{"id":502,"date":"2010-06-23T14:13:42","date_gmt":"2010-06-23T12:13:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=502"},"modified":"2010-07-03T12:50:56","modified_gmt":"2010-07-03T10:50:56","slug":"das-meer-in-mir-film-ueber-das-recht-auf-selbstbestimmtes-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/06\/23\/das-meer-in-mir-film-ueber-das-recht-auf-selbstbestimmtes-sterben\/","title":{"rendered":"Das Meer in mir: Film \u00fcber das Recht auf selbstbestimmtes Sterben"},"content":{"rendered":"<p>Es war schon sehr sp\u00e4t. doch bei diesem Film bin ich dann doch h\u00e4ngen geblieben: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Meer_in_mir\">&#8222;Das Meer in mir&#8220;<\/a> erz\u00e4hlt die Geschichte des Ramon Sampedro, der seit 26 Jahren vom Hals abw\u00e4rts gel\u00e4mt ist und f\u00fcr sein Recht auf ein selbst bestimmtes Sterben k\u00e4mpft. Mit 25 hatte er einen Badeunfall, bei dem er &#8211; abgelenkt durch den Blick auf eine sch\u00f6ne Frau &#8211; kopf\u00fcber in allzu flaches Wasser sprang und sich dabei das Genick brach.<\/p>\n<p>Die vielen Jahre seitdem geh\u00f6rte Ramon ganz offensichtlich zu den gl\u00fccklicheren Schwerbehinderten: die Familie seines Bruders k\u00fcmmert sich aufopferungsvoll um ihn, er bekommt viel Besuch, schreibt mit einem Stift im Mund ver\u00f6ffentlichungsf\u00e4hige Gedichte und ist &#8211; man staunt ein wenig! &#8211; meist ziemlich gut gelaunt. Dennoch empfindet er sein komplett von Anderen abh\u00e4ngiges Leben als w\u00fcrdelos und will es beenden, wof\u00fcr er dann auch eine Anw\u00e4ltin engagiert, die sich (ebenfalls von einer t\u00f6dlichen Krankheit betroffen) auf dem Rechtsweg f\u00fcr sein Anliegen einsetzt. <!--more--><\/p>\n<p>Mit dieser Anw\u00e4ltin entwickelt sich gar noch eine richtige Liebesgeschichte, wobei sie nicht einmal die einzige Frau ist, von der Ramon geliebt wird. Auch Rosa, die Fabrikarbeiterin, k\u00fcmmert sich r\u00fchrend um ihn und bezieht durch seine Zuwendung &#8222;Kraft zum Leben&#8220;, wie sie sagt. Ramon wird insgesamt ziemlich viel geliebt, doch \u00e4ndert das nichts an seinem Sterbewunsch, wor\u00fcber man sich als Zuschauer dann schon manchmal wundert: er steht bzw. liegt doch so &#8222;mitten im Leben&#8220;! Warum nur will er nach 26 Jahren immer noch sterben?<\/p>\n<p>Das Recht, diese Frage selbst zu entscheiden, wollen auch die meisten dieser Ramon-Liebenden ihm zun\u00e4chst nicht zugestehen. Bruder und Vater empfinden den Wunsch als Undankbarkeit und fast pers\u00f6nlichen Angriff. Rosa gesteht ihm ihre Liebe, doch als er sagt: <em>&#8222;Wenn du mich wirklich liebst, dann hilfst du mir&#8220;<\/em>, verweigert sie das erschrocken. Der (noch) egoistische Charakter ihrer Liebe wird damit deutlich, doch am Ende ist sie es, die ihn bei sich aufnimmt, auf dass sein &#8222;Abgang&#8220; ungest\u00f6rt von statten gehen kann.