{"id":4992,"date":"2026-07-01T11:21:47","date_gmt":"2026-07-01T09:21:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4992"},"modified":"2026-07-01T11:28:51","modified_gmt":"2026-07-01T09:28:51","slug":"ki-als-arztvertretung-auf-der-falschen-faehrte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2026\/07\/01\/ki-als-arztvertretung-auf-der-falschen-faehrte\/","title":{"rendered":"KI als Arztvertretung: auf der falschen F\u00e4hrte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erz\u00e4hle ich das jetzt, weil der Lernerfolg in Sachen KI gro\u00df war? Oder doch lieber nicht wegen der viele Details meiner &#8222;Krankengeschichte&#8220;? Na klar, ich entscheide mich daf\u00fcr! Was sollen mir schon f\u00fcr Nachteile daraus erwachsen, wenn &#8222;alle Welt&#8220; (= ein paar liebe Stammleser\/innen) \u00fcber meinen Zustand etwas mehr wissen? Irgendwie spektakul\u00e4r ist das alles ja nicht wirklich&#8230; :-)<\/strong><\/p>\n<p>Wie mich am 1.Urlaubstag in Sizilien der Schlag traf, hab&#8216; ich <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2026\/04\/24\/was-in-sizilien-war-und-was-noch-ist\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">k\u00fcrzlich schon berichtet<\/a>. Aus dem sizilianischen Krankenhaus, das ich entgegen dem Willen der \u00c4rzte an Tag 5 verlassen hatte,\u00a0 hatte ich einen dicken Befundbericht auf Italienisch mitgebracht. Diagnose demnach: ein Kleinhirninfarkt linksseitig, eine &#8222;Steno-Okklusion der linken Vertebralis&#8220; (= Gef\u00e4\u00df ist nicht vollst\u00e4ndig offen, aber auch nicht vollst\u00e4ndig dicht) \u2013 und, als Zusatzbefund, ein Verschluss der linken Arteria ulnaris am Handgelenk. Letztere versorgt Teile der Hand und des kleinen Fingers.<!--more--><\/p>\n<p>Direkt nach dem Schlaganfall war mein linker Arm nicht mehr zu sp\u00fcren, was sich aber im Krankenhaus dank der Infusionen und Medikamente weitgehend erholte. Geblieben ist mir das &#8222;eingeschlafene&#8220; Gef\u00fchl in der linken Hand, ich nenne es auch &#8222;ein bisschen pelzig&#8220; &#8211; nicht schlimm, ich kann ja tippen und auch sonst alles machen.<\/p>\n<h2>Kein Arztgespr\u00e4ch, aber KI!<\/h2>\n<p>Mein Kardiologe, an den ich mich zuhause wendete, hat mich mit einer \u00dcberweisung zur &#8222;angiologischen&#8220; Untersuchung und Rezepten f\u00fcr deutsche Medikamente nach Hause geschickt. Es ist allerdings nicht einfach, einen solchen Termin zu bekommen, auch nicht &#8222;nach Schlaganfall&#8220;. Mehrere Wochen vergingen, das Kribbeln in der Hand ist geblieben &#8211; und ich hatte viele Fragen, f\u00fcr die der Kardiologe keine Zeit (und irgendwie auch nicht die Zust\u00e4ndigkeit) hatte. Einen Hausarzt habe ich derzeit nicht, denn der letze hat seine Praxis aufgegeben. Also fragte ich Perplexity, meine Abo-KI, die ich schon f\u00fcr Medikamentenerkl\u00e4rungen genutzt hatte. (Das kann sie sehr gut!)<\/p>\n<p>Ich zitierte also die Befunde, beschrieb das pelzige Dauergef\u00fchl in der linken Hand. Und die KI \u2013 quellenreich, selbstbewusst, schnell \u2013 baute mir ein sch\u00f6nes medizinisches Narrativ: Der Arterienverschluss! Minderdurchblutung der Hand! M\u00f6glicher Stent! Mit Statistiken, Erfolgschancen, Risikoabw\u00e4gungen, Nachsorgeprotokoll. Ich fragte nach, sie lieferte weiter, wochenlang. Und ich begann, diese Sache mit den Stent zu f\u00fcrchten&#8230;.