{"id":528,"date":"2010-09-13T13:15:13","date_gmt":"2010-09-13T11:15:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=528"},"modified":"2010-09-16T09:34:50","modified_gmt":"2010-09-16T07:34:50","slug":"monogamie-und-das-unbehagen-an-der-einsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/09\/13\/monogamie-und-das-unbehagen-an-der-einsamkeit\/","title":{"rendered":"Monogamie und das Unbehagen an der Einsamkeit"},"content":{"rendered":"<p>Antje Schrupp hat wieder mal einen wunderbaren Artikel geschrieben: In <a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2010\/09\/11\/scheinlosung-monogamie\/\">&#8222;Scheinl\u00f6sung Monogamie&#8220;<\/a> bespricht sie das Buch &#8222;Lob der offenen Beziehung &#8211; \u00fcber Liebe, Sex, Vernunft und Gl\u00fcck&#8220; von Oliver Schott.  Um dann zu eigenen \u00dcberlegungen zu kommen, aus denen ich hier mal zitiere:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Ich vermute, das fast schon verzweifelte und durchaus irrationale Festhalten am Konzept der Monogamie liegt auch daran, dass man sich davon genau diese Sicherheit erhofft, selbst wenn die auf sehr wackeligen Beinen steht. Wahrscheinlich hat Schott durchaus recht, wenn er argumentiert, dass offene Beziehungen letztlich nicht weniger, sondern sogar mehr Stabilit\u00e4t bieten, weil nicht jede neue Verliebtheit zwangsl\u00e4ufig dazu f\u00fchrt, dass die alte Beziehung beendet werden muss.<!--more--><\/p>\n<p>Aber: Das reicht nicht. Das Unbehagen an der Einsamkeit, die Furcht, jede \u201eFamilie\u201c, jedes Beziehungsgef\u00fcge einfach so wieder verlieren zu k\u00f6nnen, wenn die anderen gerade keine Lust mehr haben, ist zu gro\u00df. Und eine Philosophie der offenen Beziehung gibt auf die Sehnsucht nach Verbindlichkeit keine Antwort \u2013 sie macht lediglich das, was uns fehlt, offensichtlicher. Wie aber zu verbindlichen Beziehungen finden, wenn wir die alten Verh\u00e4ltnisse der Unfreiheit, des Zwangs, den die exklusive Monogamie bedeutet hat, nicht mehr zur\u00fcck haben wollen? Woraus gewinnen wir die Zuverl\u00e4ssigkeit und Kontinuit\u00e4t in unseren Beziehungen und retten gleichzeitig unsere Freiheit?&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<h2>Verbindlichkeit? Selbstverst\u00e4ndlichkeit? Es wird zu wenig verhandelt.<\/h2>\n<p>Ich glaube, frei gew\u00e4hlte Beziehungen sind so zuverl\u00e4ssig und verbindlich, wie die beteiligten Personen es eben zustande bringen. Und die allerwenigsten trennen sich, weil sie &#8222;grade keine Lust mehr haben&#8220;, sondern doch eher dann, wenn die Gemeinsamkeiten wahrhaftig &#8222;aufgebraucht&#8220; sind. Wenn die Beziehung zur &#8222;Beziehungskiste&#8220; geworden ist und innere N\u00e4he und echtes Miteinander nicht mehr wirklich statt findet. Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat und nur noch mies gelaunt aufeinander hockt, sich gegenseitig vorwerfend, was f\u00fcr ein \u00f6des Leben man f\u00fchrt. Dann ist der oder die Andere eben oft die scheinbare &#8222;L\u00f6sung&#8220; bzw. eine Art Ausstiegshilfe.<\/p>\n<p>Im Kommentargespr\u00e4ch bei Antje wird dann auch angesprochen, dass Beziehungen heute zu wenig verhandelt werden: man geht unausgesprochen davon aus, dass sie selbstverst\u00e4ndlich &#8222;monogam&#8220; bzw. erotisch exklusiv sein soll, ohne je zu definieren, bei welcher Art Miteinander mit Anderen das &#8222;fremd gehen&#8220; nun eigentlich anf\u00e4ngt. Viele haben ja nicht mal je eigene Freundschaften, sondern verkehren bald nur noch in einer Welt aus Paaren (aus der man bei Trennung dann heraus f\u00e4llt, weil die anderen Paare Singles als potenzielle Gefahr ansehen).<\/p>\n<h2>Eine\/r f\u00fcr alles und ewig?<\/h2>\n<p>Gegen die potenzielle Einsamkeit ist eine gezwungene Monogamie kein Bollwerk, auch wenn sie noch so heftig beschworen und romantisch beweihr\u00e4uchert wird. Man kann auch in einer (innerlich zerr\u00fctteten) Beziehung sehr einsam sein, sogar mehr als wenn man wirklich alleine w\u00e4re. Und gerade die extreme Konzentration auf nur einen Menschen, der ALLES sein soll, von dem man also das komplette Gl\u00fcck f\u00fcr immer und ewig erwartet, birgt die gro\u00dfe Gefahr, dann wirklich tief zu fallen, wenn dieser Eine auf einmal seiner (anderen) Wege geht. Und das tut er umso wahrscheinlicher, je mehr er die Beziehung als Begrenzung und Einschr\u00e4nkung erlebt, anstatt als Bereicherung und Freude. <\/p>\n<p>Das Thema