{"id":8,"date":"2006-02-10T10:53:17","date_gmt":"2006-02-10T08:53:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/02\/10\/angst-vorm-fliegen-die-reise-nach-kambodscha\/"},"modified":"2009-06-16T08:57:05","modified_gmt":"2009-06-16T06:57:05","slug":"angst-vorm-fliegen-die-reise-nach-kambodscha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/02\/10\/angst-vorm-fliegen-die-reise-nach-kambodscha\/","title":{"rendered":"Angst vorm Fliegen: die Reise nach Kambodscha"},"content":{"rendered":"<p>Noch zwei Tage bis zum Abflug nach Kambodscha: die erste mehr als drei, vier Tage w\u00e4hrende Reise seit Jahrzehnten und dann gleich soooo weit weg!!! Raus aus Europa, raus aus dem Winter, rein in die Tropen &#8211; ich hab&#8216; einfach JA gesagt: ein Diary-Leser, der mir in langen Mail-Dialogen und w\u00e4hrend seiner Besuche ans Herz gewachsen ist, l\u00e4dt mich und einen lieben Freund nach Phnom Penh ein, wo er lebt und arbeitet. Was f\u00fcr ein Ereignis in meinem ansonsten so station\u00e4ren Leben, in dem der Gedanke an &#8222;Urlaub&#8220; normalerweise einfach nicht aufkommt! Warum sollte ich denn &#8222;irgendwohin&#8220; reisen, um dort herum zu lungern, wenn ich doch da bin, wo ich sein will? Wenn ich doch t\u00e4glich tue, was ich gerne tue, warum das unterbrechen?<!--more--><\/p>\n<p>So dachte ich, so lebte ich, so posaunte ich es gerne heraus. Lange Zeit entsprach die Haltung den Tatsachen, doch mittlerweile ist es nur noch tr\u00e4ge Gewohnheit, bzw, die Unf\u00e4higkeit, ohne Not etwas anders zu machen als zuvor. Das sp\u00fcrte ich, als der Vorschlag pl\u00f6tzlich im Raum stand. Ich f\u00fchlte mich geneigt, abzulehnen, doch fand ich keinen echten Grund: die Reise erschien machbar und sie passte zur Beziehung, die sie erm\u00f6glicht. Alles stimmte &#8211; nur Tr\u00e4gheit und \u00c4ngstlichkeit, &#8222;in die Fremde&#8220; zu ziehen, stand dagegen. Und meine Angst vorm Fliegen.&#8220;Wenn ich so Schiss h\u00e4tte wie du, w\u00fcrde ich mir das nicht antun&#8220;, sagte mein Reisebegleiter in spe, als er realisierte, wie sehr mich die Angst all die Monate seit dem Entschluss zur Reise besch\u00e4ftigte. Ich konnte bis Weihnachten gar nicht an die Zeit in Kambodscha denken, denn jedes &#8222;daran denken&#8220; konfrontierte mich erneut mit der Angst. Nicht etwa so, dass ich nun zuhause sa\u00df und zitterte, sondern eher so, wie der Gedanke an eine existenziell wichtige Pr\u00fcfung alles andere, was danach noch kommen mag, \u00fcberlagert.<\/p>\n<p>Wo ausweichen nichts bringt, ist es besser, sich einfach dem zu widmen, was da so machtvoll in den Vordergrund dr\u00e4ngt. Also versenkte ich mich in die Erinnerung an die schier unertr\u00e4gliche Todesangst beim letzten Flug im Sommer, an dieses schrecklichste aller je erlebten Gef\u00fchle, wenn sich pl\u00f6tzlich der Abgrund unter einem auftut &#8211; zumindest in der subjektiven Empfindung. Die Angst schien mir sagen zu wollen: <em>Du wirst sterben! Bald!<\/em>  Und ich lauschte in mich hinein, was f\u00fcr Widerreden kommen wollten.<\/p>\n<p>Oh ja, ich w\u00fcrde gerne noch l\u00e4nger leben! Die Welt ist so wunderbar und erschreckend sch\u00f6n &#8211; wer wollte sie freiwillig verlassen? Diese Lebensfreude lebt in mir, sie wird sogar von Jahr zu Jahr st\u00e4rker, je \u00e4lter ich werde, je mehr ich von allem-was-ist wahrnehme. Wo die Liebe zum Leben ist, ist allerdings kein Tod &#8211; ich bin \u00fcberzeugt, man kann bis zum letzten Atemzug auf erf\u00fcllte Weise das Leben lieben. Blo\u00df bin ich bisher nicht im Stande, mich in dieser Liebe zu zentrieren, sollte mich ein gewaltsamer, pl\u00f6tzlicher Tod erwischen &#8211; wie etwa bei einem Flugzeugabsturz.