{"id":77,"date":"2007-06-27T10:50:55","date_gmt":"2007-06-27T08:50:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/06\/27\/ist-arbeit-nur-mittel-zum-zweck\/"},"modified":"2007-07-02T13:22:15","modified_gmt":"2007-07-02T11:22:15","slug":"ist-arbeit-nur-mittel-zum-zweck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/06\/27\/ist-arbeit-nur-mittel-zum-zweck\/","title":{"rendered":"Ist Arbeit nur Mittel zum Zweck??"},"content":{"rendered":"<p>Im Webtagebuch <a href=\"http:\/\/www.einschau.de\/\">&#8222;Einschau&#8220;<\/a> lese ich gerade mit gro\u00dfem Interesse, was der freiberuflich als Lehrer t\u00e4tige Autor \u00fcber seine Arbeitserfahrungen schreibt. Im Beitrag &#8222;<strong>Die Missachtung des Prinzips der Bezahlung&#8220;<\/strong> geht es darum, wie mit gr\u00f6\u00dferer Nachfrage nach den eigenen Dienstleistungen umzugehen ist: Alles annehmen und dann entsprechend in Stress geraten? Oder doch lieber die Preise erh\u00f6hen?? Und warum f\u00e4llt Letzteres so schwer?<\/p>\n<p>In schonungsloser Offenheit seziert G\u00f6tz seine Motive:  die Angst, mal nicht mehr genug Auftr\u00e4ge zu bekommen,  die dazu treibt, jeden Auftrag anzunehmen, aber auch das sch\u00f6ne Gef\u00fchl, gebraucht zu werden, sowie die Freude an der Arbeit selbst und an den guten zwischenmenschlichen Beziehungen, die im jeweiligen Bereich entstanden sind.<\/p>\n<p><!--more-->Soweit kann ich alles gut nachvollziehen, doch mit den auf die Analyse folgenden Bewertungen und Schlussfolgerungen hab&#8216; ich ein Problem. G\u00f6tz m\u00f6chte n\u00e4mlich die freudige Identifikation mit der Arbeit ABLEGEN und allein das Geld, das dabei heraus springt, als &#8222;Gegenwert&#8220; gelten lassen. Das ist das <strong>&#8222;Prinzip der Bezahlung&#8220;<\/strong>, nach dem Wertsch\u00e4tzung sich ausschlie\u00dflich durch Geld ausdr\u00fcckt &#8211; eine Sicht, der ich mich nicht anschlie\u00dfen mag. W\u00f6rtlich schreibt er:<\/p>\n<p><em>&#8222;Voraussetzung f\u00fcr das Prinzip der Bezahlung ist, dass ich all die Identifikationen mit der Arbeit, die ich oben nenne, fallen lasse, und die Arbeit als das sehe, was sie ist: eine Arbeit, die Mittel zum Zweck ist und kein Selbstzweck. Ein Wert, den ich leiste f\u00fcr Gegenwert. Mir scheint, dieses Gef\u00fchl, dass meine T\u00e4tigkeit mir zum ersten Male im Leben sinnvoll vorkommt und auf meine F\u00e4higkeiten zugeschnitten ist, mich euphorisch und damit anf\u00e4llig f\u00fcr Identifizierungen macht, mit der Implikation, dass ich meine eigenen Interessen au\u00dfer Acht lasse.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4re Arbeit mir nur &#8222;Mittel zum Zweck&#8220;, h\u00e4tte ich auch eine Angestellten-Laufbahn w\u00e4hlen k\u00f6nnen und mir eine m\u00f6glichst gem\u00fctliche Nische suchen. Dort w\u00fcrde ich die t\u00e4glichen acht Stunden freudlos &#8218;rumbringen bis endlich der Feierabend anbricht, wo ich dann endlich zum &#8222;eigentlichen Leben&#8220; komme &#8211; wie auch am Wochenende und im hei\u00df ersehnten Urlaub.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Jobs meiner Stundentenzeit konnte ich solche Arbeitssituationen zur Gen\u00fcge besichtigen, um zu wissen: Nicht mit mir! Ich will vor allem FREUDE an der Arbeit haben und die versp\u00fcre ich nur, wenn ich gro\u00dfe Freiheit bei der Wahl der T\u00e4tigkeit und der Art ihrer Ausf\u00fchrung habe.  In der Arbeit erfahre ich mich selbst, meine F\u00e4higkeiten und Grenzen,  deren Erweiterung mir immer wieder spannende Abenteuer beschert.  Arbeit, an der ich KEINE Freude habe, lehne ich ab, egal, wie viel Geld damit zu verdienen ist &#8211; sonst w\u00e4r&#8216; ich gewiss Immobilienmaklerin geworden!<\/p>\n<p>Ein Spruch, der mir immer gut gefallen hat, hei\u00dft: <em>&#8222;Ich arbeite nicht, um Geld zu verdienen, ich brauche Geld, um zu arbeiten.&#8220;<\/em> Dem kann ich mich anschlie\u00dfen, denn wenn mein Lebensunterhalt gesichert w\u00e4re, w\u00fcrde ich genauso viel und intensiv wie jetzt arbeiten &#8211; eben weil das, was ich da tue, f\u00fcr mich geliebte und gesch\u00e4tzte Besch\u00e4ftigungen sind, die mir viel geben, auch ganz jenseits der Bezahlung. Ich arbeite eben nicht nur &#8222;f\u00fcr Gegenwert&#8220;, sondern zu einem erheblichen Teil aus Freude am Tun.