{"id":480,"date":"2010-05-01T10:55:46","date_gmt":"2010-05-01T08:55:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=480"},"modified":"2010-05-01T11:04:24","modified_gmt":"2010-05-01T09:04:24","slug":"freizeit-freie-zeit-gibt-es-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/05\/01\/freizeit-freie-zeit-gibt-es-das\/","title":{"rendered":"Freizeit, freie Zeit &#8211; gibt es das?"},"content":{"rendered":"<p>Die Frage wird einige irritieren, doch legt der Beitrag <a href=\"http:\/\/einschau.de\/blog\/?p=1839\">&#8222;Flucht vor freier Zeit&#8220;<\/a> auf Einschau diese Frage nahe. Da schreibt G\u00f6tz \u00fcber einen Tag, der frei h\u00e4tte sein k\u00f6nnen: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Obwohl der Tag \u201cobjektiv\u201d betrachtet eher entspannt war, fand ich mich in einem Wust von Aktivit\u00e4ten, in denen wieder dieses Stressgef\u00fchl aufkam, bzw. dieses Gef\u00fchl, nicht genug Zeit zur Verf\u00fcgung zu haben. Es waren aber allesamt Aktivit\u00e4ten, die weder \u201cwichtig\u201d noch \u201cwertvoll\u201d waren. Ich hatte sie mir einfach v\u00f6llig ohne Not aufgehalst. &#8222;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Freizeit&#8220; ist ein Begriff, der die Trennung von Arbeit und restlicher Zeit voraussetzt, die f\u00fcr das Industriezeitalter typisch war und noch heute (wenn auch abnehmend) das Leben vieler dominiert. Man versteht darunter die Zeit, in der man sich von der Arbeit erholt, sich Freunden und Familie, sowie diversen &#8222;Hobbys&#8220; widmet.  Vorrangig ist jedoch der Aspekt der Wiederherstellung bzw. Erhaltung der Arbeitskraft, was die Freiheit dieser Freizeit durchaus fraglich macht: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Im sp\u00e4tindustriellen Zeitalter bleibt den Massen nichts als der Zwang, sich zu zerstreuen und zu erholen, als ein Teil der Notwendigkeit, die Arbeitskraft wiederherzustellen, die sie in dem entfremdeten Arbeitsproze\u00df verausgabten.&#8220; (Adorno\/Eisler)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer nun &#8211; freiwillig oder gezwungenerma\u00dfen &#8211; aus den althergebrachten Welten des Angestellten-Daseins heraus tritt, bekommt mit der &#8222;Freizeit&#8220; naturgem\u00e4\u00df ein Problem. Umso mehr, je freudiger und weniger &#8222;entfremdet&#8220; die nun frei gew\u00e4hlte Arbeit erlebt wird: Wenn mein Hobby zur Arbeit wird, von dem ich leben kann &#8211; wozu dann noch Freizeit? <!--more--><\/p>\n<p>Nicht selten sprechen neue Selbst\u00e4ndige (neudeutsch: &#8222;Entrepreneure&#8220;) stolz von ihrer 60- oder 80-Stunden-Woche, vergessen dabei aber gerne, dass diese &#8222;Arbeit&#8220; eben nicht dasselbe ist wie die fremdbestimmte T\u00e4tigkeit von Angestellten. Oft ist es einfach das &#8222;pralle Leben&#8220;, in dem eben auch ein freundschaftlicher Kontakt eine gesch\u00e4ftliche Dimension hat &#8211; ebenso wie viele andere Aktivit\u00e4ten, die ansonsten unter &#8222;Freizeit&#8220; fallen w\u00fcrden. <\/p>\n<h2>Es liegt immer etwa an<\/h2>\n<p>Was ist nun das Problem? Ganz einfach: die To-Do-List eines Selbst\u00e4ndigen ist niemals vollst\u00e4ndig abgearbeitet. Man ist gewohnt, erst &#8222;mit gutem Gewissen&#8220; aufzuh\u00f6ren, wenn man &#8222;fertig&#8220; ist &#8211; das aber gibt es in dieser Art Leben &#038; Arbeiten nicht mehr. Ebensowenig wie ein Zeit-Korsett, das einem sagt: es ist 17 Uhr, Ende f\u00fcr heute! Wenn ich nach 17 Uhr nicht mehr arbeiten D\u00dcRFTE, w\u00e4re das f\u00fcr mich ein \u00fcbler Zwang, eine Strafe, eine Beschr\u00e4nkung meiner Freiheit, zu tun, was anliegt. <\/p>\n<p>Es hat Jahre gedauert, bis ich mir sowas wie ein Wochenende angew\u00f6hnt hatte &#8211; und auch jetzt arbeite ich gerne noch Samstag- und Sonntag-Vormittags &#8222;ein wenig&#8220;. Allerdings nicht offiziell: es ist gut, dass an diesen Tagen beruflich niemand etwas von mir wollen darf.  Mitten in der Woche gehe ich dann allerdings  schon mal nachmittags in den <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\">Garten<\/a>, mitten in der allgemein \u00fcblichen &#8222;Berufszeit&#8220;.  