{"id":50,"date":"2007-02-06T12:25:28","date_gmt":"2007-02-06T10:25:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/02\/06\/die-wahrheit-vom-gefuehlten-ich\/"},"modified":"2008-01-21T18:15:13","modified_gmt":"2008-01-21T16:15:13","slug":"die-wahrheit-vom-gefuehlten-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/02\/06\/die-wahrheit-vom-gefuehlten-ich\/","title":{"rendered":"Die Wahrheit vom gef\u00fchlten ICH"},"content":{"rendered":"<p>Nach acht Jahren Schreiben im Digital Diary zum ersten mal ein <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/digital-diary-gesamtinhalt-1999-bis-heute\/\">&#8222;Gesamtinhaltsverzeichnis&#8220;<\/a> vor Augen zu haben, mutet mich nun doch seltsam an. Ohne Aufwand kann ich mal eben nachsehen, was im Februar 2005 oder 1999 mein Thema war. Es ist, als schaute ich in eine neue Art Spiegel und fragte mich: bin ich das? Hat sich was ver\u00e4ndert?? Und dann staune ich, dass sich so wenig ver\u00e4ndert hat. Es wirkt, als w\u00e4re ich mit dieser Art zu schreiben geboren, ich sehe keine gro\u00dfen Unterschiede  und finde das ein wenig erschreckend! Der Mensch muss sich doch ver\u00e4ndern, entwickeln, wachsen &#8211; hab&#8216; ich da ein Defizit??<\/p>\n<p>Eine bl\u00f6de Frage, ich wei\u00df! Dieses Diary war nie als Entwicklungsbericht gemeint, obwohl sporadische Versuche der Selbstverbesserung durchaus vorkommen. Ich wollte immer nur schreiben, was sich schreiben will: ohne Oberthema, ohne Absicht, ohne Ziel. Nun merke ich, wie viel unbewusste Formung und Absicht in diesem Schreiben doch enthalten ist und kann dar\u00fcber nachsinnen, was das bedeutet.<!--more--><\/p>\n<p>Jahrelang haben mich Lothar Reschkes Logbuch-Eintr\u00e4ge beeinflusst, deren Verschwinden aus dem Web nicht nur ich bedauere. Es war ein Einfluss, an dem entlang ich einerseits meinen Stil verbessern, andrerseits das Eigene finden konnte. Und ich hab&#8216; einiges gelernt \u00fcber das Wesen des Literarischen, das umso herzergreifender wirkt, je mehr Leiden dem Autor als Ressource zur Verf\u00fcgung steht. Womit ich auch gleich den gr\u00f6\u00dften Unterschied zwischen seinem und meinem Schreiben benannt habe: ich leide nicht so sehr &#8211; und wenn doch mal, dann bekenne ich mich klar dazu, dieses Leiden &#8222;nichten&#8220; zu wollen:  Erkennen ist gut, \u00e4ndern ist besser!<\/p>\n<h2>Die eigene WAHRHEIT &#8211; und wie sie zustande kommt<\/h2>\n<p>Diese Grundeinstellung ergibt ein anderes Verh\u00e4ltnis zur &#8222;Wahrheit&#8220;, die f\u00fcr GLR den obersten Wert darstellt. Auch mir war immer wichtig, hier nie was vom Pferd zu erz\u00e4hlen, mich zu beweihr\u00e4uchern, nur die guten Seiten darzustellen und das Versagen (z.B. die Unf\u00e4higkeit, nachhaltig mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren) zu unterschlagen. Doch habe ich bei der Selbstbeobachtung festgestellt, dass es eine feste Wahrheit \u00fcber mich selbst gar nicht gibt. Wie ich die Dinge sehe, wie ich auf die eigenen Freuden und Leiden und &#8222;die Welt da drau\u00dfen&#8220; schaue, ist selbst ein Faktor, der Realit\u00e4t erschafft. Auch Denken ist ein Handeln, und so ist jede Beschreibung bereits von mir &#8222;gemacht&#8220;, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, &#8222;ehrlich zu sein&#8220;.