<br \/>\nAllerdings: ich w\u00fcrde dann vor allem an EIGENEN Projekten (und frei gew\u00e4hlten Vorhaben anderer, die ich mir zu eigen mache) arbeiten, wo keine beengenden Auftraggeber-W\u00fcnsche die Freiheit meines Tuns beschr\u00e4nken. Die Bezahlung ist also quasi das &#8222;Schmerzensgeld&#8220; f\u00fcr diese Beschr\u00e4nkung, und dem entsprechend ist mir ihre H\u00f6he umso unwichtiger, je gr\u00f6\u00dfer meine Freiheit im Rahmen eines Auftrags bleibt.<br \/>\nDas ist ein Empfinden, das &#8211; weiter gedacht in Richtung Gesellschaft &#8211; eigentlich dazu f\u00fchren m\u00fcsste, dass stark reglementierte T\u00e4tigkeiten h\u00f6her bezahlt werden als weitgehend freie, kreative Aufgaben. Verr\u00fcckterweise ist es genau umgekehrt, also befinde ich mich hier in Widerspruch zum \u00dcblichen und neige tendenziell zur Selbstausbeutung. G\u00f6tz&#8216; Problematik ist mir ja wie gesagt nicht fremd, nur seine L\u00f6sung gef\u00e4llt mir absolut nicht!<\/p>\n<p><strong>Binden und l\u00f6sen<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin gerne mit meiner Arbeit identifiziert, doch kann ich auch einen Schritt zur\u00fcck treten und mir das Ganze &#8222;von au\u00dfen&#8220; ansehen und mit allgemein \u00fcblichen Honorar- und Auftragsbeziehungen vergleichen. Ein lebenskundiger Gestalt-Therapeut, der mir einst viel N\u00fctzliches beigebracht hat, hat dazu gesagt: &#8222;Man muss sich identifizieren k\u00f6nnen, aber auch wieder loslassen&#8220; &#8211;  eine moderne Formulierung des uralten magischen Verm\u00f6gens, &#8222;zu binden und zu l\u00f6sen&#8220;.<\/p>\n<p>Auf die Identifikation kann und will ich nicht verzichten, denn sie ist die Bedingung bzw. untrennbare Folge der Freude an der Arbeit. Aber ich kann sie auch l\u00f6sen, kann neben mir stehen und diese Freude bewerten: Wieviel &#8222;Abschlag&#8220; ist mir die Sache wert, um die es geht? Oder positiv: Wieviel &#8222;Schmerzensgeld&#8220; brauche ich, um mich in genau dieser Auftragsbeziehung rundum wohl zu f\u00fchlen?<\/p>\n<p>In jetzt \u00fcber zehn Jahren der Selbst\u00e4ndigkeit ist da einiges besser geworden. Meine Honorare bemesse ich nach tats\u00e4chlichem Aufwand, nach eigenem Bedarf,  nach dem &#8222;Markt\u00fcblichen&#8220; und den M\u00f6glichkeiten des Kunden:  eine Abw\u00e4gung, die nicht immer leicht ist, doch im Lauf der Zeit immer stimmiger funktioniert. Vor allem deshalb, weil ich neben den Auftragsarbeiten eben auch eigene Projekte betreibe, in denen ich meine &#8222;Freude an der Arbeit&#8220; problemlos finde. So f\u00e4llt die Absch\u00e4tzung leichter, was es mir bringen muss, wenn ich f\u00fcr andere t\u00e4tig bin  &#8211; nur um &#8222;arbeiten zu d\u00fcrfen&#8220; muss ich nicht Dienst leisten!<\/p>\n<p>Menschen, die alleine mit dem Ertrag ihrer Arbeit in Euro identifiziert sind (=Arbeit als &#8222;Mittel zum Zweck&#8220;), konnte ich noch nie verstehen und m\u00f6chte ihnen um keinen Preis der Welt nacheifern. Dass man auf dem Weg der Selbsterfahrung allen Ernstes dahin kommen kann, dieses aufs Finanzielle reduzierte Verst\u00e4ndnis als Ideal hinzustellen, ist mir fremd &#8211; und wird es hoffentlich auch bleiben.<\/p>\n<p>Und was ist mit der Wertsch\u00e4tzung? Neben dem Honorar gibt es noch andere Formen der Wertsch\u00e4tzung: Weiterempfehlungen, Vertrauen in meine Kompetenzen (=Freiraum f\u00fcr mich), weitere geldwerte Leistungen, wenn etwa der Kunde eigene Ressourcen mit mir teilt &#8211; und nat\u00fcrlich auch die Art der Beziehung, die entsteht: es gibt nervige Kunden, bei denen ein hohes Schmerzensgeld f\u00e4llig ist, und angenehme, mit denen ich eher freundschaftlich umgehe &#8211; auch das flie\u00dft ein in meinen inneren Honorar-Kalkulator!<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\"><!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\"><!--[endif]--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Webtagebuch &#8222;Einschau&#8220; lese ich gerade mit gro\u00dfem Interesse, was der freiberuflich als Lehrer t\u00e4tige Autor \u00fcber seine Arbeitserfahrungen schreibt. 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