{"id":468,"date":"2010-04-04T10:53:18","date_gmt":"2010-04-04T08:53:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=468"},"modified":"2015-12-12T15:48:35","modified_gmt":"2015-12-12T14:48:35","slug":"warum-ich-kein-privates-tagebuch-schreibe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/04\/04\/warum-ich-kein-privates-tagebuch-schreibe\/","title":{"rendered":"Warum ich kein privates Tagebuch schreibe"},"content":{"rendered":"<p>Thinkabout hat ein paar <a href=\"http:\/\/thinkabout.ch\/article\/das-tagebuch-das-unvollendete\">interessante<\/a> <a href=\"http:\/\/thinkabout.ch\/article\/ein-tagebuch-das-nie-zwischen-buchdeckel-wollte\">Texte<\/a> rund ums <a href=\"http:\/\/thinkabout.ch\/article\/mit-mir-im-tagebuch-schreiben-ein-projekt\">Tagebuch schreiben<\/a> ver\u00f6ffentlicht.  Ich konnte und wollte das nie und wei\u00df nicht mal genau, warum. Langeweile ist das Gef\u00fchl, das ich am meisten damit verbinde: warum sollte ich Gedanken in S\u00e4tze fassen, um sie dann in der Schublade zu lassen?<\/p>\n<h2>Von sich schreiben<\/h2>\n<p>Entdeckt hab&#8216; ich das selbstreflexive Schreiben in Briefen an <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/hempel.htm\">meinen Yoga-Lehrer<\/a>, die ich w\u00f6chentlich schrieb. Ich berichtete, was ich in den Yoga-Stunden erlebte und was ich zu alledem dachte, was er da so erz\u00e4hlte &#8211; bezog also die Lehren (Yoga, ZEN, westliche Philosophie) auf mein allt\u00e4gliches und nicht-allt\u00e4gliches Leben und betrachtete es durch die Brille der neuen Erkenntnisse und Erlebnisse.  Es war nicht angedacht, dass er brieflich antworten sollte, doch manchmal nahm er in der Stunde einen Gedanken oder eine Frage aus meinen Briefen auf und sagte etwas dazu.<br \/>\nDieses Schreiben erg\u00e4nzte die auf &#8222;Erleben&#8220; ausgerichteten Yoga-Stunden aufs Beste. Ich erlebte gro\u00dfe Inspiration, schrieb ungemein gern diese immer mehrseitigen Briefe und sch\u00e4tzte es sehr, mich dabei in die Themen richtig zu vertiefen, mir selber schreibend Dinge klar zu machen&#8230; toll!<!--more--><\/p>\n<p>Nach ein paar Jahren &#8211; mittlerweile hatte ich <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/\">das Internet entdeckt<\/a> &#8211; schaute ich mal ein paar dieser Briefe daraufhin an, ob sie sich nicht auch f\u00fcr mein Webzine eignen w\u00fcrden, zumindest als Themen-Steinbruch. Und hatte ein unverhofftes AHA-Erlebnis: die Briefe waren eigentlich gar keine. Es war diesen Texten nicht anzumerken, dass sie &#8222;an jemanden&#8220; geschrieben wurden. Sie handelten von Gott und der Welt, von allem, was mich so bewegte: die jeweils drei bis vier Seiten konnten v\u00f6llig f\u00fcr sich stehen, ohne ein Vorwissen um den Kontext oder den Adressaten zu brauchen. Manchen merkte man nicht mal mehr an, dass sie durch die Auseinandersetzung mit Yoga inspiriert waren.<\/p>\n<h2>Dialoge mit Fremden<\/h2>\n<p>Ganz im gleichen Geiste schrieb ich in den ersten Netz-Jahren E-Mails an ferne Dialogpartner, die ich &#8222;von Angesicht&#8220; gar nicht kannte.  Ja, das war sogar besser, als sie zu kennen, denn gegen\u00fcber dem unbekannten Fremden als Repr\u00e4sentant von &#8222;allen&#8220; konnte ich v\u00f6llig frei schreiben, ohne mich auf einen vermuteten Meinungs- bzw. Erfahrungshintergrund beziehen zu m\u00fcssen.  Dennoch BRAUCHTE ich diese fernen Fremden, brauchte die Gewissheit, dass einer liest, was ich schreibe, um \u00fcberhaupt ins Schreiben zu kommen. Das vermutete Gegen\u00fcber vermittelte mir die Disziplin, mich um klare S\u00e4tze und Verst\u00e4ndlichkeit zu bem\u00fchen &#8211; und auch, um blitzgeschwind zu wissen, was relevant ist und was nicht. <\/p>\n<p>Relevant ist f\u00fcr mich (fast) identisch mit mitteilenswert. Das &#8222;fast&#8220; markiert die R\u00fccksichtnahme auf konkrete Menschen in meinem pers\u00f6nlichen Umfeld, \u00fcber die ich nicht schreibe. Bewegt mich etwas im Kontext pers\u00f6nlicher Beziehungen, abstrahiere ich es soweit, dass allenfalls derjenige merkt, woher die Inspiration zum entsprechenden Artikel kommt. Irgend etwas im Detail zu berichten, danach verlangt es mich gar nicht. Vermutlich, weil ich selber ausschweifende Erz\u00e4hlungen von Tante Erna oder vom letzten Lebenspartner eher langweilig finde. F\u00fcr mich m\u00fcssen Texte thematisch verdichtet und &#8222;auf den Punkt gebracht&#8220; werden, um zu interessieren &#8211; und das gilt f\u00fcr mein Schreiben insgesamt. Oder w\u00fcrde jetzt jemand gerne lesen, wie ich mal mit 14 versuchte, ein Tagebuch zu schreiben (weil es Klassenkameradinnen taten) und nach zwei Eintr\u00e4gen damit aufh\u00f6rte?