{"id":5171,"date":"2026-10-30T15:30:35","date_gmt":"2026-10-30T14:30:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=5171"},"modified":"2026-10-30T16:19:13","modified_gmt":"2026-10-30T15:19:13","slug":"vom-nahen-ende-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2026\/10\/30\/vom-nahen-ende-des-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Vom nahen Ende des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie bitte? Der Kapitalismus soll enden? Und sogar bald? Ja, genau! Dieses gro\u00dfartige System, das wie kein anderes Bed\u00fcrfnisse aller Art befriedigen kann, (sofern bezahlt wird) wird mit der beschleunigten Entwicklung und Nutzung k\u00fcnstlicher Intelligenzen nicht mehr funktionieren. Warum? Weil die KI uns von der Arbeit befreit!<\/strong><\/p>\n<p>Klar, das geht in Deutschland langsamer als in den USA, aber wer zweifelt denn noch ernsthaft daran, dass alle wiederkehrenden, auf immer gleiche Weise ablaufenen T\u00e4tigkeiten per KI wegautomatisiert werden? Das &#8222;Substituierbarkeitspotenzial&#8220; verschiedenster T\u00e4tigkeiten ist durch den Wandel von rein reaktiven Sprachmodellen hin zu autonomen KI-Agenten und massiv erh\u00f6hter Rechenleistung (Compute) nochmal deutlich gewachsen.<!--more--><\/p>\n<h2>Wie KI \u00fcbernimmt<\/h2>\n<p>Was das in der Praxis bedeutet, zeigt eine sympathische Grafik-Designerin im Video <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jzBX3eTaUGU\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ich hab mich an KI angepasst &#8211; und bin trotzdem \u00fcberfl\u00fcssig<\/a> am Beispiel einer eigenen Arbeit, f\u00fcr die sie fr\u00fcher Stunden gebraucht h\u00e4tte. Sogar das k\u00fcrzlich noch angesagte detaillierte &#8222;Prompten&#8220; entf\u00e4llt jetzt, wie sie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jzBX3eTaUGU&amp;t=885s\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ab Minute 14:45<\/a> vorf\u00fchrt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Du musst keine krassen Kenntnisse haben oder so ein Kram. Du kannst wirklich den letzten Rotz der KI mitgeben und die versteht dich, warum auch immer. &#8222;<\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/jzBX3eTaUGU?si=qUOypZ3G4DOnTVbd&amp;start=894\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>\u00dcbersetzen, texten, Standard-Softwareentwicklung, Kundenservice, Verwaltungsvorg\u00e4nge, Marketing, Rechts- und Steuerberatung, Analysen und Recherchen, Buchhaltung, routinierte Arbeiten in der Wissenschaft, die bisher von Promovierenden und Postdocs erledigt wurden &#8211; das alles kann und werden immer f\u00e4higere KI-Modelle \u00fcbernehmen. Nat\u00fcrlich entstehen auch neue Jobs, aber dass es so viele sein werden, wie wegfallen, ist <span class=\"\">extrem unwahrscheinlich:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span class=\"\">Zum einen ersetzt KI erstmals hochqualifizierte Wissens- und Verwaltungsarbeit im gro\u00dfen Stil \u2013 also genau jene Sektoren,<\/span><span class=\"\"> die bei fr\u00fcheren Technologiespr\u00fcngen als Jobmotor dienten.<\/span><\/li>\n<li><span class=\"\">Zum anderen arbeiten autonome Systeme so effizient,<\/span><span class=\"\"> dass die Steuerung und Wartung neuer KI-Prozesse nur einen kleinen Bruchteil der Personalstunden erfordert,<\/span> die durch die Automatisierung der bisherigen Aufgaben eingespart werden.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Von der Arbeit befreit &#8211; und dann?