<\/p>\n<p>Schon die \u00c4rzte im Krankenhaus wollten als n\u00e4chstes &#8222;einen Stent setzen&#8220;, hatten es mir als &#8222;minimalinvasiv&#8220; in Aussicht gestellt. Grunds\u00e4tzlich wunderte mich das Vorhaben also nicht, eher f\u00fcrchtete ich das Verfahren: Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, wie man bittsch\u00f6n so einen fast verschlossenen Blutfluss durch Arm bis zur Hand aufbohren, aufbiegen, mechanisch offenhalten k\u00f6nnen sollte&#8230; (und hatte ja sooooo recht mit diesen Zweifeln!)<\/p>\n<h2>Der Moment, der alles auf den Kopf stellte<\/h2>\n<p>Im Krankenhaus \u2013 endlich! \u2013 die angiologische Untersuchung, eine spezielle Art Ultraschall zur Sichtbarmachung des Zustands der Gef\u00e4\u00dfe . Die \u00c4rztin schaute sich den Abzweig nahe dem Schl\u00fcsselbein an, wo das Blut in den Arm flie\u00dft und erkannte <strong>eine kleine Verengung, ja, aber ASYMTOMATISCH! Keine Intervention erforderlich, nichts mit Stent!<\/strong> Und dann, sehr klar: Das Kribbeln in der Hand k\u00f6nne sowieso nicht von daher stammen. Wenn diese Verengung Symptome machen w\u00fcrde, w\u00e4ren das spontane Kraftverluste, kein Dauerkribbbeln in der Hand. Ihr Rat: ab zum Neurologen!<\/p>\n<p>Ich sa\u00df da und dachte:<strong> Moment, meine KI hat mir doch wochenlang Gef\u00e4\u00dfchirurgie erkl\u00e4rt! <\/strong>Einschlie\u00dflich der Schwierigkeit, so ein &#8222;kleines Gef\u00e4\u00df&#8220;, das die Hand versorgt, \u00fcberhaupt zu durchdringen&#8230;<\/p>\n<p>Immerhin war ich schwer erleichtert, dass das mit dem Stent nicht n\u00f6tig war! Wollte es aber nicht auf sich beruhen lassen und stellte Perplexity zur Rede, erz\u00e4hlte, was ich von der \u00c4rztin erfahren hatte und dass das Kribbeln \u00fcberhaupt nicht an mangelnder Durchblutung liegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8230;.<span class=\"min-w-0 font-sans text-base text-foreground font-normal select-text break-words selection:bg-super\/50 selection:text-foreground dark:selection:bg-super\/10 dark:selection:text-super\">Mir scheint, du warst die ganze Zeit auf einer falschen F\u00e4hrte&#8230;!<\/span><\/p>\n<p>&#8222;Du hast absolut recht \u2013 und ich entschuldige mich f\u00fcr die falsche Schwerpunktsetzung! Ich bin in unseren fr\u00fcheren Gespr\u00e4chen zu stark auf den Gef\u00e4\u00dfbefund fixiert geblieben, obwohl das Kribbeln und das Pelzigkeitsgef\u00fchl in deiner linken Hand eine klassische neurologische Schlaganfallfolge ist, keine vaskul\u00e4re. Die Angiologen-\u00c4rztin hat das korrekt erkannt und das auch diagnostisch korrekt abgegrenzt: Gef\u00e4\u00dfbedingte Symptome im Arm \u00e4u\u00dfern sich als spontane Kraftverluste oder Erm\u00fcdung bei Belastung, nicht als dauerhaftes Kribbeln.