{"id":5,"date":"2006-03-05T18:29:57","date_gmt":"2006-03-05T16:29:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=5"},"modified":"2024-07-26T10:32:39","modified_gmt":"2024-07-26T08:32:39","slug":"wieder-daheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/03\/05\/wieder-daheim\/","title":{"rendered":"Wieder daheim"},"content":{"rendered":"<p>Wie sch\u00f6n, wieder eine deutsche Tastatur zu benutzen! Y und Z sitzen an der richtigen Stelle, deutsche Umlaute m\u00fcssen nicht mehr m\u00fchsam umgeschrieben werden &#8211; das enthebt von der \u00dcberlegung, ob es der aufzuschreibende Satz wert ist, solche Anstrengungen zu machen. In drei Wochen Kambodscha brachte ich es auf genau einen Satz: ein kleiner Test, wie es so ist, aus solcher Ferne ins selbe Netz zu schreiben. Dann nichts mehr. Erleben kann so \u00fcberw\u00e4ltigen, dass Schreibimpulse gar nicht mehr aufkommen &#8211; f\u00fcr mich eine seltene Erfahrung!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"308\" alt=\"Angkor Wat\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/pics\/sonnenuntergang.jpg\" \/><\/p>\n<p><!--more-->In einem Land, in dem schon derjenige sein Gesicht verliert, der offen Kritik an irgend etwas \u00e4u\u00dfert, erscheint dieses Verhalten alleine schon als Ergebnis eines kulturellen \u00dcbergriffs, wenn auch ohne b\u00f6se Absicht. Wir wollen ja nur helfen und das kann doch nicht ganz schlecht sein &#8211; oder ?<\/p>\n<p>Ein Junge, der mir die 510 Stufen zum Tempel Oudong hinauf Luft zuf\u00e4chelte Ich wei\u00df es nicht. Nicht mehr. Wenn ich mir zum Beispiel die Bettler ansehe, die sich nicht vornehmlich an die &#8211; noch sp\u00e4rlichen &#8211; Touristen wenden, f\u00e4llt mir auf, dass sie keine Demutsgesten n\u00f6tig haben. Es gen\u00fcgt, an den richtigen Stellen zu sitzen, meist nahe einem buddhistischen Heiligtum, einem Wat, in dem auch M\u00f6nche leben. Dort kommen die Gl\u00e4ubigen vorbei und verteilen kleine Scheine an die Bettler und in die durchsichtigen Geldsammelkisten der M\u00f6nche, bevor sie zum Buddha, zu den Ahnen, G\u00f6ttern und Schutzgeistern beten. Mit ihren Gaben verbessern sie ganz eigenn\u00fctzig ihr pers\u00f6nliches Karma &#8211; und offenbar wissen sie, wie sehr sie das n\u00f6tig haben! Inmitten einer Welt f\u00fcr uns schier unvorstellbarer Armut sehe ich mit Scheinen gespickte Buddha-Statuen und gut gef\u00fcllte offene Spendenboxen ohne jede Bewachung. Ich staune. Ein Lehrer verdient in Kambodscha weniger als drei\u00dfig Dollar im Monat &#8211; und geh\u00f6rt damit zum gehobenen Mittelstand. Nur mal so zum Vergleich.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"280\" height=\"210\" class=\"links\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/pics\/begleiter.jpg\" \/><\/p>\n<p>Aber selbst die mittellose Bettlerin verzichtet lieber auf ein Abendessen als auf die pers\u00f6nliche Spende an irgend einem der vielen Altare. Geben macht reich und gl\u00fccklich, wenn nicht in diesem, dann im n\u00e4chsten Leben. Und tats\u00e4chlich erf\u00fcllen die so bespendeten M\u00f6nche in ihren von \u00fcberall fu\u00dfl\u00e4ufig zu erreichenden Wats vielerlei soziale Funktionen &#8211; man darf dort z.B. ungest\u00f6rt im Schatten herum liegen, wann man krank und allein ist. Studenten finden eine Bleibe, die sich keine eigene leisten k\u00f6nnen, Alte sitzen in sich gekehrt herum und warten auf den Tod, viele kleine H\u00e4ndler und Dienstleister bieten ihre Fr\u00fcchte, Getr\u00e4nke und Opfergaben an und erwirtschaften sich so ein minimales Einkommen.