{"id":62,"date":"2007-05-03T09:12:48","date_gmt":"2007-05-03T07:12:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/05\/03\/von-muellmuettern-und-anderen-verwahrlosungen\/"},"modified":"2007-05-30T15:22:42","modified_gmt":"2007-05-30T13:22:42","slug":"von-muellmuettern-und-anderen-verwahrlosungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/05\/03\/von-muellmuettern-und-anderen-verwahrlosungen\/","title":{"rendered":"Von M\u00fcll-M\u00fcttern und anderen Verwahrlosungen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Wohnung der M\u00fcll-Mutter&#8220; als fette Schlagzeile und ein Bild von einem un\u00fcbersichtlichen Haufen Ger\u00fcmpel begr\u00fc\u00dft mich beim morgendlichen Milch holen im Eckladen. Seit Tagen ereifert sich ein Berliner Boulevard-Blatt  \u00fcber den Fall einer Mutter, deren drei Kinder man alleine in einer verdreckten Wohnung angetroffen haben soll. In der Abendschau wird allerdings berichtet, dass die Kinder in der Schule &#8222;in keiner Weise auff\u00e4llig&#8220; gewesen seien: f\u00fcr beh\u00f6rdliches Einschreiten h\u00e4tte es keinerlei Anlass gegeben.<!--more--><\/p>\n<p>Der Fall des verhungerten Arbeitslosen, der wohl an Depressionen litt und deshalb den Kontakt zur Arbeitsagentur einfach abbrach, wirft ebenfalls die Frage auf, wie viel &#8222;f\u00fcrsorgliche \u00dcberwachung&#8220; heute eigentlich zu fordern (oder zu f\u00fcrchten?) w\u00e4re. Um den sogenannten Leistungsbetrug aufzukl\u00e4ren, schickt die Agentur Mitarbeiter zu den Leistungsempf\u00e4ngern, um dort die Zahnb\u00fcrsten zu kontrollieren (ehe\u00e4hnliches Verh\u00e4ltnis??), aber um mal zu schauen, was los ist, wenn jemand sich gar nicht r\u00fchrt, gibt&#8217;s angeblich nicht genug Mitarbeiter.<\/p>\n<p>Trotz allseits bejubeltem Aufschwung verwahrlost die Gesellschaft immer mehr &#8211; und wie ich finde nicht nur in den Unterschichten. Das &#8222;Gewissen&#8220; bzw. die innere Werte-Orientierung, die einst zur Grundausstattung eines Erwachsenen geh\u00f6rte, wird zunehmend durch \u00e4u\u00dfere Regeln, Zw\u00e4nge und \u00dcberwachung recht und schlecht ersetzt. &#8222;Gott sieht&#8217;s!&#8220; war noch in den 50gern und 60gern ein Argument, nicht alles zu tun, was m\u00f6glich w\u00e4re &#8211; heute ist es die Video-Kamera, die im Dienste der immer weniger solidarischen Gesellschaft Fehlverhalten unterbinden soll.<\/p>\n<p>Wer nicht zu den Vorsorge-Untersuchungen geht, zahlt mehr f\u00fcr seinen Krebs &#8211; auch das ist heute Realit\u00e4t und ich vermute mal, es ist nur der Anfang. Die Neigung, das \u201aFehlverhalten&#8216; des Mitmenschen im Bewusstsein eigener Schwachstellen mitzutragen, geht gegen Null: Fettleibigkeit, Rauchen, Risiko-Sport &#8211; tja wieso sollte denn die Folgen  jemand mitbezahlen? Es steht doch jedem frei, sich zu verhalten, wie er mag! Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, wer sich nicht rasiert und ordentlich k\u00e4mmt, ist selber schuld an seiner Lage. Wer die Termine der Arbeitsagentur nicht wahrnimmt, muss halt verhungern &#8211; und wer seine Wohnung nicht in Schuss h\u00e4lt, gar Messi-Verhaltensweisen entwickelt, wird immerhin als M\u00fcllmutter ber\u00fchmt!<\/p>\n<p>Es ekelt mich. Als junger Mensch w\u00e4re ich auf irgend welche Barrikaden gestiegen und h\u00e4tte gegen &#8222;die Herrschenden&#8220;, das &#8222;System&#8220; oder &#8222;die Zust\u00e4nde&#8220; gek\u00e4mpft. Heute kann ich keine eindeutig &#8222;B\u00f6sen&#8220; mehr erkennen, sehe keine einfachen L\u00f6sungen und w\u00fcsste nicht, wie all diesen Verwahrlosungen irgend etwas entgegen zu setzen w\u00e4re, das mehr l\u00f6st als den zuf\u00e4lligen Einzelfall.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Wohnung der M\u00fcll-Mutter&#8220; als fette Schlagzeile und ein Bild von einem un\u00fcbersichtlichen Haufen Ger\u00fcmpel begr\u00fc\u00dft mich beim morgendlichen Milch holen im Eckladen. Seit Tagen ereifert sich ein Berliner Boulevard-Blatt \u00fcber den Fall einer Mutter, deren drei Kinder man alleine in einer verdreckten Wohnung angetroffen haben soll. 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