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Immerhin r\u00e4umt Perplexity den Fehler offen und ausf\u00fchrlich ein. Erkl\u00e4rte mir auf Nachfrage sogar, wo der Denkfehler lag: ein zu schnelles Herstellen einer Kausalit\u00e4t zwischen zwei gleichzeitigen Befunden, ohne das klinische Bild der beschriebenen Symptome kritisch dagegenzuhalten. Der Kleinhirninfarkt stand von Anfang an in den Unterlagen. Aber die KI sprang auf den Gef\u00e4\u00dfbefund an, weil er konkreter und \u201egreifbarer&#8220; wirkte.<\/p>\n<p>Nach der Richtigstellung ging es dann auch gleich weiter mit der Beratung. Perplexity wusste genau, was ich jetzt brauche: ein Rezept f\u00fcr Ergotherapie mit Sensibilit\u00e4tstraining, auszustellen vom Neurologen oder Hausarzt. Gleich mit der kassengerechten Bezeichnung und dem Zeitraum, in dem das noch helfen k\u00f6nnte&#8230;<\/p>\n<p>Leicht gesagt. An echte \u00c4rzte kommt man heutzutage nicht so einfach. Ich bewerbe mich t\u00e4glich bei weiteren Adressen, werde aber immer abgelehnt (nimmt derzeit keine neuen Patienten auf).<\/p>\n<h2>Lerneffekt: KI wei\u00df viel, aber vertut sich auch mal!<\/h2>\n<p>Eine KI ist kein Arzt. Das wei\u00df ich nat\u00fcrlich und trotzdem bin ich in die klassische Falle getappt: W\u00e4hrend erfolgloser Bem\u00fchungen um zeitnahe Termine bei echten \u00c4rzten war die Versuchung gro\u00df, das Sprachmodell als L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer zu nutzen.<\/p>\n<p>Perplexity hat mir auch wirklich viel vermittelt! Ich verstehe meine Medikamente besser als vorher, wei\u00df mehr \u00fcber Neuroplastizit\u00e4t als je zuvor und habe gemerkt, dass eine KI, die Fehler zugibt, mir mehr n\u00fctzt als eine, die einfach weitermacht. Die entscheidende Korrektur kam allerdings von einer \u00c4rztin aus Fleisch und Blut, die eine einfache klinische Regel angewendet hat:<strong> Kribbeln ist nicht dasselbe wie Kraftverlust.<\/strong> Das klingt banal. Daf\u00fcr braucht man aber offenbar jemanden, der wirklich hinschaut.<\/p>\n<p>Ob ich in diesem Leben noch zu einem Neurologen oder gar zu einem Hausarzt \/ einer Haus\u00e4rztin komme, steht in den Sternen. Die Ergotherapie w\u00fcrde mich als Selbszahlerin locker bis zu tausend Euro kosten. Das mache ich nicht, denn schlie\u00dflich ist es eine anerkannte Kassenleistung, warum sollte ich das zahlen, nur weil ich keinen Termin bekomme?<\/p>\n<p><strong>Bei diesem Gesundheitssystem denke ich oft: Da hilft nur noch Abriss und Neubau!<\/strong>\u00a0 Manche \u00c4rzte \/ Arztpraxen geben nicht mal eine Mailadresse an oder reagieren nicht auf Email.\u00a0 Weil das ja &#8222;nicht verg\u00fctet wird&#8220; oder &#8222;wegen Datenschutz&#8220;. Beides Schwachsinn, wenns nur um Termine geht! Oder nehmen sie auch keine Post an, weil sie daf\u00fcr nicht extra bezahlt werden?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erz\u00e4hle ich das jetzt, weil der Lernerfolg in Sachen KI gro\u00df war? Oder doch lieber nicht wegen der viele Details meiner &#8222;Krankengeschichte&#8220;? Na klar, ich entscheide mich daf\u00fcr! Was sollen mir schon f\u00fcr Nachteile daraus erwachsen, wenn &#8222;alle Welt&#8220; (= ein paar liebe Stammleser\/innen) \u00fcber meinen Zustand etwas mehr wissen? 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