<\/h2>\n<p>Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist ohne menschliche Arbeit nicht denkbar. Das System basiert auf dem Arbeitseinkommen, das den Lebensunterhalt der Menschen sichert und die Nachfrage nach den Produkten und Dienstleistungen der Unternehmen erzeugt. Wenn nun immer mehr Leute arbeitslos werden, ger\u00e4t das System in eine existenzielle Krise: <span class=\"\">Wer kauft die Waren,<\/span><span class=\"\"> wenn der Konsument kein Gehalt mehr bezieht?<\/span><span class=\"\"> Und wer finanziert den Sozialstaat,<\/span> wenn menschliche Arbeit als Steuerbasis schrumpft,<span class=\"\"> w\u00e4hrend die Kapitalertr\u00e4ge der KI-Eigent\u00fcmer steigen? (Mit einer KI- oder Finanztransaktionssteuer ist das nicht zu heilen, aus Gr\u00fcnden, die diesen Blogpost sprengen w\u00fcrden).\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span class=\"ytAttributedStringHost ytAttributedStringWhiteSpacePreWrap\" dir=\"auto\" role=\"text\"><strong>70% der Berufs- und Jobfelder werden \u00fcberfl\u00fcssig,<\/strong> aber war es nicht eigentlich immer schon ein gro\u00dfer Traum, von der Arbeit befreit zu werden? Ich meine hier Erwerbsarbeit, die man SO nicht freiwillig machen w\u00fcrde &#8211; <\/span><span class=\"ytAttributedStringHost ytAttributedStringWhiteSpacePreWrap\" dir=\"auto\" role=\"text\">aber vielleicht anders, weniger Stunden, ab und zu, neben etlichen anderen Besch\u00e4ftigungen? <\/span><\/p>\n<p><strong>Karl Marx hat \u00fcbrigens angenommen, dass der Kapitalismus an seinen eigenen Widerspr\u00fcchen zu Grunde geht.<\/strong> Ein Wirtschaftssystem bricht laut ihm nicht einfach durch menschlichen Willen oder moralische Emp\u00f6rung zusammen. Es geht erst dann unter, wenn es technisch und organisatorisch an seine absoluten Grenzen gesto\u00dfen ist, sprich: wenn der Kapitalismus alle Produktivkr\u00e4fte (Maschinen, Technologien, Automatisierung, globale M\u00e4rkte) voll ausgereift hat und selbst zum Hindernis f\u00fcr die weitere Entwicklung wird.<\/p>\n<p>Und genau das, ist doch jetzt bzw. in absehbarer Zeit der Fall! Die &#8222;Akkumulation des Kapitals&#8220; beim oberen Prozent erreicht unglaubliche Au\u00dfma\u00dfe, KI \u00fcbernimmt die meiste Arbeit, das Einkommen der vielen und somit ihre Kaufkraft verschwindet. Wenn das nicht der GAU f\u00fcr den Kapitalismus ist!<\/p>\n<h2>Vom Reich der Freiheit<\/h2>\n<p>Die Marxsche Vorstellung vom m\u00f6glichen Reich der Freiheit war eine Gesellschaft<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8230;.wo Jeder nicht einen ausschlie\u00dflichen Kreis der T\u00e4tigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch m\u00f6glich macht, <strong>heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren<\/strong>, wie ich gerade Lust habe, ohne je J\u00e4ger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.\u201c (<a href=\"https:\/\/literaturzeitschrift.de\/200-jahre-karl-marx\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Quelle<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun ist Jagen und Fischen meist nicht das, was wir gerne tun w\u00fcrden. Aber morgens bloggen oder &#8222;Content&#8220; f\u00fcr Youtube et al kreieren, mittags die Oma zum Einkauf begleiten, nachmittags ehrenamtlich im Stadtteilzentrum helfen, abends Filme gucken, kochen oder mit Freunden ausgehen? Schon jetzt gibt es nicht wenige, die so leben, und viele, die so leben k\u00f6nnten, wenn sie nicht von neun bis f\u00fcnf irgendwo &#8222;arbeiten&#8220; m\u00fcssten.