{"id":520,"date":"2010-08-14T11:59:05","date_gmt":"2010-08-14T09:59:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=520"},"modified":"2016-02-09T13:21:47","modified_gmt":"2016-02-09T12:21:47","slug":"engagement-und-alter-eine-persoenliche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/08\/14\/engagement-und-alter-eine-persoenliche-geschichte\/","title":{"rendered":"Engagement und Alter: eine pers\u00f6nliche Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen 15 und 25 fand um mich herum der gro\u00dfe Umbruch statt. 1968 war ich 14 und mein Vater sorgte sich, weil ich &#8222;Gammler&#8220; (und bald darauf Hippies) spannend fand. Die sa\u00dfen im Stadtpark, wo Rasen betreten eigentlich verboten war, spielten Gitarre, sahen wild aus und lie\u00dfen den Joint kreisen. Wir Gymnasium-Girlies gesellten uns manchmal dazu, tr\u00e4umten von einem schulfreien Leben, von Reisen nach Indien und &#8211; tja, Freiheit halt, es war gar nicht n\u00f6tig, so ganz genau zu wissen, was man wollte. Die alte Welt war in Bewegung geraten und wir wollten einfach mit. <\/p>\n<p>Studentenproteste, APO, SDS und all das &#8222;Politische&#8220; jener Zeit ber\u00fchrte mich nur am Rande &#8211; ich verstand es noch nicht wirklich, fand den Wirbel aber toll, denn es war offensichtlich etwas, wor\u00fcber die Eltern sich aufregten. Ich machte brav Abi (immerhin mit Hauptfach Kunst!), studierte ein wenig suchend herum, wohnte endlich alleine, bezog BAF\u00d6G und interessierte mich weit mehr f\u00fcrs andere Geschlecht als f\u00fcr Politik. <!--more--><\/p>\n<h2>Politik rund um die Uhr<\/h2>\n<p>Mit 26 \u00e4nderte sich das drastisch: Der Umzug nach Berlin katapultierte mich in eine neue, spannende Welt, in der es pl\u00f6tzlich um reale Dinge ging. Wohnungsmangel und Kahlschlagsanierung erzeugten massiven Widerstand gegen die &#8222;herrschende Politk&#8220;. Ein Senat st\u00fcrzte \u00fcber Bauskandale, eine neue alternative Partei zog ins Abgeordnetenhaus ein. Binnen einem Jahr wurde ich aktive Hausbesetzerin, war rund um die Uhr engagiert und erlebte zum ersten Mal in meinem Leben, dass meine F\u00e4higkeiten gebraucht wurden und auch etwas bewirken konnten. Zudem war das Leben in &#8222;befreiten R\u00e4umen&#8220; total spannend &#8211; man konnte diverse andere Lebensweisen erproben, das \u00fcbliche anonyme Stadtleben in abgeschlossenen Mietwohnungen war aufgehoben. Wir konnten machen, was wir wollten und so zum ersten Mal erfahren, was das konkret bedeutet. Meist war es wirklich toll, doch es stellte sich auch heraus, dass nicht alles, was man sich so vorgestellt hatte, tats\u00e4chlich &#8222;das Gelbe vom Ei&#8220; war. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend die einen in dieser &#8222;Bewegung&#8220; zunehmend die Systemfrage stellten, wollten die anderen, zu denen ich mich gesellte, ganz konkrete Ver\u00e4nderungen im Stadtteil. Ich wurde Multi-Funktion\u00e4rin mit vielerlei Posten und Aufgaben, war fast rund um die Uhr aktiv, kannte kein Privatleben mehr (was sollte das auch sein?) und trieb es so bis zum Burnout mit 38.  Dann war Schluss mit lustig, ich erlebte einen krassen Tiefpunkt, stieg aus allem aus und begann ein neues Leben. Eines, in dem nicht mehr Einfluss, Wirkung und Leistung, Erfolg und Machtspiele wichtig waren, sondern wie ich mich f\u00fchlte bei dem, was ich grade tat. Mein innerer Sklaventreiber war im Burnout gestorben &#8211; und es war wirklich kein Verlust!!<\/p>\n<h2>Kreatives Netzleben und punktuelles Engagement<\/h2>\n<p>Das ist nun auch schon wieder 18 Jahre her. Eine gl\u00fcckliche Zeit, in der ich nur punktuell am politischen Geschehen teilnahm: ein bisschen Netzpolitik hier, mal was Karitatives da &#8211; schlie\u00dflich war ich ein gebranntes Kind und wollte mich nie, nie wieder so verstricken, dass ich alles Andere und mich selbst dar\u00fcber vergessen k\u00f6nnte. Mitte der 90ger erfasste mich die Begeisterung f\u00fcr die pl\u00f6tzlich in Reichweite ger\u00fcckte Internet-Welt. Ich gab&#8216; meinen damaligen Job auf und wurde als Webdesignerin selbst\u00e4ndig. Das aber eher beil\u00e4ufig, denn haupts\u00e4chlich widmete ich mich immer neuen eigenen Projekten: Netzliteratur, WebArt, Cyberzines, Webtageb\u00fccher &#8211; und heute eben &#8222;Blogs&#8220;. <\/p>\n<p>Nun liegen 15 Jahre Internet hinter mir und vielerlei Kr\u00e4fte versuchen, das Netz f\u00fcr ihre Zwecke umzugestalten. Die Weltprobleme haben sich versch\u00e4rft, man taumelt von Krise zu Krise. Unsere ganze Art, zu produzieren und zu konsumieren st\u00f6\u00dft lange schon an Grenzen, ohne dass dies irgendwelche wesentlichen \u00c4nderungen anzusto\u00dfen scheint. Die gro\u00dfe Mehrheit versucht, weiter zu machen wie bisher &#8211; und es ist schwer bis unm\u00f6glich, fassbare Alternativen im Voraus zu formulieren. <\/p>\n<h2>Wohin des Wegs?