{"id":4450,"date":"2024-03-13T12:51:19","date_gmt":"2024-03-13T11:51:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4450"},"modified":"2024-03-13T13:27:15","modified_gmt":"2024-03-13T12:27:15","slug":"auch-eine-zeitenwende-weniger-arbeiten-angenehmer-arbeiten-ausgerechnet-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2024\/03\/13\/auch-eine-zeitenwende-weniger-arbeiten-angenehmer-arbeiten-ausgerechnet-jetzt\/","title":{"rendered":"Auch eine Zeitenwende: Weniger arbeiten, angenehmer arbeiten &#8211; ausgerechnet jetzt?"},"content":{"rendered":"<p>Der Zeitpunkt k\u00f6nnte nicht unpassender sein, mag man denken: die Wirtschaft schw\u00e4chelt, das BIP schrumpft, Exporte sinken, Firmenpleiten h\u00e4ufen sich, manche verlagern ins Ausland, die Infrastruktur ist marode und vor allem fehlen \u00fcberall Arbeitskr\u00e4fte. Aber trotz alledem setzt sich ein Trend fort, der schon seit Jahren nicht zu \u00fcbersehen ist: <strong>Die Menschen wollen nicht mehr, sondern weniger arbeiten<\/strong>, und nicht nur das: Sie wollen im Job auch gut bezahlt werden und sich wohl f\u00fchlen &#8211; na sowas!<!--more--><\/p>\n<p>Seit Monaten wird f\u00fcr dieses Ziel so viel gestreikt wie noch nie. Aktuell streiken die Lokf\u00fchrer in der GDL zum 5.Mal und Luisa Jakobs (DIE ZEIT) schreibt unter dem ermunternden Titel <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/arbeit\/2024-03\/gdl-streik-arbeitskampf-zukunft-arbeit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Bitte durchhalten&#8220;<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die GDL will mit der 35-Stunden-Woche genau das, was sich die meisten Menschen in Deutschland w\u00fcnschen: weniger Arbeit bei gleichem Lohn. Rund drei Viertel aller Befragten <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/pressemitteilungen-2675-rund-81-prozent-der-vollzeitbeschaftigten-wollen-vier-tage-woche-49242.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einer Studie<\/a> der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung h\u00e4tten gerne eine Viertagewoche. Wenn die GDL nun dazu beitr\u00e4gt, dass diese Arbeitszeitreduzierung kommt, macht sie genau das Richtige \u2013 im Sinne der Angestellten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Fakt ist: Das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt auch auf dem Arbeitsmarkt, was dazu f\u00fchrt, dass die Arbeitnehmenden zur Zeit mehr Macht haben, ihre Forderungen durchzusetzen. Dass die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter mit der hohen Inflation der letzten Jahre nicht mitgehalten haben, w\u00e4hrend die Gewinne das durchaus hergeben w\u00fcrden (z.B. Lufthansa hat Netto-Gewinn auf <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/news\/2024-03\/07\/lufthansa-arbeitskaempfe-kosten-bislang-100-millionen-euro\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1,7 Milliarden<\/a> Euro verdoppelt), kommt zu den W\u00fcnschen nach Arbeitszeitverk\u00fcrzungen noch hinzu.<\/p>\n<h2>Teilzeitarbeit steigt und Generation Z hat keinen Bock auf Stress<\/h2>\n<p>Horst Schulte zitiert in seinem Blogpost zum Thema <a href=\"https:\/\/horstschulte.com\/2024\/03\/weniger-arbeiten-wie-schoen-hoffentlich-geht-der-schuss-nicht-nach-hinten-los\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Weniger Arbeiten&#8220;<\/a> aus <a href=\"https:\/\/www.capital.de\/geld-versicherungen\/immer-mehr-frauen-arbeiten-teilzeit-und-nehmen-vermoegensschaeden-in-kauf-33159970.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Capital.de<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Vor 30 Jahren arbeiteten 70 Prozent der angestellten Frauen Vollzeit, 30 Prozent Teilzeit. Heute sind wir bei 50 Prozent zu 50 Prozent. Die Teilzeitquote bleibt bei Frauen bis zum Ende des Erwebslebens dabei konstant hoch. M\u00e4nner arbeiten weiterhin mehrheitlich Vollzeit, wenngleich auch hier die Teilzeitquote anzog auf zw\u00f6lf Prozent.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Pro Kopf wird also weniger gearbeitet, nicht etwa mehr, wie sicher nicht nur Horst fordert. Und Susanne Nickel (Expertin f\u00fcr Arbeit und Wandel) hat gleich ein ganzes Buch \u00fcber die Generation Z geschrieben mit dem provokanten Titel &#8222;Verzogen, verweichlicht, verletzt&#8220;. <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/kolumne-von-susanne-nickel-die-gen-z-verhaelt-sich-als-ginge-sie-die-ganze-misere-im-land-nichts-an_id_259753451.