{"id":570,"date":"2010-09-25T11:28:47","date_gmt":"2010-09-25T09:28:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=570"},"modified":"2013-12-27T12:17:26","modified_gmt":"2013-12-27T11:17:26","slug":"geschlecht-und-geschlechtsrolle-weiblich-maennlich-menschlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/09\/25\/geschlecht-und-geschlechtsrolle-weiblich-maennlich-menschlich\/","title":{"rendered":"Geschlecht und Geschlechtsrolle: weiblich, m\u00e4nnlich, menschlich?"},"content":{"rendered":"<p>Als Kind bekam ich genau wie meine Schwestern einen jungenhaften Kurzhaarschnitt und trug die meiste Zeit Hosen. Wir wurden von den Eltern so zugerichtet, fernab von jeglichem Kleinm\u00e4dchen-Schick. Den vermisste ich allerdings auch nicht, sondern litt schwer darunter, dass ich zum Spielen im Hof nicht die neuen, angesagten &#8222;Blujeans&#8220;, sondern nur altert\u00fcmliche Trainingshosen bekam &#8211; ein Elend! <\/p>\n<p>Mein Vater behandelte mich eher wie einen Sohn, verlangte Mut und Kampfkraft im Umgang mit der manchmal grausamen Kinderbande (wobei ich hoffnungslos versagte) und f\u00f6rderte Wissen, Leistung, Intellekt. Schon vor der Einschulung hatte ich mir das Lesen und Schreiben &#8222;zusammen gereimt&#8220;, hatte immer gute Noten, las mich begeistert durch die \u00f6ffentliche Bibliothek und merkte erst in der Pubert\u00e4t, dass mir etwas fehlte.<!--more--><\/p>\n<p>Zwar war es hoch spannend, dass sich auf einmal Jungs f\u00fcr mich interessierten, doch hatte ich echte Schwierigkeiten, im exzessiven &#8222;wir machen jetzt auf Frau-Wettkampf&#8220; der anderen M\u00e4dchen mitzuhalten. Binnen k\u00fcrzester Zeit waren meine Klassenkameradinnen echte Koryph\u00e4en in Sachen Schminken, konnten die Marken und Produktlinien besser aufsagen als die englischen Vokabeln und besuchten in den Freistunden die Kosmetikabteilungen umliegender Kaufh\u00e4user. Ich ging mit, weil ich dazu geh\u00f6ren wollte, doch  langweilte ich mich zu Tode! In der Tanzstunden-Zeit m\u00fchte ich mich ab, auch ein wenig &#8222;gestylt&#8220; zu erscheinen, f\u00fcr den Disko-Besuch k\u00e4mpfte ich stundenlang mit dem Auftrag eines blauen &#8222;abziehbaren&#8220; Eyeliners, der mir partout nicht in gebotener \u00c4sthetik gelingen wollte &#8211; alles in allem eine W\u00fcrgerei! Ich erkannte: mir fehlt es irgendwie an kompetenter  &#8222;Weiblichkeit&#8220;. <\/p>\n<h2>Alles ver\u00e4ndert sich, wenn wir es ver\u00e4ndern<\/h2>\n<p>Das war damals nicht weiter schlimm, denn um uns her tobte die 68er-Kulturrevolution. Es gab andere, neue Identifikationsm\u00f6glichkeiten und alsbald machte die neue Frauenbewegung von sich reden, die das &#8222;Schm\u00fccken, um M\u00e4nner aufzugeilen&#8220; sowieso grunds\u00e4tzlich ablehnte. Frau verbrannte die BHs (f\u00fcr mich gut, denn ich hatte mich eh nie daran gew\u00f6hnen wollen!) und althergebrachtes Rollenverhalten war nicht mehr angesagt. Sondern: SELBST ist die FRAU!! <\/p>\n<p>Ich hatte sowieso nie daran geglaubt, aufgrund meines Geschlechts irgendetwas schlechter zu k\u00f6nnen oder nicht tun zu d\u00fcrfen, was M\u00e4nner k\u00f6nnen und d\u00fcrfen. Und ich war ein wenig zu jung f\u00fcr die ganz gro\u00dfe politische Ernsthaftigkeit, sondern pickte mir aus allem das heraus, was mir passend und n\u00fctzlich schien. Mit der Frauenbewegung verband mich der Frust, den ich empfand, als ich bemerkte, wie geil all die Jungs im Grunde waren, die sich an mich heran machten. Wollte ich doch f\u00fcr meinen INTELLEKT geliebt und begehrt werden &#8211; und nicht f\u00fcr meine weiblichen Formen, f\u00fcr die ich ja gar nichts konnte! Trotzdem hatte ich fr\u00fch Sex und bem\u00fchte mich, darin &#8222;gut&#8220; zu sein, wie es der Zeitgeist verlangte. Es ging nicht um Lust (die lernte ich erst sp\u00e4ter kennen), sondern um Rebellion: wir zeigen den Alten, dass wir heute GANZ FREI sind und alles machen, was sie uns gerne verbieten w\u00fcrden! So m\u00fchte ich mich also ab mit meinen damaligen Kurzzeitpartnern, die sich ebenfalls schwer bem\u00fchten, den neuen Anforderungen gerecht zu werden und alles genau so zu machen, wie es in den Magazinen stand (Vorspiel!!! Klitoris-Stimulation etc. usw.). Vermutlich machen das heutige Jugendliche \u00e4hnlich, nur haben sie das krasse Vorbild der Pornofilme statt einf\u00fchlsamer Anleitungen von Oswald Kolle &#8211; muss schrecklich sein!