{"id":469,"date":"2010-04-09T10:39:05","date_gmt":"2010-04-09T09:39:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=469"},"modified":"2024-03-01T15:21:27","modified_gmt":"2024-03-01T14:21:27","slug":"privatheit-ade-verschwindet-die-anonymitaet-des-stadtlebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/04\/09\/privatheit-ade-verschwindet-die-anonymitaet-des-stadtlebens\/","title":{"rendered":"Privatheit ade: verschwindet die Anonymit\u00e4t des Stadtlebens?"},"content":{"rendered":"<p>Stefan M\u00fcnz schreibt in seinem <a href=\"http:\/\/webkompetenz.wikidot.com\/forum\/t-230687\/das-gespenst-des-kommunismus-geht-wieder-um\">Forum Webkompetenz<\/a> \u00fcber ein extremes Verst\u00e4ndnis von Privatheit, das durch Werbung und Medien derzeit noch dominiere:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;F\u00fcr viele Zeitgenossen definiert sich Privatsph\u00e4re mittlerweile dadurch, dass man in einem Haus wohnt, das von au\u00dfen uneinsehbar ist, dass man direkt aus der Garage durch lauter selbst \u00f6ffnende T\u00fcren bis in die firmenausweisgesch\u00fctzte Tiefgarage der Firma fahren kann, wo man arbeitet, und dass die Kinder direkt mit dem Auto von der Garage bis vors Schultor gefahren werden, weil im Schulbus viel zu viel passieren kann. Und f\u00fcr alles hat man eine Versicherung. &#8222;<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun, wer findet so ein abgeschottetes Leben schon wirklich gut? Es zeugt von Angst und Abgrenzung gegen\u00fcber der &#8222;b\u00f6sen Welt&#8220; und ben\u00f6tigt einen ungeheuren Aufwand, um es auch so durchzuhalten, bzw. dauerhaft finanzieren zu k\u00f6nnen. <!--more--><\/p>\n<p>Der Mega-Trend, der dem entgegen wirkt, ist die Vernetzung der Individuen \u00fcber das Internet: alle Spuren im Web, alle Bilder, Blogbeitr\u00e4ge, Kommentare, Social-Media-Aktivit\u00e4ten und Spiel-Beteiligungen erzeugen auf Dauer eine potenzielle Transparenz, wie wir sie noch nie zuvor erlebt haben. Immer neue Tools und Dienste entstehen, die diese Daten auf neue Art zusammen fassen und zur Verf\u00fcgung stellen. Der letzte gro\u00dfe Schritt ist die Lokalisierung des Netzes, die derzeit an Fahrt aufnimmt &#8211; sowohl im \u00fcbertragenen Sinne als auch ganz buchst\u00e4blich, indem das Google-Streetview-Auto herum f\u00e4hrt und jeden Hauseingang fotografiert.<\/p>\n<p>Stefan findet das gut:<\/p>\n<blockquote><p>Vernetzung schafft N\u00e4he, Transparenz, Austausch und Einsehbarkeit. F\u00fcr Privatheits-Profis, deren ganzes Trachten auf das Privatheits-Optimum zielt, muss die zunehmende Vernetzung im Internet wie das Gespenst des Kommunismus im neuen Gewand wirken. Eine Bedrohung jedenfalls. Bislang hat man die noch verdr\u00e4ngen k\u00f6nnen, weil sie nur am Bildschirm stattfand. Aber die Streetview-Autos mit der Kamera auf dem Dach sind sozusagen das Sinnbild daf\u00fcr, wie das Internet Stra\u00dfe um Stra\u00dfe erobert, wie eine weltweite Vernetzungsbewegung, ein zweiter Kommunismus mit seinen OpenSource-Gedanken den eigenen, m\u00fchsam und geschickt erworbenen Privatbesitz zur Allmende enteignen will. So empfinden viele Streetview-Kritiker \u2014 und vielleicht liegen sie damit gar nicht mal so falsch. Ich glaube ebenfalls, dass es da Erosionen im Privatheitsbegriff gibt, ausgel\u00f6st durchs Internet. Der Unterschied ist nur, dass ich diese Erosionen tendenziell begr\u00fc\u00dfe :-)<\/p><\/blockquote>\n<h2>Die Stadt als &#8222;Maskenverleihanstalt&#8220; &#8211; vorbei?<\/h2>\n<p>Dieses Thema ist viel umfassender, als man meint, wenn man mal anf\u00e4ngt, intensiver dr\u00fcber nachzudenken. Der Medienphilosoph <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/flusser\/\">Vil\u00e9m Flusser<\/a> beschrieb z.B. die Stadt als &#8222;Maskenverleihanstalt&#8220;, in der wir wechselnde Masken (=Rollen) an- und ablegen k\u00f6nnen. Und schon seit dem Aufstieg der St\u00e4dte im Mittelalter galt die Stadt zunehmend als Ort der Freiheit, weil man da eben NICHT so eingebunden und sozial kontrolliert leben musste. Nicht das Herkommen war mehr entscheidend, sondern das aktuelle Tun und Lassen, soweit man damit an die \u00d6ffentlichkeit trat &#8211; zumindest in der Tendenz, nat\u00fcrlich unterschiedlich ausgepr\u00e4gt \u00fcber die Zeiten.