<\/p>\n<p>Eine andere Einrede gegen das &#8222;alsbald sterben&#8220; kam nicht: <em>Ich muss doch noch&#8230;. <\/em>. Nichts dergleichen taucht in meinem Bewusstsein auf, wenn ich der M\u00f6glichkeit Raum gebe, dass ich vielleicht bald abtrete. Das wiederum ist ein wirklich angenehmes, friedliches, tr\u00f6stliches Gef\u00fchl!! Es gibt nichts, was ich unbedingt noch erleben will, nichts, was ich immer aufgeschoben oder vermieden h\u00e4tte, um es vielleicht sp\u00e4ter nachzuholen. Keine unerf\u00fcllten Tr\u00e4ume, keine alten Rechnungen, keine Feindschaften, die den inneren Frieden rauben &#8211; allenfalls w\u00fcrde ich gerne eine aufger\u00e4umte Wohnung und einen ebensolchen PC hinterlassen wollen (daran arbeite ich gerade).<\/p>\n<p>Zu meinem Erstaunen wurde die Angst nun nicht st\u00e4rker, je n\u00e4her der Tag des Abflugs r\u00fcckte. Im Gegenteil, ich sp\u00fcre nicht einmal mehr Lust, mich mit Baldriantinktur in eine gelassene Grundstimmung zu versetzen, wie ich es eigentlich geplant hatte. So langsam kommt ein ganz gew\u00f6hnliches &#8222;Reisefieber&#8220; auf: ich packe, ordne noch allerlei f\u00fcr die Zeit der Abwesenheit, und FREUE mich &#8211; endlich!!! &#8211; auf die drei Wochen in Kambodscha. Die Angst spielt nicht mehr die erste Geige, ich rechne jetzt tats\u00e4chlich damit, auch am Ziel anzukommen. Sogar erste Gedanken an ein Leben &#8222;nach der R\u00fcckkehr&#8220; gehen mir durch den Kopf &#8211; mir scheint, ich hab das Gr\u00f6bste hinter mir!<\/p>\n<p>Einen sp\u00fcrbaren Wendepunkt in diesem Empfinden gab es schon vor ein paar Wochen, als ich noch ganz blass wurde, wenn ich daran dachte, wieder im Flieger zu sitzen. Im beobachtenden Erinnern der Todesangst, dieses schrecklichsten aller Gef\u00fchle, fiel mir pl\u00f6tzlich ein: <em>Wenn ich dann (eines Tages&#8230;) WIRKLICH sterbe, ist auch nicht MEHR zu erwarten!<\/em><br \/>\nTodesangst ist Todesangst &#8211; ob &#8222;passend&#8220; oder nicht. Die M\u00f6glichkeiten der Psyche, Angst und Horror zu f\u00fchlen, sind endlich, und ich kenne das jetzt!<\/p>\n<p>Seltsamerweise begl\u00fcckte mich dieser Gedanke, ich wurde entspannter und konnte zum erstem Mal mit Interesse einen Reisef\u00fchrer \u00fcber dieses spannende Land lesen, in dem noch so unendlich viel zu tun ist &#8211; so ganz anders als hier!<\/p>\n<p>Am Sonntag geht es also los. Drei Fl\u00fcge (Frankfurt, Bangkok, Phnom Penh) stehen an, und dazwischen stundenlange Aufenthalte auf Flugh\u00e4fen. Etwas wird also gewiss sterben auf dieser langen Reise: meine Angst vorm Fliegen.<\/p>\n<p>______________________________________<\/p>\n<p>Siehe auch:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/digidiary\/27_07_05.shtml\">27.7.05: <strong>Angst vorm Fliegen<\/strong><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/digidiary\/16_08_05.shtml\">16.8.05: <strong>Angst vorm Fliegen II: Ein paar Gedanken \u00fcber Tod, Zeit und die Kunst, zu sterben<\/strong><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch zwei Tage bis zum Abflug nach Kambodscha: die erste mehr als drei, vier Tage w\u00e4hrende Reise seit Jahrzehnten und dann gleich soooo weit weg!!! 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