<\/h2>\n<p>Wo stehe ich in Bezug auf all diese Problematiken &#8211; bzw. wo stelle ich mich hin? Seit einiger Zeit reicht es mir nicht mehr, blo\u00df ab und zu einen Artikel zu dieser oder jener Sauerei zu verfassen, dazu ein sch\u00f6nes Kommentargespr\u00e4ch zu erleben  &#8211; und zapp, das n\u00e4chste Thema bitte! Und schon gar nicht stellt es mich zufrieden, wenn eines meiner Blogs pl\u00f6tzlich bei einem im Grunde marginalen Nebenthema <a href=\"http:\/\/www.webwriting-magazin.de\/burka-fuer-fassaden-google-street-view-und-die-german-angst\/\">von 2500 Lesern\/Tag \u00fcberrannt wird<\/a>, die es mal eben als weitere Arena zum Schlagabtausch nutzen: ich wei\u00df verdammt genau, dass dieser &#8222;Sport&#8220; niemandem nutzt und keine Meinung oder Haltung \u00e4ndert. Es geht dabei allein um Erregungszust\u00e4nde, mit denen man sich Pausen aufpeppt &#8211; und das ist mir zu wenig!<\/p>\n<p>Was will ich?  Noch wei\u00df ich das nicht so genau, doch sp\u00fcre ich seit einiger Zeit eine Art Innovations-Sehnsucht. Ich will N\u00dcTZLICH SEIN und nicht nur ein wenig herumbloggen. M\u00f6chte Teil der L\u00f6sungen sein und nicht aus Tr\u00e4gheit immer mehr zum Teil der Probleme werden. Dass sich etwas ver\u00e4ndert, merke ich an zunehmender Anteilnahme, an aufwallender Wut und Aktionsbereitschaft, z.B. jetzt gerade wieder angesichts der widerlichen <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/beitrag\/video\/1100496\/Haehnchen-Machenschaften-der-Maester-#\/beitrag\/video\/1100496\/Haehnchen-Machenschaften-der-Maester-\">Expansionsbestrebungen der H\u00e4hnchenmast-Mafia<\/a>. Klar, ich hab&#8216; <a href=\"https:\/\/www.regenwald.org\/protestaktion.php?id=612#\">die Protest-Aktion unterst\u00fctzt<\/a> und r\u00fchre keinen Gummi-Adler mehr an. Aber wie lange wird Letzteres anhalten und ist Ersteres schon alles, was man tun kann?<\/p>\n<p>Ich kann nicht in allen Bereichen &#8218;was tun, in denen mich die herrschenden \u00dcbel w\u00fctend oder traurig machen. Und ich bemerke mit Sorge die Tendenz zum Wegschauen, die mit der zunehmenden Sensibilit\u00e4t einher geht. Manche Artikel lese ich gar nicht erst, weil ich schon wei\u00df, was drin steht, ich aber auch wei\u00df, dass ich nichts dagegen tun kann. Jedenfalls nicht als Einzelne. Also erspare ich mir das Frust-Erlebnis durch Ignoranz.<\/p>\n<p>Um etwas zu bewirken, braucht es in jedem einzelnen zur Debatte stehenden Punkt eine Massenbewegung. Und nie waren die kommunikationstechnischen Voraussetzungen daf\u00fcr so g\u00fcnstig wie heute! Gleichzeitig verliere ich mich im Vielerlei der m\u00f6glichen Engagement-Themen: heute dies, morgen das &#8211; und nichts richtig, nichts nachhaltig.<\/p>\n<p>Ist das eine Frage des Alters? Der Gedanke kommt mir in letzter Zeit \u00f6fter. Es sind ja meist J\u00fcngere, die sich gegen bestehende Missst\u00e4nde voll einsetzen. Andere dagegen werden erst im Alter richtig kantig und radikal. Wohin werde ich mich selbst bewegen?<\/p>\n<p>Mich einfach nur &#8222;bewegen zu lassen&#8220; funktioniert jedenfalls nicht, bzw. ist im Ergebnis zu volatil und somit alles andere als n\u00fctzlich.  Blumen Gie\u00dfen im eigenen Garten reicht mir Mitte 50 auch noch nicht, um mich \u00fcber die \u00dcbel der Welt hinweg sehen zu lassen (zumal die auch <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2010\/08\/13\/baumsprechstunde-schreiben-sie-uns-doch-einen-brief\/\">vor dem Gartenzaun nicht halt machen<\/a>!).<\/p>\n<p>Als kleine Standortbestimmung soll das f\u00fcr heute reichen. Der Weg zeigt sich, wenn man ihn geht, hei\u00dft es. Trotzdem bleibt die Frage nach der Richtung der ersten Schritte. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen 15 und 25 fand um mich herum der gro\u00dfe Umbruch statt. 1968 war ich 14 und mein Vater sorgte sich, weil ich &#8222;Gammler&#8220; (und bald darauf Hippies) spannend fand. 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