{"id":499,"date":"2010-06-19T11:27:14","date_gmt":"2010-06-19T09:27:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=499"},"modified":"2010-07-03T12:52:17","modified_gmt":"2010-07-03T10:52:17","slug":"vertrauen-in-der-liebe-eine-schwindende-ressource","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/06\/19\/vertrauen-in-der-liebe-eine-schwindende-ressource\/","title":{"rendered":"Vertrauen in der Liebe &#8211; eine schwindende Ressource?"},"content":{"rendered":"<p>Gelegentlich schaue ich nach, welche Digital Diary-Artikel den gr\u00f6\u00dften Anklang finden. Dabei steht lange schon der Beitrag <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/11\/07\/vertrauen-und-beziehung\/\">&#8222;Vertrauen und Beziehung&#8220;<\/a> mit gro\u00dfem Abstand an erster Stelle. Der Beitrag hat sechs bis zehnmal so viele Leser wie der nachfolgende, und das dauerhaft!<\/p>\n<p>Mich stimmt das nachdenklich: Vertrauen scheint ein gro\u00dfes Problem zu sein und ich frage mich, ob denn die Menschen heute weniger &#8222;vertrauensw\u00fcrdig&#8220; sind als fr\u00fcher? Oder &#8211; dazu neige ich eher &#8211; liegt es an den gestiegenen Erwartungen, die an eine Liebesbeziehung gestellt werden?<\/p>\n<p>Aus allen Kan\u00e4len wird uns heute nahe gelegt, uns den Bed\u00fcrfnissen der Wirtschaft anzupassen, hoch flexibel zu sein, lebenslang zu lernen, den Wohnort f\u00fcr eine Arbeit zu wechseln und unser gesamtes Auftreten dem jeweiligen Anlass entsprechend perfekt zu stylen. Als besonders erfolgreich gilt, wer &#8222;zur Marke wird&#8220;: die Kraft, das eigene Image zu gestalten scheint zwei unvereinbare Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ressource f\u00fcr dieses Me-Styling ist ja immerhin die eigene Individualit\u00e4t, man verteidigt also einen Rest pers\u00f6nlicher Freiheit und macht damit sogar Kasse. Andrerseits ist so eine &#8222;Marke&#8220; dann aber auch ein Hindernis: wer es mal geschafft hat, JEMAND zu sein, kann sich nicht mal eben so erlauben, morgen ganz anders zu werden &#8211; jedenfalls nicht ohne Verluste. <!--more--><\/p>\n<h2>Beziehung als entspannte Wellness-Oase?<\/h2>\n<p>In der Liebe soll nun alles ganz anders sein. Zwar wird jede Menge Aufwand getrieben, den &#8222;Richtigen&#8220; zu finden und sich dabei &#8222;ins rechte Licht zu setzen&#8220;, doch wenn er dann mal gefunden ist, soll pl\u00f6tzlich alles anders sein:  Im Rausch der Verliebtheit f\u00fchlt sich der Mensch mit seinem SoSein ANGENOMMEN und erwartet, k\u00fcnftig m\u00fchelos und entspannt f\u00fcr das geliebt und begehrt zu werden, was er ohne jegliche &#8222;zielgruppenspezifische&#8220; Anpassungsanstrengungen ist. Dass man sich in dieser Phase gegenseitig nur die Schokoladenseite zeigt, steht nicht im Bewusstsein, denn es geschieht ja zun\u00e4chst &#8222;wie von selbst&#8220;. Aber jeder Rausch verblasst und im Alltag zeigen irgendwann alle ihre &#8222;ganze Person&#8220; mit allen Ecken, Kanten und Defiziten. Ist DAS die Entt\u00e4uschung, die als &#8222;Vertrauensbruch&#8220; wahrgenommen wird? (Ich liebte dein M\u00e4rchenprinz-Image &#8211; und nun DAS!!)<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Also mein Geliebter und ich haben oft gesimst und uns 4 mal bei ihm getroffen, was supersch\u00f6n war, auch emotional. Ich habe gemerkt, dass er mich mag. Er war immer sehr zuvorkommend und aufmerksam mir gegen\u00fcber. Letzten Dienstag habe ich dann alles kaputtgemacht, weil ich spontan ein Treffen wollte und er nicht so wollte, wie ich.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>schrieb eine Leserin. Sie hat ihren Lover dann mit b\u00f6sen SMS traktiert, sich sp\u00e4ter entschuldigt, doch &#8222;sein Vertrauen&#8220; war unwiederbringlich dahin. Ihres wohl schon vorher, als er nicht so wollte wie sie. Ok, die Geschichte ist ungemein d\u00fcnn und ein viermaliges Treffen macht noch keine &#8222;Beziehung&#8220;, wie die meisten sie verstehen. Und doch demonstriert der Vorfall den Kern der meisten &#8222;Vertrauensverluste&#8220;: Es gibt jede Menge Erwartungen ans Gegen\u00fcber, \u00fcber die niemals gesprochen, geschweige denn ein Konsens erziehlt wurde. Das konnte in fr\u00fcheren Zeiten noch besser gelingen, da es einen kollektiven Konsens dar\u00fcber gab, wie eine Zweierbeziehung