{"id":483,"date":"2010-05-07T12:28:55","date_gmt":"2010-05-07T10:28:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=483"},"modified":"2012-08-21T20:03:53","modified_gmt":"2012-08-21T19:03:53","slug":"entgrenzte-beziehungen-problem-oder-befreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/05\/07\/entgrenzte-beziehungen-problem-oder-befreiung\/","title":{"rendered":"Entgrenzte Beziehungen: Problem oder Befreiung?"},"content":{"rendered":"<h2>Irritationen auf dem Weg zu einer Netikette f\u00fcr soziale Netze<\/h2>\n<p>In den letzten Wochen haben wir hier viel \u00fcber &#8222;virtuelle Beziehungen&#8220; diskutiert, also vornehmlich \u00fcber die Wertigkeit und den Umgang mit Netzkontakten, die man nur \u00fcbers Internet kennt. <\/p>\n<p><strong>Antje Schrupp,<\/strong> deren Beitr\u00e4ge f\u00fcr mich zum Besten geh\u00f6ren, was die Welt der Blogs derzeit zu bieten hat, nimmt nun einen viel bedeutenderen Aspekt des neuen &#8222;Geschwurbels&#8220; in den sozialen Medien ins Visier. In <a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2010\/05\/05\/das-ende-der-heuchelei\/\">&#8222;Das Ende  der Heuchelei&#8220;<\/a> betrachtet sie die Folgen eines entgrenzten Miteinanders, in dem auf einmal reale Bekannte, Kollegen, Freunde und Partner auch andere Pers\u00f6nlichkeitsaspekte und Aktivit\u00e4ten einer Person mitbekommen, um die sie zuvor in der eher &#8222;privaten&#8220; oder streng &#8222;gesch\u00e4ftlichen&#8220; Beziehung gar nicht wussten:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;da kann es zuweilen zu interessanten Irritationen kommen, wenn die jetzt auf Facebook alle miteinander zu tun haben. Wenn ich also Informationen von mir nicht mehr selbst filtere je nach \u201cSzene\u201d, an die sie gerichtet sind, sondern wenn pl\u00f6tzlich alle alles mitbekommen. Wenn die Gleichstellungsbeauftragte, die mich schon \u00f6fter zu Vortr\u00e4gen eingeladen hat, erf\u00e4hrt, dass ich Anarchistin bin. Wenn mein politisch konservativer Onkel anf\u00e4ngt, sich mit meinen feministischen Freundinnen zu streiten. Wenn meine politischen \u201clinken\u201d Gesinnungsgenossen damit konfrontiert werden, dass ich mit anderen ernsthaft \u00fcber Gott diskutiere. Oder wenn die Lesben, die mich als radikale Feministin kannten (und wom\u00f6glich dachten, ich w\u00e4re auch lesbisch) pl\u00f6tzlich wissen, dass ich mit einem Mann verheiratet bin.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h2>Wenn alle alles wissen<\/h2>\n<p>Antje begreift die Herausforderungen, die sich so ergeben, als produktive und befreiende Ver\u00e4nderung, die es zunehmend verunm\u00f6glicht, Beziehungen allzu eingleisig (und wie sie meint: heuchlerisch) und Nutzen-orientiert zu f\u00fchren &#8211; wie etwa die vom Privaten stark getrennten Gesch\u00e4ftsbeziehungen der alten Welt. Und sie sieht das Wegbleiben, Z\u00f6gern und Zaudern vieler, die den sozialen Netzen kritisch gegen\u00fcber stehen, vor allem als Angst vor dieser Un\u00fcbersichtlichkeit: je mehr ich \u00f6ffentlich von mir zeige, desto mehr k\u00f6nnen &#8222;alle m\u00f6glichen&#8220; Leute auch von mir wissen &#8211; ein Machtverlust bez\u00fcglich der eigenen Au\u00dfenwirkung in den bisherigen sozialen Rollen, der nicht jedem behagt. <!