{"id":68,"date":"2007-05-26T14:33:08","date_gmt":"2007-05-26T12:33:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/05\/26\/von-der-zumutung-ein-mensch-zu-sein\/"},"modified":"2025-08-27T20:59:58","modified_gmt":"2025-08-27T18:59:58","slug":"von-der-zumutung-ein-mensch-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/05\/26\/von-der-zumutung-ein-mensch-zu-sein\/","title":{"rendered":"Von der Zumutung, ein Mensch zu sein"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Pfingsten: kommt jetzt etwa der Geist auf uns herab? Vermutlich nicht mehr als an anderen Tagen. Und \u00fcberhaupt: was f\u00fcr ein Geist soll es sein? Channel-Medien haben eine Menge verschiedener Geister zu bieten: aufgestiegene Meister, alt-indische Gottk\u00f6nige, Verstorbene und Vermisste, Heilige, Weisheitslehrer, Erzengel und Naturgeister. Mit wem talken Sie am liebsten?<\/p>\n<p>Ach je &#8211; ein Anfall von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zynismus\">Zynismus!<\/a> Diese Pest meinte ich doch lange schon hinter mir zu haben! Doch kaum hebe ich den Blick und schaue aufs Gro\u00dfe &amp; Ganze der Gesellschaft, ist er immer noch allzu oft die erste Gem\u00fctsreaktion. Es ist ja auch leicht, sich \u00fcber etwas lustig zu machen: man steht dann dr\u00fcber, rechtet und richtet von oben herab und stabilisiert damit die eigene DISTANZ zum Thema.<\/p>\n<p><!--more-->Das ist n\u00e4mlich das Hauptanliegen zynischer Reaktionen: mich unverletzbar machen, mich abschotten gegen das, was schmerzen w\u00fcrde, lie\u00dfe ich es wirklich an mich heran. Ein Schutzschild also, der das Leiden abwehren soll, das Leiden an der Welt, an den Menschen, an der Endlichkeit des Daseins und der Beschr\u00e4nktheit unserer M\u00f6glichkeiten. (Massenhaftes &#8222;Abl\u00e4stern&#8220;, wie in der Bloggerszene gern ge\u00fcbt, k\u00f6nnte man so als modernes Beschw\u00f6rungs-Ritual zur Bes\u00e4nftigung des B\u00f6sen ansehen).<\/p>\n<p>Doch der &#8222;Schutzschild Zynismus&#8220; funktioniert nicht wirklich, das Leiden wird nur vordergr\u00fcndig in Schach gehalten. Negieren und Ignorieren \u00f6ffnet im Gegenteil die Tore zum Unbewussten, wo sich das abgelehnte Leiden &#8222;unerl\u00f6st&#8220; niederschl\u00e4gt und wirkt wie ein Gem\u00fctsgift. Da leide ich lieber gleich, dann ist es auch schnell wieder vorbei.<\/p>\n<p>Es hilft ja nichts: Es ist und bleibt eine Zumutung, ein Mensch zu sein. Allem Sch\u00f6n-Reden zum Trotz ist es eine krasse Erfahrung, sich in diesem Leben vorzufinden: ohne zu wissen, woher wir kommen, wohin wir gehen und wozu das alles stattfindet. Als Gipfel der Stress-Erfahrung ist dann auch noch der Weg in die Ignoranz des Genie\u00dfens verschlossen: wir wissen, dass wir sterben werden, dass also aller Genuss ein Ende haben wird und all unser Streben nach einem guten Leben letztlich scheitern wird. <em>(Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit &#8211; Nietzsche).<\/em><\/p>\n<h2>Glaubenssysteme<\/h2>\n<p>Um in dieser Lage nicht in Schreckensstarre zu verharren und dennoch den Erfordernissen des Tages nachgehen zu k\u00f6nnen, entwickelte die Menschheit Religionen und philosophische Weltanschauungen. Diese bieten Erkl\u00e4rungsmodelle und zeigen Sinnhorizonte auf, mit denen sich leben l\u00e4sst. Anders als fr\u00fcher, haben wir gl\u00fccklicherweise heute die Wahl, ob und welches dieser Modelle wir nutzen wollen, und so gibt es heute den Typus des &#8222;Suchers&#8220;, der eins ums andere ausprobiert, stets nach dem richtigen Leben strebt, nach Erleuchtung oder Erwachen sucht, und einen gro\u00dfen Buch- und Seminarmarkt am Leben h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Phasenweise hab&#8216; ich auch auf diese Art gesucht: jede Menge &#8222;geistige Literatur&#8220; verschlungen, hier und da mal ein Vortrag, ein Kurs, ein Workshop, eine &#8222;Ausbildung&#8220; &#8211; zum Gl\u00fcck hielt es sich in Grenzen, denn nichts davon hat mich je selbst wesentlich ver\u00e4ndert, egal, wie WAHR das jeweils Vermittelte sein mochte. Immer, wenn ich &#8222;suchte&#8220;, war das dahinter stehende Motiv letztlich eine Unzufriedenheit mit meinem konkreten Alltagsleben, nicht etwa ernsthaftes Interesse an &#8222;der Wahrheit&#8220;. Es ist sogar so, dass ich als &#8222;Sucherin&#8220; nicht einmal die einfachsten Wahrheiten an mich heran gelassen h\u00e4tte: dass n\u00e4mlich der Tod ein Skandal ist und dieses ganze Universum in seiner Unvorstellbarkeit eine Beleidigung des Verstandes, der verdammt noch mal zur\u00fcck und voraus schauen kann. Und was sehen und erkennen wir, wenn wir so schauen? Nichts, nada, Leere&#8230;.<\/p>\n<p>Wie also mit dieser menschlichen Grundsituation und ihrem eingebautem Ablaufdatum umgehen? Die &#8222;gro\u00dfe Antwort&#8220;, dass da ein Gott sei, der uns und die Welt geschaffen habe (wie wir unsere Alltagsdinge erschaffen), und der sich lieb um uns k\u00fcmmert, wenn wir seine Art &#8222;Liebe&#8220; auch nicht immer verstehen, war f\u00fcr mich nicht hilfreich: ich lernte im religi\u00f6sen Unterricht der Kindertage, dass ich dazu noch eine ganze Menge komischer Dinge glauben sollte &#8211; und das ist mir einfach nicht gelungen! Also k\u00fcndigte ich die Gott-Connection recht fr\u00fch, der ja sowieso nicht mit mir sprach: Beweis genug, dass er nicht existierte.<\/p>\n<p id=\"oobe\">Ich wurde also &#8222;wissenschaftsgl\u00e4ubig&#8220;, ohne es gro\u00df zu bemerken. Die herrschende Lehre unserer Tage konnte immerhin auf die Technik, die sie hervor bringt, pochen: <em>wir erz\u00e4hlen nicht nur was vom Pferd, wir ERSCHAFFEN auch etwas, das funktioniert!<\/em> Esoterische Gedankengeb\u00e4ude, denen ich sp\u00e4ter begegnete, hatten f\u00fcr mich keinen Bestand, wenn sie das wissenschaftliche Weltbild nicht mindestens umfassten. Zwar konnte ich mich punktuell gut auf irgend eine &#8222;Lehre&#8220; einlassen und auch mal ihre Methoden nutzen, doch lief im Hintergrund des Bewusstseins immer ein Abgleich mit dem &#8222;herrschenden Weltbild&#8220;: ein Wunder, ein Geist, ein gro\u00dfer Traum, ein sinnvoller Zufall &#8211; all das war mir kein Beweis f\u00fcr irgend eine &#8222;h\u00f6here Wahrheit&#8220;, sondern subjektives Erleben, psychologisch erkl\u00e4rbar.<a name=\"oobe\"><\/a><\/p>\n<h2>&#8230;mal eben raus dem K\u00f6rper (OOBE)<\/h2>\n<p>Richtig geschockt war ich dann, als ich mal aus dem Schlaf erwachte und mich an der Decke schwebend vorfand &#8211; unten mein K\u00f6rper, selig schlummernd. Das geschah nicht nur einmal und ich sp\u00fcrte mit voller Wucht den Schrecken, mich irgendwo &#8222;au\u00dferhalb&#8220; meines Weltbildes vorzufinden. Ich schwebte \u00fcber einem Abgrund, dessen Boden ich nicht sah: So etwas durfte es &#8222;an sich&#8220; nicht geben, doch es war ganz offensichtlich kein Traum. Ich stand, bzw. schwebte mitten im Unerkl\u00e4rlichen &#8211; wie sich da verhalten? Was droht? Was ist zu tun? (Und alsbald: wie kann ich es BENUTZEN??)