{"id":59,"date":"2007-04-11T10:30:53","date_gmt":"2007-04-11T08:30:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/04\/11\/leben-mit-der-finalen-diagnose-und-schreiben\/"},"modified":"2016-02-09T13:27:17","modified_gmt":"2016-02-09T12:27:17","slug":"leben-mit-der-finalen-diagnose-und-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/04\/11\/leben-mit-der-finalen-diagnose-und-schreiben\/","title":{"rendered":"Leben mit der finalen Diagnose &#8211; und schreiben!"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wir reden \u00fcber Wochen&#8230;.&#8220; &#8211; mit dieser \u00e4rztlich verk\u00fcndeten Perspektive einfach weiter leben, geht das? Wie es geht, beschreibt Ulla in den neueren Eintr\u00e4gen ihres <a href=\"http:\/\/altweibersommer.blogg.de\/\">Altweibersommer-Blogs<\/a>.  Als ich nach l\u00e4ngerer Pause dort mal wieder vorbei surfte, erwischte mich ihre Geschichte &#8222;aus heiterem Himmel&#8220;. Ich erwartete lockeres Geplauder \u00fcber dies und das,  statt dessen las ich von der Diagnose, der sie sich seit wenigen Monaten stellen muss:  Bauchspeicheldr\u00fcsenkrebs, inoperabel.<!--more--><\/p>\n<p>Ich hatte mich immer schon gefragt, ob ich wohl weiter schreiben w\u00fcrde, wenn ich mit der &#8222;finalen Diagnose&#8220; konfrontiert bin, und wenn ja, wie lange.  Altern, Krankheit, Tod sind Themen, \u00fcber die man vielleicht mal aus der Distanz schreibt, aber in eigener Sache??? Wer schw\u00e4chelt schon gerne \u00f6ffentlich? W\u00fcrde ich es wagen, mich derart zu entbl\u00f6\u00dfen? Ich wei\u00df es nicht! Und nun erstarre ich vor Bewunderung \u00fcber Ullas Mut, ihr Schicksal so tapfer und selbstbestimmt zu tragen, sich nicht durch vermutlich nutzlose Chemotherapien die Lebensqualit\u00e4t nehmen zu lassen, und zudem ganz offen \u00fcber ihr Erleben zu schreiben. Und zwar genau so, wie es sich von Tag zu Tag entwickelt, mit all den wechselnden Gem\u00fctszust\u00e4nden zwischen Hoffnung und Verzweiflung,  sachlicher Analyse und Sarkasmus, innerem Widerstand und Momenten der Hingabe.<\/p>\n<p>Und das Netz antwortet: unter Ullas Beitr\u00e4gen finden sich viele Kommentare, Tipps und Infos, virtuelle Umarmungen, Trost und Ermunterungen.  Wie wird sich das entwickeln, wenn die Schreiberin pflegebed\u00fcrftig wird? Wird sich Ulla den Netzzugang am Krankenbett erk\u00e4mpfen? Wird aus dem &#8222;internetten&#8220; Zuspruch ganz reale Unterst\u00fctzung?<\/p>\n<p>In dieser Gesellschaft ist es immer noch \u00fcblich, Alter, Krankheit und Tod in die Unsichtbarkeit zu verdr\u00e4ngen. Wer dazu geh\u00f6ren will, soll gef\u00e4lligst so jung, fit und sch\u00f6n sein wie die makellosen Gestalten, die von den Plakatw\u00e4nden l\u00e4cheln. In den Blogs und Homepages dominieren Erfolgsgeschichten und Belanglosigkeiten, die den Schreibenden gut aussehen lassen. Schlie\u00dflich soll das &#8222;virtuelle Kost\u00fcm&#8220; schm\u00fccken und sch\u00fctzen, nicht etwa mit harten Tatsachen konfrontieren, mit denen man selbst kaum fertig wird.<\/p>\n<p>Das unvermeidliche Sterben ist die heftigste harte Tatsache.  Das gilt f\u00fcr jeden, nicht nur f\u00fcr Menschen, die bereits &#8222;ihre Diagnose&#8220; kennen. F\u00fcr sie ist Verdr\u00e4ngung allerdings nicht mehr m\u00f6glich, die Basis des allt\u00e4glichen Halbschlafs ist zerschellt.  Die meisten ziehen sich dann zur\u00fcck und verbergen ihre Lage, f\u00fcrchten die Ausgrenzung und Diskriminierung und wollen erst recht kein Mitleid.  Sie tragen mit dieser sehr verst\u00e4ndlichen Haltung dazu bei, dass alles so bleibt, wie es ist &#8211; Ulla hat sich anders entschieden, wof\u00fcr ich sie sehr bewundere!<\/p>\n<p>Vielleicht werden die Blogger und Diary-Schreiber dazu beitragen, dass das Sterben wieder als selbstverst\u00e4ndlicher Teil des Lebens wahrgenommen wird. Wer es gewohnt ist, \u00fcber sich zu schreiben, h\u00f6rt nicht pl\u00f6tzlich damit auf, wenn &#8222;die Diagnose&#8220; ins Leben einbricht &#8211; und alle, die da mitlesen d\u00fcrfen, erleben eine seltsame und begl\u00fcckende Beruhigung: auch Sterben ist Leben, ist Gegenstand des Berichtens und Betrachtens, zu dem man schreibend Distanz aufbauen kann, anstatt zu verzweifeln.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir reden \u00fcber Wochen&#8230;.&#8220; &#8211; mit dieser \u00e4rztlich verk\u00fcndeten Perspektive einfach weiter leben, geht das? 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