{"id":478,"date":"2010-04-27T11:32:28","date_gmt":"2010-04-27T09:32:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=478"},"modified":"2010-05-03T23:48:04","modified_gmt":"2010-05-03T21:48:04","slug":"freundschaft-in-den-zeiten-sozialer-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/04\/27\/freundschaft-in-den-zeiten-sozialer-medien\/","title":{"rendered":"Freundschaft in den Zeiten sozialer Medien"},"content":{"rendered":"<p>Heute kommt mich ein lieber Freund besuchen: ganz real wird er hier in den dritten Stock steigen, mit mir auf dem Sofa sitzen, reden, Kaffe trinken. Er kommt nicht zuf\u00e4llig vorbei, sondern reist nach Berlin, um mich zu treffen. Ein &#8222;Netzkontakt&#8220;, aus dem sich eine echte Freundschaft entwickelte, seit wir uns 2005 &#8222;irgendwo im Internet&#8220; in einer der vielen Plauderrunden trafen. <\/p>\n<p>Damals hat er einfach angefangen, mir privat zu mailen, was mich zun\u00e4chst wunderte: Was will der von mir? Sein Interesse war nicht etwa erotisch, auch ist er kein Schreibender, dem es schon mal darum gehen kann, neue Leser auf seine Seiten zu ziehen. Ja, nachdem ich bereit war, mich aufs mailen mit ihm einzulassen, stellte sich  heraus, dass er nicht mal Lust hatte, wesentliche Themen per Text zu verhandeln &#8211; und das mir! <!--more--><\/p>\n<h2>Zum Medienbruch verf\u00fchrt<\/h2>\n<p>Er mutete mir zu, zu TELEFONIEREN!!!  Was f\u00fcr eine verr\u00fcckte Idee: hab&#8216; ich doch  Telefonate in meinem Leben auf ein absolutes Minimum beschr\u00e4nkt. Hilferufe wenn&#8217;s brennt, Absagen von Terminen &#8211; meinetwegen auch die heute schier unvermeidlichen Stimmf\u00fchlungslaute (&#8222;bin grade angekommen und in 10 Minuten da), die man bei der Ann\u00e4herung an einen Treffpunkt per Handy austauscht. Aber plaudern? Ernsthafte Gespr\u00e4che? N\u00f6, die f\u00fchr&#8216; ich lieber von Angesicht zu Angesicht, oder &#8211; heute seltener &#8211; in Gestalt intensiver Mail-Dialoge.<\/p>\n<p>Und doch: seine Hartn\u00e4ckigkeit machte mich neugierig, was das wohl f\u00fcr ein Mensch ist, der soviel Engagement in einen neuen Kontakt &#8222;investiert&#8220;. Der sich nicht abschrecken l\u00e4sst durch meine Telefonier-Abneigung, sondern h\u00f6chst charmant einfach nochmal probiert, mich umzustimmen. Also gut, wenn&#8217;s denn sein muss&#8230;<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise gefiel mir unser telefonisches Plaudern. Es stelle sich heraus, dass er ein ebenso Schnell- und Vielsprecher ist, wie ich es bin (wenn ich mal angefangen habe&#8230;). Und dass wir mehr als das gemeinsam haben, doch auch gro\u00dfe Unterschiede existieren, die es reizvoll machen, das Gegen\u00fcber zu erkunden. <\/p>\n<p>Wir telefonierten nun ab und zu, und irgendwann trafen wir uns bei Gelegenheit eines Besuchs in meiner fr\u00fcheren Heimatstadt, wohin er nicht allzu lange fahren muss. Es blieb nicht das einzige Treffen, so einmal im Jahr klappt es seitdem irgendwie, dass wir einen Tag zusammen verbringen. Ab und zu telefonieren wir auch lange. Er interessiert sich f\u00fcr die Art, wie ich Selbst\u00e4ndigkeit lebe und arbeite &#8211; und zu meinem Erstaunen half er mir ungefragt mit einem Privatkredit weiter, als ich meine ganz pers\u00f6nliche Finanzkrise erlebte. Das half mir nicht nur \u00fcber eine tempor\u00e4re Notlage hinweg, sondern sein <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/09\/25\/vom-panikpunkt-zum-wesentlichen\/\">damit verbundenes &#8222;Coaching&#8220;<\/a> versetzte mich in die Lage, einen anderen Umgang mit Finanzen zu pflegen und nicht mehr nur von der Hand in den Mund zu leben &#8211; klasse! <\/p>\n<h2>377 Freunde?<\/h2>\n<p>Warum erz\u00e4hle ich das?  