--more--><\/p>\n<p>Den Weg, nur das mit der Welt zu teilen, was man auch bisher mit s\u00e4mtlichen Beziehungen geteilt h\u00e4tte, ergibt eine so kleine Schnittmenge, dass f\u00fcr Antje daraus nichts als die gro\u00dfe Langeweile entsteht. Sie fordert ein Ein\u00fcben der neuen Offenheit, die einen positiven kulturellen Wandel bef\u00f6rdere und der &#8222;alten Heuchelei&#8220; ein Ende mache. Dazu geh\u00f6re zum Beispiel das Vertrauen: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir brauchen letztlich Vertrauen in die Person, mit der wir \u201cbefreundet\u201d sind \u2013 n\u00e4mlich das Vertrauen darauf, dass ihre vielen unterschiedlichen Facetten wohl schon irgendwie zusammenpassen, auch wenn wir das grade nicht kapieren. Und dass es interessant f\u00fcr mich sein kann, jene anderen Facetten aus ihrem Leben kennen zu lernen, ohne dass ich damit gleich eifers\u00fcchtig werde, weil es nicht genau das ist, was mir bisher an dieser Person wichtig war.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Pers\u00f6nlich neige ich dazu, das \u00e4hnlich zu sehen, jedenfalls, soweit es meine n\u00e4heren Freunde betrifft: Sie werden sicher nicht durch irgend etwas, was ich aus meinem Leben hier oder anderswo zum Besten gebe, gro\u00df irritiert. Das aber muss nicht f\u00fcr alle Menschen zutreffen, ohne dass ich deren Bedenken und Wunsch nach einem &#8222;\u00fcbersichtlichen&#8220; Rollenverhalten durchweg mit dem negativ wertenden Wort &#8222;Heuchelei&#8220; belegen w\u00fcrde. Dass wir soziale Rollen mit je spezifischem Verhalten spielen, hat ja auch seinen positiven Sinn: es konzentriert auf das jeweils aktuelle Miteinander, auf den Sinn der jeweiligen Beziehung, die vielleicht gar nicht bereichert w\u00fcrde durch ein allzu &#8222;ganzheitliches&#8220; Outing s\u00e4mtlicher bisher nicht vermittelter Aspekte. <\/p>\n<h2>Vertrauen ist gut, Netikette ist besser<\/h2>\n<p>Es gibt einen brisanten Aspekt des &#8222;sich Zeigens&#8220;, der nicht mit dem Verweis auf eine zu entwickelnde Kultur mit mehr Offenheit und Vertrauen abzub\u00fcgeln ist: Da ich als Mensch in einem Beziehungsnetz stehe, zeige ich nicht nur mich, wenn ich \u00fcber diese Beziehungen bzw. meinen Alltag mit ihnen schreibe, sondern immer auch den Anderen, der da mit mir verbunden ist. In der alten Welt gab es dazu die einfache Benimmregel, die mir als Kind recht vehement vermittelt wurde: <strong>\u00dcber Andere spricht man nicht!<\/strong><\/p>\n<p>Anstatt darauf zu setzen, dass alle sich daran gew\u00f6hnen, von Freunden und Bekannten &#8222;besprochen&#8220; und ver\u00f6ffentlicht zu werden, l\u00e4ge es doch viel n\u00e4her, diesen menschenfreundichen und Konflikte vermeidenden Grundsatz auch in den sozialen Netzen zu ber\u00fccksichtigen. Der Grund daf\u00fcr ist einfach und wie ich meine sehr nachvollziehbar: Jeder sollte selbst dar\u00fcber bestimmen d\u00fcrfen, was er von sich \u00f6ffentlich macht und was nicht. Dieser Grundsatz zieht sich durch unser gesamtes Datenschutzrecht, warum sollte er ausgerechnet im pers\u00f6nlichen Miteinander sozialer Netze entfallen? <\/p>\n<p>Wenn ich berichte, mit wem ich gestern abend unterwegs war und was wir dabei erlebt haben, kann es durchaus sein, dass dieser Jemand einem Dritten genau das verschwiegen oder einfach noch nicht mitgeteilt hat. Daf\u00fcr kann es gute oder schlechte Gr\u00fcnde geben, die ich  (f\u00fcr mich!) bewerten kann, doch habe ich kein Recht, deshalb \u00fcbergriffig zu werden und F\u00dcR IHN zu bestimmen, was \u00f6ffentlich wird und was nicht. <\/p>\n<h2>Neue Kultur &#8211; oder mediale Vergewaltigung?<\/h2>\n<p>Dieser Aspekt einer &#8222;neuen Offenheit&#8220;, die keine Privatheit mehr kennt, kommt in Antje Schrupps anregender Betrachtung nicht vor &#8211; und auch nicht bei Anderen, die in diesselbe Richtung argumentieren.  