{"id":484,"date":"2010-05-12T11:16:07","date_gmt":"2010-05-12T09:16:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=484"},"modified":"2017-02-02T01:06:16","modified_gmt":"2017-02-02T00:06:16","slug":"merkwuerdigkeiten-am-rande-des-tiefschlafs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/05\/12\/merkwuerdigkeiten-am-rande-des-tiefschlafs\/","title":{"rendered":"Merkw\u00fcrdigkeiten am Rande des Tiefschlafs"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Wenn Ihr an der Schwelle zum Einschlafen konzentriert den Atem beobachtet, werdet Ihr erstaunliche Entdeckungen machen!&#8220;<\/em>  Diese, nicht weiter erl\u00e4uterte Bemerkung meines Yogalehrers f\u00e4llt mir immer wieder ein, wenn ich an eben dieser Schwelle Zust\u00e4nde erlebe, die &#8222;weder wach noch Schlaf&#8220;, jedoch h\u00f6chst seltsam sind. <\/p>\n<p>Jeder kennt den Wachzustand und das Tr\u00e4umen, manche erleben gelegentlich luzide Tr\u00e4ume jener Art, in der uns bewusst wird, dass wir tr\u00e4umen. Davon unterschieden sind die sogenannten &#8222;Out-of-Body-Erlebnisse&#8220; (OOBE), in denen man sich au\u00dferhalb des K\u00f6rpers w\u00e4hnt, zum Beispiel &#8222;an der Decke schwebend&#8220; mit Blick nach unten auf den eigenen, schlafenden K\u00f6rper. Dieses Ph\u00e4nomen wirkt sehr spektakul\u00e4r, gleichzeitig be\u00e4ngstigend und begl\u00fcckend: legt es doch den Schluss nahe, dass wir &#8222;nicht nur der K\u00f6rper sind&#8220;, sondern zumindest tempor\u00e4r &#8222;au\u00dferhalb&#8220; existieren k\u00f6nnen. Klingt v\u00f6llig irre, ich wei\u00df, ist aber ein weltweit bekanntes Erleben, das Menschen aller Zeiten  auf verschiedenste Weise deuteten: von der Konstruktion besonderer Jenseitswelten bis hin zur Etikettierung als spontane &#8222;psychische Dissoziation&#8220; unserer n\u00fcchternen Wissenschaften.<!--more--><\/p>\n<p>Diese OOBEs hab&#8216; ich vor zwei Jahrzehnten <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/05\/26\/von-der-zumutung-ein-mensch-zu-sein\/#oobe\">mehrfach erlebt<\/a>, was mich zu einigem Forschen und Experimentieren veranlasste, bis ich die Sache zu den Akten legte: ich will ja nicht RAUS aus meinem K\u00f6rper und wo auch immer nutzlos herum schweben, sondern hierjetzt mit meiner ganzen Leiblichkeit in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Wachheit mein Leben leben.<\/p>\n<h2>Wenn der K\u00f6rper schl\u00e4ft und der Geist noch wach ist<\/h2>\n<p>Gleichwohl muss ich die OOBE-Erfahrung erw\u00e4hnen, denn sie hat mit dem, was ich heute als &#8222;Merkw\u00fcrdigkeiten&#8220; erlebe, etwas gemeinsam: Die Starre des K\u00f6rpers, die dem noch wachen Geist als L\u00e4hmung erscheint. Der Zustand tritt beim Einschlafen auf, das zun\u00e4chst &#8222;ganz normal&#8220; verl\u00e4uft, jedoch ohne Eintreten in eine Traumhandlung. Ich liege dann auf dem Bett, w\u00e4hne mich eben noch am &#8222;hin\u00fcber gleiten&#8220;, doch pl\u00f6tzlich ver\u00e4ndert sich das Befinden drastisch: zwar wei\u00df ich, dass ich zuhause im Bett liege, doch sind die damit verbundenen Sinneseindr\u00fccke seltsam bis verst\u00f6rend &#8211; sowohl, was den eigenen K\u00f6rper angeht als auch bez\u00fcglich der Wahrnehmung der Umgebung. Obwohl ich die Augen nicht \u00f6ffnen und mich nicht r\u00fchren kann (!), meine ich Details des Zimmers zu erkennen, die sich jedoch auf seltsame, manchmal verst\u00f6rende Art ver\u00e4ndern. Z.B. l\u00e4rmt der zwei Meter entfernte Fernseher und sendet eine laute Kakaphonie nicht interpretierbarer T\u00f6ne, der Bildschirm zeigt monstr\u00f6se, zersplitterte Formen, zu denen mir jetzt auch nichts einf\u00e4llt au\u00dfer dass der Gesamteindruck be\u00e4ngstigend ist. Oder der Schrank r\u00fcckt n\u00e4her, schillert in seltsamem Licht, im Raum ist ein Get\u00f6se, das ich nicht in  erkennbare Komponenten zerlegen kann. Nicht immer ist es so laut, manchmal beschr\u00e4nkt sich alles auf optische Seltsamkeiten, begleitet von leiseren, jedoch immer uninterpretierbaren Ger\u00e4uschen &#8211; alles unglaublich absurd!<\/p>\n<h2>Der K\u00f6rper als Gef\u00e4ngnis<\/h2>\n<p>Weil ich mich dabei aber als &#8222;wach&#8220; empfinde und das Ph\u00e4nomen bereits kenne, bleibt meine Erregung in ertr\u00e4glichen Grenzen. Zwar klopft mir das Herz bis zum Hals, doch besinne ich mich dann auf den K\u00f6rper, die Sinnesempfindungen des &#8222;auf dem Bett liegens&#8220;, um so in die gew\u00f6hnliche Wachrealit\u00e4t zur\u00fcck zu finden. Das aber ist nicht ganz leicht: der K\u00f6rper ist wie ein Gef\u00e4ngnis und zun\u00e4chst absolut nicht steuerbar: es ist, als w\u00fcrde ich innerhalb der K\u00f6rpergrenzen eine zweite Existenz f\u00fchren, die die Verbindung zu jenem normalen physischen K\u00f6rper gekappt hat. Ich nenne es &#8222;die Starre&#8220;, die im \u00fcbrigen auch Anderen, die \u00e4hnliches erleben, nicht unbekannt ist.<\/p>\n<p>Je nachdem wie be\u00e4ngstigend die Erfahrung gerade ist, schwanke ich dann ein wenig zwischen der Idee, wieder ins Experimentieren einzutreten,  mich &#8222;hinaus zu schwingen&#8220; bzw. es mal wieder zu versuchen &#8211; oder einfach alles seinen Gang gehen zu lassen, ohne mich dem Komme-was-da-wolle zu entziehen. Da die Empfindungen aber auch k\u00f6rperlich be\u00e4ngstigend sind <em>(es ist nicht nur ein &#8222;Film&#8220;, auch kein \u00fcbliches Traumerleben, in dem man sich ja k\u00f6rperlich ganz normal f\u00fchlt)<\/em>, versuche ich alsbald, zu &#8222;erwachen&#8220;, indem ich in die starren Gliedma\u00dfen hinein sp\u00fcre und versuche, mich zu bewegen. Mal ist es mir in diesem Zustand passiert, dass ich die Arme hob, meine H\u00e4nde zusammen f\u00fchrte, so dass sich die Finger ber\u00fchrten &#8211; ich sp\u00fcrte die Ber\u00fchrung, sah aber die H\u00e4nde nicht. Weil die physischen Arme immer noch starr und reglos auf dem Bett lagen!<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit geht es dann doch wieder: das &#8222;normale&#8220; K\u00f6rpergef\u00fchl kommt in der gleichen Langsamkeit zur\u00fcck, wie etwa ein eingeschlafener Fu\u00df wieder erwacht, von dem man nichts mehr sp\u00fcrte. Manchmal erlebe ich die ersten erfolgreichen Bewegungsversuche als unendlich schwer: viel Kraftaufwand f\u00fcr millimeterweises Bewegen! Dann wird es besser, ich erreiche mein volles K\u00f6rpergef\u00fchl,  bin wieder ganz &#8222;angekommen&#8220; und nun endlich &#8222;normal wach&#8220;.  