<\/p>\n<p>In der intensiven Forschungs- und Experimentierphase, die diesen Erlebnissen folgte, fand ich keine f\u00fcr mich befriedigende Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens: ich sah nur, wie die Gl\u00e4ubigen verschiedenster Systeme die Erfahrung (von der es jede Menge Beschreibungen aus allen Zeiten gibt) in ihr jeweiliges Glaubenssystem einbauten. Das war es nicht, was ich suchte &#8211; ich wusste ja selbst nicht, was ich suchte, doch hat das Erleben immerhin meine bis dahin ausschlie\u00dfliche Identifikation mit dem K\u00f6rper und der sinnlich wahrnehmbaren Welt nachhaltig ersch\u00fcttert. Auch erkannte ich, was ich tue, wenn der Verstand kein Gel\u00e4nder mehr bietet, an dem man sich festhalten kann. Ich erinnerte mich an uralte M\u00e4rchen und verhielt mich entsprechend: Mittels &#8222;w\u00fcnschen&#8220; und &#8222;befehlen&#8220; konnte ich ein wenig navigieren und in jedem Fall die Erfahrung BEENDEN, wenn sie mir zuviel Angst einjagte ( <em>&#8222;Ich liege im Bett und alles ist ganz normal&#8220;<\/em> lies mich in den K\u00f6rper zur\u00fcckkehren).<\/p>\n<p>Im Versuch, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oobe\">&#8222;OOBE-Erfahrung&#8220;<\/a> in den Griff zu bekommen, erlebte ich Situationen, die mir gar nicht mehr gefielen. Die mir &#8211; so empfand ich es jedenfalls &#8211; im Gegenteil aufzeigten, dass ich auf einem Spielfeld spielte, f\u00fcr das ich nicht geschaffen bin. Ich legte die Sache also innerlich zu den Akten mit dem Fazit: dieses Leben ist dazu da, es in, mit und durch diesen K\u00f6rper zu leben, nicht etwa der, ihn vorzeitig zu verlassen. Dass da etwas ist, was den K\u00f6rper nach dem Tod &#8222;verl\u00e4sst&#8220; um irgendwo hin zu gehen (oder wieder geboren zu werden), sah ich durch die Ph\u00e4nomene nicht als bewiesen an (selbst Rudolf Steiner schrieb ja, auch der &#8222;Astralk\u00f6rper&#8220; l\u00f6se sich binnen Kurzem auf). Weiterhin sah und sehe ich alle spezifischen Meinungen \u00fcber ein &#8222;danach&#8220; als Menschen-gemachte Trostpflaster an, die \u00fcber das Grauen des Sterbens hinweg helfen sollen. Und Trostpflaster will und brauche ich nicht &#8211; zumindest JETZT noch nicht, wo es mir halbwegs gut geht. J<\/p>\n<h2>Die dritte Antwort<\/h2>\n<p>Neben tradiertem Glauben und esoterischen Systemen gibt es noch eine weitere Antwort auf die &#8222;gro\u00dfen Fragen&#8220; nach dem woher, wohin und wozu, eine weitere Alternative im Umgang mit dem Unerforschlichen und vor allem mit der Endlichkeit des Lebens. Sie beginnt selbst mit einer Frage, n\u00e4mlich der Frage nach demjenigen, der das alles erlebt: Wer bin ich?<\/p>\n<p>Bin ich nur das, was stirbt? Woran mache ich \u00fcberhaupt fest, zu was ich &#8222;ich&#8220; sage?? Wo fange &#8222;ich&#8220; an und wo sind die Grenzen &#8211; zum Anderen, zur Welt?? Gibt es da \u00fcberhaupt Grenzen &#8211; oder ist die Begrenztheit, die ich erlebe, lediglich Ergebnis meiner eigenen, nicht weiter \u00fcberdachten &#8222;Definition&#8220; vom Ich?<\/p>\n<p>Ich gehe davon aus, dass der Geist, der an Pfingsten auf die J\u00fcnger herab kam, eben jener Geist war, der die Nichtigkeit und den Illusionscharakter solcher Begrenzungen erlebbar macht. Sie sprachen in &#8222;Zungen&#8220; und doch konnten alle sie verstehen, egal welche Muttersprache die ihre war. Die Sprachverwirrung des Turmbaus zu Babel hatte ein Ende &#8211; doch leider ging auch das Geisterlebnis zu Ende (Paulus hat sp\u00e4ter einiges darauf verwendet, exzessives Zungen-Reden vor &#8222;Ungl\u00e4ubigen&#8220; einzud\u00e4mmen, damit die Christenheit keinen allzu besoffenen Eindruck machen m\u00f6ge!).<\/p>\n<p>Vielleicht nutze ich die Feiertage, diese Gedankenf\u00e4den weiter zu spinnen.<br \/>\nF\u00fcr jetzt w\u00fcnsche ich allen sch\u00f6ne Pfingsten!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Pfingsten: kommt jetzt etwa der Geist auf uns herab? Vermutlich nicht mehr als an anderen Tagen. Und \u00fcberhaupt: was f\u00fcr ein Geist soll es sein? Channel-Medien haben eine Menge verschiedener Geister zu bieten: aufgestiegene Meister, alt-indische Gottk\u00f6nige, Verstorbene und Vermisste, Heilige, Weisheitslehrer, Erzengel und Naturgeister. 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