{"id":585,"date":"2010-10-30T11:05:07","date_gmt":"2010-10-30T09:05:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=585"},"modified":"2010-11-14T15:24:29","modified_gmt":"2010-11-14T13:24:29","slug":"tv-nacht-erst-die-koerperfresser-dann-domian","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/10\/30\/tv-nacht-erst-die-koerperfresser-dann-domian\/","title":{"rendered":"TV-Nacht: Erst die K\u00f6rperfresser, dann Domian"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Nacht im \u00d6ffentlichrechtlichen:  Im WDR lief  <a href=\"http:\/\/deepreds-kino.blogspot.com\/2010\/07\/die-korperfresser-kommen-1978.html\">&#8222;Die K\u00f6rperfresser kommen&#8220;<\/a> &#8211; ein ziemlich gut gemachter Horrorfilm von 1977,  subtiler als das, was heute so als &#8222;Horror&#8220; l\u00e4uft.  Menschen verwandeln sich in gef\u00fchllose Doppelg\u00e4nger ihrer selbst, die keiner menschlichen Regung mehr f\u00e4hig sind, auch wenn sie k\u00f6rperlich nach wie vor perfekt funktionieren. Und kein Happy End: auch die Geliebte zerbr\u00f6selt am Ende in den Armen des Helden, dann erwischt es auch diesen selbst. <!--more--><\/p>\n<h2>Kalte Angst vor dem Anderen<\/h2>\n<p>Es geht nicht nur um die menschliche Urangst, sich selbst zu verlieren, sondern auch um Vertrauen in den Mitmenschen, das (jedenfalls in diesem Film) gnadenlos entt\u00e4uscht wird: Irgendwann mutiert jeder zum Monster. Es gibt kein Entkommen, keine Heimstatt in der Liebe. Wenn ich das als Parabel auf eine Gesellschaft verstehe, in der zunehmed jeder sich selbst der N\u00e4chste ist, ist das sicher nicht \u00fcberinterpretiert. <\/p>\n<p>Obwohl ich den Film nur punktuell verfolgte und gelegentlich an den PC wechselte, ber\u00fchrte er mich doch eiskalt. Ja, der Andere bleibt der unerreichbare, unkontrolierbare, unerforschliche Andere, egal wie nah er mir ist. Alles zivilisierte Miteinander ist nur d\u00fcnner Lack, der schnell abbl\u00e4ttern kann, wenn sich die Zust\u00e4nde und Interessen \u00e4ndern. Tief in uns verborgen sitz das Reptiliengehirn, bereit, im Modus des T\u00f6tens und Fressens zu interagieren, wenn es denn n\u00f6tig wird. <\/p>\n<h2>Mitgef\u00fchl und Seelenstreicheln<\/h2>\n<p>Stimmungsm\u00e4\u00dfig deprimiert und innerlich fr\u00f6stelnd blieb ich dann dankbar im warmen Licht von Domians \u00f6ffentlicher Telefonseelsorge h\u00e4ngen. Welch eine Labsaal! Dort k\u00fcmmern sich f\u00fcrsorgliche Programmgestalter um die Seelen der Anrufer und Zuschauer, auf dass niemand durch das vorgetragene, oft schier auswegslose Leid nachhaltig &#8222;runter gezogen&#8220; wird. Eine beeindruckend klare 96-J\u00e4hrige hat keine Freude mehr am Leben und m\u00f6chte endlich sterben, kann aber nicht. In die Schweiz fahren ist zu umst\u00e4ndlich, au\u00dferdem soll die Urne in der Heimat beigesetzt werden und nicht in einem schweizer See landen. Ihr Lebensfazit: Es war es nicht wert! Zuviel Leid und zu wenig Freude. Domian forscht nach lichten Aspekten: ja, das Fernsehen gibt ihr manchmal noch was, aber keinen Grund, weiter leben zu wollen. Egal, Domian w\u00e4re nicht Domian, w\u00fcrde er nicht versuchen, auch dieser Frau noch etwas zu geben: Liebevolle Zuwendung, Bewunderung f\u00fcr ihre Klarheit, Freude am Rekord (die \u00e4lteste Anruferin aller Zeiten!). <\/p>\n<h2>Anything goes<\/h2>\n<p>Die n\u00e4chste Anrufern &#8211; geschickt, geschickt! &#8211; ist dann eine 22-J\u00e4hrige, deren 52-j\u00e4hriger Vater seit einem Jahr mit Toten kommuniziert. In England sei das gang und g\u00e4be, man k\u00f6nne es lernen, sofern eine Grundbegabung da sei. Ihr Vater habe Kurse besucht und nun verf\u00fcge er \u00fcber diese F\u00e4higkeit. Ihre Berichte sind frappierend: Der &#8222;Hellf\u00fchler&#8220; f\u00fchlt die Stimmung der Toten und empf\u00e4ngt einzelne Bilder, die Aspekte und Details aus dem Leben zeigen, die er nicht wissen kann, aber von den Angeh\u00f6rigen erkannt werden. Domian reagiert mit liebevoller Skepsis, fragt nach, schl\u00e4gt Tests vor, die &#8222;den Vater auf die Probe stellen&#8220; k\u00f6nnten. Doch die junge Frau hat dies alles bereits erlebt und glaubt nun trotz anf\u00e4nglicher Bedenken (ist mein Vater jetzt in einer Sekte?) an die Existenz des Totenreichs. Dort k\u00fcmmern sich hilfreiche Geister um die Verstorbenen und p\u00e4ppeln sie liebevoll auf, wenn ihre Seelen im Leben zu sehr verletzt wurden.<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n! Wie tr\u00f6stlich auch f\u00fcr die 96-J\u00e4hrige und alle von ihrer Rede betroffenen Zuh\u00f6rer, die nun auf ein &#8222;danach&#8220; hoffen d\u00fcrfen. Nach diesem Ausflug in h\u00f6here Welten ist das Publikum dann innerlich wieder ausreichend erstarkt, um einem Betreiber von <a href=\"http:\/\/www.test.de\/themen\/steuern-recht\/meldung\/Abofallen-im-Internet-Niemand-muss-zahlen-4149024-4149029\/\">Abo-Fallen<\/a> (30.000 Seiten, Millionen-Ums\u00e4tze) im Netz zu lauschen, den das schlechte Gewissen gepackt hat. <\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine auf- und abregende TV-Nacht! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Nacht im \u00d6ffentlichrechtlichen: Im WDR lief &#8222;Die K\u00f6rperfresser kommen&#8220; &#8211; ein ziemlich gut gemachter Horrorfilm von 1977, subtiler als das, was heute so als &#8222;Horror&#8220; l\u00e4uft. Menschen verwandeln sich in gef\u00fchllose Doppelg\u00e4nger ihrer selbst, die keiner menschlichen Regung mehr f\u00e4hig sind, auch wenn sie k\u00f6rperlich nach wie vor perfekt funktionieren. 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