{"id":836,"date":"2012-04-06T12:13:33","date_gmt":"2012-04-06T11:13:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=836"},"modified":"2012-04-06T13:04:11","modified_gmt":"2012-04-06T12:04:11","slug":"zu-ostern-stirb-und-werde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2012\/04\/06\/zu-ostern-stirb-und-werde\/","title":{"rendered":"Zu Ostern: Stirb und werde!"},"content":{"rendered":"<p>Genau wie Weihnachten wird auch Ostern von den meisten eher als &#8222;weltliches&#8220; Fest gefeiert, selbst wenn ein Kirchgang noch dazu geh\u00f6rt. Mit den christlichen Ritualen &#8211; insbesondere dem Verherrlichen des Kreuzestods Jesus &#8211; kann ich auch nicht viel anfangen. Und &#8222;Auferstehung und Auffahrt in den Himmel&#8220; ? Mal ehrlich, wer glaubt denn wirklich daran, dass das tats\u00e4chlich statt gefunden hat? (Welcher Himmel? Heute haben wir da doch den Weltraum und gewisse Brechungen des Lichts, die die Luft blau erscheinen lassen&#8230;)<\/p>\n<p>Doch ebenso wie man sich bei Weihnachten auf das Sonnwendfest besinnen kann und sich daran erfreuen, wie &#8222;in tiefster Nacht&#8220; das Licht zur\u00fcckkehrt, so gibt es auch bez\u00fcglich Ostern eine spirituelle Deutung, mit der jeder etwas anfangen kann. In den ber\u00fchmten Worten &#8222;Stirb und werde&#8220; aus dem Goethe-Gedicht <a href=\"http:\/\/www.gedichte.vu\/?selige_sehnsucht.html\">&#8222;Selige Sehnsucht&#8220;<\/a> klingt es an: Sterben, um zu werden, den Tod hinnehmen im Verlangen nach einem gr\u00f6\u00dferen Leben.  <!--more--><\/p>\n<h2>Leiden meiden, Freude suchen<\/h2>\n<p>Klingt noch immer nicht verst\u00e4ndlich, bzw. ziemlich abgefahren, ich wei\u00df! Der Sinn wird f\u00fcr uns Heutige erst erkennbar, wenn man Tod und Sterben als Erfahrungen IM LEBEN begreift. <\/p>\n<p>Dieses ganz normale Leben f\u00fchren wir in aller Regel entlang an der im Buddhismus so pr\u00e4gnant bezeichneten Vorgabe: &#8222;Leiden meiden, Freude suchen&#8220;. Dieses allen f\u00fchlenden Wesen eingeborene Streben erscheint uns so normal wie das Atmen, doch steht es oft genug im Widerspruch zu unseren h\u00f6heren Einsichten. Des einen Freud, des anderen Leid: w\u00fcrde ich zu meiner Freude laute Musik spielen, w\u00e4re das f\u00fcr die Nachbarn ein Elend. Ich erspar mir jetzt die Ausf\u00fchrung weiterer Beispiele wie Umweltvernutzung, Ausbeutung, unfairer Handel und \u00e4hnliches mehr. <\/p>\n<p>Da im Menschen Empathie angelegt ist, sind wir zwar zum Mitf\u00fchlen im Stande, schotten uns aber im Alltag gegen\u00fcber all dem Stress und Leiden ab, das unsere Lebensweise weltweit verursacht. Und auch das Bem\u00fchen der Gutwilligen, selbst nicht Teil des Problems, sondern Teil der L\u00f6sung zu sein, endet meist dort, wo anders handeln richtig unbequem und m\u00fchselig w\u00fcrde. Auch bei mir. <\/p>\n<p>&#8222;Leiden meiden, Freude suchen&#8220; \u00fcberschreibt also vielfach andere, weniger egozentrische Motive. Das kann man bedauern und sich ab und an redlich bem\u00fchen, doch hebelt man diese Grundeinstellung damit nicht aus. Ohne sie h\u00e4tte sich Leben auch gar nicht entwickeln k\u00f6nnen, denn wer sich nicht bewegt oder wehrt, wenn Feinde angreifen oder die Umgebung giftig, ohne Nahrung, zu kalt, zu hei\u00df oder sonstwie lebensfeindlich wird, verschwindet schnell aus dem evolution\u00e4ren Geschehen.  <\/p>\n<p>Vermutlich liege ich nicht ganz falsch, wenn ich diese lebensnotwendige, aber nicht immer f\u00f6rderliche Grundeinstellung mit dem Begriff der &#8222;Erbs\u00fcnde&#8220; verbinde, wie sie das Christentum tradiert. Ja, vielleicht haben sie DAS gemeint&#8230;  Wobei mir aber das ganze Schuld- und S\u00fcnden-Gewese speziell der katholischen Kirche immer schon ziemlich widerw\u00e4rtig war. Ganz ohne eine solche Politik des schlechten Gewissens kommt da wiederum der Buddhismus aus: Wer das &#8222;Leiden meiden, Freude suchen&#8220; ungebrochen weiter betreibt, hat es halt noch nicht begriffen. Kann aber unter Umst\u00e4nden &#8222;Erleuchtung erlangen&#8220;&#8230; <\/p>\n<p>WER aber wird