{"id":787,"date":"2012-01-17T14:44:05","date_gmt":"2012-01-17T12:44:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=787"},"modified":"2023-05-26T11:10:31","modified_gmt":"2023-05-26T09:10:31","slug":"internet-lokal-wenn-der-nachbar-dich-googelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2012\/01\/17\/internet-lokal-wenn-der-nachbar-dich-googelt\/","title":{"rendered":"Internet lokal: Wenn der Nachbar dich googelt"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Sie sind ja im Internet ziemlich aktiv?&#8220;<\/em> l\u00e4chelt mein Mitmieter aus dem ersten Stock mich fragend an, als er sein Paket abholt. In &#8222;meinem&#8220; Mietshaus bin ich Anlaufstelle f\u00fcr alle Paketdienste dieser Welt, denn ich arbeite zuhause und bin fast immer erreichbar. <\/p>\n<p>Es ist das erste Mal, dass mich jemand aus dem Haus auf meine Web-Aktivit\u00e4ten anspricht. Auf der Suche nach &#8222;Urban Gardening&#8220; fand der Nachbar mein <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\">Gartenblog<\/a> und st\u00f6berte wohl weiter.  <em>&#8222;Sogar Urgestein!&#8220;<\/em>, meinte er noch &#8211; und ich forderte ihn auf, mir doch mal eine Mail zu schicken. Falls mal was in Sachen Haus zu besprechen ist&#8230;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der kommerzielle StartUp-Sektor sich in den letzten zwei Jahren massiv bem\u00fcht, der Welt mit allerlei n\u00fctzlichen (?) Anwendungen das lokale Web zu erschlie\u00dfen, schreitet die real nutzbare Vernetzung von immer mehr Individuen ganz von selber voran. Je mehr Menschen auf irgend eine Art mit ihrem realen Namen im Netz vertreten sind, desto wahrscheinlicher wird auch der Kurzschluss zwischen virtuellem und physischem Raum &#8211; etwas, auf das wir psychisch noch nicht wirklich vorbereitet sind.<!--more--><\/p>\n<p>Als ich mit einem Freund dar\u00fcber sprach, der ebenfalls gerne Pakete f\u00fcr Andere annimmt, berichtete er, dass er die Adressaten schon mal googelt und per Mail auffordert, das P\u00e4ckchen abzuholen, wenn sie zu lange auf sich warten lassen. Auch ich hab&#8216; das schon versucht und fand so beil\u00e4ufig heraus, was die Gewerbetreibenden im Erdgeschoss so machen. Und sicher werd&#8216; ich bald mal schauen, wer &#8222;Jan&#8220; aus dem ersten Stock ist &#8211; netzm\u00e4\u00dfig betrachtet. <\/p>\n<h2>Virtueller Raum und &#8222;reales Leben&#8220; werden eins<\/h2>\n<p>Was f\u00fcr ein Konfliktpotenzial da lauert, sei hier mal mittels einiger Punkte skizziert, die mir jemand (anonym!) als Begr\u00fcndung f\u00fcrs &#8222;anonyme Bloggen&#8220; <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2009\/03\/10\/warum-anonym-bloggen\/#comment-2808\">ins Gartenblog schrieb<\/a>: <\/p>\n<ul>\n<li>Es gibt immer wieder Menschen, die auch mit den harmlosesten Meinungen zu einem Thema nicht einverstanden sind. Ich m\u00f6chte z.B. nicht im Supermarkt oder Hausflur von meinen Nachbarn auf meine Meinung zum Thema XY angesprochen werden!<\/li>\n<li>Man bloggt vielleicht auch mal \u00fcber sensible,umstrittene Themen (nicht: intime\u2026).<br \/>\nDann darf man sich bspw. beim n\u00e4chsten Firmengrillabend rechtfertigen, warum man als Vegetarier gegen Fleischessen ist bzw. wie um Gottes Willen einem dabei schlecht werden kann. Das kann das Verh\u00e4ltnis zum Chef schon belasten.<\/li>\n<li>Man schreibt vielleicht etwas, dass sich in einem Jahr als politisch inkorrekte Meinung oder als \u00fcberholt (Fachwissen) herausstellt und muss sich dann noch lange danach daf\u00fcr rechtfertigen,auch, wenn man inzwischen selbst eine andere Meinung hat.