<\/p>\n<p>Dass das Schreiben f\u00fcr mich im wesentlichen als <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/30_06_03.shtml\">&#8222;intuitives Schreiben&#8220;<\/a> statt findet, also ohne Plan einen Impuls aufnehmend voran schreitet, steht der &#8222;Verdichtung&#8220; nicht entgegen. Vielleicht ist das auch das falsche Wort: ich lasse halt schon gleich alles weg, was mir irrelevant f\u00fcr den Fortgang der Gedanken erscheint. Es ist eine Art Ungeduld, man k\u00f6nnte es auch als Nichtachtung des lebendigen Details beschreiben, doch st\u00f6rt mich das nicht. Ich will ja nicht &#8222;Literatur machen&#8220;, sondern aufschreiben, was ich denke.<\/p>\n<h2>Und die eigenen dunklen Seiten?<\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/thinkabout.ch\/article\/das-tagebuch-das-unvollendete#c004432\">Dirk schrieb bei Thinkabout<\/a> \u00fcber seine eigenen Tagebuch-Erfahrungen: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Mein Tagebuch ist f\u00fcr mich, da lasse ich alles raus, erlaube mir, ungerecht zu sein und unsympathisch. Ich schreibe da nicht f\u00fcr das Erinnern (fast nie lese ich es wieder), sondern zum Selbstgespr\u00e4ch. Aufschreibend wird mir vieles klarer. Ich tadle mich, lobe mich, entdecke Unbekanntes an mir selbst und sto\u00dfe manchmal auf M\u00f6glichkeiten, die mir ohne Schreiben nicht aufgefallen w\u00e4ren.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Anliegen, einfach mal &#8222;alles raus zu lassen&#8220; hab&#8216; ich umf\u00e4nglich ausexperimentiert, doch wiederum nicht privat: im &#8222;Kreativen Schreiben&#8220; in der Gruppe, wo man oft einfach loslegt und z.B. 15 Minuten alles aufschreibt, was gerade durch den Kopf geht. Da legte ich Wert darauf, wirklich keinen degoutanten und abseitigen Gedanken auszulassen, schwelgte im B\u00f6sartigen und L\u00e4cherlichen und haute mich selbst bedenkenlos in die Pfanne, wenn es der Startimpuls oder die Folgegedanken hergaben. Was dabei heraus kam und in der Vorleserunde dann auch vorgetragen wurde, war  &#8211; verglichen mit dem, was ich sonst schreibe &#8211; sehr &#8222;literarisch&#8220; und (im Rahmen des Gruppenevents) auch oft verdammt unterhaltsam. Und doch bringe ich es nicht fertig, das f\u00fcr mich alleine zu machen. Die kleinen Gemeinheiten und Fehlleistungen des t\u00e4glichen Lebens werfen f\u00fcr mich keine Fragen auf, die es mir wert w\u00e4ren, sie aufzuschreiben &#8211; schon gar nicht f\u00fcr die Schublade!<\/p>\n<p>Bin ich aber ernsthaft bewegt und komme wegen eigener Probleme ins Gr\u00fcbeln, dann kann ich das durchaus so in Worte fassen, dass es keine Selbstentbl\u00f6\u00dfung darstellt, wie sie gerne von jenen gelesen wird, die sich an den Fehlleistungen anderer schadenfreudig delektieren. Ich verdichte es zur allgemeinen Fragestellung, mit der sich fast jeder identifizieren kann und handle es dann ab wie ich es mit jedem lebensphilosophischen Problem mache. Reines Jammern, Klagen und Schimpfen (\u00fcber mich selbst und die b\u00f6se Welt) findet gar nicht erst den Weg \u00fcber die Tasten: schreibend finde ich den positiven Horizont oder ich lasse es sein.<br \/>\nMeistens jedenfalls. :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thinkabout hat ein paar interessante Texte rund ums Tagebuch schreiben ver\u00f6ffentlicht. Ich konnte und wollte das nie und wei\u00df nicht mal genau, warum. Langeweile ist das Gef\u00fchl, das ich am meisten damit verbinde: warum sollte ich Gedanken in S\u00e4tze fassen, um sie dann in der Schublade zu lassen? 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