<\/p>\n<p><span class=\"ytAttributedStringHost ytAttributedStringWhiteSpacePreWrap\" dir=\"auto\" role=\"text\">Die Technik f\u00fcr eine solche Gesellschaft w\u00e4re da. Es liegt an uns, den Menschen in allen fortgeschrittenen Gesellschaften, die Transformation zu erdenken und zu organisieren, anstatt st\u00e4ndig im Stil &#8222;geht-nicht-weil&#8220; \u00fcber kleinste Schritte zu streiten. Es braucht ein v\u00f6llig neues &#8222;Betriebssystem&#8220;, das nicht vom Zwang ausgeht, in althergebrachter Weise gegen Geld zu arbeiten, um leben zu k\u00f6nnen. Und das Beste: das ist kein Hirngespinst, keine idealistische Fantasie mehr, sondern <strong>das einzige, was am Ende die L\u00f6sung sein wird<\/strong>. Weil es anders nicht mehr gehen wird, wenn immer mehr &#8222;arbeitslos&#8220; werden, also auch kein Geld mehr haben. um die Produkte und Dienstleistungen der automatisierten Firmen nachzufragen.\u00a0<\/span><\/p>\n<h2>Durch die W\u00fcste zu den Sternen<\/h2>\n<p>Selbst letztendlich optimistische Zukunftspropheten sehen zun\u00e4chst eine dramatische \u00dcbergangszeit des Chaos, bevor sich alles zum neuen, besseren sortiert. Mo Gawdat (fr\u00fcher bei Google) warnt in seinem Buch &#8222;Scary Smart&#8220; und vielen Vortr\u00e4gen vor dieser \u00dcbergangszeit und gibt <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WS6ZK7je49o\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tipps, sie zu \u00fcberleben (Video)<\/a>. Ich werde das &#8222;danach&#8220; aus Altersgr\u00fcnden nicht erleben, dennoch fasziniert mich das Geschehen: H\u00e4tte nicht gedacht, dass nach dem Internet nochmal etwas kommt, das die Karten v\u00f6llig neu mischt!<\/p>\n<p><strong>Warum aber wird es erstmal immer ungem\u00fctlicher?<\/strong> Na wegen des Beharrungsverm\u00f6gens, dem Festhalten an alten Strukturen, wie sie (noch) sind. W\u00fcrden von jetzt auf gleich alle Individuen mit etwas Wirkungsmacht daran arbeiten, wie der \u00dcbergang funktionieren und das Neue gestaltet werden k\u00f6nnte &#8211; tja, dann m\u00fcssten wir nicht erst &#8222;durch die W\u00fcste&#8220;. Menschen sind aber nicht so, leider!<\/p>\n<p>W\u00fcrden die Produktivit\u00e4tsgewinne durch KI der gesamten Gesellschaft zugutekommen (z. B. durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, besser noch ein neues Betriebssystem, das nicht auf klassischem Geld basiert), w\u00e4re der Weg in eine Welt ohne traditionelle Erwerbsarbeit offen. Verbleiben die Eigentumsrechte an den KI-Modellen, Daten und Rechenzentren bei einigen wenigen Tech-Konzernen, f\u00fchrt die Automatisierung nicht zu Freizeit f\u00fcr alle, sondern zu Polarisierung: Erwerbslosigkeit und Prekarit\u00e4t auf der einen Seite, massive Kapitalkonzentration auf der anderen. Bis es eben nicht mehr geht, siehe ausfallende Nachfrage.<\/p>\n<p><strong>Was also ansteht: Die KIs und alles, was dazu geh\u00f6rt, m\u00fcssen vergesellschaftet werden.<\/strong> Das ist garnicht so utopisch, wie es sich anh\u00f6rt. Seit Monaten wird \u00fcber das &#8222;Platzen der KI-Blase&#8220; gesprochen, wobei jedoch nicht die KI-Technik gemeint ist, sondern die KI-Finanzierungsblase. Um den wachsenden Bedarf an Rechenleistung zu bedienen, m\u00fcssen die &#8222;Hyperscaler&#8220; jedes Jahr mehr investieren. <span class=\"\"> Den astronomischen Kapazit\u00e4tsausgaben (<\/span><i data-path-to-node=\"0\" data-index-in-node=\"152\">CapEx<\/i>) f\u00fcr Server, Chips und Rechenzentren stehen jedoch nur recht bescheidene Ums\u00e4tze und Gewinne gegen\u00fcber. Die Investoren \/ Gl\u00e4ubiger werden immer misstrauischer, die Zinsen f\u00fcr die n\u00f6tigen Kredite steigen, was die Lage noch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p><strong>Was wird passieren, wenn das Ganze zusammen bricht, die Firmen pleite gehen?