{"id":7,"date":"2006-01-23T18:43:42","date_gmt":"2006-01-23T17:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=7"},"modified":"2024-02-29T17:51:44","modified_gmt":"2024-02-29T16:51:44","slug":"vom-schreiben-und-erkennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/01\/23\/vom-schreiben-und-erkennen\/","title":{"rendered":"Vom Schreiben und Erkennen"},"content":{"rendered":"<p>Heute las ich im Logbuch von Gerd Lothar Reschke den Satz:<\/p>\n<p><em>&#8222;Schreiben will etwas; es hat einen Grund, eine Aufgabe. Es geht um Erkenntnis &#8211; und nicht um &#8222;mich&#8220;, mein Denken, meine Gef\u00fchle oder sonstigen Interessen, W\u00fcnsche oder Vorbehalte. Und es geht nicht um Kunst, Kultur, &#8222;Resonanz&#8220;. Es ist die Anwendung eines Instruments auf die Sache &#8211; auf die Situation, das Ausgangsmaterial.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dieser Satz steht im Rahmen einiger Reflexionen \u00fcber das Herausgeben von B\u00fcchern, dar\u00fcber, in welcher Weise das den Autor vom &#8222;Eigentlichen&#8220; ablenken kann. Fragen der Vermarktung, der Selbstdarstellung und der damit verbundenen Eitelkeiten dr\u00e4ngen sich vor, und wer das nicht bemerkt, wird flugs verschluckt von der Eigendynamik des &#8222;Geschehens&#8220;, wie J. Krishnamurti das Alles-Was-Ist zu nennen pflegte.<!--more--><\/p>\n<p>Was ist nun aber &#8222;das Material&#8220;, die Sache, um die es im Schreiben geht? Nicht mein Denken, meine Gef\u00fchle, meine Interessen? \u00dcber was sollte ich sonst schreiben, wenn ich ehrlich sein will? Und doch stimmt es in dem Sinne, dass es nicht um die L\u00f6sung irgendwelcher gedanklicher Fragen, nicht um das &#8222;Bedienen&#8220; meiner Gef\u00fchle und auch nicht ums Erf\u00fcllen von W\u00fcnschen oder Erreichen von Zielen geht. All das ist lediglich Anschauungsmaterial: Wenn ich SO denke, f\u00fchle ich in DIESER Art und handle so! Schau an! Aha!<\/p>\n<p>Authentisches Schreiben speist sich aus dem brennenden Interesse, zu erkennen, was ist. Ein Teil von dem, was ist, bin ich traditionell gehalten, als &#8222;ich selbst&#8220; zu bezeichnen. Dieser Bereich erscheint abgegrenzt vom gro\u00dfen Rest, gebunden an den K\u00f6rper, den ich sinnlich wahrnehme. Den die Wissenschaft untersuchen kann, die mir sagt, dass all mein Denken, F\u00fchlen, Wahrnehmen, Sp\u00fcren mittels chemischer und chemo-elektrischer Vorg\u00e4nge zustande kommt, durch materielle Prozesse, deren Funktionieren durch Medikamente, Drogen, Krankheit und \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse verschiedenster Art beeinflussbar sind. Neuerdings werden auch Licht und Quanten als Dimensionen dieser Ph\u00e4nomene genannt, doch \u00e4ndert das grunds\u00e4tzlich nichts an der Lage, in die mich diese &#8222;Erkl\u00e4rung&#8220; bringt: Was bitte hat das mit MIR zu tun?<\/p>\n<p>Diese Lage alleine reicht nun nicht dazu hin, an der Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; ein mehr als spielerisches Interesse zu fassen: Mal ein bisschen philosophisches Staunen, wenn gerade nichts Wichtiges anliegt, sporadisches Fasziniert-Sein von spirituellen Lehren und \u00dcbungssystemen, die den Eindruck vermitteln, als g\u00e4be es eine Antwort auf die Frage, und wenn man sie h\u00e4tte, w\u00e4re alles in Butter. Es erscheint lange Zeit doch wesentlich einfacher, die Dinge, die nicht &#8222;in Butter&#8220; sind, durch konkrete Befassung mit dem jeweiligen Leiden oder W\u00fcnschen zu l\u00f6sen, als durch Versenkung in vom Alltag arg &#8222;abgehobene&#8220; Fragen. In einer Welt des L\u00e4rms baue ich lieber erstmal eine Schalld\u00e4mmung in die Wohnung oder nutze Oropax, anstatt lange \u00fcber das &#8222;Klatschen der einen Hand&#8220; zu meditieren oder mich zu fragen, ob auf einem Planeten ohne h\u00f6rende Wesen der Ast, der vom Baum bricht, ein &#8222;Ger\u00e4usch&#8220; macht.