<\/p>\n<p>Die Stabilisierung dieser Erkenntnis verdanke ich einem anderen gro\u00dfen Einfluss, den ich von Seiten eines Freundes erfuhr, der mir einige Jahre  &#8222;Geliebter in der Ferne&#8220; war:  Erschaffe deine Welt bewusst, unbewusst tust du es sowieso &#8211; Tag f\u00fcr Tag, Augenblick um Augenblick!<\/p>\n<p>Damit ist nicht gemeint, sich um &#8222;positives Denken&#8220; zu bem\u00fchen, das auf ein blo\u00dfes Verdr\u00e4ngen des Leidens hinaus l\u00e4uft. Es geht darum, sich dar\u00fcber klar zu werden, wie die je eigene Realit\u00e4t eigentlich zustande kommt und daraus Konsequenzen zu ziehen. Zum Beispiel ist es ja so leicht, im Leiden zu kreisen, wenn ich einfach den Gedanken folge, die auftreten, wenn ich irgend einen Misstand (sei es im pers\u00f6nlichen Leben oder in der Gesellschaft) ins Auge fasse. Nie bleibt das beim blo\u00dfen Erkennen stehen, sondern ein Gedanke zieht den n\u00e4chsten nach sich und locker kann man sich in \u00fcble Gef\u00fchle (Machtlosigkeit, Wut, Trauer) hinein steigern, die durch die Gedanken ausgel\u00f6st werden. Das Befinden verschlechtert sich, man bekommt ein &#8222;Opfer-Bewusstsein&#8220; und idealisiert sich selbst zur Ausnahme, die selbstverst\u00e4ndlich mit dem inkriminierten &#8222;B\u00f6sen&#8220; nichts zu tun hat. Dem &#8222;Guten&#8220; hat man allerdings durch diese innere Disziplinlosigkeit noch keinesfalls gedient! Im Gegenteil, man tauscht sich wom\u00f6glich mit Anderen aus, suhlt sich in kommunikativ vermittelten Erregungszust\u00e4nden, und tr\u00e4gt so dazu bei, dass die \u00fcblen Gef\u00fchle sich verbreiten und vermehren &#8211; ohne dass sich in der Sache irgend etwas \u00e4ndert!<\/p>\n<h2>Die Zwiebel des Ich sch\u00e4len<\/h2>\n<p>Meiner langj\u00e4hrigen Yoga-Praxis verdanke ich die Einsicht, wie automatenhaft und programmiert dieses Erleben von Wirklichkeit \u00fcblicherweise abl\u00e4uft, das gleichzeitig ein &#8222;Erschaffen&#8220; ist. Unserer Schau sind unter normalen Bedingungen drei Dimensionen des Erlebens zug\u00e4nglich: Gef\u00fchle, Gedanken und sinnliche Empfindungen. Mit allen sind wir zun\u00e4chst einigerma\u00dfen identifiziert, beziehen aus ihnen unser &#8222;Ich-Gef\u00fchl&#8220;: meine Gedanken, mein K\u00f6rper, meine Gef\u00fchle &#8211; alles zusammen ergibt &#8222;meine Wahrheit&#8220;. (Mein Yoga-Lehrer sprach in diesem Zusammenhang immer von der &#8222;Zwiebel des Ich&#8220;, die wir sch\u00e4len, ohne je einen &#8222;Kern&#8220; aufzufinden &#8211; jegliche neue Selbsterkenntnis ist nur eine weitere Schale, die in einem n\u00e4chsten Schritt auch wieder wegf\u00e4llt.)<\/p>\n<p>Diese &#8222;eigene Wahrheit&#8220; vom gef\u00fchlten Ich erf\u00e4hrt nun im Lauf des Lebens einige Irritationen, die wir ernst nehmen oder auch ignorieren k\u00f6nnen. Die Identifikation mit dem K\u00f6rper wird fraglich, wenn dieser auf einmal nicht mehr gehorcht, nicht mehr wie selbstverst\u00e4ndlich unserem Willen zur Macht dient: Alter, Krankheit, Schw\u00e4che &#8211; bin das denn &#8222;ich&#8220;? Oder st\u00f6\u00dft mir das nur zu?