{"id":472,"date":"2010-04-21T09:14:41","date_gmt":"2010-04-21T08:14:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=472"},"modified":"2022-08-18T12:20:17","modified_gmt":"2022-08-18T10:20:17","slug":"gelesen-meinhard-miegel-wohlstand-ohne-wachstum-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/04\/21\/gelesen-meinhard-miegel-wohlstand-ohne-wachstum-1\/","title":{"rendered":"Gelesen: Meinhard Miegel &#8211; Wohlstand ohne Wachstum"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;EXIT&#8220; steht in gro\u00dfen roten Lettern auf dem Umschlag des Buchs von Meinhard Miegel, mit dem &#8222;einer der renomierstesten Sozialwissenschaftler Deutschlands&#8220; (Klappentext) antritt, Wege aus dem Dilemma unserer Zeit zu weisen. Er widmet sein neuestes Werk &#8222;denen, die \u00fcber den Tag und Tellerrand hinaus schauen&#8220;, womit ich mich durchaus gemeint f\u00fchle. Zudem bewegt mich das Wachstumsproblem schon l\u00e4nger, erscheint der Zwang zum st\u00e4ndigen &#8222;Mehr von allem&#8220; doch schier unl\u00f6sbar, \u00e4hnlich einem ZEN-KOAN, das auch nicht mit dem Mitteln des Intellekts gel\u00f6st werden kann.<\/p>\n<p>Miegel schrieb sein Buch 2009 inmitten der Finanz- und Wirtschaftskrise, die ihm f\u00fcr sein Thema eine Steilvorlage bot. Im Einleitungskapitel &#8222;Wachstum Wachstum \u00fcber alles&#8220; geht er mit einer Politik ins Gericht, die mit Rettungsschirmen, Abwrackpr\u00e4mien und riesigen Konjunkturprogrammen den Karren noch weiter in den Dreck schiebt und s\u00e4mtliche hehren Ziele (Haushaltskonsolidierung, Umweltpolitik, Generationengerechtigkeit, Ordnungspolitik etc.) in die Tonne tritt, sobald das Wachstum mal ein wenig schrumpft. Und zwar im Konsens von rechts bis links, national und international, im Konsens auch von Unternehmern und Gewerkschaften, die allesamt wie S\u00fcchtige am Tropf des Wachstums und seiner Finanzierung aus immer mehr Schulden h\u00e4ngen. <!--more--><\/p>\n<p>Mit gewaltigen Worten beschreibt Miegel die Krise nicht als Ausnahme, sondern als Regel &#8211; und sogar als &#8222;\u00fcberf\u00e4llig&#8220;, denn w\u00e4re sie sp\u00e4ter gekommen, w\u00e4ren die Folgen drastischer gewesen. Folgen, die er insgesamt als recht geringf\u00fcgig ansieht, denn weltweit sei das Wachstum nur um ein Prozent gesunken, und:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die meisten haben nichts verloren, was sie jemals wirklich besessen haben&#8230;.Was hei\u00dft es schon, wenn russische Oligarchen ein Drittel ihrer Milliarden einb\u00fc\u00dfen, sich die Aktienwerte halbieren und die Preise f\u00fcr Immobilien um ein F\u00fcnftel sinken. Damit sind diese Verm\u00f6gen immer noch sehr viel mehr wert als vor sieben oder acht Jahren. Und die verloren gegangenen Arbeitspl\u00e4tze? Selbst auf die Gefahr hin, abermals zynisch zu klingen: Die Krise hat im Wesentlichen nur ARbeitspl\u00e4tze vernichtet, die auf Sand gebaut waren. Das ist f\u00fcr die Betroffenen kein Trost und sie haben Anspruch auf die Solidarit\u00e4t der Gemeinschaft. Aber halbwegs sicher waren diese Arbeitspl\u00e4tze eben nicht. Sie waren errichtet auf einem gro\u00dfen Schuldenberg. Mit dem Ende der schuldenfinanzierten Wohlstandsillusion tritt wieder die Wirklichkeit zutage &#8211; die keineswegs trostlos ist, sondern nur weniger glei\u00dfend&#8220;.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Als &#8222;im Rausch&#8220; beschreibt er in einem weiteren Kapitel das Verhalten s\u00e4mtlicher Akteure, die auf durchaus vorhandene Crash-Warnungen nicht geh\u00f6rt, sondern die Party des exzessiven Schuldenmachens gerne mitgefeiert h\u00e4tten &#8211; und zwar vom Banker \u00fcber Politiker und Unternehmer bis hin zu vielen Einzelnen, die es heutzutage als selbstverst\u00e4ndlich ansehen, sich jedweden Luxus auf Pump zu g\u00f6nnen. Abgekoppelt von jeglicher realen Wertsch\u00f6pfung entwickelte sich auf der exzessiven Party ein &#8222;Geldschaum&#8220;, der allen die Sinne und den Verstand umnebelte. Im einem Kettenbrief \u00e4hnlichen System ging das so lange gut, so lange sich noch Menschen und Institutionen fanden, die sich die zweifelhaften Finanzpapiere andrehen lie\u00dfen &#8211; bis die Frage virulent wurde, wer denn das alles mal bezahlen sollte. Dann folgte der bekannte Absturz mit der drastischen Ern\u00fcchterung, die &#8211; wie wir heute sehen &#8211; schon wieder neuer &#8222;Schaum-Schl\u00e4gerei&#8220; gewichen ist.<\/p>\n<p>Dem fulminanten Einstieg ins Thema \u00fcber eine fetzige und ausf\u00fchrliche Krisenbeschreibung folgt im Buch dann die Analyse zum Stellenwert des Wachstums in den letzten Jahrzehnten. Darauf werde ich vielleicht in einem zweiten Teil eingehen &#8211; demn\u00e4chst in diesem Theater!<br \/>\n<strong><br \/>\nUpdate:<\/strong> eine wirkliche Antwort bringt das Buch nicht. Es bleibt bei Klage und Analyse stehen und setzt im letzten Teil ein klein wenig auf freiwillige Life-Style-Ver\u00e4nderungen in ges\u00e4ttigen Industrienationen. Zu wenig L\u00f6sung f\u00fcr ein allzu gro\u00dfes Problem.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Siehe dazu auch:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/12\/01\/wahnsinnige-wachstumsbeschleunigung\/\">Wahnsinnige Wachstumsbeschleunigung<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/meinung\/2009-10\/wachstum\">Nachhaltigkeit: Nicht die Armut, das Wachstum muss bek\u00e4mpft werden (ZEIT\/Meinung)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,689237,00.html\">Gr\u00fcne k\u00e4mpfen gegen die Wunderwaffe Wachstum (SPIEGEL)<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;EXIT&#8220; steht in gro\u00dfen roten Lettern auf dem Umschlag des Buchs von Meinhard Miegel, mit dem &#8222;einer der renomierstesten Sozialwissenschaftler Deutschlands&#8220; (Klappentext) antritt, Wege aus dem Dilemma unserer Zeit zu weisen. 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