{"id":63,"date":"2007-05-04T08:17:20","date_gmt":"2007-05-04T06:17:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/05\/04\/miteinander-reden\/"},"modified":"2007-05-09T13:42:11","modified_gmt":"2007-05-09T11:42:11","slug":"miteinander-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/05\/04\/miteinander-reden\/","title":{"rendered":"Miteinander reden?"},"content":{"rendered":"<p>Ein <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.webzettel.de\/?p=101\">Gespr\u00e4ch<\/a> im Webzettel-Blog gibt mir den Ansto\u00df zu diesem Thema: Reden wir heute weniger miteinander als fr\u00fcher, wie es Michael in seinem Beitrag &#8222;Merkw\u00fcrdiger Frieden&#8220; nahe legt? Da hei\u00dft es: <em>&#8222;Vielleicht ist man ja auch m\u00fcde geworden, miteinander zu reden, weil ja doch alle dasselbe sagen, dasselbe denken, dasselbe wissen. Man wei\u00df, da\u00df es so friedlich im Grunde gar nicht ist und da\u00df es trotz aller Individualit\u00e4t \u00fcberhaupt keine Alternative dazu gibt, jetzt hier zu sein und dorthin zu fahren, wo man nun einmal hinfahren mu\u00df. Also wozu dar\u00fcber noch viele Worte verlieren?&#8220;<\/em><!--more--><br \/>\nMan kratzt nur an der Oberfl\u00e4che, wenn man &#8211; wie ich es im Kommentar dazu tat &#8211;  auf die Anonymit\u00e4t der Gro\u00dfstadt verweist, wo es ja kaum ertr\u00e4glich w\u00e4re, m\u00fcsste man mit allen reden, denen man im \u00f6ffentlichen Raum begegnet. Da es unh\u00f6flich ist, Leute einfach nur anzustarren, ohne Kontakt aufzunehmen, geht der Blick \u00fcblicherweise aneinander vorbei, oder man versenkt sich, z.B. in der U-Bahn, ins Lesen einer Zeitung. Alles ganz normal &#8211; oder doch nicht? In s\u00fcdlichen L\u00e4ndern, z.B. in Italien, hab&#8216; ich weit kommunikativere und fr\u00f6hlichere Situationen in Bahnen und Bussen erlebt als hierzulande &#8211; es scheint also auch am Nationalcharakter zu liegen (letztlich am Klima?), wieviel spontanes Plaudern mit Fremden normalerweise drin ist.<\/p>\n<p>Wie ich mich in solchen Situationen f\u00fchle, ist allerdings eine ganz andere Baustelle: je nach Stimmung und eigener Lebenslage kann ich mich einsam und getrennt f\u00fchlen, als w\u00e4re da eine unsichtbare Glasscheibe zwischen mir und den anderen Menschen. Oder ich bin selber &#8222;abwesend&#8220;, verstrickt in Gedanken \u00fcber Zukunft und Vergangenheit, dann nehme ich den Mitmenschen gar nicht wahr. Bin ich dagegen im Hier und Jetzt tats\u00e4chlich ganz da, kommt schon mal ein freundlicher Blickwechsel zustande &#8211; oder derjenige schaut weg, weil er selber gerade nicht bereit ist, einen solchen Minimalkontakt entstehen zu lassen. Auch ok, denn wenn ich &#8222;nur schaue&#8220;, bin ich frei vom Verlangen nach irgend etwas, f\u00fchle mich also nicht pers\u00f6nlich abgelehnt, sondern registriere einfach die Verschlossenheit des Anderen, genau wie die Temperatur des Waggons oder die Kratzer auf den Scheiben.