zu gestalten sei &#8211; der aber ist heute weg! <\/p>\n<p>Zwar beschreit die Werbung und vielerlei Medien immer noch das romantische M\u00e4rchen vom &#8222;Einen f\u00fcr alles und immer&#8220;, doch sieht die Realit\u00e4t lange schon anders aus:  die Lebensabschnittspartnerschaft ist der Normalfall und Fernbeziehungen werden immer h\u00e4ufiger. Seitensprungportale etablieren ganz selbstverst\u00e4ndlich den Anspruch auf &#8222;geilen Sex&#8220; mit Dritten, wenns in der Hauptbeziehung nicht mehr so prickelt. Und die zunehmende &#8222;Katalog-Suche&#8220; in vielerlei Flirt- und Kontakt-Communities lassen jeden Teilnehmer sp\u00fcren, dass die Auswahl gro\u00df ist und der Gefundene vielleicht doch noch durch einen &#8222;besser Passenden&#8220; ersetzt werden kann &#8211; nur ein paar Mausklicks weiter&#8230;<\/p>\n<p>Unter solchen Bedingungen ist es im Grunde vermessen, noch die Erwartung zu hegen, dass ab dem &#8222;Sich-finden&#8220; auf einmal ganz andere Werte z\u00e4hlen. Blo\u00df weil es erotisch geklappt hat und das anf\u00e4ngliche Zusammensein sich wundervoll anf\u00fchlte, ist der Geliebte dennoch nicht in derselben Manier &#8222;meiner&#8220;, wie es fr\u00fcher \u00fcblich war. Was als &#8222;Vertrauen&#8220; reklamiert wird, ist oft genug das leidbringende Festhalten und Bestehen auf Erwartungen, wie sie in weniger dynamischen Zeiten im kollektiven Bewusstsein etabliert wurden. Zu Zeiten auch, als Menschen noch kein so extrem individualistisches Selbstverst\u00e4ndnis hatten, das es immer schwerer macht, sich aneinander anzupassen und in der Alltagsn\u00e4he nervige Reibungsverluste zu vermeiden. Anpassung, die ansonsten all\u00fcberall gefordert und belobigt wird, sieht man im vermeintlich entspannten Raum der Beziehung als verzichtbar, ja als Verlust an. Folgt er mir nicht, hat er mein Vertrauen entt\u00e4uscht, der Saub\u00e4r!<\/p>\n<h2>Alltagsn\u00e4he &#8211; nicht ohne gemeinsames Interesse!<\/h2>\n<p>Wenn ich meine eigene Geschichte der Lebensabschnittspartnerschaften und Aff\u00e4ren betrachte, so war mein Weg raus aus heftigem Beziehungclinch ein weitr\u00e4umiges Aufgeben von Erwartungen, sowie ein zunehmender Verzicht auf kontinuierliche Alltagsn\u00e4he. Stark individualisierte Menschen brauchen pers\u00f6nliche Freir\u00e4ume, die nicht vom Anspruch, dass man &#8222;alles&#8220; zusammen erleben und genie\u00dfen m\u00fcsse, befrachtet sind. Das bedeutet lange schon: ich wohne nicht mit meinem Liebsten zusammen, jeder hat eigene Freunde, Interessen und T\u00e4tigkeiten, die nicht geteilt werden. Unverzichtbar sind allerdings auch gemeinsame Aktivit\u00e4ten (!), die \u00fcber blo\u00dfes Genie\u00dfen\/Konsumieren\/Erotik hinaus gehen: es gab Beziehungen, da war der &#8222;politische Kampf&#8220; das gemeinsame Aktionsfeld, in anderen waren es unternehmerische Aktivit\u00e4ten, jetzt ist es ein gemeinsamer Garten. Aber keine Regel ohne Ausnahme: auch das &#8222;philosophische Gespr\u00e4ch \u00fcber die Welt&#8220; trug eine Beziehung \u00fcber zehn Jahre &#8211; und tr\u00e4gt sie auch heute noch, denn meine wichtigsten &#8222;Ex&#8220; sind meine wahren Freunde geworden. <\/p>\n<p>Gemeinsame Aktivit\u00e4ten bedeuten Alltagsn\u00e4he, die dann gelingt, wenn zwei sich einig sind, die gemeinsame Sache VOR die Beziehung und ihre wechselnden Stimmungen zu stellen. Der Garten muss gegossen werden, auch wenn wir uns mal nicht gr\u00fcn sind &#8211; so ein Konsens in Bezug auf gemeinsam f\u00fcr wichtig erachtete Aktionsfelder hat dann etwas Stabilisierendes. <\/p>\n<p>Gesamtgesellschaftlich f\u00e4nde ich es nicht schlecht, es w\u00fcrde statt der staatlichen &#8222;Ehe&#8220; k\u00fcnftig die &#8222;Elternschaft&#8220; geben, die Rechte und Pflichten im Miteinander begr\u00fcndet. Das h\u00e4tte vielleicht eine entlastende und kinderfreundliche Wirkung im allgemeinen Erwartungshorizont. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gelegentlich schaue ich nach, welche Digital Diary-Artikel den gr\u00f6\u00dften Anklang finden. Dabei steht lange schon der Beitrag &#8222;Vertrauen und Beziehung&#8220; mit gro\u00dfem Abstand an erster Stelle. Der Beitrag hat sechs bis zehnmal so viele Leser wie der nachfolgende, und das dauerhaft! 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