treibt viele Menschen um, hier im Digital Diary ist immer noch der Artikel <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/11\/07\/vertrauen-und-beziehung\/\">&#8222;Vertrauen und Beziehung&#8220;<\/a> mit Abstand der meist gelesene. Mich nervt es in diesem Zusammenhang ziemlich an, wie sehr die &#8222;Mainstream-Medien&#8220; eine &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; kolportieren, die tats\u00e4chlich gar nicht mehr SO normal ist, wenn man die Zahlen bez\u00fcglich des Seitensprung-Verhaltens ernst nimmt. Auch w\u00e4chst die Zahl derjenigen, die sich zwar &#8222;als Paar&#8220; verstehen, sich gegenseitig aber durchaus erotische Abenteuer zugestehen. Und trotzdem: im TATORT f\u00e4llt die Ehefrau aus allen Wolken, als aufgrund polizeilicher Ermittlungen klar wird, dass ihr Mann k\u00fcrzlich &#8222;fremd gegangen&#8220; ist. Zur Rede gestellt, sagt er <em>&#8222;Mein Gott, es waren grade mal zwei, drei Treffen &#8211; nach 17 Jahren Ehe&#8230;&#8220;<\/em> und will damit ausdr\u00fccken, dass sie so ein Sex-Abenteuer doch nicht so hoch h\u00e4ngen m\u00f6ge. Dass es eigentlich normal ist, nach so langer Zeit auch mal wieder andere zu begehren&#8230; Aber SIE verharrt nat\u00fcrlich in ihrem verurteilenden Entsetzen und verlangt sofort DIE SCHEIDUNG.<\/p>\n<h2>Vom Stellenwert des &#8222;Anderen&#8220;<\/h2>\n<p>Ich frage mich bei all diesen (erfundenen und realen) Geschichten, in denen man sich &#8222;wegen Untreue&#8220; trennt, immer: ist denn dieser Mensch, mit dem man viele Jahr verbracht hat, auf einmal ein Anderer, blo\u00df weil er mal &#8222;aush\u00e4usig&#8220; Sex hatte? Ist dann alles Gemeinsame, aufgrund dessen man doch zusammen war, nichts mehr wert? Warum ist die &#8222;unverletzte Monogamie&#8220; so viel wichtiger als der reale Partner, den man doch angeblich so sehr liebt? <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist &#8222;heimlich fremd gehen&#8220; ein Vertrauensbruch. W\u00e4re aber gar nicht erst verboten, worauf man da vertraut, g\u00e4be es auch keinen Grund zur Heimlichkeit. Ich will, dass mein Partner bei mir ist, weil er eben gern mit MIR zusammen ist. Und ich liebe ihn, weil er er selber ist, nicht weil er Andere ewiglich meidet. Sollte es sich ergeben, dass er sich anderweitig verliebt und dann lieber \u00f6fter mit dieser &#8222;Anderen&#8220; zusammen ist, w\u00fcrde ich ihn deshalb nicht pl\u00f6tzlich aufh\u00f6ren zu lieben. Die Beziehung w\u00fcrde sich entlang an den gewandelten Bed\u00fcrfnissen ver\u00e4ndern, w\u00fcrde vielleicht zu einer liebevollen Freundschaft werden, wie sie mich mit einem anderen &#8222;Ex&#8220; verbindet, der mein &#8222;liebster Wahlverwandter&#8220; wurde, nachdem wir unser zu eng gewordenes Zusammenleben beendeten. Auf jeden Fall w\u00fcrde ich das, was an Gemeinsamkeit noch da ist, nicht in die Tonne treten, blo\u00df weil er so b\u00f6se b\u00f6se ist, sich neu zu verlieben! Und wegen blo\u00df erotischen Abenteuern steht es schon gar nicht daf\u00fcr, einen Aufstand zu machen.<\/p>\n<p>So f\u00fchle ich mich weniger einsam als jemand, der stets Exklusivit\u00e4t in jeder Hinsicht einfordert &#8211; und dann im Fall des Falles auch knallhart &#8222;Schluss machen&#8220; muss. Beziehungen d\u00fcrfen sich ver\u00e4ndern, mal mehr, mal weniger N\u00e4he und Intimit\u00e4t beinhalten. &#8222;Verlassen&#8220; ist eine Dimension, in der ich nicht mehr lebe und denke. <\/p>\n<p>Dass aber der Mensch letztlich alleine stirbt, dar\u00fcber hilft kein noch so monogamer Partner hinweg. Die Verg\u00e4nglichkeit aller Dinge und Wesen, die Endlichkeit unseres Lebens, die Unm\u00f6glichkeit einer &#8222;Rettung&#8220; wird durch Verleugnung und krampfhaftes aneinander festhalten nicht aus der Welt geschafft. In mir selbst bin ich mit mir und diesem Wissen alleine. Begl\u00fcckende Zweisamkeit und gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche N\u00e4he entsteht f\u00fcr mich genau daraus: Wir sind Wanderer auf dem Weg ins Nichts &#8211; wie sch\u00f6n, dass wir uns treffen k\u00f6nnen und einander zuwinken.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antje Schrupp hat wieder mal einen wunderbaren Artikel geschrieben: In &#8222;Scheinl\u00f6sung Monogamie&#8220; bespricht sie das Buch &#8222;Lob der offenen Beziehung &#8211; \u00fcber Liebe, Sex, Vernunft und Gl\u00fcck&#8220; von Oliver Schott. 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