<\/p>\n<p>Endlich erwachsen und in einer eigenen Wohnung angekommen, machte ich begeistert Ernst mit dem &#8222;selbst ist die Frau&#8220;. Renovierte meine Bude von Grund auf, agierte mit S\u00e4ge, Bohrmaschine, heftigen  Chemikalien und Lacken. Spielte Schach in einem Verein, in dem es nur eine andere Frau (um die 70) gab, k\u00e4mpfte mich ans erste Brett vor&#8230; bis alle begriffen hatten, dass auch Frau Schach kann und mich nicht mehr f\u00fcr die Bedienung hielten, wenn ich bei den Turnieren erschien. Dann verlie\u00df mich der Ehrgeiz, denn es gab nichts mehr zu beweisen und &#8222;tote Holzkl\u00f6tzchen herum schieben&#8220; erschien mir auf einmal recht \u00f6d. <\/p>\n<h2>Wer bist du? Arbeite an dir!<\/h2>\n<p>Mittlerweile hatte die Psychotherapie-Bewegung ihre gro\u00dfe Zeit. &#8222;Therapie-erfahren&#8220; galt als Plus in Kontaktanzeigen und bei Bewerbungen um den freien Platz in einer WG. Ich lernte, dass ich offensichtlich &#8222;meine m\u00e4nnliche Seite lebe&#8220; und dass es angesagt w\u00e4re, auch den weiblichen Anteilen mehr Raum zu geben. Hm&#8230; so richtig was damit anfangen konnte ich nicht. Sollte ich meinen Verstand (auf den ich doch so stolz war) etwa herunter dimmen, h\u00fcbsche Kleidchen tragen und sp\u00e4t, aber doch noch das &#8222;weibliche Styling&#8220; erlernen? Wenn ich verliebt war, nahm ich durchaus mal ein paar Kilo ab und kleidete mich ein wenig aufreizender &#8211; aber das hielt immer nur ein paar Wochen oder Monate an. Und das &#8222;Gef\u00fchlige&#8220;?? Himmel, mein Verstand erschien mir doch gerade als das Bollwerk, das mich vor allen Einbr\u00fcchen und Schwachheiten gut sch\u00fctzen konnte. Warum das freiwillig abbauen?<\/p>\n<p>Man lernt nicht durch Geh\u00f6rtes und Gelesenes, sondern begreift die eigenen Unvollst\u00e4ndigkeiten meist allein durch das Leben. Durch das Scheitern, genauer gesagt. Ende 30 erlebte ich den Burnout meines ersten Lebensentwurfs, k\u00fcndigte dem inneren Sklaventreiber und lernte die zweite H\u00e4lfte des Himmels kennen: geschehen lassen statt streben und k\u00e4mpfen, auf die eigenen Gef\u00fchle achten und sie auch mal an die erste Stelle setzen, Schwachheiten zugeben und nicht gleich bem\u00e4nteln und bek\u00e4mpfen, auf Andere h\u00f6ren, zuh\u00f6ren, um Hilfe bitten k\u00f6nnen, statt immer alles allein schaffen zu wollen. Die eigenen &#8222;Schattenseiten&#8220; anschauen und akzeptieren, nicht mehr ignorieren, sondern ihnen sogar Raum im Leben geben. Mein eigenes So-Sein von Augenblick zu Augenblick als gegeben annehmen, genauso wie das Wetter &#8211; anstatt fortw\u00e4hrend die tolle Person sein zu wollen und f\u00fcr den &#8222;den guten Eindruck&#8220; und die Ausweitung pers\u00f6nlicher Macht zu leben. <\/p>\n<p>In dieser Entwicklung erkannte ich irgendwann, dass ich jetzt meine weibliche Seite integrierte. Die auch etwas mit meiner Mutter zu tun hat: Sie liebte mich f\u00fcr mein blo\u00dfes Dasein, war aber &#8222;weltlich&#8220; (=dem Vater gegen\u00fcber) machtlos, wof\u00fcr ich sie stellenweise verachtete. Weil sie mir nicht helfen konnte gegen das Erziehungsversagen meines Vaters, der f\u00fcr mich die &#8222;Terrorperson&#8220; in Kindheit und Jugend gewesen war. Der mir dennoch erfolgreich das Leistungsdenken eingepflanzt hatte, das mich Liebe und Zuwendung um meiner selbst willen nicht wahrnehmen lie\u00df. Sondern immer nur die Anerkennung aufgrund von Leistung und Machtgewinn. <\/p>\n<h2>Neue Irritationen<\/h2>\n<p>Um die 40 bekam meine nun eigentlich &#8222;komplette&#8220; Sicht auf das Thema Geschlechtsrollen nochmal einen weiteren Impuls: eine lesbische Kollegin, mit der ich in einem Projekt zwei Jahre zusammen arbeitete, h\u00f6rte sich meine Geschichte an und fragte: <em>Was bewegt dich dazu, deine intellektuellen F\u00e4higkeiten, deine geistige Klarheit und deine Power, hier mehrere Arbeitsgruppen zu leiten, als &#8222;deine m\u00e4nnliche Seite&#8220; anzusehen?  