<\/p>\n<p>Und doch: Das Selbst ist ein Verh\u00e4ltnis, das sich zu sich selbst verh\u00e4lt. Der verr\u00fcckt klingende Satz von Kirkegaard bezieht sich auf die Tatsache, dass man sich nicht entkommen kann. Irgendwann bin ich oft genug gescheitert, habe oft genug erlebt, dass das erreichte Ziel das erhoffte Gl\u00fcck nicht bringt, oder dass die letzte Selbstverbesserungsma\u00dfnahme, die ich mir auferlegte, um der Vorstellung vom richtigen Leben n\u00e4her zu kommen (ges\u00fcnder, liebevoller, effektiver&#8230;), im Zuge ihrer Umsetzung soviel neue Probleme aufwirft, dass ich die \u00dcbersicht verliere, worum es eigentlich geht.<\/p>\n<p>Auch MIT diesen frustrierenden Erfahrungen setze ich mich nicht hin und meditiere &#8222;Wer bin ich?&#8220; (anstatt nur auf die Luft zu achten, wie sie an den Innenseiten der Nasenfl\u00fcgel aus- und einstr\u00f6mt: meine Methode, wenn ich schon mal &#8222;sitze&#8220;, was aber nur selten vorkommt).<\/p>\n<p>Nein, mich hat es im Schreiben erwischt: Indem ich schreibe, was ich erlebe, dabei f\u00fchle und dar\u00fcber denke, begebe ich mich &#8222;automatisch&#8220; in die Position der Beobachterin &#8211; und irgendwann gibt es von da kein zur\u00fcck. Es ist ein schleichender Transfer der Ich-Identifikation: Weg von der Vordergrund-Person, die dieses und jenes tut, erlebt und erleidet, hin zu diesem einfachen Schauen, was geschieht. (Wobei interessanterweise die st\u00e4rkste Verbindung zwischen den Angelegenheiten der Vordergrundperson und der Beobachterin nicht im Kopf zu bestehen scheint, sondern im Herzen. Ein psychisches &#8222;Organ&#8220;, von dessen Eigenleben ich fr\u00fcher nicht einmal etwas wusste! )<\/p>\n<p>Brennendes Interesse flammt an jenen Punkten auf, wenn die Vordergrundperson mit ihrem Latein am Ende ist. Das &#8222;Latein&#8220; dieses Alltags-Ich ist ja der logisch denkende Verstand, das rechnende Denken, das alles f\u00fcr erkennbar, analysierbar, planbar und machbar h\u00e4lt. Wie verst\u00f6rend, wenn einfach nicht klappt, was sich dieser Verstand vornimmt. Oder wenn inmitten der Umsetzung die Motivation entgleitet: Was war es, was mich trieb? Warum ist es pl\u00f6tzlich weg? Was mach ich jetzt mit dem angefangenen Aufwand? Und \u00fcberhaupt: WAS will ich eigentlich?<\/p>\n<p>Das &#8222;gespaltene Dasein&#8220; bietet eine Reihe seltsamer Verstrickungen in Paradoxe: Wenn ich mehr die Beobachterin bin, was scheren mich dann die Problemchen und Bed\u00fcrfnisse des Alltags-Ichs? Ist das nicht alles genau besehen recht banal? Und an vielen Stellen ja doch sehr leicht l\u00f6sbar: Mal \u00f6fter die F\u00fc\u00dfe still bzw. die Finger weg lassen, Gelassenheit bringt Gelingen &#8211; und wenn nicht, was soll&#8217;s: Leben ist Leiden, sagte schon Buddha, unser st\u00e4ndiger Versuch, Leiden zu meiden und Freude zu suchen, ist Wurzel allen \u00dcbels.<\/p>\n<p>Diese Art Verstrickung entzieht dem Vordergrund-Ich Energie. Die Erkenntnisse der Beobachterin bleiben ihm ja nicht verborgen, es strengt sich weniger an, denn die bisher das Leben und Streben dominierenden Impulse sind relativiert, treiben nicht mehr ungebrochen Richtung Handeln. Auch der Glaube, mittels zielgerichteter Anstrengungen das eigene Gl\u00fcck zu vermehren, die Idee, in der Zukunft werde alles besser, wenn nur alles richtig gemacht wird, erodiert unaufhaltsam. Das hat nicht nur befreiende und entspannende Wirkungen, sondern macht auch tr\u00e4ge. War es bisher der innere Schweinehund, der manches verhinderte, so sind es jetzt gar &#8222;h\u00f6here Einsichten&#8220;, die als Gr\u00fcnde herhalten, um sich nicht besonders zu fordern: Alles doch nur eitler Tanz ums Ego, romantische Gef\u00fchlsduseleien, Kreisen in Gewohnheiten und Denken in Schubladen, Streben nach MEHR, Geilheit auf den n\u00e4chsten Kick &#8211; da ist es doch honoriger, still in der Ecke zu sitzen und sich die H\u00e4nde nicht schmutzig zu machen. Weise l\u00e4chelnd kommentiert man die Verirrungen derer, die noch ganz gefangen in ihren Laufr\u00e4dern strampeln &#8211; selbst auf dem besten Wege, langsam in F\u00e4ulnis \u00fcberzugehen wie stehendes Wasser.