<\/p>\n<p>In all der extremen Armut, die ich in diesen drei Wochen sah, erschienen mir die Menschen meist ausnehmend fr\u00f6hlich und guter Dinge. Das L\u00e4cheln der Khmer r\u00fchrt den coolen Europ\u00e4er seltsam an: man vermisst irgendwie das in die Gesichtsz\u00fcge eingemei\u00dfelte Hadern mit dem Schicksal, den verurteilenden Blick auf die Missst\u00e4nde &#8211; obwohl es daran in Kambodscha wahrlich nicht mangelt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"245\" class=\"rechts\" alt=\"W\u00e4scherin am Fluss\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/pics\/waescherin.jpg\" \/><\/p>\n<p>Jetzt bin ich zur\u00fcck in der Heimat, die auf einmal so seltsam abgefahren wirkt. Die Flugh\u00e4fen so still und sauber, statt der vielen aufr\u00e4umenden H\u00e4nde einfach keine M\u00fclleimer, alles scheint ordentlich und pr\u00e4zise zu funktionieren, doch das t\u00e4uscht: Unser Gep\u00e4ck hat es bis M\u00fcnchen geschafft, nicht aber bis Berlin. Unsere Platznummern waren beim Einstieg schon besetzt, es herrschte ein Chaos, das den Piloten sprachlos machte, wie er \u00fcber Lautsprecher ansagte (es war Freitag abend und der Schnee in M\u00fcnchen noch kein Problem). Herr Schily, der ebenfalls mitflog, trug das seine dazu bei, indem er an ganz bestimmter Stelle sitzen wollte, was etliche Umplatzierungen erforderte &#8211; so jedenfalls h\u00f6rte ich es eine der verzweifelten Damen am Boarding-Desk mit erhobener Stimme ins Telefon sagen. Niemand l\u00e4chelte. Nicht mal der so gut bediente Schily.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/redirect.html?ie=UTF8&#038;location=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2FKulturSchock-Kambodscha-Reise-Know-How-Samnang%2Fdp%2F3831712948&#038;site-redirect=de&#038;tag=daswildegarte-21&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">Kulturschock Kambodscha<\/a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" style=\"border: medium none  ! important; margin: 0px ! important\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=daswildegarte-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" \/> hei\u00dft ein spannendes Buch, das bei meinem Gastgeber herum lag. Und ja, ich bin geschockt &#8211; aber eigentlich nicht von all dem Fremden, das mir begegnete, sondern vom Eigenen, dessen spezifische Kaputtheit und Verr\u00fccktheit aus der Ferne auf einmal so deutlich sichtbar wird. Ich kann es nicht anders sagen: unser Leben hier erscheint mir in weiten Teilen vergleichsweise w\u00fcrdelos: eine Kultur des Jammerns und Schimpfens, immense Anspruchshaltungen ohne Blick \u00fcber den Tellerrand &#8211; der Verdi-Streik wegen 18 unbezahlter Mehrminuten pro Tag wirkt von Phnom Penh aus geradezu peinlich! Mehr noch manche Fernsehsendung, durch die ich nach der R\u00fcckkehr zappte: wie man sich etwa mit professioneller Hilfe von allzu viel zusammen geshoppten Klamotten wieder befreien kann. Oder wie Extremtouristen 35000 Dollar bezahlen, um mal eben runter zur Titanic zu tauchen. Man g\u00f6nnt sich ja sonst nichts.<\/p>\n<p>Ich bin jetzt fast froh, mich am letzten Tag noch erk\u00e4ltet zu haben: zuwenig Schlaf in den letzten N\u00e4chten, die Verdunstungsk\u00e4lte auf der Haut nach dem Duschen &#8211; wer glaubt schon, dass da bei tropischen Temperaturen sowas passieren kann! (Immerhin gab es am deutschen Flughafen dann endlich Papiertaschent\u00fccher und Medikamente, wonach ich in Bangkok vergeblich suchte &#8211; die kalte Welt hat durchaus ihre Vorteile). Dass ich erst mal flach liege und nichts weiter tun muss, tun kann, tun sollte, gibt mir die \u00e4u\u00dferst notwendige Mu\u00dfe, all die vielen Eindr\u00fccke halbwegs in Ruhe zu verarbeiten. Es ist wie Kupplung treten zwischen zwei G\u00e4ngen &#8211; wenn das nicht klappt, kreischt das Getriebe auf!<\/p>\n<p>Deshalb ein andermal mehr.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"480\" height=\"501\" alt=\"Fahrrad-Rikschafahrer warten auf Kunden\" style=\"border: 1px solid black\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/pics\/rikshas.jpg\" \/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sch\u00f6n, wieder eine deutsche Tastatur zu benutzen! 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