<\/p>\n<p><strong>Die Geste des Sprechens<\/strong><\/p>\n<p>Mein Drang nach Gespr\u00e4chen hat im Lauf der Jahre insgesamt abgenommen. In Gruppensituationen, die meistens ein wirres Durcheinander an Smalltalk mit sich bringen, f\u00fchle ich mich eher unwohl, denn das Geschehen bindet meine Aufmerksamkeit, ohne dass ich irgend etwas davon h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Was aber will ich denn HABEN, wenn ich mit jemandem spreche? Warum \u00fcberhaupt miteinander reden? <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/flusser\/\"><strong>Vil\u00e9m Flusser<\/strong><\/a> hat dazu etwas sehr Sch\u00f6nes geschrieben, das ich hier einfach mal zitiere:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; font-size: 11px; line-height: 15px\"><img decoding=\"async\" style=\"border: medium none ; margin-right: 0px\" alt=\"Vil\u00e9m Flusser\" class=\"rechts\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/flusser\/fdenk.gif\" \/>&#8222;Man spricht nicht so sehr, weil man &#8218;etwas zu sagen hat&#8216;, sondern weil das Wort die Mauer des Schweigens durchbricht. In der Gegenwart allerdings ist diese Grundtatsache des Sprechens in Vergessenheit geraten. Die Tore der Worte haben sich sperrangelweit pathologisch ge\u00f6ffnet, und die Logorheia des Geredes \u00fcberschwemmt die Gegend. Man redet, weil man verlernt hat zu sprechen, und man hat es verlernt, weil es nichts zu verschweigen gibt: die Worte haben ihre Strahlen verloren. Es muss in anderen, fr\u00fcheren Situationen vor der Inflation des Wortes ein Gewicht des Sprechens gegeben haben, einen Ernst der Geste des Sprechens, oder wie man vielleicht sagte, ein Messen des Wortes, ein ma\u00dfvolles Sprechen, wie man es noch bei Bauern und einsam Lebenden antrifft, bei welchen das Sprechen sich noch als ein Brechen des Schweigens und nicht als ein Zerreden der Stille auswies. Dieses urspr\u00fcngliche Gewicht der Geste des Sprechens, und nicht die leichtfertige Geste des Geredes, gilt es hier zu fassen. Also nicht die allerorts beobachtbare Bewegung der Mundorgane, welche die Luft auf Marktpl\u00e4tzen, in TVs und Vortragshallen zum Vibirieren bringt, sondern die weit seltenere Geste, bei welcher Worte unwiderruflich aus dem Bereich der Betrachtung in den Bereich des Zusammenseins mit anderen gelangen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; font-size: 11px; line-height: 15px\">aus:  Gesten &#8211; Versuch einer Ph\u00e4nomenologie \/ Die Geste des Sprechens, S.55<\/p>\n<p>In den Bereich des Zusammenseins gelangen &#8211; das ist es wohl, was wir mittels des Sprechens wollen, aber durch blo\u00dfes Gerede allzu oft selbst verhindern. Wobei ich allerdings meine, dass es gerade dann gut gelingt, wenn die Beteiligten eine Haltung &#8222;reiner Betrachtung&#8220; einzunehmen im Stande sind. Und zwar nicht der Betrachtung des Unwesentlichen (Klatsch und Tratsch), das Flusser hier vermutlich meint, sondern eine durchg\u00e4ngige quasi &#8222;objektive&#8220; Betrachtung s\u00e4mtlichen Geschehens, einschlie\u00dflich dessen, was ich selber gerade bin. Dann ereignet sich ein gemeinsames &#8222;H\u00f6ren auf das Sein&#8220; und damit ein Zusammensein, wie es nicht m\u00f6glich ist, wenn man einander mit dem je eigenen Interesse zutextet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch im Webzettel-Blog gibt mir den Ansto\u00df zu diesem Thema: Reden wir heute weniger miteinander als fr\u00fcher, wie es Michael in seinem Beitrag &#8222;Merkw\u00fcrdiger Frieden&#8220; nahe legt? Da hei\u00dft es: &#8222;Vielleicht ist man ja auch m\u00fcde geworden, miteinander zu reden, weil ja doch alle dasselbe sagen, dasselbe denken, dasselbe wissen. 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