{"id":658,"date":"2011-04-04T10:24:49","date_gmt":"2011-04-04T08:24:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=658"},"modified":"2011-05-04T12:36:15","modified_gmt":"2011-05-04T10:36:15","slug":"tatort-unser-krankes-gesundheitssystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2011\/04\/04\/tatort-unser-krankes-gesundheitssystem\/","title":{"rendered":"Tatort: Unser krankes Gesundheitssystem"},"content":{"rendered":"<p>Am Ende des Quartals geht nichts mehr in deutschen Arztpraxen: was das &#8222;gedeckelte Budget&#8220; f\u00fcr schwer kranke Menschen bedeutet, hat der gestrige Tatort &#8222;Edel sei der Mensch, hilfreich und gesund&#8220; in Form einer ber\u00fchrenden Krimi-Handlung den Fernsehzuschauern pr\u00e4sentiert. <\/p>\n<p>Ein M\u00e4dchen mit Mukoviszidose bekommt das einzig helfende Inhalationsmittel nicht, weil es zu teuer ist: 800 Euro im Monat plus nochmal 900 f\u00fcr das Inhalationsger\u00e4t. Statt dessen stirbt es fast an der allergischen Reaktion auf ein billiges Antibiotikum. Eine alte Frau kann die Hand nicht mehr bewegen und leidet gro\u00dfe Schmerzen, doch sie soll drei Wochen warten, denn erst im n\u00e4chsten Quartal kann ihr das wirksame Medikament wieder verschrieben werden.  <\/p>\n<h2>Ein GUTER Arzt muss das System betr\u00fcgen<\/h2>\n<p>Der mitf\u00fchlende alte Arzt unterl\u00e4uft das System per Abrechnungsbetrug: den Privatpatienten berechnet er mehr als sie bekommen haben, um so die NOT-wendigen Mittel f\u00fcr die Kranken zu finanzieren, die von der Kasse nicht bezahlt werden.  Denn nur das billigste Medikament darf verschrieben werden, auch wenn das lange nicht so gut hilft wie neuere, die jedoch schweineteuer sind.<!--more--><\/p>\n<p>Opfer dieses soviel Not ignorierenden Systems und der menschenfreundlichen Versuche, es auszutricksen, ist dann ein Morbus Crohn-Patient, der erste Tote in diesem Tatort. &#8222;Unter der Hand&#8220; hatte er vom alten Arzt die teure, aber wirksame Infusion erhalten (Kosten: 8000 Euro!). Dazu dann aber auch noch das Billig-Mittel von der neuen, gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen und systemkonformen \u00c4rztin, die die Praxis \u00fcbernehmen will und davon nichts wusste. Pech, dass die Medikamente in Kombination t\u00f6dlich wirken! <\/p>\n<p>Dass die Karriere-geile \u00c4rztin dann ebenfalls zu Tode kommt, wird kaum ein Zuschauer bedauert haben. Am Ende stellt sich heraus, dass die Mutter des Mukoviszidose-kranken Kindes sie erschlagen hat, weil sie dabei war, den Patienten-freundlichen Betrug in der Praxis aufzudecken und zu beenden. Und nicht mal die Kommissare haben richtig Lust auf die anstehende Verhaftung&#8230;<\/p>\n<h2>Ist dieses Elend \u00e4nderbar?<\/h2>\n<p>Ich finde es toll, dass der Tatort immer wieder solche brisanten Themen aufgreift:  Gute Unterhaltung plus optimale Wahrnehmung des \u00f6ffentlich rechtlichen &#8222;Bildungsauftrags&#8220;.  Viele Noch-Gesunde haben ja keine Ahnung, was mittlerweile in Sachen Krankheit hierzulange abgeht! Viele denken, nur das billigste Mittel zu verschreiben, bedeute lediglich eine Wahl unter gleich wirksamen Medikamenten &#8211; also etwa ein preiswertes, wirkstoffgleiches Generikum anstatt des teuren Markenprodukts. Dass dem NICHT so ist, hat der Film drastisch klar gemacht!<\/p>\n<p>Was ich vermisst habe, war die Kritik an der Pharma-Industrie. Lediglich die Preise einiger Medikamente wurden genannt und gaben zum Staunen Anlass. Dass wir hierzulande deutlich mehr f\u00fcr Medikamente bezahlen als in anderen EU-L\u00e4ndern \u00fcblich, kam leider nicht zur Sprache. Aber das h\u00e4tte den Krimi dann wohl doch zu sehr \u00fcberfrachtet. <\/p>\n<p>Die Deutschen gehen zu oft zum Arzt, hei\u00dft es. Ich vermeide das soweit m\u00f6glich, doch der TATORT hat mir gezeigt: man m\u00fcsste eigentlich einmal pro Quartal m\u00f6glichst viele \u00c4rzte aufsuchen, gerade als Gesunder.  Dann w\u00fcrde nur ein einmaliges Patientengespr\u00e4ch das Budget belasten, der Rest k\u00f6nnte f\u00fcr wirklich Not-leidende Patienten verbraucht werden. 65 Euro pro Patient und Quartal sind das \u00fcbrigens nur &#8211; ich nehme an, die im Krimi genannten Zahlen stimmen.<\/p>\n<p>Weitere Ideen? Wozu brauchen wir hundertundwei\u00dfnichtwieviel Krankenkassen? Die Leistungen sind doch sowieso gsetzlich bis an die Kante reglementiert. Nur EINE Kasse f\u00fcr alle w\u00fcrde eine Menge Verwaltung einsparen! <\/p>\n<p>Ja, es g\u00e4be viel zu reformieren&#8230; aber irgendwie scheint das Thema &#8222;Gesundheitssystem&#8220; die Massen nicht oft nachhaltig zu bewegen. Vielleicht, weil wir Krankheit so lange es geht lieber verdr\u00e4ngen?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ende des Quartals geht nichts mehr in deutschen Arztpraxen: was das &#8222;gedeckelte Budget&#8220; f\u00fcr schwer kranke Menschen bedeutet, hat der gestrige Tatort &#8222;Edel sei der Mensch, hilfreich und gesund&#8220; in Form einer ber\u00fchrenden Krimi-Handlung den Fernsehzuschauern pr\u00e4sentiert. 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