00f6rper &#8222;auf die Reise mitnahm&#8220;, rettete mich sp\u00e4ter aus der Falle, die ich &#8222;spirituellen Materialismus&#8220; nenne. Eine Haltung also, die mittels spirituell motivierter \u00dcbungen und Lebenshaltungen doch nur wieder das eigene Wohlbefinden verbessern und erhalten will: ich, ich, ich und mein Haus, mein Garten, mein Auto, mein innerer Friede, meine frei flie\u00dfenden Energien, meine Gl\u00fcckseligkeit!<\/p>\n<p>Hier sollte ich vielleicht mal einschieben, dass meine &#8222;Gutmensch-Phase&#8220; auch damals schon hinter mir lag. Das Leben hatte mich belehrt, dass  &#8222;das B\u00f6se&#8220; nicht ausschlie\u00dflich bei den Anderen, sondern auch in mir sein Schattendasein lebt (und Energien zur Verf\u00fcgung stellt, auf die ich nicht verzichten will). Ich hatte mit mir und all meinen hellen und dunklen Seiten Freundschaft geschlossen und lief nicht Gefahr, nach Heiligkeit oder dergleichen zu streben. Jegliche militante Lustfeindlichkeit, bem\u00fchte Askese und angestrengte N\u00e4chstenliebe sind mir fremd. Ich spreche nicht von einem &#8222;\u00dcber-Ich&#8220; aus, das krampfhaft ein guter Mensch sein will, sehe also &#8222;spirituellen Materialismus&#8220; nicht als &#8222;S\u00fcnde&#8220; an, die ich in mir selbst und anderen verurteilen und bek\u00e4mpfen m\u00fcsste.<\/p>\n<h2>Nicht S\u00fcnde, sondern Sackgasse<\/h2>\n<p>Es ist vielmehr die Leere, die mir gezeigt hat, dass ausschlie\u00dfliches Streben nach (mentalem, k\u00f6rperlichen, psychischen und spirituellem) Wohlbefinden nirgendwo hinf\u00fchrt, sondern eine Art Sackgasse darstellt.<\/p>\n<p>Sie hat mir gezeigt, dass es gar nicht m\u00f6glich ist, es sich &#8222;nur gut gehen zu lassen&#8220;. S\u00e4mtliche Wohlgef\u00fchle sind nur erlebbar, wenn auch &#8222;Unwohlsein&#8220; (=Leiden) in seiner Vielfalt erfahren wird. Das ist das Wesen der <strong>Dualit\u00e4t<\/strong>, aus der wir als ganze Menschen nicht AUSSTEIGEN k\u00f6nnen. Jeder neue Level harmonischen Wohlbefindens verflacht zu &#8222;nichts Besonderem&#8220;, wenn wir uns da nicht auch wieder heraus rei\u00dfen lassen und die dunkle Palette der Gef\u00fchle und Empfindungen sp\u00fcren &#8211; etwas, das nicht mehr &#8222;automatisch&#8220; geschieht, wenn man &#8222;zuhause aufger\u00e4umt&#8220; hat, sondern allenfalls als &#8222;Zumutung der Welt&#8220; bzw. Einfl\u00fcsse der Mitmenschen mit ihren oft ausgesprochen negativen Gef\u00fchlszust\u00e4nden erlebt wird.<\/p>\n<p>An dieser Stelle &#8222;die Schotten dicht&#8220; zu machen, ist ein Fehlweg, gerade weil er funktioniert. Denn wenn ich mich dem unerl\u00f6sten Leiden meiner Mitmenschen verschlie\u00dfe, strande ich alsbald in der Leere, die sich schleichend in &#8222;W\u00fcste&#8220; verwandelt: die Wunschmaschine im Kopf erf\u00fcllt nicht mehr mit Sehns\u00fcchten, von au\u00dfen lasse ich nichts an mich heran, und bemerke dann kaum, dass ich am entspannt-harmonischen &#8222;bei mir selbst sein&#8220; schon festklebe wie &#8222;der Alltagsmensch&#8220;  an seinen materiellen Besitzst\u00e4nden &#8211; ein Festhalten, das das Wohlbefinden zerrinnen l\u00e4sst und Schicksalsschl\u00e4ge geradezu heraus fordert, genau wie es Wege in die Neurose und exzessives Suchtverhalten er\u00f6ffnet.<\/p>\n<h2>Das Leiden mitf\u00fchlen<\/h2>\n<p>Hier zeigt sich dann der Nutzen einer auch K\u00d6RPERLICHEN \u00dcbungspraxis: Es ist nicht so schwer, negative Gef\u00fchle zuzulassen, wenn man wei\u00df, dass sie (unbek\u00e4mpft!) auch sehr schnell wieder verschwinden. Eine Muskulatur, die Entspanntheit als Normalzustand kennt, verkrampft sich zwar bei entsprechenden Impulsen in eben jener Weise, wie es das Empfinden von \u00c4rger, Groll, Wut etc. erfordert, kehrt aber schnell wieder zum entspannten Zustand zur\u00fcck &#8211; ganz &#8222;von selbst&#8220;.<\/p>\n<p>Damit sind dann auch diese Gef\u00fchlswallungen wieder verschwunden. Was bleibt ist das &#8222;Mitf\u00fchlen des Herzens&#8220;, das in der Regel durch Gef\u00fchle wie Wut und \u00c4rger nur abgewehrt werden soll. Das Leid des Mitmenschen einfach mitf\u00fchlen, ohne zu verurteilen, ohne sich abzuwenden und ohne in hektisches &#8222;Problem l\u00f6sen wollen&#8220; zu verfallen, ist keine leichte \u00dcbung, doch machbar, wenn man wei\u00df, dass es keine Alternative gibt.<\/p>\n<p>Was sollte man denn auch sonst in diesem Leben anderes tun, als sich vom &#8222;Leid der Welt&#8220; ergreifen und in Bewegung versetzen zu lassen? Einfach &#8222;nur genie\u00dfen&#8220;?? Versuche es und es wird dir ergehen wie K\u00f6nig Midas, dem alles, was er ber\u00fchrte, wunschgem\u00e4\u00df zu Gold wurde &#8211; bevor er dann verhungerte, weil Gold nun mal nicht nahrhaft ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worum geht es eigentlich in diesem Leben? Die Frage erfordert zwar eine individuelle Antwort, doch kommt sie mir vor allem dann in den Sinn, wenn ich lese, wie andere sich ums &#8222;richtige Leben&#8220; bem\u00fchen. 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