Du bist doch durch und durch weiblich und packst das ganz locker: Warum ordnest du ein paar wunderbare Aspekte des Menschseins dem M\u00e4nnlichen zu? Blo\u00df weil man das kulturell so tradiert?<\/em> <\/p>\n<p>Sie war in keiner Weise k\u00e4mpferisch oder verbissen und was sie sagte, leuchtete mir unmittelbar ein! Ich hattte immer schon M\u00e4nner jeden Alters kennen gelernt, die eher das traditionell &#8222;Weibliche&#8220; lebten &#8211; und ebenso eine Menge Frauen, die durch Eigenschaften gl\u00e4nzten, die man dem &#8222;M\u00e4nnlichen&#8220; zuordnet. Warum also tun wir immer noch so, als sei das alles in Stein gemeiselt und sehen immer noch &#8222;m\u00e4nnliche&#8220; bzw. &#8222;weibliche&#8220; Seinsweisen &#8211; obwohl das lange schon nicht mehr so zutrifft? Selbst viele &#8222;Girlies&#8220; zelebrieren ihre Koketterie doch eher spielerisch, quasi als mutwilliges Rollenspiel auf dem Hintergrund einer fortgeschrittenen Unabh\u00e4ngigkeit von Geschlechtsrollen, von der ihre Gro\u00dfm\u00fctter nur tr\u00e4umen konnten?<\/p>\n<p>Susanne fasste die alten, aus dem analogen Denken stammenden Zuordnungen <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/09\/13\/monogamie-und-das-unbehagen-an-der-einsamkeit\/#comment-11204\">im vorigen Kommentargespr\u00e4ch (zur Monogamie)<\/a> so zusammen:<\/p>\n<blockquote><p><em>M\u00e4nnlich \u2013 das ist die n\u00fcchterne Analyse, mit kantigem Kinn in den Raum gestellt, damit es jeder sieht.<br \/>\nWeiblich \u2013 das ist die augenzwinkernd vorgebrachte Beobachtung, und dabei rasch den Rocksaum zurecht gezupft, bevor es einer sieht.<\/p>\n<p>M\u00e4nnlich \u2013 das ist sich extrem zum Affen zu machen und gerade deswegen f\u00fcr seinen Mut und seine exorbitante, gedankliche Sch\u00e4rfe bewundert zu werden.<br \/>\nWeiblich \u2013 das ist sich schrecklich ungeschickt zu geben, wenn du was Dummes oder vielleicht doch Schlaues sagst, und dabei auszusehen, als w\u00fcrde es sich dennoch lohnen, dich flach zu legen.<\/p>\n<p>M\u00e4nnlich \u2013 das ist das Wort Substanz.<br \/>\nWeiblich \u2013 das ist das Wort Form.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Und weiblich ist der Mond, m\u00e4nnlich die Sonne. Frauen k\u00f6nnen nicht einparken und M\u00e4nner h\u00f6ren nicht zu. M\u00e4nnlich ist der Geist und weiblich das Gef\u00fchl. Natur, Erde und die Nacht sind weiblich, wogegen Technik, Himmel und Tag dem M\u00e4nnlichen zugeordnet werden. <\/p>\n<h2>Wem n\u00fctzt es &#8211; und wenn ja, wie?<\/h2>\n<p>Haben wir heute noch irgend einen echten Nutzen von dieser Denkungsart? Wir leben im Zeitalter der Wissenschaft und die zeigt uns immer wieder, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lange nicht so drastisch sind: ein wenig mehr r\u00e4umliches Vorstellungsverm\u00f6gen hier, etwas mehr Sprachkompetenz da &#8211; und beide Geschlechter k\u00f6nnen das jeweils Andere locker &#8222;nach-trainieren&#8220;. <\/p>\n<p>&#8222;Als Frau&#8220; f\u00fchle ich mich vor allem in der erotischen Begegnung mit einem Mann. Ansonsten bin ich in der Selbstwahrnehmung einfach nur &#8222;ich&#8220;: ein Konglomerat aus verschiedensten, mal mehr mal weniger in den Vordergrund tretenden menschlichen Eigenschaften und Kompetenzen. Warum sollte ich die nach Geschlecht auseinander sortieren, obwohl sie doch allesamt IN MIR existieren?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Kind bekam ich genau wie meine Schwestern einen jungenhaften Kurzhaarschnitt und trug die meiste Zeit Hosen. Wir wurden von den Eltern so zugerichtet, fernab von jeglichem Kleinm\u00e4dchen-Schick. 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