<\/p>\n<p>Das Sterben zelebriert Ramon nach wie erwartet verlorenem Prozess vor einer Kamera. Er trinkt ein Glas mit Wasser und Zyankali und stirbt unglaubhaft schmerzfrei binnen einer halben Minute. <\/p>\n<h2>Wechselnde Identifikationen und ein Hinweis auf falsche Priorit\u00e4ten<\/h2>\n<p>Richtig gut an diesem Film fand ich, dass man als Zuschauerin gezwungen ist, beide Seiten mitzuf\u00fchlen: den Wunsch Ramons, seine abh\u00e4ngige und bewegungslose Situation zu beenden, ganz ebenso wie die Seite der liebenden Angeh\u00f6rigen, die nicht wollen, dass er sie verl\u00e4sst.  Der Streit ums Recht auf Sterbehilfe tritt dem gegen\u00fcber in den Hintergrund. Letztlich geschieht ja auch, was er will, eben ohne staatlichen Segen.<\/p>\n<p>Das Schicksal Ramons hat mir \u00fcberaus deutlich gemacht, dass ich den (kostenlosen!) Basisbereich des Lebens, das sinnliche Dasein, sich bewegen, riechen, h\u00f6ren, sehen, schmecken, ber\u00fchrt werden und ber\u00fchren k\u00f6nnen nicht genug sch\u00e4tze. Das alles scheint so selbstverst\u00e4ndlich und steht ja auch &#8222;ganz von selbst&#8220; zur Verf\u00fcgung. Und doch f\u00fchre ich viele Stunden pro Tag freiwillig ein Leben, das sich von dem Ramons faktisch nur durch den Netzzugang unterscheidet: zwar sitze ich (noch!) aufrecht und muss nicht liegen, kann mir selbst\u00e4ndig Essen und Getr\u00e4nke besorgen und schaffe es auch alleine aufs Klo. Dennoch sind das Unterbrechungen der &#8222;Default-Stellung&#8220; vor dem Monitor, die ich kaum wahrnehme, solange ich im Netz meinen den Geist fesselnden Aktivit\u00e4ten nachgehe. <em>(H\u00e4tte Ramon auch mit Netzzugang sterben wollen?)<\/em><\/p>\n<p>Vermutlich verh\u00e4lt es sich mit alledem so, dass erst der Verlust klar macht, was man einst mal &#8222;hatte&#8220;, aber gar nicht richtig sch\u00e4tzen konnte: Das Wunder, einfach nur da zu sein und mit allen Sinnen die Welt wahrzunehmen!<\/p>\n<h2>Was w\u00e4re, wenn&#8230;<\/h2>\n<p>Genau wie die Liebende im Film w\u00fcrde auch ich zun\u00e4chst den Freitod eines Geliebten abwehren wollen. Dann aber, wenn ich sehe, dass er leidet und wirklich abtreten will, w\u00fcrde ich es akzeptieren und im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten auch helfen. Wenn ich mich aber nicht als Angeh\u00f6rige sehe, sondern als diejenige, die demn\u00e4chst sterben wird (sei es als Freitod oder auf nat\u00fcrlichem Weg), dann erlebe ich in dieser Identifikation etwas ganz Erstaunliches: meine Liebe zu den Hinterbleibenden macht einen Quantensprung! Nicht dass ICH sie verlassen muss, tut dann am meisten weh, sondern ihr m\u00f6glicherweise vorhandenes Leiden daran &#8211; \u00fcberhaupt jegliches ihrer Leiden, einschlie\u00dflich des Leidens an der Endlichkeit. <\/p>\n<p>Der Film hat mir also viel gegeben, n\u00e4mlich gezeigt, was wirklich wichtig ist &#8211; im Leben und im Sterben. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war schon sehr sp\u00e4t. doch bei diesem Film bin ich dann doch h\u00e4ngen geblieben: &#8222;Das Meer in mir&#8220; erz\u00e4hlt die Geschichte des Ramon Sampedro, der seit 26 Jahren vom Hals abw\u00e4rts gel\u00e4mt ist und f\u00fcr sein Recht auf ein selbst bestimmtes Sterben k\u00e4mpft. 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