<\/p>\n<p>Etwas schwieriger ist es, die Identifikation mit dem Denken loszulassen &#8211; und doch: wer kann auf Dauer \u00fcber die eigene Manipulierbarkeit hinweg sehen? \u00dcber Selbstt\u00e4uschungen im Dienste irgend einer aktuellen Gier, Abneigung oder Angst? \u00dcber nachtr\u00e4gliche Rationalisierungen und Rechtfertigungen irrationaler oder destruktiver Verhaltensweisen?? \u00dcber Denk-Gewohnheiten und Vorurteile, die aus der medialen Sph\u00e4re unhinterfragt \u00fcbernommen wurden? Deprimierende Einsichten, die jedoch auch erm\u00e4chtigen, das Denken als ein Ph\u00e4nomen zu begreifen, dessen Gestalt wir mitbestimmen k\u00f6nnen. Etwa, indem ich mir eine Sache von anderen Standpunkten aus betrachte und meine &#8222;ich-zentrierte&#8220; Schau links liegen lasse. Wie ergeht es mir dann? Wie f\u00fchlt sich die Realit\u00e4t dann an? Was wird aus meiner Bewertung und wie ver\u00e4ndern sich die Gef\u00fchle durch diese &#8222;andere Sicht&#8220;?<\/p>\n<h2>So bin ich halt?<\/h2>\n<p>Gef\u00fchle und sogar Emotionen sind f\u00fcr viele Menschen die letzte Bastion der Wahrheit: was ich f\u00fchle, ist authentisch, ist die Wahrheit! Zum Beispiel wird pers\u00f6nliche Liebe als nicht weiter hinterfragbarer Gef\u00fchlszustand betrachtet, der eben da ist oder nicht &#8211; 10.000 kitschige Schlagertexte besingen diese &#8222;Wahrheit&#8220; und die Welt glaubt daran.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheint diese \u00dcberbewertung der Gef\u00fchle nachvollziehbar, denn sie sind unserem DIREKTEN Zugriff entzogen. Ich kann nicht willentlich hassen oder lieben, Wut oder Behagen f\u00fchlen, wie ich etwa einen bestimmten Gedanken denken oder meinen K\u00f6rper bewegen kann. Und doch &#8211; das zeigt die Lebenserfahrung und in verdichteter Form die Yoga-Praxis &#8211; sind Gef\u00fchle &#8222;machbar&#8220;: Ich kann sie durch meine Gedanken ausl\u00f6sen und verst\u00e4rken und durch andere Gedanken wieder schw\u00e4chen und vertreiben. Ebenso ist es m\u00f6glich, sie \u00fcber den K\u00f6rper zu beeinflussen, denn jedes Gef\u00fchl ist irgendwo im K\u00f6rper &#8222;verortet&#8220; und hat eine materielle Entsprechung aus K\u00f6rperspannung und K\u00f6rperchemie. Wer bewusste Entspannung lernt, erlebt sehr bald, dass zum Beispiel Wut (und Ehrgeiz, Hass, \u00c4rger..) eine Verspannung im Bauch und Solarplexus ist, die mittels Atmen und Entspannen sehr einfach losgelassen werden kann. Man muss es nur wollen &#8211; und wer einen entspannten Bauch als NORMALZUSTAND erf\u00e4hrt, wird das auch wollen, denn Wut, Hass und \u00c4rger erscheinen dann als leidvolle Anstrengungen, die man schleunigst wieder neutralisiert.