<\/li>\n<li>Vielleicht hat man ein Hobby, \u00fcber das man im RL mit wenigen Menschen reden kann und bloggt deshalb dar\u00fcber. Das Hobby passt aber nicht so richtig zum Beruf und dem eigenen \u201cImage\u201d (Beispiel: Besitzer eines Bikeshops und als \u201charter Kerl\u201d bekannt, kocht gern Marmelade und Chutneys ein und m\u00f6chte Rezepte austauschen \u2013 das finden die Menschen in seiner Umgebung und potentielle Kunden aber eher l\u00e4cherlich!).<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Bye bye Anonymit\u00e4t, hallo Transparenz!<\/h2>\n<p>In Berlin passiert es immer wieder, dass ein Verstorbener erst Wochen sp\u00e4ter in seiner Wohnung gefunden wird. Dann sind alle emp\u00f6rt \u00fcber eine solche Vereinsamung, \u00fcber die fehlenden Kontakte innerhalb des Hauses, \u00fcber die st\u00e4dtische Anonymit\u00e4t insgesamt. Aber: gerade diese Anonymit\u00e4t ist es, die viele vom Land weg und in die Stadt treibt. Hier herrscht eben (bisher) keine st\u00e4ndige soziale Kontrolle, sondern &#8222;leben und leben lassen&#8220;. Ignoranz ist auch gn\u00e4dig und entlastet von den Forderungen &#8222;normalen Miteinanders&#8220;, die gegen\u00fcber so vielen gar nicht zu erf\u00fcllen w\u00e4ren, beim besten Willen nicht! Man begegnet t\u00e4glich vielen Menschen, die man nicht kennt und die einen in der Regel auch nicht k\u00fcmmern. Im Haus reicht ein Nicken, wenn man sich begegnet &#8211; mehr wird nur selten gewollt.<\/p>\n<p>All das wird sich vermutlich \u00e4ndern. Auch wer &#8222;anonym bloggt&#8220;, ist oft genug \u00fcber andere Kan\u00e4le findbar oder beteiligt sich an sozialen Netzen, die mehr denn je den Klarnamen als Identit\u00e4t nahe legen oder gar fordern. Und viele WOLLEN sich auch gar nicht verbergen, sondern ganz im Gegenteil mir ihrer ganzen Person Authentizit\u00e4t leben: <em>so bin ich, so denke ich, das mache ich &#8211; wer sich daran st\u00f6rt, darf einen Kommentar hinterlassen!<\/em><\/p>\n<p>Was aber, wenn der Kommentar pl\u00f6tzlich im eigenen Treppenhaus kommt?<\/p>\n<h2>Eine neue Netikette f\u00fcr Reality 2.0?<\/h2>\n<p>In nicht allzu ferner Zukunft wird immer sp\u00fcrbarer werden, wie die stadttypische Anonymit\u00e4t wegbr\u00f6ckelt. Jeder googelt jeden, der &#8211; warum auch immer &#8211; gerade Aufmerksamkeit auf sich zieht. Man wird oft nicht mehr wissen, was man sich beim Kennenlernen erz\u00e4hlen soll, weil das Gegen\u00fcber ja schon einiges wei\u00df &#8211; aber was? Menschen, die fr\u00fcher gerne ganztags aus dem Fenster schauten, um zu beobachten, was die Nachbarn und Passanten machen, werden das netzgest\u00fctzte Stalken f\u00fcr sich entdecken. Und im Hausflur begegnet man vielleicht dem Nachbarn, der neuerdings <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2011\/11\/17\/postprivacy-ueber-krankheiten-schreiben\/\">\u00fcber seinen Krebs bloggt<\/a> &#8211; soll \/ darf \/ kann man ihn drauf ansprechen? W\u00e4r das ein \u00dcbergriff oder genau richtig?<\/p>\n<p>Wir werden neue Regeln brauchen f\u00fcr den sich abzeichnenden Zusammenfall der bisher zumindest gef\u00fchlt h\u00fcbsch abgegrenzten Sph\u00e4ren &#8222;Internet&#8220; und &#8222;reales Leben&#8220;. Wir sind das Netz &#8211; aber wie wird es sein, wenn dessen Transparenz unseren Alltag umgreift?<\/p>\n<p>***<br \/>\nZu den sch\u00f6nen und n\u00fctzlichen Seiten dieser Entwicklung siehe auch:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.webwriting-magazin.de\/stell-dir-vor-es-gaebe-ein-lokales-soziales-netz\/\"><br \/>\nStell dir vor, es g\u00e4be ein soziales lokales Netz&#8230;<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sie sind ja im Internet ziemlich aktiv?&#8220; l\u00e4chelt mein Mitmieter aus dem ersten Stock mich fragend an, als er sein Paket abholt. In &#8222;meinem&#8220; Mietshaus bin ich Anlaufstelle f\u00fcr alle Paketdienste dieser Welt, denn ich arbeite zuhause und bin fast immer erreichbar. 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