{"id":522,"date":"2010-08-26T10:22:03","date_gmt":"2010-08-26T08:22:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=522"},"modified":"2010-09-02T13:13:07","modified_gmt":"2010-09-02T11:13:07","slug":"bloss-nicht-pflegebeduerftig-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/08\/26\/bloss-nicht-pflegebeduerftig-werden\/","title":{"rendered":"Blo\u00df nicht pflegebed\u00fcrftig werden!"},"content":{"rendered":"<p>Ich kenne niemanden, der diesen Wunsch nicht teilt: nicht mehr selbst f\u00fcr sich sorgen k\u00f6nnen, auf Hilfe Anderer angewiesen sein, sich wom\u00f6glich nicht mal mehr selber waschen und eigenst\u00e4ndig aufs Klo gehen k\u00f6nnen: das erscheint als der gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Horror,  an den die meisten lieber gar nicht erst denken wollen.<\/p>\n<p>Dann lieber rechtzeitig abtreten. Auch das ist ein verbreiteter Gedanke, aber mal ehrlich: wer ist denn wirklich so konsequent, sich die Mittel rechtzeitig zu besorgen (und wie?) und dem blassen Gedanken Taten folgen zu lassen? Z.B. beim typischen Oberschenkelhalsbruch, der f\u00fcr viele alte Menschen das Ende ihrer Selbst\u00e4ndigkeit bedeutet. Wo w\u00e4re da \u00fcberhaupt noch Gelegenheit dazu? Und: Will man das dann noch, wenn&#8217;s wirklich soweit ist? <!--more--><\/p>\n<p>Auch ist der Eintritt der Pflegebed\u00fcrftigkeit oft ein schleichender Prozess: Man hofft vermutlich recht lange, die gerade aktuellen Einschr\u00e4nkungen w\u00fcrden sich wieder bessern, man klammert sich an ensprechende Beispiele und will nicht wahrhaben, dass eine Besserung nicht wahrscheinlich ist. Ist es nicht so? <\/p>\n<p>Diejenigen, die Verwandte pflegen, sich ehrenamtlich engagieren oder gar einen Beruf in der Pflege aus\u00fcben, werden das besser wissen als ich.  Ich wei\u00df nur von meiner Mutter, die auf keinen Fall in ein Pflegeheim wollte. Sie lebte im Haushalt meiner Schwester und war noch nicht durchweg bettl\u00e4gerig. Sie konnte noch aufstehen, litt aber sehr darunter, kaum mehr etwas im Haushalt tun zu k\u00f6nnen. Wollte ihre zunehmende Gebrechlichkeit nicht wahrhaben und war alles andere als dankbar oder auch nur freundlich im Umgang &#8211; ganz im Gegenteil! Ich hatte einfach &#8222;Gl\u00fcck&#8220;, vor vielen Jahren schon weit weg gezogen zu sein. So wurden von mir nur recht seltene Besuche erwartet, wobei die auch mehr meinem eigenen Gef\u00fchl geschuldet waren. Ich hatte nicht den Eindruck, dass meine Mutter mich gerne \u00f6fter gesehen h\u00e4tte &#8211; ganz ohne dass wir beide einander irgendwie b\u00f6s gewesen w\u00e4ren. Im Gegenteil, da war immer alles friedlich, wir hatten uns im Grunde lange schon nichts mehr zu sagen.<\/p>\n<p>Sie starb sehr schnell zu dem Zeitpunkt, als ein Wechsel ins Pflegeheim unvermeidlich wurde. Auch meine Gro\u00dftante, die mit 96 immer noch recht r\u00fcstig war, starb binnen zwei Tagen, als sie nach einer pl\u00f6tzlichen Einlieferung ins Krankenhaus (&#8222;irgendwas mit dem Magen&#8220;) erfuhr, dass ihre ebenfalls alte Nachbarin die seit vielen Jahren freiwillig geleisteten Hilfen nicht mehr erbringen wollte. Das Pflegeheim w\u00e4re unausweichlich gewesen, f\u00fcr sie war das jedoch nach 60 Jahren (!) allein in ihrer Wohnung nicht vorstellbar. <\/p>\n<p>Mein Vater fuhr noch mit Mitte 70 jeden Sommer mit dem Wohnmobil und seiner dritten Frau fr\u00f6hlich quer durch Europa. Bis er sich eines Tages in Ungarn sehr schlecht f\u00fchlte, so dass er die Reise abbrach und nach hause ins Krankenhaus fuhr. Diagnose: Krebs mit Metastasen \u00fcberall. Es dauerte noch sechs Wochen, dann war er tot. <\/p>\n<p>Es scheint, man stirbt in meiner Familie lieber, als zum &#8222;richtigen&#8220; Pflegefall zu werden. Und angesichts dessen, was man vom Leben und &#8222;dahin vegetieren&#8220; in den Heimen h\u00f6rt, ist das sehr nachvollziehbar &#8211; ich w\u00fcrde mir das ganz genauso w\u00fcnschen. <\/p>\n<p>Je \u00e4lter man wird, desto weniger mag man Ver\u00e4nderungen. Der \u00dcbergang in eine v\u00f6llig fremde Umgebung, in einen klinisch durchorganisierten Massenbetrieb mit der wohnlichen Atmosph\u00e4re einer Vorh\u00f6lle gibt vermutlich einer Menge bis dahin noch halbwegs &#8222;bei sich&#8220; gewesener Menschen psychisch den Rest. Und was man von all diesen Einrichtungen immer mal wieder in der Presse liest, dient nicht gerade der Beruhigung: wund gelegene K\u00f6rper, zwangsern\u00e4hrt durch die Magensonde (in manchen Heimen muss man schon bei Eintritt darin einwilligen!) &#8211; ich spar mir jetzt die Sammlung weiterer grusliger Details. <\/p>\n<p>Wie denkt Ihr dar\u00fcber, so ganz pers\u00f6nlich? Statistisch gesehen bin ich mit Mitte 50 noch lange nicht &#8222;dran&#8220; &#8211; aber anders als fr\u00fcher denke ich schon \u00f6fter mal ans eigene Alter, an den m\u00f6glichen Verlust meiner Selbst\u00e4ndigkeit. Und damit auch an die JETZIGE Situation der Menschen, die nicht mehr eigenst\u00e4ndig leben k\u00f6nnen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kenne niemanden, der diesen Wunsch nicht teilt: nicht mehr selbst f\u00fcr sich sorgen k\u00f6nnen, auf Hilfe Anderer angewiesen sein, sich wom\u00f6glich nicht mal mehr selber waschen und eigenst\u00e4ndig aufs Klo gehen k\u00f6nnen: das erscheint als der gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Horror, an den die meisten lieber gar nicht erst denken wollen. Dann lieber rechtzeitig abtreten. Auch das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/522"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=522"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/522\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=522"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=522"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=522"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}