<\/p>\n<p>Noch heute ziehen eine Menge junger Menschen aus der Provinz <a href=\"http:\/\/www.modersohn-magazin.de\/2007\/08\/30\/20-gute-gruende-nach-berlin-zu-ziehen\/\">nach Berlin<\/a>: die M\u00f6glichkeiten, sich hier &#8222;neu zu erfinden&#8220; sind deutlich gr\u00f6\u00dfer als in einer Kleinstadt oder gar in einem Dorf, wo jeder jeden kennt und schon immer gleich sagt: <em>das schafft der nicht, das hat schon sein Vater nicht geschafft und der Bruder ist ja auch im Suff gelandet&#8230; <\/em><\/p>\n<p>So sch\u00f6n und bequem die neue Transparenz der Netze einerseits ist, so kritisch sehe ich deshalb auch die andere Seite: die Menschen haben sich in 15 Internet-Jahren ja nicht etwa drastisch ver\u00e4ndert. &#8222;Image&#8220; ist im Gegenteil im Netz wichtiger denn je, was man an den vielen Dienstleistern sieht, die die &#8222;On-ID&#8220; pflegen wollen, wenn sie etwas verlottert erscheint. Und grade gestern h\u00f6rte ich in einer Talkshow, dass in den USA junge Leute bereits ein &#8222;zweites Leben&#8220; in Gestalt eines besonders stromlinienf\u00f6rmigen Online-Auftritts (FB etc.) leben, um den Personalchefs das richtige Futter anzubieten, wenn sie nach Mitarbeitern googeln.<\/p>\n<h2>Eine Nettikette f\u00fcr den Real-Life-Alltag?<\/h2>\n<p>Ein netz\u00f6ffentliches Leben in allen Details geht noch weit \u00fcber das hinaus, was man fr\u00fcher im Dorf \u00fcber den Nachbarn wissen konnte. Und ich bin mir fast sicher, dass alle, die das alles erstmal ganz toll finden (was oft genug auch f\u00fcr mich selber gilt), noch nicht wirklich \u00fcberlegt haben, ob sie soviel N\u00e4he im Alltag auch wirklich wollen. Wie gut das zu verkraften ist, wird auch darauf ankommen, was f\u00fcr ein <strong>sozialer Umgang<\/strong> sich bei einer derart vergr\u00f6\u00dferten Transparenz entwickelt: werden alle Schranken distanzierter H\u00f6flichkeit fallen? Wird man jeden mal eben so auf das ansprechen, was das Netz aktuell \u00fcber ihn ausspuckt? (Mal <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/03\/01-Google\">Google zu Ende gedacht<\/a> bis zur allgegenw\u00e4rtigen Gesichtserkennung). Wird man beim Nachbarn klingeln, wenn der grade sein Beziehungsdrama irgendwo im Netz ausgebreitet hat? Oder seiner Freundin ungefragt gute Ratschl\u00e4ge geben, wenn man sie im Treppenhaus trifft? Oder wird sich &#8222;h\u00f6fliches Schweigen&#8220; zu allem, was man von nun nicht mehr so ganz &#8222;Fremden&#8220; wei\u00df, etablieren?<\/p>\n<p>Fragen \u00fcber Fragen &#8211; ich finde es wichtig, sich all das vor Augen zu f\u00fchren. Mich spricht z.B. immer mal in meinem Kiez ein bestimmter Mann mit vollem Namen an und macht vermeintlich scherzhafte Bemerkungen dar\u00fcber, was Frau Klinger wohl grade wieder so umtreibt. Es hat mich nicht eben positiv ber\u00fchrt, denn ICH WEISS NICHT, woher er mich zu kennen meint und auf welchen Hintergrund sich seine Scherze beziehen. Und dieses Gef\u00fchl ist und bleibt so, obwohl ich immer schon sehr bewusst ver\u00f6ffentliche, also nichts von mir online ist, zu dem ich nicht stehen k\u00f6nnte. Es hat was von Stalking&#8230; &#8211; dass er &#8222;nur&#8220; ein Postbote ist, der wohl mal irgendwann mein <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\">Gartenblog<\/a> entdeckt hat, \u00e4ndert daran nichts.<\/p>\n<p>***<br \/>\nMehr zum Thema:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/carta.info\/25121\/bolz-es-wird-darauf-ankommen-auf-die-seite-der-programmierer-zu-gelangen\/\">Bolz: \u201cEs wird darauf ankommen, auf die Seite der Programmierer zu gelangen.\u201d<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan M\u00fcnz schreibt in seinem Forum Webkompetenz \u00fcber ein extremes Verst\u00e4ndnis von Privatheit, das durch Werbung und Medien derzeit noch dominiere: &#8222;F\u00fcr viele Zeitgenossen definiert sich Privatsph\u00e4re mittlerweile dadurch, dass man in einem Haus wohnt, das von au\u00dfen uneinsehbar ist, dass man direkt aus der Garage durch lauter selbst \u00f6ffnende T\u00fcren bis in die firmenausweisgesch\u00fctzte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[1176,709,476,1368],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/469"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=469"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/469\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}