Diese Zeit ist sch\u00f6n, allerdings auch nicht im strengen Sinne v\u00f6llig frei: So ein Garten bringt auch seine ToDo-List mit &#8211; sogar, wenn man naturnah, wild und faul g\u00e4rtnert wie ich.<\/p>\n<h2>Frei ist der Mensch, nicht die Zeit<\/h2>\n<p>Mit &#8222;Freizeit&#8220; kann ich also im Endeffekt gar nicht mehr viel anfangen. Ich wei\u00df nicht mal, was G\u00f6tz konkret meint, wenn er von der &#8222;Flucht vor der Freizeit&#8220; spricht, mit der er Gef\u00fchle der Leere und Einsamkeit vermeiden will. W\u00e4re &#8222;Freizeit&#8220; denn allein das m\u00fc\u00dfige Herumsitzen oder ziellose Spazierengehen? Dabei empfinde ich allermeist nicht Leere, sondern Langeweile &#8211; bzw. eine Sehnsucht danach, zu tun, was anliegt: sei es im Rahmen meiner Auftr\u00e4ge, meiner Eigenarbeit oder meines &#8222;Hobbys&#8220;. Ab und an ist da auch das Bed\u00fcrfnis nach physischer Entspannung:  im Liegestuhl sonnen, ein Saunabesuch &#8211; tja, mehr f\u00e4llt mir da nicht mal ein. <\/p>\n<p>Meine Berufsarbeit empfinde ich als frei gew\u00e4hlt, also f\u00fchl ich mich nicht unfrei, wenn ich den daraus entstandenen Verpflichtungen nachkomme. Dass ich dar\u00fcber hinaus frei bin, mir selber Projekte vorzunehmen und sie auch umzusetzen, brockt mir allerdings schon ab und zu ein Stressgef\u00fchl ein: es gibt zu vieles, was ich tun wollte, als dass ich es auch nur ansatzweise zeitlich unterbringen k\u00f6nnte! Es ist schwer, mich zu entscheiden und gerne arbeite ich an zu vielen Baustellen gleichzeitig. Das macht es schwer, ein Ende zu finden, mit dem ich mich auch wirklich wohl im Sinne von &#8222;fertig&#8220; f\u00fchle.<\/p>\n<p>Frei ist also niemals die Zeit, sondern ich bin frei, die Zeit nach meinen Vorstellungen und mit den dadurch gew\u00e4hlten T\u00e4tigkeiten und Pflichten zu f\u00fcllen. Es ist meiner Selbstdisziplin anheim gestellt, f\u00fcr einen Ausgleich zwischen eher geistigen und mehr k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4ten zu sorgen, genau wie die verschiedenen Dimensionen des Lebens (Brotarbeit, Eigenarbeit, Freundschaften, physische Erholung, Haushalt, u.a.) der bewussten Harmonisierung bed\u00fcrfen. All das tut sich nicht &#8222;von selber&#8220;, sondern ich muss mich immer mal wieder am Riemen reissen, nicht besinnungslos meinen ToDos zu verfallen. <\/p>\n<h2>Mu\u00dfe ist ein Muss, nicht &#8222;Freizeit&#8220;<\/h2>\n<p>Die wenige Zeit, in der ich wirklich &#8222;nichts tue&#8220;,  also auch nicht Medien konsumiere oder Geschirr sp\u00fcle, ist so gesehen auch nicht &#8222;freier&#8220; als alles andere: es ist die n\u00f6tige Mu\u00dfe, die mir den Abstand gibt, alle T\u00e4tigkeiten mal wieder ganz zwanglos zu \u00fcberblicken. Wie &#8222;Kupplung treten&#8220; beim Autofahren: ein Verharren im Nichts, bevor man wieder einen Gang einlegt. Unverzichtbar und extrem n\u00fctzlich, auch und gerade f\u00fcr die Welt des selbst\u00e4ndigen Arbeitens. Wirkungsvoll allerdings nur, wenn bewusst gew\u00e4hlt &#8211; nicht dann, wenn ich &#8222;eigentlich&#8220; ganz gerne arbeiten w\u00fcrde.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/blog.oliver-gassner.de\/archives\/4368-Getting-Things-Done-Teil-01-Z!-Zeitgeist,-Entwicklung,-Technik-der-Technik-Podcast.html\"><br \/>\n&#8222;Getting Things Done&#8220;<\/a> und andere Selbstmanagement-Systeme befassen sich damit, wie man die allzu vielen Dinge getan bekommt. Ebenso wichtig ist es jedoch, sie auch mal sein zu lassen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage wird einige irritieren, doch legt der Beitrag &#8222;Flucht vor freier Zeit&#8220; auf Einschau diese Frage nahe. Da schreibt G\u00f6tz \u00fcber einen Tag, der frei h\u00e4tte sein k\u00f6nnen: &#8222;Obwohl der Tag \u201cobjektiv\u201d betrachtet eher entspannt war, fand ich mich in einem Wust von Aktivit\u00e4ten, in denen wieder dieses Stressgef\u00fchl aufkam, bzw. dieses Gef\u00fchl, nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=480"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}