Weil ich heute morgen in meiner stillen Lese-Stunde wieder mal auf etlichen Blogs die Klage \u00fcber oberfl\u00e4chliche, bedeutungslose Netzkontakte antraf. Zum Beispiel im Artikel <a href=\"http:\/\/www.blog.nicole-rensmann.de\/?p=5893\">&#8222;Der Unterschied zwischen real und virtuell liegt in der Tiefe&#8220;<\/a> von Nicole Rensmann. <em>&#8222;Ich hatte viele Bekannte, als ich noch in Foren unterwegs und Administrator war. Als ich diese Foren verlie\u00df, verlor ich alle Bekanntschaften auf einen Schlag. &#8222;<\/em> hei\u00dft es da. Und: <em>&#8222;Ich habe 377 Freunde auf Facebook und t\u00e4glich kommen neue dazu&#8230;.  &#8218;377 Freunde&#8216;. Das ist doch Bl\u00f6dsinn. Ich wei\u00df, dass ich nur auf einen Freund von diesen 377 Freunden z\u00e4hlen k\u00f6nnte, wenn hier die Bude brennt. Und diesen Kontakt habe ich seit mehr als zwanzig Jahren im Real Life.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Klar, wenn wirklich die Bude brennt, braucht es die physische Feuerwehr und Freunde, die helfen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Doch zwei meiner n\u00e4chsten Freunde im &#8222;Nahraum&#8220;, die daf\u00fcr in Betracht k\u00e4men, hab&#8216; ich \u00fcbers Netz kennen gelernt. Ich halte die Unterscheidung zwischen &#8222;real&#8220; und &#8222;virtuell&#8220; mittlerweile f\u00fcr unzureichend, oft ist sie sogar einfach falsch. Tiefe und Verbindlichkeit, wahres Interesse am Anderen &#8211; das bekommen wir nicht mit ein paar Mausklicks geschenkt, das m\u00fcssen wir aktiv wollen und anstreben. <\/p>\n<h2>Um sich zu befreunden, muss man die &#8222;Com&#8220; verlassen!<\/h2>\n<p>Lange schon halte ich es so: wenn mir eine Person virtuell n\u00e4her kommt, sich Dialoge entwickeln und ein pers\u00f6nliches Interesse sp\u00fcrbar ist, dann sehe ich zu, auch au\u00dferhalb des jeweiligen Forums den Kommunikationsdraht aufzunehmen. Ich tausche reale Daten aus (Alter, Wohnort, Familienstand, Beruf) und beginne, per E-Mail zu kommunizieren. So kommt mir der Andere nicht abhanden, sollte die Com verschwinden oder er dort mal sein Profil l\u00f6schen. Und ich bin durch die gute Erfahrung auch offener f\u00fcrs Telefonieren &#8211; allerdings nicht mit Leuten, von denen ich nur einen Nicknamen wei\u00df. <\/p>\n<p>Als Behinderung und Abweisung erlebe ich es, wenn auf interessanten, nachdenklichen Blogs, geschrieben von Br\u00fcdern und Schwestern im Geiste, keine E-Mail und kein Kontaktformular steht. Denn manchmal hab&#8216; ich Lust, dem Blogger pers\u00f6nlich zu schreiben, z.B. wenn ich etwas sagen will, was sich auf sein ganzes Blog bezieht und \u00fcber den konkreten Beitrag hinaus geht. In den ersten Netzjahren war es noch allgemein \u00fcblich, auf seiner Homepage eine Mailadresse zu haben: klar, war es doch der einzige Weg, sich auszutauschen und einander Kommentare zu schicken. Heute halten sich viele sehr bedeckt, was ich bedauerlich finde. Und ganz schlimm diejenigen, die auf Profile bei sozialen Netzen verweisen, auf denen dann ebenfalls keine Kontaktm\u00f6glichkeit auffindbar ist.  Und irgendwo registieren, nur damit ich jemanden ansprechen kann: so weit reicht mein anf\u00e4ngliches Interesse dann meist doch nicht! <\/p>\n<p>Kurzum: Wer f\u00fcr neue Freundschaften offen ist, muss etwas daf\u00fcr tun &#8211; sie entstehen jenseits der Jugendjahre nicht mehr von selbst, auch nicht im sogenannten &#8222;realen Leben&#8220;. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute kommt mich ein lieber Freund besuchen: ganz real wird er hier in den dritten Stock steigen, mit mir auf dem Sofa sitzen, reden, Kaffe trinken. Er kommt nicht zuf\u00e4llig vorbei, sondern reist nach Berlin, um mich zu treffen. 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