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Im FOCUS<\/a> beklagt sie, dass die Gen Z sich verh\u00e4lt, als ginge sie die ganze Misere im Land nichts an:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Junge Leute str\u00f6men nicht auf den Stellenmarkt, sondern schlendern, bleiben dabei gerne stehen, schnuppern mal hier, dann wieder dort, um am Ende zu sagen: Ach n\u00f6, heute doch lieber nicht. Arbeit kann warten. Denn Mama und Papa zahlen weiter die Wohnung, das neue Smartphone und die Reise nach Thailand oder Indonesien.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und wenn sie dann arbeiten, haben sie hohe Anspr\u00fcche:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Jahrg\u00e4nge von 1995 bis 2010 lieben das Homeoffice. Sie wollen \u201eremote\u201c arbeiten, was hei\u00dft: m\u00f6glichst da, wo der Chef nicht pl\u00f6tzlich auftauchen, kritisieren und Anweisungen geben kann. Und blo\u00df nicht zu viel und zu schwer&#8230;. \u201c. In der Generation Z werden n\u00e4mlich die drei gro\u00dfen F&#8217;s gefeiert: Freizeit, Freiheit und Flexibilit\u00e4t. Das sind die \u201eWerte\u201c, die z\u00e4hlen \u2013 und nicht etwa Flei\u00df, Leistung und Karrierestreben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>So ganz kann das allerdings nicht stimmen, denn Nickel schreibt weiter:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ganz oben auf ihrer To-do-Liste steht die Rettung des blauen Planeten vor dem Untergang durch den Klimakollaps. Tief verwurzelt ist der Glaube, dass der einzige Zweck eines Unternehmens der sei, einen Beitrag zu leisten, die Welt besser zu machen \u2013 und nicht etwa, dass es Familien den Lebensunterhalt und allgemein Wohlstand sichert.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Eigentlich keine so schlechte Einstellung! Ist es nicht ein Fehler unseres Wirtschaftssystems, dass Unternehmungen eben oft NICHT &#8222;die Welt besser machen&#8220;, sondern immer noch weitere ressourcen-fressende Produkte auf den Markt werfen und Unsummen ins Marketing stecken, um uns einzureden, ihr neues Zeug h\u00e4tte uns gerade noch gefehlt? Ja, ja, ich wei\u00df, es muss Geld verdient werden, aber ist es wirklich unser aller Untergang, wenn die deutsche Wirtschaft mal nicht mehr &#8222;vorn dran&#8220; ist?<\/p>\n<h2>Wann, wenn nicht jetzt?<\/h2>\n<p>G\u00e4be es gen\u00fcgend Arbeitskr\u00e4fte, h\u00e4tten alle, die f\u00fcr sich eine bessere Arbeitswelt fordern, keine Chance! Work-Life-Balance, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Zeit f\u00fcr andere Lebensinhalte &#8211; all das kann nur durchgesetzt werden, wenn die Arbeitgeber keine andere Wahl haben als diese Forderungen Ernst zu nehmen. Sogar Nickels hat Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Wertewandel:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Fr\u00fcher hie\u00df es: erst die Arbeit, dann das Vergn\u00fcgen. Heute verkehren das Motto junge Leute ins Gegenteil. Was ich sehr wohl verstehe, denn die Generation Z ist aufgewachsen unter Eltern und Gro\u00dfeltern, die f\u00fcr den Job ihre Gesundheit ruinierten, manchmal \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 bis zum Umfallen schufteten und wochen- oder monatelang mit Burnout ausgeknockt waren. Wer das erlebt hat, wird versuchen, nicht in diese Falle zu tapsen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und sie haben damit Erfolg, denn die Unternehmen gehen auf die Forderungen ein:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Vier-Tage-Woche? Na klar! Sabbatical? Gerne! Home-Office? Selbstverst\u00e4ndlich! Nachhaltiges Produzieren? Logisch! Klimaschutz? Ganz unser Ding! Die Anliegen dahinter sind sicher ehrlich und kein reiner Selbstzweck. Aber die Unternehmen wissen eben auch: Die Generation Z hat Macht. Denn junge Leute m\u00fcssen keinen Arbeitsvertrag unterschreiben, wenn ihnen was nicht passt. Es gibt genug Firmen, die h\u00e4nderingend Personal suchen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h2>Wie habe ich es gemacht? (Autobio Arbeitsleben)<\/h2>\n<p>Als ich ins Arbeitsleben h\u00e4tte hineinwachsen sollen, hab&#8216; ich mich dem, was ich in diversen Sch\u00fcler- und Studi-Jobs erlebte, durchweg verweigert. Mein Vater h\u00e4tte es gerne gesehen, wenn ich wie er eine Lebensstellung &#8222;beim Staat&#8220; angestrebt h\u00e4tte. Sein Beispiel war allerdings extrem abschreckend, ich hatte nie den Eindruck, dass er sich f\u00fcr seine Arbeitsinhalte (statistisches Bundesamt) interessiert h\u00e4tte. Er lebte f\u00fcr den Urlaub und machte h\u00e4ufig und lange krank.