{"id":514,"date":"2010-07-25T13:04:45","date_gmt":"2010-07-25T11:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=514"},"modified":"2010-07-29T13:19:04","modified_gmt":"2010-07-29T11:19:04","slug":"zum-loveparade-desaster-der-mensch-in-der-masse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/07\/25\/zum-loveparade-desaster-der-mensch-in-der-masse\/","title":{"rendered":"Zum Loveparade-Desaster: Der Mensch in der Masse"},"content":{"rendered":"<p>1,4 Millionen Menschen und ein Platz, der h\u00f6chstens 500.000 fasst. Ein Tunnel als einziger Zugang, damit sich niemand anderswo ein Bier kauft. Ergebnis: 19 Tote, fast 350 Verletzte, eine Mega-Katastrophe, die das halbe Ruhrgebiet lahm legt. Gleichwohl musste weiter gefeiert werden bis in die Nacht: eine Stadt mit  nicht mal 500.000 Einwohnern kann solche Massen nicht von jetzt auf gleich los werden. &#8222;The Art of Love&#8220; wurde zum Desaster, zum Aus f\u00fcr die Loveparade, deren einstiger &#8222;Spirit&#8220; sich sowieso  lange schon verabschiedet hatte. <!--more--><\/p>\n<p>Berlin wollte das Massenspektakel nicht mehr, doch das Ruhrgebiet hat die Marke nicht sterben lassen und der &#8222;untoten&#8220; Parade neues Leben eingehaucht. <a href=\"http:\/\/www.ruhrbarone.de\/update-loveparade-der-zombie-der-ruhrburokraten\/\">Stephan Schr\u00f6der (Ruhrbarone) schreibt<\/a>: <\/p>\n<blockquote><p>Mein Zorn gilt den B\u00fcrokraten in Duisburg. Seit dem Chaos in Dortmund war klar, dass die Loveparade im Ruhrgebiet anders ist als die Szenenummer in Berlin. Aber geblendet von Zahlen und sch\u00f6nen Bildern, hielten ausgerechnet die B\u00fcrokraten aufgepeitscht von Public Relation Hoffnungen an der Technobespa\u00dfung fest. Dabei war schon Berlin die Fratze hinter den Beats f\u00fcr jeden, der es wissen wollte, zu sehen. Drogenfressen, Livepornodrehs im Tiergarten, Hecken knietief in Pisse und Schlamm dazu tonnenweise M\u00fcll&#8230;..<br \/>\n&#8230;Der Zombie der Loveparade ist unter den H\u00e4nden der Pottb\u00fcrokraten heute zu dem geworden was er ist. Eine blutige Bestie, bislang nur am Leben gehalten aus Gier nach Geld und Ruhm.<\/p><\/blockquote>\n<p>Schr\u00f6der konzentriert sich auf die (wichtige!) Frage nach den Verantwortlichen, ich frage mich schon lange: Woher kommt dieser Drang zu immer mehr und immer gr\u00f6\u00dferen Massenveranstaltungen? Warum sind so viele Menschen wild darauf, sich in ein un\u00fcbersichtliches Gedr\u00e4nge zu begeben,  stundelang in Mengen oder Schlangen auf Zug\u00e4nge zu warten und Absperrungen ansonsten \u00f6ffentlicher Orte aus kommerziellen Gr\u00fcnden hinzunehmen? <\/p>\n<p>Die Loveparade ist ja keine singul\u00e4re Erscheinung:  CSD, Karneval der Kulturen, Fu\u00dfball-Fanmeilen, Silvester am Brandenburger Tor &#8211; man protzt mit Hunderttausenden und freut sich, wenn die Million &#8222;geknackt&#8220; wird. Dabei sehe ich im Fernsehen weit mehr von einem solchen Event als jeder, der sich leibhaftig in die Menge wirft.<\/p>\n<p>Und auch im etwas kleineren Ma\u00dfstab zeigt sich der Drang zum Bad in der Menge:  Viele gehen nie ins Museum au\u00dfer in der &#8222;langen Nacht&#8220;, wenn sich die Massen durch die Hallen schieben.  Die Schlangen vor aktuellen Kunstausstellungen erfordern stundenlange Wartezeiten und sind schon selber Teil der Veranstaltung. Auch wer nicht nur schauen, sondern sich bewegen will, tut das immer lieber gleichzeitig mit zigtausend anderen: Viertel-, Halb-, und Ganz-Marathon-L\u00e4ufe, Radtouren als Breitensport-Event und Sternfahrt. F\u00fcr Autos braucht es kein Eventmanagement, die stauen sich Tag f\u00fcr Tag auf den Autobahnen und viele meinen, zur Fahrt in die Ferien geh\u00f6re das Stau-Erlebnis ganz klar dazu.<\/p>\n<h2>Sehnsucht nach Gemeinschaft<\/h2>\n<p>Wir leben ein immer individuelleres Leben, in dem es immer schwieriger wird, auch nur den einen Menschen zu finden, der so richtig passt. Im Beruf dominieren Konkurrenzkamf, Selbstdarstellungszwang und Mobbing, Familien sind &#8222;Patchwork&#8220;, Eltern k\u00e4mpfen f\u00fcr das bestm\u00f6gliche Weiterkommen der eigenen Kinder, der Rest der Welt ist egal. Probleme und Engp\u00e4sse soll der Staat l\u00f6sen, man schimpft auf &#8222;die da oben&#8220;, auf die Reichen, die Banker, die B\u00fcrokraten oder wer immer gerade der Buhmann ist. \u00dcberforderte Alleinerziehende beklagen ihren sozialen Abstieg, machen aber nur seltenst Anstalten, ihre Problematik durch Zusammentun mit anderen in \u00e4hnlicher Situation zu verbessern. Blo\u00df nicht zu verbindlich ran an den Mitmenschen &#8211; man k\u00f6nnte sich ja verstricken, sich \u00c4rger einhandeln, ein St\u00fcck der anonymen Gro\u00dfstadtfreiheit verlieren.<\/p>\n<p>All das und noch viel mehr hat aber eben auch eine R\u00fcckseite, ein zweites Gesicht: je vereinzelter man lebt, desto mehr w\u00e4chst unbewusst der Wunsch, diese Vereinzelung abzuwerfen und ins Gegenteil einzutauchen. Massen-Events nutzen diese Befindlichkeit und verschaffen das unverbindliche Gemeinschaftserlebnis, nach dem die mutwillig einsame Seele d\u00fcrstet. Endlich kein ICH mehr, nur noch das gro\u00dfe WIR: tanzend und feiernd im Techno-Gewummer, laufend und schwitzend im Volks-Marathon,  jubelnd auf der Fan-Meile &#8211; und manchmal eben auch sterbend im Tunnel von Duisburg. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1,4 Millionen Menschen und ein Platz, der h\u00f6chstens 500.000 fasst. Ein Tunnel als einziger Zugang, damit sich niemand anderswo ein Bier kauft. Ergebnis: 19 Tote, fast 350 Verletzte, eine Mega-Katastrophe, die das halbe Ruhrgebiet lahm legt. Gleichwohl musste weiter gefeiert werden bis in die Nacht: eine Stadt mit nicht mal 500.000 Einwohnern kann solche Massen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=514"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}