Im Artikel <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/30_06_03.shtml\">&#8222;Von sich schreiben &#8211; Webdiarys und mehr&#8220;<\/a> bin ich im Jahr 2003 dieser Problematik ausf\u00fchrlicher nachgegangen, aus dem ich, weil es so punktgenau passt, ausnahmsweise mal zitiere:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8230;auch das eigene Erleben zu schildern, ist problematisch. Ich gebe zu, dass ich schon mal interessiert mitlese, wenn jemand sich \u00fcber das langweilig gewordene Liebesleben mit seiner Frau ausl\u00e4sst &#8211; aber gleichzeitig l\u00e4uft mir ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken! Ich empfinde das als eine Art Verrat, eine Illoyalit\u00e4t gegen\u00fcber der Intimit\u00e4t der Beziehung, die auch dadurch nicht &#8222;geheilt&#8220; wird, dass so mancher das dann seiner Frau auch noch zu lesen gibt &#8211; so ganz offen und ehrlich&#8230;! Manchmal f\u00fchlen sich die Autoren in der Anonymit\u00e4t relativ sicher: insbesondere in den ersten Jahren des Netzes war es eher unwahrscheinlich, dass das eigene Umfeld mitliest, was man im Web so verbreitet. Das hat sich mittlerweile drastisch ge\u00e4ndert und gelegentlich konnte ich mitbekommen, wie hart es f\u00fcr die Autoren manchmal war, wenn der &#8222;Clash of Cultures&#8220; pl\u00f6tzlich DOCH statt fand.<\/p>\n<p>Es macht dabei sicher einen Unterschied, ob der Schreibende etwas berichtet, was er auch dem &#8222;Gemeinten&#8220; in aller Offenheit ins Gesicht sagt, oder ob es etwas ist, das dem Betroffenen ganz neu ist. Zuhause den Mund nicht aufkriegen, aber im Web jammern, klagen, schimpfen, fordern, das ist so ziemlich die unterste Stufe m\u00f6glichen Verhaltens, wenn man es moralisch betrachtet &#8211; und das tue ich hier, es geht ja um &#8222;die gute Sitte&#8220; im pers\u00f6nlichen Schreiben.<\/p>\n<p>Doch auch wenn &#8222;nur&#8220; geschrieben wird, was auch dem Betroffenen bekannt ist, ist es doch ein \u00dcbergriff auf dessen Leben: Er oder sie muss gew\u00e4rtigen, dass nun irgend jemand aus dem Bekannten- oder Kollegenkreis haarklein dar\u00fcber Bescheid wei\u00df, was zu Hause gerade los ist &#8211; kein sch\u00f6ner Zustand. Es gibt vielleicht Menschen, die ganz frei mit so etwas umgehen k\u00f6nnen, aber der Normalfall ist es gewiss nicht. Eher bedeutet es eine Art mediale Vergewaltigung, das Intimleben eines anderen \u00f6ffentlich zu machen. Deshalb sind dem ja auch in der Welt traditioneller Medien rechtliche Grenzen gesetzt.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das gew\u00e4hlte Beispiel etwas drastisch, doch gilt dasselbe auch genauso f\u00fcr weniger intime Angelegenheiten. Und auch, wenn ich &#8222;nur&#8220; bei Facebook ein Foto einstelle und darauf abgebildete Freunde &#8222;tagge&#8220;, sie also mit Namen, Zeitpunkt und Ort auf eine Weise oute, die sie nicht selbst gew\u00e4hlt haben, w\u00fcrde ich gegen die Nettikette versto\u00dfen, die ich mir als f\u00fcr alle geltend w\u00fcnsche!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irritationen auf dem Weg zu einer Nettikette f\u00fcr soziale Netze<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=483"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=483"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=483"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=483"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}