erleuchtet? Nur der, der im Leben stirbt. Abseits bewusst spirituellen Strebens (das ja oft genug <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/08\/07\/spiritueller-materialismus\/\">im Geist des &#8222;Nice to have&#8220;<\/a> statt findet) geschieht dieser Tod im Leben dann, wenn das &#8222;nach Freude streben&#8220; katastrophal und unleugbar scheitert. Was im Rahmen bestimmter \u00dcbungen wie etwa &#8222;nur still dasitzen&#8220; vermittelt werden soll, ist ja das, was eintritt, wenn die Suche nach Bequemlichkeit und Unterhaltung definitiv endet. Ich wei\u00df nicht, wie viele &#8222;sitzende&#8220; Meditierer davon wirklich etwas erhaschen, es ist ja nicht schwer, mit einiger &#8222;Sitz-Praxis&#8220; in d\u00f6sendes Genie\u00dfen abzugleiten. <\/p>\n<h2>Wenn nichts mehr geht<\/h2>\n<p>Gibt es aber wirklich (=im richtigen Leben) keinen Ausweg mehr, den man aus eigener Wahl und Kraft beschreiten kann, dann ist es da, das &#8222;Sterben im Leben&#8220;. Nichts geht mehr, alle Anstrengungen, etwas zu verbessern, sich zu retten und vom Leiden zu befreien, waren umsonst &#8211; was dann? <\/p>\n<p>Dann gibt man auf. Kapituliert vor dem gr\u00f6\u00dferen Ganzen, dass sich als st\u00e4rker erwiesen hat. ZUVOR wird noch gehadert und gejammert (analog <em>&#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&#8220;<\/em>). Doch irgendwann kommt das zu Ende, die Kraft reicht nicht einmal mehr dazu. Man &#8222;streckt die Waffen&#8220; und l\u00e4sst auch noch das W\u00fcnschen &#038; Wollen los&#8230;.<\/p>\n<p>Stille. Nichts. Kein Streben mehr. Das &#8222;Ich will..&#8220; ist beendet, zumindest f\u00fcr jetzt. Und siehe da: in dieses Nichts, diesen Tod hinein entfaltet sich ein Ereignis, mit dem niemand rechnet: Ohne den Stress eigenen Wollens, im Zustand der Abwesenheit jeglichen Widerstands zeigt sich auf einmal das &#8222;gr\u00f6\u00dfere Leben&#8220;. Wie wunderbar entspannt \u00edst doch das Dasein OHNE jenes Ego, das st\u00e4ndig vorschreibt, wie die Welt zu sein hat, wie &#8222;ich selbst&#8220; zu sein habe und wie die Anderen mich sehen sollten. In das Vakuum, das der Wegfall des Strebens kurzzeitig l\u00e4sst, str\u00f6mt die F\u00fclle der Wahrnehmungen ein, die wir sonst mittels geistiger Filter mangels Wichtigkeit weitgehend ausfiltern: Was ist schon ein Schmetterling, ein Duft, der freundliche Blick eines Mitmenschen angesichts der Sorgen und W\u00fcnsche, die uns normalerweise umtreiben?<\/p>\n<h2>Auferstehung, Leben 2.0<\/h2>\n<p>Wie Phoenix entsteigt der im Leben Gestorbene der Asche und stellt staunend fest, dass das &#8222;neue Leben&#8220; unglaublich viel mehr Freuden bereit h\u00e4lt als das alte, von Sorgen und \u00c4ngsten ums pers\u00f6nliche &#8222;Fortkommen&#8220; geplagte. Himmel, Paradies &#8211; das sind keine unangemessenen Begriffe angesichts der spektakul\u00e4ren Umformung des eigenen Innenraums, des Selbst- und Weltverst\u00e4ndnisses, das ein gro\u00dfformatiges Scheitern mit sich bringen kann. Wenn man n\u00e4mlich das losl\u00e4sst, loslassen MUSS, was alles Leiden erst erschafft: das Ich, das etwas Bestimmtes will.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich schleift sich das im Alltag im Lauf der Zeit tendenziell wieder ab. Und es muss auch nicht immer ein &#8222;gro\u00dfes Scheitern&#8220; sein, das die unerw\u00fcnschte, aber letztlich begl\u00fcckende Erkenntnis und Entspannung bringt. Es geht auch eine Nummer kleiner, z.B. indem man ein Ziel endlich aufgibt, weil man erkennt, dass seine weitere Verfolgung weit mehr Leiden mit sich bringt als das Erreichen Freude machen kann. Loslassen, OBWOHL es weh tut &#8211; das ist der Kern. Dann kann sich ereignen, was wir nicht erringen und niemals erzwingen k\u00f6nnen.  <\/p>\n<p>Wohl aber k\u00f6nnen wir uns an Ostern darauf besinnen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Genau wie Weihnachten wird auch Ostern von den meisten eher als &#8222;weltliches&#8220; Fest gefeiert, selbst wenn ein Kirchgang noch dazu geh\u00f6rt. 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