<\/p>\n<p>Auch die Gef\u00fchlswelt entpuppt sich also als &#8222;bedingt&#8220;, massiv beeinflussbar durch Denken und Sinnlichkeit, durch \u00e4u\u00dfere Reize und eigenes Wollen. Nichts &#8222;Originales&#8220;, gar Substanzielles, zu dem man mit Fug und Recht ICH sagen k\u00f6nnte &#8211; wir sehen nur Prozesse, in deren Ver\u00e4stelungen das Ich-Empfinden ein St\u00fcck weit hinein reicht und dann immer mehr verblasst, je weiter die Ursache-Wirkungskette von &#8222;uns&#8220; weg f\u00fchrt.<\/p>\n<h2>Wille zur Macht?<\/h2>\n<p>Nach dieser Betrachtung dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Was bedeutet eigentlich &#8222;Identifikation&#8220;? Unter welchen Umst\u00e4nden empfinde ich das Ich-Gef\u00fchl und was f\u00fchrt dazu, dass ich es in Frage stelle??<\/p>\n<p>Hier zeigt sich mir eine Janusk\u00f6pfigkeit des Ich-Gef\u00fchls, die ich bisher nicht kl\u00e4ren konnte. Einerseits erscheint n\u00e4mlich all das als besonders durchdrungen vom Ich-Gef\u00fchl, wo ich pers\u00f6nliche Macht versp\u00fcre, etwas zu tun oder zu lassen, es so oder so zu gestalten. Ich kann jetzt vom Stuhl aufstehen und einen Spaziergang machen, das ist die banale Basis der Ich-Identifikation mit dem K\u00f6rper. Das Ich w\u00e4re also &#8222;Wille zur Macht&#8220; und wo ich keine Macht versp\u00fcre, empfinde ich das entsprechende Ph\u00e4nomen nicht mehr als Teil des Ich (verunfallte Menschen sagen ja: mein K\u00f6rper gehorcht mir nicht mehr). Auch leblose Gegenst\u00e4nde k\u00f6nnen als Machtinstrument zum Ich-Bestandteil werden &#8211; wenn etwa der Autofahrer auf dem Weg zum Parkplatz sagt: &#8222;Ich steh&#8216; da gleich um die Ecke!&#8220;.<\/p>\n<p>Entgegen dieser These wei\u00dft jedoch die beschriebene hohe Identifikation mit der Gef\u00fchlswelt darauf hin, dass gerade das (zun\u00e4chst) nicht Machbare als das eigentlich &#8222;substanzielle Ich&#8220; erfahren wird: Ich f\u00fchle so und kann nicht anders, so bin ich halt!<\/p>\n<p>Wie seltsam! Wie widerspr\u00fcchlich! Mein Verstand alleine scheint wenig ergiebig, wenn ich mit seiner Hilfe daran gehe, die Zwiebel zu sch\u00e4len. Verlasse ich jedoch die reine Verstandesebene, kann ich h\u00f6chstens noch erz\u00e4hlen, nicht aber begr\u00fcnden, definieren, analysieren. Kann berichten, dass ich seit gut 15 Jahren nicht mehr allein das als &#8222;ich selbst&#8220; ansehe, was ich genau beschreiben und darstellen kann. Mein mehr oder weniger bewusstes Alltags-Ich mit seinen drei Erlebensdimensionen ist nur die (sprichw\u00f6rtliche) Spitze eines Eisbergs, der sich komplett der rationalen Erkenntnis entzieht. Bez\u00fcglich dieses Eisbergs von &#8222;Macht&#8220; zu sprechen w\u00e4re so, als wolle der Schwanz mit dem Hund wedeln.<\/p>\n<p>Aber wor\u00fcber man nicht sprechen kann, dar\u00fcber soll man schweigen &#8211; und also belasse ich es f\u00fcr heute dabei!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach acht Jahren Schreiben im Digital Diary zum ersten mal ein &#8222;Gesamtinhaltsverzeichnis&#8220; vor Augen zu haben, mutet mich nun doch seltsam an. Ohne Aufwand kann ich mal eben nachsehen, was im Februar 2005 oder 1999 mein Thema war. Es ist, als schaute ich in eine neue Art Spiegel und fragte mich: bin ich das? 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