Der Kreislauf tut, als l\u00e4ge tats\u00e4chlich eine Anstrengung hinter mir, das Herz klopft, ich f\u00fchl mich wie nach einem Albtraum, doch ohne die daf\u00fcr typischen Handlungsfetzen in der Erinnerung. Insgesamt erlebe ich bei alledem ein kontinuierliches, reflektionsf\u00e4higes Bewusstsein ohne jeden Bruch, was die ganze Sache umso seltsamer macht. <\/p>\n<p>Wenn ich Pech habe, gleite ich beim n\u00e4chsten Entspannen erneut in den Zustand. Dann aber riskiere ich es nach &#8222;zur\u00fcck finden&#8220; nicht noch einmal, sonder lese oder schalte das TV an. <\/p>\n<h2>Meine Interpretation<\/h2>\n<p>Ich vermute, das ganze Ph\u00e4nomen gr\u00fcndet tats\u00e4chlich im zuf\u00e4lligen Wachbleiben des Geistes bei gleichzeitigem Einschlafen des K\u00f6rpers. Auch normales Tr\u00e4umen ist ja eine geistige Aktivit\u00e4t, die allerdings erst nach vollst\u00e4ndigem Einschlafen bzw.  beim Herauskommen aus der ersten Tiefschlafphase einsetzt. Im Tiefschlaf selber gibts normalerweise kein Tr\u00e4umen. Mein K\u00f6rper versackt also w\u00e4hrend dieses &#8222;Zustands X&#8220; in den Tiefschlaf, w\u00e4hrend das Bewusstsein ausnahmsweise ungebrochen wach bleibt. Die Wahrnehmungen, die nun gemacht werden, vor allem die des schlafenden, nicht mehr bewegbaren K\u00f6rpers, sind derma\u00dfen au\u00dferhalb des Gewohnten und Gekannten, dass das Gehirn eben &#8222;frei assoziiert&#8220; und mir die seltsamsten Bilder und Interpretationen vorspielt. Was dann zu entsprechenden Gef\u00fchlreaktionen f\u00fchrt, da ich mich mit v\u00f6llig abnormen, nicht ins normale Weltbild passenden Eindr\u00fccken konfrontiert sehe. Der Verlust der Kontrolle \u00fcber die physische Ebene in Kombination mit diesen Seltsamkeiten ist es dann, was der Erfahrung ihren verst\u00f6renden und be\u00e4ngstigenden Charakter gibt. <\/p>\n<p>Ich vermute, dass ein gro\u00dfer Teil der M\u00e4rchen und Mythen, wie auch der Anderland-  und Jenseits-Geschichten der Menschheit in diesem Zustand und seinen Varianten gr\u00fcnden. H\u00e4lt man n\u00e4mlich nicht so sehr wie ich es tue am Gewahrsein der realen Situation fest, sodern &#8222;l\u00e4sst es laufen&#8220;, dann mischen sich durchaus eigendynamischere, normalen Tr\u00e4umen \u00e4hnelnde Inhalte ins Erleben &#8211; bis hin zu Reisen in &#8222;andere Welten&#8220; und Begegnungen mit Geistern und G\u00f6ttern, Heiligen und Gnomen (oder was immer der pers\u00f6nliche magische &#8222;\u00dcberbau&#8220; hergibt). <\/p>\n<p>Ein Sizilianer erz\u00e4hlte mir mal, dass in seinem Heimatdorf alle den kleinen b\u00e4rtigen Geist kennen, dem er auch selbst schon begegnet sei. Es hei\u00dfe, wer es schafft, ihn am Bart zu packen, d\u00fcrfe sich etwas w\u00fcnschen &#8211; allerdings sei ihm das leider nicht gelungen! Ich fragte ihn, warum er es nicht geschafft habe, worauf er meinte: <em>Weil ich mich nicht bewegen konnte, als er in der Ecke des Zimmers stand und zu mir her\u00fcber sah.  Ich lag da und war wie gel\u00e4hmt&#8230; <\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn Ihr an der Schwelle zum Einschlafen konzentriert den Atem beobachtet, werdet Ihr erstaunliche Entdeckungen machen!&#8220; Diese, nicht weiter erl\u00e4uterte Bemerkung meines Yogalehrers f\u00e4llt mir immer wieder ein, wenn ich an eben dieser Schwelle Zust\u00e4nde erlebe, die &#8222;weder wach noch Schlaf&#8220;, jedoch h\u00f6chst seltsam sind. 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