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck rettet mich mein Temperament und meine Lust auf Leben immer wieder aus dieser Schleife. Was schert mich die h\u00f6here Einsicht, wenn ich vor Langeweile sterbe? Und ab geht&#8217;s in die n\u00e4chste Runde der Spirale! Irgend etwas findet sich, ein neues Thema schiebt sich in die Aufmerksamkeit, b\u00fcndelt erneut meine Strebungen und ich lasse mich doch wieder ein. Wenn ich genau hinsehe, ist es die erotische Dimension des Lebens, die mich trotz der Widersacher (zweifelnder Verstand, &#8222;h\u00f6here Einsicht&#8220;, innerer Schweinehund) immer wieder in Bewegung versetzt. Jeder engagierte Schritt in irgend eine Richtung ver\u00e4ndert den eigenen Blickwinkel &#8211; mal ganz davon abgesehen, ob damit sonstige Zwecke erreicht werden und ob diese einen Sinn haben. Sich dieser Selbst (und damit Welt-)ver\u00e4nderung immer wieder auszusetzen, ohne zu wissen, warum man es tut und was dabei heraus kommen sollte, ist das wirkliche Abenteuer.<\/p>\n<p>Es geht um Erkenntnis, sagt Gerd-Lothar, aber WER ist es, der sich am Erkennen freut?<\/p>\n<p>Damit verfalle ich einer Verf\u00fchrung, die den Schreibenden gelegentlich ereilt: Jetzt das Passende sagen, wenn es einem schon mal einf\u00e4llt! Blo\u00df keinen weisen Spruch auslassen, der sich gerade anbietet! Dabei frag ich mich immer noch nicht wirklich nach diesem &#8222;Wer?&#8220;, sondern bin einfach begl\u00fcckt, wenn ich Zusammenh\u00e4nge erkenne. &#8222;So einfach!&#8220;, denke ich dann begeistert und will das Erkannte gern allen mitteilen. Das aber ist nicht so leicht, wie es zun\u00e4chst scheint: Wer will denn schon wirklich reden? Durch wie viele Mauern muss man dringen, sie wom\u00f6glich pers\u00f6nlich einrei\u00dfen, damit sich einer traut, &#8222;aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen&#8220; seiner pers\u00f6nlichen Einsicht und Lebenskunst zu berichten?<\/p>\n<p>Man lernt, was Frieden ist, wenn das einfache Hinsehen und dar\u00fcber berichten zur st\u00e4ndigen Praxis wird. Wenn pers\u00f6nliche Dialoge gar nicht mehr anders gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, als in dieser offenen Weise, dann sieht man mit Schrecken, wie viele darin gefangen sind, ihr Leben als Kampfmaschine zu fristen, immer darauf bedacht, beim Mitmenschen &#8222;anzukommen&#8220;, ein gutes Bild abzugeben, eine widerspruchsfreie Pers\u00f6nlichkeit vorzuzeigen und sich von niemandem ans Beim pinkeln zu lassen. Nahezu alles, was man sagt, kann als Angriff verstanden werden, wenn das Gegen\u00fcber voller Angst in seiner pers\u00f6nlichen Kapsel der Wahrnehmung steckt, die ihm die Welt als Versammlung b\u00f6ser Feinde zeigt.<\/p>\n<p>Frieden haben hei\u00dft, einfach auszutauschen, was man sieht &#8211; sowohl im Blick auf die Welt als auch auf das eigene Denken, F\u00fchlen, handeln in ihr. Ich bin mir ein Forschungsfeld und keine Baustelle mehr, wie fr\u00fcher einmal. Ich berichte von dem, was ich erkennen kann, nicht mehr und nicht weniger.<\/p>\n<p style=\"border: 1px solid gray; padding: 8px; font-size: 11px; margin-top: 30px; line-height: 16px;\">Ein herzliches Dankesch\u00f6n an Ina (buerodienst-berlin.de), die mir ein Wilber-Buch schickte &#8222;f\u00fcr ca. 180 mal Diary-lesen&#8220;. Das war der kleine Tritt in den Arsch, der mir gefehlt hat, hier mal wieder zur Sache zu kommen: zu mir selbst. (Gelesen hab ich es noch nicht, freue mich drauf!)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute las ich im Logbuch von Gerd Lothar Reschke den Satz: &#8222;Schreiben will etwas; es hat einen Grund, eine Aufgabe. Es geht um Erkenntnis &#8211; und nicht um &#8222;mich&#8220;, mein Denken, meine Gef\u00fchle oder sonstigen Interessen, W\u00fcnsche oder Vorbehalte. Und es geht nicht um Kunst, Kultur, &#8222;Resonanz&#8220;. 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