<\/p>\n<p>In Beh\u00f6rden und kleinen Unternehmen erlebte ich dasselbe: Die Leute redeten wesentlich davon, was sie sich kaufen w\u00fcrden und wohin sie dieses Jahr in Urlaub fahren. Gerne feierten sie w\u00e4hrend der Arbeitszeit feuchtfr\u00f6hlich (!) Geburtstage, Jubil\u00e4en und das Ausscheiden in die Rente (mit Reden, als w\u00fcrde der k\u00fcnftige Rentner gerade begraben!). Als ich nach einem vergeblichen Versuch, in das Studium &#8222;Kunsterziehung&#8220; zu kommen &#8222;was Vern\u00fcnftiges&#8220;, n\u00e4mlich Jura studierte, sagten mir die Chefs im BKA, wo ich zweimal kurz jobbte: &#8222;<em>Kommen Sie zu uns, wenn Sie fertig sind! Sie k\u00f6nnen gleich mit BAT 2A anfangen!<\/em>&#8220; Ich dachte mir: Nicht f\u00fcr alles Geld der Welt mach ich das! Denn auch hier waren sie haupts\u00e4chlich damit besch\u00e4ftigt, untereinander Fehden auszutragen und eine m\u00f6glichst ruhige Kugel zu schieben. BAT 2A konnte mich nicht locken, obwohl mein Vater es in seinem Arbeitsleben nur von BAT 9D bis 4A gebracht hatte!<\/p>\n<p>Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, so viele Stunden jeden Tages mit Arbeiten zuzubringen, die mich inhaltlich nicht interessierten. Das aber schien der Standard in der Arbeitswelt zu sein, wie ich sie nach dem Abi kennen lernte. Als ich im Jura-Studium &#8222;alle Scheine&#8220; hatte, r\u00fcckte das nach dem 1.Examen anstehende Refrendariat in mein Blickfeld: Zwei Jahre durch Beh\u00f6rden und Gerichte turnen &#8211; meine Einstiegsidee f\u00fcr Jura war &#8222;Rechtsanw\u00e4ltin&#8220; gewesen, aber das wollte ich mir nun nach diversen Erfahrungen in dieser Welt nicht mehr antun!<\/p>\n<h2>Ab nach Berlin<\/h2>\n<p>Ich brach das Studium ohne Examen ab und zog mit meinem Freund nach Berlin (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dhTa4r9A8xM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wo die Verr\u00fcckten sind<\/a>), der dadurch Bundeswehr und Zivildienst entkommen konnte. Das war die beste Entscheidung meines Lebens, denn fortan tat ich vieles, das mir Freude machte und mich faszinierte, studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, wurde Aktivistin (Mieten, Sanierung, Hausbesetzungen), arbeitete gelegentlich kurzzeitig in prek\u00e4ren Jobs, dann zunehmend in selbst geschaffenen Arbeitsverh\u00e4ltnissen (mieterfreundliche Sanierungsbegleitungen etc.), f\u00fchrte ein Jahr lang eine Kneipe, verbrachte Zeiten bei einem Freund in der Toskana, machte schlie\u00dflich eine Umschulung zur EDV-Fachkraft, wurde Projektleiterin in einem Tr\u00e4ger f\u00fcr Klimakampagnen &#8211; und entdeckte in den 90gern das Internet. Die Selbstst\u00e4ndigkeit kam wie von selbst, indem Leute meine autodidaktisch gelernten F\u00e4higkeiten nachfragten. Seitdem ist Homeb\u00fcro mein Ding &#8211; Flexibilit\u00e4t und Freizeit inklusive.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte ich mich also \u00fcber die jungen Leute aufregen, denen es an der &#8222;richtigen Einstellung zur Arbeit&#8220; mangeln soll? Ganz im Gegenteil freut es mich, dass bei ihnen jetzt Mainstream ist, was ich &#8222;in den Nischen&#8220; immer schon lebte.<\/p>\n<p>Und die deutsche Wirtschaft? Die wird es \u00fcberleben, denke ich. Vielleicht nicht auf dem gewohnten Top-Niveau, aber warum sollten wir darauf eigentlich ein Abo haben? Immerhin kommen viele Menschen ins Land, die ehrgeizig und \u00e4u\u00dferst arbeitswillig sind. Da m\u00fcssen Staat und Wirtschaft eben auch mal flexibler werden, um ihnen den Einstieg zu erleichtern, wo immer es geht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zeitpunkt k\u00f6nnte nicht unpassender sein, mag man denken: die Wirtschaft schw\u00e4chelt, das BIP schrumpft, Exporte sinken, Firmenpleiten h\u00e4ufen sich, manche verlagern ins Ausland, die Infrastruktur ist marode und vor allem fehlen \u00fcberall Arbeitskr\u00e4fte. 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