<\/strong> Da h\u00e4ngt mittlerweile in den USA so viel dran (Banken, Fonds, Altersversorgung), dass der Staat einschreiten muss. Weil sich nicht mal eine Trump-Administration den totalen Zusammenbruch wird leisten k\u00f6nnen. Ich h\u00f6rte auch schon Kommentatoren, die meinen, dass die KI-Bosse darauf hin arbeiten, weil sie wissen, dass es SO nicht weitergeht. Darauf deutet auch hin, dass F\u00fchrungskr\u00e4fte der physischen KI-Infrastruktur (Server-Bauer,<span class=\"\"> Chip-Entwickler und Rechenzentrums-Ausr\u00fcster) in letzter Zeit massiv eigene Aktien verkauften &#8211; das spricht nicht gerade f\u00fcr ihren Glauben an weiteren Ausbau!<\/span><\/p>\n<p>Es sind aber nicht nur die Tech-Giganten und andere Milliard\u00e4re das Problem: Die ganze Gesellschaft m\u00fcsste &#8218;runter kommen vom Fetisch &#8222;Hard Working&#8220;! Ganz im Gegenteil m\u00fcsste jeder an Ansehen gewinnen, der freiwillig aus der Arbeitswelt ausscheidet und nicht mitkonkurriert um die wenigen Arbeitspl\u00e4tze, die es noch gibt.<\/p>\n<p><strong>Genug f\u00fcr jetzt! Der Text ist schon viel zu lang, <\/strong>dabei w\u00fcrde ich gerne noch weiter schreiben, mir das &#8222;neue Betriebssystem&#8220; vorstellen und wie es in den verschiedenen Bereichen funktionieren k\u00f6nnte. T\u00e4ten das viele, anstatt \u00fcber den Status Quo und seine Defizite zu schimpfen, w\u00fcrde das den Weg &#8222;durch die W\u00fcste&#8220; vielleicht ein wenig abk\u00fcrzen.<\/p>\n<p>(mehr demn\u00e4chst).<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Und sonst:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Die mit Abstand beste Rede zu unserem ambivalenten Umgang mit KI h\u00e4lt Salvadore Princi in seinem 25 Minuten kurzen Video<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hXiUXrWpXQQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Das KI-Dilemma: Sicherheit oder Innovation?<\/strong><\/a><br \/>\n&#8222;<em>Wir wollen, dass KI L\u00f6sungen findet, auf die wir selbst nie k\u00e4men. Doch wie kontrollieren wir eine Maschine, deren Wege wir nicht verstehen? Von AlphaGos legend\u00e4rem Zug 37 \u00fcber AlphaFold bis zu KI-Agenten, die ihre eigene Pr\u00fcfung austricksen: In drei Stufen gehen wir der Frage nach, woran wir erkennen, ob eine KI das Richtige tut, und wer eigentlich entscheidet, wie weit sie gehen darf<\/em>&#8222;<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2026\/10\/08\/zum-7-oktober-einen-tag-zu-spaet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Die Versloppung der Welt (Volker Weber)<\/strong><\/a><br \/>\n&#8222;<em>Rechtsanwalt: \u2026 meine Quote, wieviel % aller neuen Mandatsanfragen von einer KI geschrieben wurden, ist jetzt gef\u00fchlt bei \u00fcber 90%. Immer schon inklusive rechtlicher Einsch\u00e4tzung und Prozessstrategie, falls ich von der Sache nichts verstehe.<\/em>&#8222;<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/barbarageyer.substack.com\/p\/der-agent-wartet-nicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Der Agent wartet nicht<br \/>\nWas KI-Agenten dir abnehmen, was sie dich kosten und was du nie delegieren solltest (Barbara Geyer)<\/strong><\/a><br \/>\n<em>&#8222;Bisher haben viele von uns mit KI gechattet, eine Frage, eine Antwort, und dann kam die n\u00e4chste Frage. Dem Agenten gebe ich nur ein Ziel vor, er plant und probiert, schaut sich das Ergebnis an und macht weiter, bis er fertig ist. Der Agent wartet nicht.&#8220;<\/em><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie bitte? Der Kapitalismus soll enden? Und sogar bald? Ja, genau! 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